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Nationale Sicherheit: Deutsche Spitzenforscher mit heiklen Kontakten nach China Deutsche Drohnenforscher treffen sich regelmäßig mit chinesischen und russischen Kollegen. Offiziell geht es um zivile Projekte. Experten warnen vor einem Wissensabfluss an das Militär.
Martin Benninghoff, Daniel Delhaes, Dietmar Neuerer 16.07.2026 - 04:06 Uhr Artikel anhörenTU-Präsident Thomas F. Hofmann (l.) und Ding Kuiling, Präsident der SJTU: Drohnenkooperationen der beiden Universitäten erweitert. Foto: PR, Picture Alliance [M]Berlin, Shanghai. An diesem Donnerstag kommt es in Hongkong zu einer denkwürdigen Begegnung chinesischer, russischer und deutscher Wissenschaftler. Sie treffen sich bei der internationalen Luft- und Raumfahrtkonferenz „Icasse 2026“.Die Tagung organisiert die Shanghai Jiao Tong University (SJTU). Als Mitveranstalter werden unter anderem die Technische Universität München (TU München) und das führende Luft- und Raumfahrtinstitut Russlands, das Moscow Aviation Institute (MAI), aufgeführt. Florian Holzapfel, Professor der TU München, sitzt im internationalen Steuerungskomitee der Veranstaltung und hält die Eröffnungsrede. Zwei weitere Professoren der TU werden ebenfalls referieren.Die Shanghaier Universität SJTU hat die Konferenz 2017 ins Leben gerufen. Im vergangenen Jahr kamen die Topexperten in Singapur zusammen. Gastgeber der „Icasse 2025“ war unter anderem der Asia Campus der TU München. Zu den Unterstützern gehörten das russische MAI sowie eine Tochtergesellschaft des chinesischen Flugzeugbauers Comac und die kanadische Universität Toronto.Es ist eine Tradition, die seit Jahren offenbar jegliche geopolitische Entwicklung ignoriert. Russland führt seit mehr als vier Jahren Krieg in der Ukraine. China bildet nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste russische Soldaten aus. Und Europas Top-Uni Nummer eins, die als Exzellenz-Uni ausgezeichnete TU München, schickt ihre Drohnenforscher unbeirrt zum nächsten Treffen.Dorothee Bär: Forschungsministerin sieht Wissenschaft zunehmend bedroht. Foto: Philipp von Ditfurth/dpaSoll heißen: Besteht auch nur die geringste Möglichkeit, dass Forscher eines feindlichen Staates sensibles Wissen in Deutschland gewinnen und in der Heimat militärisch nutzen könnten, dann sollte ein hiesiger Wissenschaftler oder eine steuerfinanzierte Institution nicht mehr allein über eine Zusammenarbeit entscheiden.„Solche Konferenzen sind im wissenschaftlichen Kontext weltweit üblich“, sagt hingegen ein Sprecher der TU München. Die Vorträge basierten auf bereits publizierten Arbeiten, die Diskussionsergebnisse würden allgemein zugänglich veröffentlicht. Die Shanghaier Uni reagierte nicht auf eine Anfrage.Interview Helmholtz-Chef: „Die Reputation des Forschungsstandortes steht auf dem Spiel“ Bisher gibt es kaum gesetzliche Regeln für den internationalen Austausch der Wissenschaft, allenfalls das Außenwirtschaftsrecht. Wissensabfluss zu überwachen, ist weit schwieriger als den Export einer physischen Drohne. Umso dringlicher ist die Frage: Welche Gefahr entsteht über derartige Zusammenschlüsse für Deutschland?Strategische Zusammenarbeit mit China hat in München eine lange TraditionA L600 Pioneer: Elektrisches, senkrecht startendes und landendes Fluggerät (eVTOL) aus China. Foto: AFPAuf der Konferenz in Hongkong hält Holzapfel einen Vortrag mit dem Titel „Fahrzeugunabhängige Aspekte für den Erfolg der Low-Altitude-Economy“. Zur „Low-Altitude-Economy“ zählen etwa Drohnen, autonome Fluggeräte, Flugtaxis und andere unbemannte oder neue Luftfahrtsysteme, die in niedrigen Höhen eingesetzt werden.Es ist nicht so, dass die TU München die Sicherheitsfragen ignorieren würde: Sie hat eine eigene Stelle zur Kontrolle von Exporten, sie arbeitet mit dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, dem Verfassungsschutz und dem Auswärtigen Amt zusammen. Zwei Mitarbeiter sind für die Exportkontrolle zuständig, für das Thema Nachhaltigkeit weist die Universität dagegen acht Verantwortliche aus.