Die Hitze setzt vielen Fischen zu. Zum ersten Mal verbietet ein Kanton das Baden in den meisten Flüssen und Bächen, um die Tiere zu schonen. Unterwegs mit dem Biologen, der die drastische Entscheidung getroffen hat.Der Fluss Dünnern kommt kurz vor Olten als Bächlein daher, obwohl er der viertgrösste Fluss im Kanton Solothurn ist. Einen Kilometer weiter unten mündet er in die Aare. Vor zwei Wochen wurden hier, in Wangen bei Olten, 30 Grad Wassertemperatur gemessen. Das hat es nie zuvor gegeben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für die Forelle sind 20 Grad bereits zu warm. Ab 25 Grad wird es für sie lebensbedrohlich. Das sagt Gabriel van der Veer, Biologe und Gewässerökologe. Er arbeitet für die Fachstelle Fischerei des Kantons Solothurn. Noch hätten die meisten Forellen in der Dünnern irgendwie überlebt, sagt er. «Aber sie sind akut bedroht.» Es seien hier vereinzelt tote Fische gefunden worden, in kleineren Bächen in der Region aber viele.Die Forelle steht sinnbildlich für gutes Wasser. Sie braucht kaltes, sauberes, fliessendes Wasser mit genügend Sauerstoff. Es spricht für die Qualität von Flüssen oder Bächen, wenn sich Forellen darin wohlfühlen.Die Hitze und die Trockenheit, die gerade die Schweiz im Griff haben, sind für Forellen verheerend. Kleinere Gewässer heizen sich auf und führen gleichzeitig immer weniger Wasser. Manche trocknen ganz aus. Und mit ihnen Fische, Krebse, Kleintiere.Weil die Flüsse wenig Wasser führen, schwindet der Lebensraum der Fische. Zusätzlich bedroht sie die warme Wassertemperatur. Zum Beispiel in der Dünnern, dem viertgrössten Fluss im Kanton Solothurn.Badeverbot im ganzen KantonGabriel van der Veer (42) steht mit einer blauen Dächlikappe unter der sengenden Mittagssonne am Ufer der Dünnern und sagt: «So einen Moment wie jetzt haben wir noch nie erlebt.»Einen Tag zuvor hat van der Veer mit seinen Kollegen vom Amt für Wald, Jagd und Fischerei eine drastische Massnahme ergriffen. Am Montag, 13. Juli, hat der Kanton Solothurn ein Fischerei- und ein Badeverbot für alle Fliessgewässer im Kanton verhängt, ausser den grossen Flüssen Aare, Birs und Emme. Das Verbot gilt für Menschen und Haustiere, bis es wieder kühler wird und genügend Regen fällt. Es soll eine Katastrophe für die Fische verhindern.Das extreme Wetter bedroht die Fische in der ganzen Schweiz. Entlang der Jurakette, die quer durch den Kanton Solothurn verläuft, ist es am trockensten. Es gibt in anderen Regionen bereits punktuelle Bade- und Fischereiverbote, etwa auf einem Flussabschnitt der Birs in Baselland. Dass ein ganzer Kanton das Baden untersagt, um seine Fische zu retten, ist aber neu.Gabriel van der Veer nennt die Lage der Fische «prekär». Wegen der tiefen Wasserstände verkleinert sich ihr Lebensraum markant. Sie sind zusammengepfercht, haben weniger gedeckte Nischen, in denen sie sich verstecken können. Dazu kommt die Hitze. Sie bedeutet Stress. Durch die Wärme verbreiten sich mehr Algen, im Wasser schwindet der Sauerstoff: noch mehr Stress.Van der Veer sagt: «Wenn wir beim Baden genau die tiefen Stellen aufwirbeln, an denen sich die Fische verstecken, kann es das Zünglein an der Waage sein.» Oft ziehen die Tiefen hinter Steinen sowohl Fische als auch Badende an. Die Tiere müssen wieder neue Verstecke suchen. Und können an Erschöpfung und Sauerstoffmangel sterben.Der Biologe und Gewässerökologe Gabriel van der Veer sagt: «So einen Moment wie jetzt haben wir noch nie erlebt.»Mehr Bäume an den UfernDie Dünnern in Wangen bei Olten ist vor zehn Jahren auf einem Abschnitt von 600 Metern revitalisiert worden. Hier verläuft der Fluss kurvig, das Ufer ist mit Büschen, Blumen und Brennnesseln bewachsen. Der Grund ist aus Sand und Kies, im Fluss gibt es Steinbrocken und Schwellen aus Totholz. Auf beiden Seiten sind Wiesen, weiter hinten führt die Hauptstrasse nach Olten. Es ist ein Naherholungsgebiet.Der allergrösste Teil des 36 Kilometer langen Flusses ist aber kanalisiert und begradigt. Der versiegelte Boden lässt dort kein kühles Grundwasser herein, und tiefe Löcher oder unterspülte Ufer gibt es nicht.Van der Veer hat die Revitalisierung des Flussabschnitts mitgestaltet. Er zeigt auf Baumstämme und Steinblöcke, die im Wasser platziert wurden. «Das sind derzeit die letzten Verstecke für die Fische», sagt er.Einen grossen Fehler habe man bei der Revitalisierung aber gemacht: Es wurden kaum Bäume direkt am Ufer gepflanzt. Mit mehr Schatten wäre die Wassertemperatur kühler. Van der Veer sagt: «Wir waren uns vor zehn Jahren noch nicht bewusst, wie schnell es durch die Klimaerwärmung Hitzesommer in diesem Ausmass geben wird.» Mittlerweile sei klar, dass solche in Zukunft häufiger werden. Bei kommenden Projekten werde das berücksichtigt.Van der Veer vermutet, dass dieser Sommer einschneidender ist