Auch die Fische in Schweizer Flüssen leiden unter der Hitze. Vorhersagen sollen helfen, sie vor dem Ärgsten zu bewahrenAus den Bergen kommt nur wenig kühlendes Schmelzwasser. Aare, Reuss und Limmat heizen sich darum zurzeit rasch auf, ebenso viele kleinere Flüsse. Das Risiko für Forellen, Äschen und andere Fischarten wächst. Derzeit wird ein Vorhersagesystem erprobt.19.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie Äsche zählt zu den Fischarten, die vergleichsweise sensibel auf Hitze reagieren.Rainer Kühnis / Schweizerischer Fischerei-VerbandDie erste grosse Hitzewelle des Sommers hat Mitteleuropa erfasst. Auch in der Schweiz steigen die Temperaturen, in den kommenden Tagen sind in Zürich und anderen Städten des Mittellands Höchstwerte weit über 30 Grad Celsius zu erwarten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch die Flüsse heizen sich dadurch auf. Damit steigt das Risiko für die Fische, zumal bei höheren Temperaturen der Sauerstoffgehalt des Wassers sinkt.Anders als die Menschen könnten Fische ihre Körpertemperatur nicht selbst regulieren, erklärt der Ökologe Camille Albouy von der ETH Zürich. Sie seien auf passende Wassertemperaturen angewiesen. Bei zu hoher Wassertemperatur steige der Stresslevel, und auch der Stoffwechsel der Fische werde beeinträchtigt. Die Aktivität der Tiere nehme ab, sie frässen weniger, und sie würden anfälliger gegenüber Parasiten. Im Extremfall könne dies dazu führen, dass die Fische stürben.Forscher arbeiten darum seit Jahren an Vorhersagemodellen für die Hitzerisiken für Fische. Fachleute mehrerer Schweizer Forschungsinstitute haben ein Modell entwickelt, das derzeit erprobt wird.Laut dem Bundesamt für Umwelt soll das Vorhersagemodell noch in diesem Sommer in das eigene hydrologische Überwachungssystem integriert werden. Nach einer Testphase sollen die prognostizierten Daten auf Websites des Bundes auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Als Nutzer kämen vor allem die Fachstellen für Fischerei und Gewässerschutz infrage.Bei niedrigem Pegelstand steigt die Temperatur schnellerKonrad Bogner von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) hat an der Entwicklung des Vorhersagemodells mitgewirkt. Er erklärt, wovon es abhängt, wenn sich ein Fluss überhitzt. Die Lufttemperatur sei grundsätzlich einer der Haupttreiber, aber auch andere Faktoren spielten eine Rolle. «Bei niedrigem Flusspegel erhöht sich die Wassertemperatur schneller als bei hohem Pegel, und dadurch kommt es dann zu kritischen Situationen.»Die Entwicklung hänge aber stark davon ab, wo man sich befinde, sagt Bogner. Jeder Fluss sei anders, das Mittelland und der alpine Bereich unterschieden sich sehr. Liegt in den Bergen noch Schnee, der schmilzt, senkt dies die Wassertemperatur. Gibt es aber keine Zuströme aus dem Hochgebirge, steigt die Temperatur eines Flusses viel rascher.Gegenwärtig liege das Problem darin, dass im Winter relativ wenig Schnee gefallen sei, sagt Bogner. Wegen der fehlenden Schneeschmelze kletterten jetzt die Temperaturen auch in Flüssen mit Quellen im Hochgebirge ziemlich ungebremst in die Höhe. In den kommenden zwei bis drei Wochen gehe es mit wenig Regen und relativ hohen Temperaturen weiter. «Das ist kritisch und für die Jahreszeit überraschend früh.»Viele Flüsse in der Schweiz erwärmen sich jetzt rasch. Gemäss dem Vorhersagemodell steigt zum Beispiel die Wassertemperatur der Limmat bei Baden bis Anfang kommender Woche auf über 25 Grad Celsius.Wie empfindlich eine Fischart auf Hitze reagiert, unterscheidet sich erheblich. Die Quappe, eine mit dem Dorsch verwandte Fischart, ist laut Fachleuten schon bei 24 Grad gestresst. Die Äsche, die Forelle und die Elritze sind kaum widerstandsfähiger.Die grösste Toleranz gegenüber Wärme besitzt unter den einheimischen Fischen der Karpfen, auch Schuppenkarpfen genannt. Ihm ist erst bei 30 Grad nicht mehr wohl. Der Marmorkarpfen, eine eingeführte Art, hält sogar Temperaturen bis 32 Grad noch gut aus.Die Vorhersage funktioniert mithilfe von maschinellem LernenDie Grundlage des Vorhersagemodells sind Wettervorhersagen über einen Zeitraum von 46 Tagen. Ein Modul, das auf maschinellem Lernen basiert, rechnet die prognostizierten Werte für die Lufttemperatur, den Sonnenschein, die Regenfälle und andere meteorologische Grössen in Flusstemperaturen um. Trainiert wurde das Modul an Wetterdaten und hydrologischen Daten aus der Schweiz. Für mehr als 50 Prüfstellen an Schweizer Flüssen bestimmt das Vorhersagemodell anschliessend den Wärmestress für die Fischarten.Auch Bachforellen sind wärmeempfindlich. Hier suchen einige in der Saane bei Freiburg unter einem Wasserfall nach Nahrung.ImagoDie Ökologin Adeline Bonaglia, die zurzeit an der Universität Zürich in Kooperation mit dem Schweizerischen Nationalpark doktoriert, hat am WSL intensiv an dem Vorhersagemodell mitgearbeitet. Das Modell berechne einen Risikoindex, der dem Wärmestress für die empfindlichste dort lebende Fischart entspreche, schreibt sie in einer E-Mail. Ein hoher Risikoindex bedeute zwar nicht, dass die Fische bereits vor dem Tod stünden. Aber die Lebensbedingungen wären dann schon recht ungünstig für sie.Das Vorhersagemodell diene als ein Hilfsmittel zur Überwachung, schreibt Bonaglia. Um die tatsächliche Situation zu beurteilen, seien lokale Kenntnisse über den Fluss unerlässlich. Bei thermischem Stress könnten Fische zum Beispiel Zuflucht in kühleren Bereichen eines Flusses suchen, falls diese vorhanden seien.In der Limmat, der Reuss und vielen anderen Flüssen in der Schweiz steigt der prognostizierte Risikoindex bis Ende der kommenden Woche jedenfalls stark an. Danach ist die Unsicherheit der Vorhersage gross.Im Thurgau wurde bereits die Wasserentnahme beschränktErste Massnahmen wegen der Hitzewelle sind bereits beschlossen worden. Zum Beispiel hat der Kanton Thurgau wegen der Hitze und der Trockenheit verboten, Wasser aus Oberflächengewässern zu entnehmen. Das Verbot tritt am Freitag um 7 Uhr in Kraft.Die Massnahme ist als Vorbeugung gegen Wassermangel und überhöhte Wassertemperaturen gedacht. Sie dient also auch dazu, dass die Fische in der Thur und anderen Flüssen des Kantons gut durch die Hitzewelle kommen.Im Extremfall sind bei einer Warnung vor überhitzten Flüssen auch noch andere Massnahmen denkbar. Steigt das Risiko für die Fische auf ein gefährliches Niveau, können sie etwa mithilfe von Netzen in einen anderen Fluss oder in Becken mit kühlerem Wasser versetzt werden. Ob es so weit kommt, hängt davon ab, wie stark die Hitzewellen in diesem Sommer werden und wie lange sie andauern.Passend zum Artikel