„Weltuniversitäten“ müssen „die Tore offen halten“Für TU-Präsident Thomas Hofmann gibt es keinen Zweifel: „Die globalen Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nur gemeinsam bewältigen“, wie er bei der Unterzeichnung der Vereinbarung in China erklärte. „Weltuniversitäten“ müssten „die Tore offen halten“.Olaf Scale Deutscher Manager empfiehlt China als „Bootcamp für Innovationen“ Gleichzeitig drängt die TU München in die hiesige Sicherheits- und Verteidigungsforschung, unterstützt von der bayerischen Landesregierung um Ministerpräsident Markus Söder und dessen Wissenschaftsminister Markus Blume (beide CSU). Im Februar wurde die „Security and Defense Alliance“ gegründet, mit deutschen und europäischen Unternehmen, die in hochsensiblen Bereichen arbeiten und Produkte entwickeln, die zur Verteidigung eingesetzt werden können – etwa gegen Bedrohungen aus Russland. Wie passt das zusammen?Neue Studenten: Eröffnungsfeier eines Studienjahres an der Shanghaier Jiao-Tong-Universität (SJTU). Foto: SJTU„Bei unserer anvisierten Forschungskooperation mit der SJTU geht es um urbane Luftmobilität und -logistik, zum Beispiel zu möglichen Geschäftsmodellen und Infrastruktur. Das ist für militärische Anwendungen nutzlos“, sagt der Sprecher der TU.Sicherheitsexperten sehen das anders: Das Unternehmen Berlin Risk hat sich die Verbindungen der TU München genauer angesehen und erkennt ein klares Sicherheitsrisiko. Die Firma durchleuchtet für Banken, Unternehmen und Regierungen Institutionen und Personen in Drittstaaten, bevor sie Geschäfte eingehen.„Erhebliche Zweifel“ an bestehenden „Chinese Walls“„Angesichts der hohen Spezialisierung dieser Forschungsfelder und der inhaltlichen Überschneidungen ist es sehr wahrscheinlich, dass es Forschende gibt oder gab, die im Rahmen ihrer Tätigkeit mit Kolleginnen und Kollegen der SJTU zusammengearbeitet haben und nun mit deutschen und europäischen Partnern aus dem Verteidigungssektor kooperieren“, sagt Jennifer Hanley-Giersch, Managing Partnerin von Berlin Risk.Ebenso sei denkbar, „dass russische Vertreter auf chinesischer Seite bei solchen Projekten ohne Wissen der TU München Zugang zu den relevanten Projektarbeiten erhalten haben“. Es bestünden „erhebliche Zweifel daran, ob die organisatorische Abschottung tatsächlich funktioniert“.Spionage Verfassungsschutz mahnt Forscher zur Vorsicht bei China-Kontakten Der Verfassungsschutz sieht bayerische Hochschulen im Fokus chinesischer Nachrichtendienste. Von einer „strategischen Bedrohung“ spricht das zuständige Landesamt. „Ziel ist der illegitime Erwerb von sensiblen Technologien, geistigem Eigentum und sicherheitsrelevantem Know-how, um damit wirtschaftliche und politische Vorteile im globalen Wettbewerb zu sichern“, erklärte die Behörde auf Anfrage des Handelsblatts.Obendrein haben chinesische Universitäten wie die SJTU ihre Zusammenarbeit mit Russland intensiviert, seit Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin das Verhältnis beider Länder demonstrativ zur langfristigen „strategischen Partnerschaft“ erhoben haben. Das Moscow Aviation Institute (MAI) steht auf einer US-Sanktionsliste.TU München: Mit Ukrainekrieg alle Uni-Partnerschaften mit Russland ausgesetztKönnten Erkenntnisse aus Kooperationen der TU München mit der Shanghai-Uni womöglich auch in russische Hände gelangen? „Die TU würde eine solche Kooperation nicht eingehen, wenn zu vermuten wäre, dass Inhalte für militärische Zwecke im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine eingesetzt würden“, sagt der Uni-Sprecher auf Nachfrage. „Mit dem MAI haben wir und unser angestrebtes Forschungsthema keinerlei Verknüpfung.