Der andere BlickPatriotische Kulturpolitik: Der Angriff der AfD auf das Bauhaus ist kleinkariertDie AfD in Sachsen-Anhalt pflegt ein selektives Verhältnis zur deutschen Kultur. Heinrich I. und Bismarck: liebend gerne. Das Bauhaus und die Moderne: auf keinen Fall. Mit einem offenen Kunstverständnis hat das wenig zu tun.16.07.2026, 04.30 Uhr4 LeseminutenDas von Walter Gropius in den zwanziger Jahren in Dessau gestaltete Haus, in dem der russische Maler Kandinsky, später Klee gewohnt haben.Axel Schmidt / ReutersSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Kathrin Klette, Redaktorin Nachrichten. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kulturpolitik entscheidet selten Wahlkämpfe. Welche Museen staatliche Fördergelder erhalten oder wie Denkmäler geschützt werden sollen, gehört für die meisten Bürger nicht unbedingt zu den drängendsten Fragen des Alltags. Tatsächlich berührt Kulturpolitik aber einen Kern einer Gesellschaft: Welche Theaterstücke gespielt werden oder an welche historischen Ereignisse man sich erinnert, bestimmt auch, welches Bild sich eine Gesellschaft von sich macht.Die Bedeutung der Kulturpolitik ist daher nicht zu unterschätzen, vor allem, weil sie neben der Bildungspolitik in Deutschland Ländersache ist. Das hat auch die AfD in Sachsen-Anhalt erkannt, wo die Partei bei der Landtagswahl am 6. September die absolute Mehrheit erreichen könnte.Im Parteiprogramm, wegen der guten Umfragewerte selbstbewusst «Regierungsprogramm» genannt, heisst es nämlich: Nach einem Sieg verfüge die AfD über «vielfältige Möglichkeiten», ihre kulturpolitischen Vorstellungen umzusetzen. Sachsen-Anhalt will sogar zum «Musterland der Kulturpolitik» werden, das eine «Strahlwirkung» auf andere Bundesländer entfalte und so den «notwendigen Wandel in ganz Deutschland» anstossen könnte.AfD: Das Bauhaus ist ein «Irrweg der Moderne»Worin soll dieser Wandel bestehen? Betrachtet man das Programm der Partei, wird deutlich, dass Kunst und Kultur künftig deutlich enger gefasst werden. Eine «neue, patriotische Kulturpolitik» solle die Deutschen «heilen» und ihnen «ihr Selbstbewusstsein» zurückgeben, heisst es.Das sind Vorstellungen, wie sie auch in einigen autoritären Systemen schon ähnlich formuliert wurden. Auch im Nationalsozialismus war die Kultur ein Mittel zur Propaganda. Sie sollte dazu dienen, einen «gesunden Volkskörper» zu schaffen; avantgardistische Stilrichtungen wie der Expressionismus wurden dagegen als «undeutsch» und «entartet» verunglimpft.In der DDR sollte die Kultur ebenfalls den «neuen Menschen» formen, nur unter anderen ideologischen Vorzeichen. Held des sozialistischen Realismus war der Arbeiter. Die Gemälde staatlich geförderter Künstler zeigten denn auch Männer in einer Schmelzanlage oder Frauen, die Rüben aus dem Acker hackten.Für die AfD in Sachsen-Anhalt ist es vor allem das Bauhaus, das im Zentrum ihrer Kritik steht. Die Kunstschule, 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet, zog 1925 nach Dessau und zählt bis heute zu den international einflussreichsten Schulen für Architektur, Design und Handwerk.Ihr Ansatz war revolutionär: Das Bauhaus brach die traditionellen Grenzen zwischen Kunst und Handwerk auf. Gute Gestaltung sollte künftig für alle Bevölkerungsgruppen erschwinglich sein, allein die Funktion eines Gegenstandes sollte seine Form bestimmen. Üppiger, historischer Zierrat? Weg damit! Moderne Materialien waren gefragt: Stahl, Glas, Metalle. Die Nationalsozialisten diffamierten das Bauhaus später als «entartet» und «jüdisch-bolschewistisch».Es ist vor diesem Hintergrund bemerkenswert und irritierend, mit welcher Wortwahl die AfD das Bauhaus kritisiert. Es sei ein «Irrweg der Moderne», sagte der AfD-Kulturpolitiker Hans-Thomas Tillschneider 2024. Es habe eine «menschenfeindliche» Architektur geschaffen und die Bedürfnisse nach Geborgenheit «vergewaltigt».Die Stiftung Bauhaus Dessau, die das Erbe der Schule verwaltet, wird vor allem durch das Land Sachsen-Anhalt finanziert. Zusätzliches Geld kommt vom Bund und von einzelnen Förderprogrammen und Projekten. Die Stiftung hat also mehrere Unterstützer. Dennoch kann man davon ausgehen, dass eine Alleinregierung der AfD in Sachsen-Anhalt die Arbeit der Stiftung deutlich erschweren würde.In der «Antigone» geht es plötzlich um den KlimawandelZur ganzen Geschichte des Streits über das Bauhaus gehört auch: Schon früh stand die Kunstschule im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen. Zwar verstand sich das Bauhaus selbst als unpolitisch, dennoch vertrat es sozialreformerische Ideen. So war es Ziel der Architekten, helle und luftige Häuser zu bauen, die sich auch ärmere Menschen leisten können sollten – ein Anspruch, der einigen Konservativen als «links» galt. Auch nach 1945 wurde das Bauhaus unterschiedlich gedeutet. Im Westen galt es als Symbol für Fortschrittlichkeit, in der DDR dagegen als «bürgerlich», seine Ideen hätten nicht zu den Zielen des