als der berüchtigte Hitzesommer von 2003, zumindest für die kleinen Gewässer. Denn es ist schon früher im Jahr heiss geworden, wenn die Tage noch mehr Sonnenstunden haben.Im gemächlich fliessenden, bräunlichen Wasser der Dünnern sind Fische zu sehen, sie tummeln sich in kleinen Schwärmen. Es sind Alet, eine robuste Art, die mit der Wärme gut zurechtkommt. «Vor zehn Jahren hat man die hier noch nicht gesehen», sagt van der Veer. «Nun, wenigstens lebt noch etwas.»Durch die Wärme wachsen mehr Algen, die dem Wasser Sauerstoff entziehen.Bilder zVgDiese zwei Fotos hat der Biologe Gabriel van der Veer aus der Bevölkerung geschickt bekommen. Links: Im Kanton Solothurn sind manche Bäche komplett ausgetrocknet, hier die Siggern. Rechts: Fische landen auf dem Trockenen oder sterben am Sauerstoffmangel im Restwasser.Bern rettet erstickende Fische, Solothurn lässt sie sterbenGabriel van der Veer wischt zwischen Sträuchern am Flussufer durch Bilder auf seinem Handy. Sie zeigen ausgetrocknete Bachläufe, tote Forellen, verendete Krebse. Der Biologe erhält momentan täglich solche Fotos. «Bei kleineren Gewässern am Jurasüdfuss haben wir bereits ein massives Fischsterben im Kanton Solothurn», sagt er.Der Kanton Bern hat im Juni 16 000 Fische aus austrocknenden Gewässern gerettet und wieder ausgesetzt. Im Kanton Solothurn macht man das nicht. Es gebe dafür nicht genügend Personal, sagt van der Veer. Er sieht das Umsiedeln von Fischen aber ohnehin kritisch. Es sei ein zu grosser Eingriff ins Ökosystem. Die ausgesetzten Tiere könnten Krankheiten verschleppen – und noch mehr Dichtestress in den übrigen Gewässern auslösen.Gabriel van der Veer, der das Wohlergehen der Fische zu seinem Beruf gemacht hat, muss sie sterben lassen. «Ich muss mich zwingen, an die Rettung von Populationen und nicht von Individuen zu denken», sagt er. Weh tut es ihm trotzdem. «Fische sind dem Menschen biologisch ähnlich genug, dass wir mit Sicherheit sagen können: Zu ersticken, ist auch für sie himmeltraurig.»Wie sich dieser Sommer auf die Gesamtpopulation der Forellen in Solothurn auswirkt, wird sich erst zeigen. Im Herbst werden die Fischbestände untersucht. Gabriel van der Veer prognostiziert: «Wenn Hitze und Trockenheit anhalten, wird es einen starken Einschnitt geben.»Was das bedeuten kann, zeigt die Geschichte der Äsche. Bis ins Jahr 2003 wurden im Kanton Solothurn jährlich 1000 Exemplare dieser Fischart gefangen. Dann kam der Hitzesommer. Die Äschen-Population hat sich bis jetzt nicht von ihm erholt. Die Solothurner Fischer finden heute zehn bis fünfzehn Äschen pro Jahr.Die Bevölkerung hat das Badeverbot laut ersten Erfahrungen des Kantons und der regionalen Fischereiverbände verständnisvoll aufgenommen.Die perfekt angepasste ForelleVan der Veer zeigt ein Foto einer Dünnern-Forelle. Sie hat, wie alle ihre Artgenossinnen, einen gelben Bauch. Damit tarnt sie sich in den gelben Jura-Kieseln, die dieser Fluss mit schiebt. Es ist eine von vielen genetischen Eigenheiten, die sich die Dünnern-Forelle in Jahrtausenden der Evolution seit der letzten Eiszeit angeeignet hat, um in genau diesem Fluss zu leben.Setzt man eine Forelle aus einer Zucht oder dem Rhein in der Dünnern aus, hat sie geringere Überlebenschancen. Und umgekehrt. Stirbt also die Dünnern-Forelle aus, kann es sehr lange dauern, bis sich eine Population wieder so gut angepasst hat wie die jetzige.Gabriel van der Veer marschiert flussaufwärts. Die Fischereiaufsicht hat zwei Stellen, die fürs Baden bekannt sind, mit Absperrband versehen. Ein Schild weist auf das Verbot hin.Die Hitze drückt auf den Spazierweg und auf trockene Felder. Noch dürfen Bauern mit Wasser aus der Dünnern ihre Felder bewässern, aber stark reduziert. «Wir müssen Tag für Tag abwägen zwischen Natur, Lebensmittelproduktion und Freizeitnutzung», sagt van der Veer. Ende dieser Woche haben die kantonalen Ämter die nächste Sitzung. Möglich, dass sie das Bewässern stärker einschränken. Es sind zwar Gewitter angekündigt, aber zu wenig Regen.Hinter dem Absperrband am Badeplatz treibt verlassen ein aufgeblasener Schwimmring im Wasser. Es sind keine Leute unterwegs, die man nach ihrer Meinung zum Badeverbot fragen könnte.Gabriel van der Veer sagt, die Solothurnerinnen und Solothurner hätten verständnisvoll auf das Verbot reagiert. Bekannte Badeorte seien menschenleer. In den sozialen Netzwerken sind unter den Info-Posts des Kantons unterstützende Kommentare zu lesen. Ohnehin ist fraglich, ob ein 30 Grad warmer Fluss, der kaum mehr Wasser führt, noch Lust zum Baden macht.Die Dünnern im Kanton Solothurn ist auf einem kleinen Abschnitt revitalisiert worden. Der allergrösste Teil des Flusses ist aber begradigt – und bietet praktisch keine Verstecke für Fische.Passend zum Artikel
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