“ Forscher und Start-ups der TU unterstützten vielmehr „seit Kriegsbeginn die ukrainischen Streitkräfte direkt im Abwehrkampf gegen den russischen Aggressor“.Die staatliche Hochschule für Luftfahrt Moskau war unter anderem an der Entwicklung des „Sputnik“-Satelliten beteiligt. Foto: MAILange vor dem Krieg in der Ukraine hat sich das MAI stark um internationale Kooperationen bemüht. Auch nach Deutschland pflegte das Moskauer Institut Kontakte: mit der TU Dresden sowie Hochschulen in Heilbronn und Ingolstadt. Mit der TU München kooperierte das MAI im Rahmen eines Austauschprogramms für Akademiker. „Mit dem Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine wurden alle institutionellen Partnerschaften mit russischen Universitäten ausgesetzt beziehungsweise eingefroren“, erklärte der Uni-Sprecher.Datensicherheit Geheimdienste warnen vor russischen Cyberangriffen auf Router Bei der Konferenz 2025 in Singapur trat auch Stephan Myschik auf. Er ist Professor für Flugmechanik und Flugregelung an der Universität der Bundeswehr, eingerahmt von Wissenschaftlern der SJTU – und russischen Rednern. Ein Wissenschaftler der Bundeswehr-Universität auf einer Luftfahrtkonferenz, auf der zahlreiche Themen mit Dual-Use-Potenzial behandelt wurden, organisiert von einer chinesischen Uni, die mit dem Militär zusammenarbeitet?„Es ging nicht um unbemannte Luftfahrzeuge, autonome Systeme oder deren Regelung, sondern sie befassten sich mit der Entwicklung eines batterieelektrischen Antriebs für zivile Kleinflugzeuge mit dem Ziel einer Verringerung des CO2-Ausstoßes in dieser Luftfahrzeugkategorie“, sagt Myschik. Grundsätzlich sehe er Know-how-Abfluss aus Deutschland im Bereich Drohnentechnologie in andere Länder kritisch. „Unsere Beiträge hatten aber nichts mit diesem sensiblen Themenfeld zu tun.“Peking treibt den Drohnen-Sektor mit Dringlichkeit strategisch voranDie Drohnenkooperation der TU München mit der SJTU ist dabei auch aus industriepolitischer Sicht heikel. Gerade in Shanghai kann beobachtet werden, mit welchem Tempo China die sogenannte Niedrigflugwirtschaft rund um Drohnen und Lufttaxis aufbaut.Die Metropole hat im Dezember 2024 eine städtisch getragene Plattformfirma für die „Low-Altitude-Economy“ (Drohnen und Flugtaxis) gegründet. Beteiligt sind sechs kommunale Staatskonzerne. Ziel ist eine komplette Wertschöpfungskette von Entwicklung und Produktion über Infrastruktur bis zum Betrieb. Der Markt soll auf mehr als 50 Milliarden Yuan wachsen, umgerechnet rund 6,5 Milliarden Euro.Aufrüstung 600 Skyranger für die Bundeswehr – wie sich Deutschland gegen einen Drohnenkrieg wappnet Verwandte Themen ChinaDeutschlandRusslandDorothee BärFlugtaxisAirbusAus Sicht der TU München ist das kein Risiko, sondern eine Chance für Deutschland: Die eigenen Forscher hätten die Möglichkeit, „von der stringenten Anwendungsorientierung Chinas zu lernen, praktische Erfahrungen mit den Technologien und Systemen im realen Einsatz zu sammeln und zugleich ihre eigene Expertise einzubringen“, sagt der Sprecher der Universität. China habe „bei der Erforschung von Flugtaxis und Drohnentechnologie wie auch in vielen anderen Technologiefeldern einen weiten Vorsprung vor europäischen Ländern“.Peking treibt den Sektor jedenfalls mit Dringlichkeit strategisch voran. Die Niedrigflugwirtschaft spielt im neuen Fünfjahresplan eine zentrale Rolle.Mittendrin: die Shanghaier Jiao-Tong-Universität, die diesen Aufbau massiv flankiert. Womöglich mit Erkenntnissen, die eigentlich aus Deutschland stammen. Veröffentlicht nach den redaktionellen Standards des Handelsblatts. Mehr Informationen finden Sie in unseren Richtlinien. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige remind.me Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige FREITAG® Immobilien FREITAG® Immobilien – Ihr Makler und Gutachter für München & Starnberg Anzeige Presseportal Direkt hier lesen! Anzeige STELLENMARKT Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden Anzeige Expertentesten.de Produktvergleich - schnell zum besten Produkt