Sozialismus gepasst.In jüngster Zeit haben Politiker den architektonischen Stil zum Ausweis demokratischer Gesinnung schlechthin stilisiert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach zum Hundert-Jahre-Jubiläum der Kunstschule 2019 von einem «inneren Zusammenhang» zwischen dem «Bauhaus und dem Aufbruch in die demokratische Republik».Ein solch selektiver Umgang mit dem kulturellen Erbe lässt sich auch in anderen Bereichen beobachten. So nutzen viele eher links-grün geprägte Theater Klassiker, um aktuelle Fragen zu verhandeln: Sophokles’ «Antigone» wird als Kampf gegen den Klimawandel gedeutet, in einer queeren Neuinszenierung des Ballettklassikers «Giselle» lieben sich nun zwei Frauen.Gedenken an Heinrich I., Luther und NietzscheZwischen dieser politischen Aufladung und der Abwehrhaltung der AfD gibt es einen Zusammenhang, zum Teil sogar einen direkten. So bedient sich die Landesregierung von Sachsen-Anhalt des Bauhauses für ihre Imagekampagne «#moderndenken». In der Region hätten kluge Köpfe über Jahrhunderte Ideen entwickelt, die «ihrer Zeit voraus» gewesen seien: «von der Himmelsscheibe über Martin Luther bis zum Bauhaus», heisst es auf der Website der Kampagne. Die AfD will dem nun mit «#deutschdenken» eine eigene Erzählung entgegensetzen. Ihre Helden: Heinrich I., Otto I., Luther, Bismarck, Nietzsche.Akteuren von links bis rechts ist gemein, dass sie das kulturelle Erbe im Sinne ihrer eigenen ideologischen Positionen deuten. Es spricht zwar nichts dagegen, wenn die AfD an Otto I. und Bismarck erinnern möchte. Im Gegenteil: Regelmässig wird beklagt, dass das historische Wissen von Schülern oft lückenhaft sei, gerade was die Geschichte des Kaiserreichs anbelange. Problematisch wird es jedoch, wenn die AfD jene Bereiche aus dem kulturellen Gedächtnis verdrängen will, die ihren Deutungen widersprechen. In diesem Fall: die Moderne und das Bauhaus.In einer liberalen Demokratie sind Kunst und Kultur Bereiche, in denen Experimente möglich sind. Nicht alles, was dabei entsteht, muss man mögen. Natürlich ist keine Landesregierung verpflichtet, politischen Aktivismus, der sich als Kunst verkleidet, mit Steuergeld zu finanzieren. Sie kann sich auch gegen die Vereinnahmung von Kultur wenden, egal, von welcher Seite. Sie sollte sie aber weder selbst vereinnahmen noch versuchen, ihr unliebsame Kunstepochen zu verbannen. Das ist kleinkariert und weckt ungute Erinnerungen.40 KommentareEva D. Dr. Plickert 16.07.20263 EmpfehlungenEs ist problematisch, wenn sich Politiker anmaßen, der Kunst Vorschriften zu machen - Politiker, die meist wenig von Kunst verstehen, allenfalls einen persönlichen Geschmack haben. In Sachsen-Anhalt behauptet die AfD: "Die vornehmste Aufgabe aller Kunst besteht darin, kulturelle Identität zu pflegen." (S. 48) Was ist heute "kulturelle Identität"? Seit Jahrhunderten gibt es einen regen internationalen Austausch, dem sich kein Künstler entziehen kann. Was er daraus macht, ist seine Entscheidung, nicht die der Politik. Bzgl. der Architektur als einem öffentlichen Phänomen, mit dem alle Bürger zu leben haben, sollten sich Politiker von ausgewiesenen Fachleuten beraten lassen. Streit darüber, was als "schön" gilt, wird es immer geben.Andreas Schwarzer 16.07.20266 EmpfehlungenIch bin in einem Bauhaus, im Haus meiner Großeltern, aufgewachsen. Es wurde 1931 gebaut und ist bis heute in der Kleinstadt Zwenkau bei Leipzig zu besichtigen. Die Kunst, die mich in allen Räumen umgab, stammte vor allem von Oskar Schlemmer. Das Haus ist hell, offen, hat große Fenster und eine zentrale Wohnhalle. Im Erdgeschoss war die Praxis meines Großvaters, der dort als Praktischer Arzt und Geburtshelfer arbeitete. Es ist eines der am besten erhaltenen Bauhäuser, die es in Deutschland gibt. Die Nazis bezeichneten das Haus als "art- und rassenfremd". Mein Großvater verlor seine Kassenzulassung, weil er sich nicht von seiner Frau scheiden ließ. Meine Großmutter wurde im Februar 1945 in einem Viehwagon nach Theresienstadt gekarrt. Den Transportbefehl dazu habe ich im Staatsarchiv Leipzig gefunden. Es ist ein kleiner Zettel, von einem Gestapo-Beamten unterschrieben. Meiner Mutter wurde verboten, weiter das Gymnasium zu besuchen. Ihre beiden Brüder wurden in Arbeitslager deportiert. Und jetzt? Es begann auch damals recht moderat, dann laut und am Ende war es gewaltsam. Und jetzt kann man eine unerträgliche Rede eines Mannes im Landtag von Sachsen-Anhalt hören, der vollkommen unsinnige Dinge über das Bauhaus und Walter Gropius behauptet. Zur gleichen Zeit tritt ein sog. Kabarettist bei einer AFD-Wahlveranstaltung in Dessau-Roßlau auf und missbraucht das Andenken an Claus Schenk Graf von Stauffenberg für einen Vergleich des Attentats auf Hitler jetzt auf den deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz. Wo wird das enden? Jeder kann es lesen und hören. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“ (Berthold Brecht 1941).Passend zum Artikel