Herr Emmerich, Sie sind gerade im Rahmen des Kino-Kongresses „CineHamburg“ vom Verband der Filmtheater mit der „Gläsernen Leinwand“ ausgezeichnet worden. Preisträger vor Ihnen waren unter anderen Walt Disney, Michael Ballhaus und Bond-Produzent Albert R. Broccoli. Fühlen Sie sich da in guter Gesellschaft?Ich fühle mich gerade deswegen sehr geehrt, weil dieser Preis von HDF Kino, dem ältesten und größten Interessenverband der Kinos in Deutschland, und AllScreens Verband Filmverleih und Audiovisuelle Medien, dem Interessenverband der deutschen Filmverleih-, Video- und Programmanbieter, kommt. Das ist eine Wertschätzung, mit der ich mich wirklich wohl fühle. Denn am Ende ist es das Einzige, was zählt. Gehen die Leute für meinen Film ins Kino oder nicht? Und wenn die Kinos leer bleiben, ist das nicht gut.In der Begründung heißt es, Sie werden für Ihre beeindruckende Kreativität gewürdigt, mit der Sie seit Jahrzehnten außergewöhnliche neue Welten schaffen und spannende Geschichten erzählen, die das Publikum begeistern. Was ist die Quelle dieser Kreativität?Ich gehe oft in Buchhandlungen, weil mich interessiert, was die Leserschaft interessiert. Irgendwann vor vielen Jahren lagen da mal lauter Bücher über die Titanic. Und ich dachte, das Thema wäre doch eine phantastische Idee für einen Film. Bis ich dann lernen musste, es gibt da bereits ein Script von einem gewissen James Cameron . . . Ich beschäftige mich mit dem Zeitgeist, auch deswegen bleibe ich kreativ. Es existieren viele Drehbücher von mir, die nie verfilmt wurden und die ich jetzt vielleicht mit KI umsetzen kann.Das wäre eine Kontinuität in Ihrer Arbeit. Sie haben immer mit neuer Technik experimentiert, um mit relativ kleinem Budget Filme zu machen, die teuer aussehen.Was KI angeht, bin ich noch in der Testphase. Ich will das erst einmal mit einer sehr emotionalen Szene ausprobieren, und dann werde ich mich entscheiden.Ihre Leidenschaft war immer, eigentlich unmögliche Bilder auf die große Leinwand zu bringen. Zieht Sie deshalb KI so magisch an, weil mit dieser Technik so vieles möglich scheint?Genau das ist es. Deswegen will ich einen KI-Film machen. Aber die emotionale Ebene des Films muss auch funktionieren. Das ist mir ebenso wichtig. Ich muss erst sehen, wie gut es wird. Action wird kein Problem sein. Aber emotionale Figuren mit guten Dialogen? Da bin ich mir noch nicht sicher, und das funktioniert auch noch nicht so ganz. Aber grundsätzlich sehe ich KI nicht als Bedrohung, sondern als Chance.Welche Rolle spielen dabei die steigenden Kosten bei der Filmproduktion?Das ist genau mein Problem. Meine Filme basieren nicht auf Bestsellern oder anderen bereits eingeführten Marken, um eine bereits vorhandene Fangemeinde anzusprechen. Ich mache immer etwas Neues, ein Original. Und das wird von den Filmstudios immer weniger unterstützt, weil ihnen das Risiko zu groß ist. Ich muss also neue Wege finden, meine Ideen umzusetzen. Ich könnte mit einem Budget von 15 bis 20 Millionen Dollar einen epischen Film machen. Einen Blockbuster, der groß aussieht und Spaß macht. Davon bin ich fest überzeugt.Das Budget für Ihren ersten Film „Das Arche Noah Prinzip“ haben Sie um das Doppelte überzogen. Aber danach waren Sie immer ein sehr sparsamer Filmemacher.Das ist der Schwabe in mir. In meinem Privatleben bin ich nicht sparsam. Aber ich weiß ganz genau, wie schwierig es ist, einen Film zu finanzieren, und dass ich Geld zusammenhalten muss.Bei welchen Gelegenheiten sind Sie verschwenderisch?Auch ich habe finanziell meine großen Fehler gemacht. Ich habe zum Beispiel in Bitcoin investiert, und das führte leider