Seitlicher Meerblick – das ist nicht selten eine der dreistesten sprachlichen Beschönigungen in der Reisebranche. Zwar ist nicht gänzlich ausgeschlossen, dass man in einem Strandhotel aus einem Zimmer mit seitlichem Meerblick tatsächlich auch nennenswert aufs Meer blickt. Aber viel wahrscheinlicher muss man damit rechnen, dass man in dieser Zimmerkategorie durchs Fenster oder vom Balkon aus lediglich das wenige Meter entfernte Hotel nebenan sieht, in dessen Scheiben sich bei günstigem Sonnenstand das Meer spiegelt. Oder dass man sich riskant weit über das Balkongeländer beugen muss, um wenigstens einen kleinen Streifen des Meeres zu Gesicht zu bekommen.Unzählige Gerichtsverfahren werden jedes Jahr angestrengt, weil Urlaubern etwas in Aussicht gestellt worden ist, das sie nicht bekommen haben von den Reiseveranstaltern. Und die Frage ist dann immer, ob die jeweilige beschönigende Beschreibung sich trotzdem juristisch noch irgendwie mit den Tatsachen in Deckung bringen lässt oder eben nicht.Kolumne „Hin und weg“:Endlich! Die Kreuzfahrt, die nirgendwo hinführtEs gibt wenig, das man auf einem Kreuzfahrtschiff nicht machen kann. Eine chinesische Reederei zieht daraus die überfälligen Konsequenzen.In den USA wehren sich die beiden Fluggesellschaften United und Delta Airlines gerade dagegen, dass Sammelklagen gegen sie zugelassen werden. United hat bereits eine juristische Niederlage einstecken müssen, es wird zum Prozess kommen. Und auch diese Angelegenheiten drehen sich ums Panorama. Es geht in den beiden Verfahren um eine Frage, die auf Basis des gesunden Menschenverstands rasch beantwortet wäre: Muss ein Fensterplatz im Flugzeug ein Fenster aufweisen? Aber ja doch, möchte man meinen.United stellt sich allerdings auf den Standpunkt: Nein. Der Begriff „Fenster“ beziehe sich lediglich auf die Position des Sitzes relativ zur Kabinenwand und zum Gang, argumentieren die Anwälte des Unternehmens. Die Fluggesellschaft habe vertraglich nie zugesichert, dass ein Fensterplatz auch einen Blick nach draußen biete. Manchmal sei da eben nur die Kabinenwand, hinter der Technik verbaut ist. Wahrscheinlich auch Technik, die gewährleistet, dass die Passagiere auf ihren Tablets irgendeinen Realitätsersatz streamen können.Stefan Fischer sitzt gerne am Fenster. Bernd Schifferdecker (Illustration)