nirgendwo hin.Angeblich sind doch viele mit Bitcoins reich geworden.Na ja, ich habe sie relativ günstig gekauft. Alle versicherten mir: Man macht Millionen damit. Aber das ist dann leider nicht passiert.Haben Sie schon eine Idee für Ihren KI-Film?Ich habe ein Drehbuch geschrieben. Die Handlung ist in der Zukunft angesiedelt, in 500 Jahren. Da treffen verschiedene Kulturen, Aliens und Menschen bei Autorennen aufeinander. Die Rennen werden in die ganze Galaxy übertragen. Das ist die Kurzfassung der Geschichte.Aber durch KI werden in der Filmindustrie wahrscheinlich viele Arbeitsplätze verloren gehen.Aber es werden auch neue entstehen, die wir noch gar nicht kennen. Ich habe zum Beispiel ein Angebot von einem großen Studio bekommen. Und die haben bereits eine ganze Abteilung, die ausschließlich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt ist. Aber da saßen mir zu viele Leute, und obwohl ich das Drehbuch schon fertig geschrieben hatte, habe ich abgesagt.Warum?Zu viele Leute sind mir beim Filmemachen unheimlich, weil ich die Kontrolle behalten will.Die amerikanischen Gewerkschaften werden von Ihren Plänen wahrscheinlich nicht begeistert sein.In ein paar Jahren wird man das anders sehen. Denn das ist die Zukunft.Wie stellen Sie sich die Zukunft des Kinos vor?Ich glaube, die Budgets müssen vor allen Dingen wieder kleiner werden, speziell für die großen Filme. Ich spreche von den Comicverfilmungen von DC und Marvel oder dem Star-Wars-Franchise. Ich mochte diese Art von Filmen eigentlich nie, bis auf wenige Ausnahmen. Den letzten Spider-Man-Film fand ich zum Beispiel großartig oder den ersten Iron-Man-Film. Aber insgesamt ist das nicht mein Genre. Obwohl ich es mit meinen Filmen sehr beeinflusst habe, wenn man genauer hinsieht.Mit Filmen wie „Independence Day“ und „The Day After Tomorrow“ haben Sie sich den Titel „Master of Disaster“ erarbeitet. Mögen Sie dieses Label?Nein, ich hasse es, ehrlich gesagt. Denn ich habe auch ganz andere Filme wie „Anonymus“ und „Stonewall“ gemacht. Und der „Master of Disaster“ überschattet das immer. Aber das Label existiert nun einmal. Was soll ich machen?Warum heben Sie in Ihren Filmen so gerne die Welt aus den Angeln?Ich wollte immer große Filme für ein großes Publikum machen. Und in Amerika sind das eben oft Superheldenfilme. Aber wie gesagt, ich mag dieses Genre nicht. Das mag daran liegen, dass ich nicht mit Comics groß geworden bin. Ich kannte nur Asterix und Obelix. Also musste ich mir etwas anderes einfallen lassen, was das Publikum fasziniert.Sie leben mit Ihrem Ehemann zeitweilig auch in den Vereinigten Staaten. Wie hat sich das Klima im Land für Sie als offen homosexuellen Mann unter Trump verändert?Eigentlich gar nicht so viel. Wir leben in Los Angeles, und das ist eine Stadt, in der du alles machen kannst. Da leben viele Schwule und Lesben aus der Branche. Ich stelle allerdings fest, dass ich immer weniger Lust habe, die Tageszeitungen zu lesen. Das zieht mich zu sehr runter.Viele Künstlerinnen und Künstler erleben irgendwann eine kreative Blockade. Wann hatten Sie Ihre?Die habe ich nie erlebt. Mir ist immer etwas eingefallen. Und ich bleibe immer inspiriert von meinen Vorbildern. „Die unheimliche Begegnung der dritten Art“ von Steven Spielberg ist und bleibt mein Lieblingsfilm. Wenn man genau hinsieht, bauen all meine Filme letztendlich auf diesen Film auf. Aber meine Geschichten sind dann ein bisschen kritischer und gehen noch in eine andere, manchmal auch politische Richtung. Aber wie sagte Steven Spielberg gerade zum 30. Jubiläum von „Independence Day“? Wir machen alle unsere eigenen Blockbuster.