Starregisseur Roland Emmerich wurde für etwas ausgezeichnet, das selten geworden ist: Millionen Menschen ins Kino zu locken. Gespräch über Künstliche Intelligenz als Werkzeug für Filmproduktionen, Inspirationen von Shakespeare und die Kraft des Kinoerlebnisses.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenRoland Emmerich blickt konzentriert auf seinen Computerbildschirm, bevor er überhaupt „Guten Tag“ sagt. „I have to make this louder. Can you say: One, two, three?“, ruft er mir am Anfang unseres Videointerviews zu – eine Regieanweisung noch vor der eigentlichen Begrüßung, als säße er selbst hinter der Kamera und nicht vor ihr. Ich zögere kurz, welche Sprache angemessen ist, entscheide mich für Deutsch: „Eins, zwei, drei.“ Emmerich nickt zufrieden, wechselt dann selbst ins Deutsche: „Und halt, jetzt muss ich das Bild am Computer noch heller machen. Ahhh, so ist es besser.“Der 70 Jahre alte Schwabe, der seit Jahrzehnten in Los Angeles lebt und längst amerikanischer Staatsbürger ist, wirkt in diesen ersten Minuten wie sein eigener Regieassistent – akribisch, ein wenig fahrig, ganz bei der Technik. Da ich mir nach wie vor unsicher bin, in welcher Sprache wir sprechen sollen, frage ich direkt nach: „Ist es in Ordnung, wenn ich die Fragen auf Deutsch stelle, oder soll ich es lieber auf Englisch machen?“ Emmerich lacht auf: „Das ist mir wurscht.“ Von da an springt er immer wieder unvermittelt zwischen beiden Sprachen, manchmal mitten im Satz.Anlass unseres Gesprächs ist die Verleihung der Gläsernen Leinwand durch den Verband der deutschen Filmtheater in Hamburg – eine Auszeichnung, die vor ihm bereits Walt Disney, Kameramann Michael Ballhaus und James-Bond-Produzent Albert R. Broccoli erhielten. Geehrt wird damit ein Lebenswerk, das an den Kinokassen mehr als vier Milliarden US-Dollar eingespielt hat: „Independence Day“, „Godzilla“ und „The Day After Tomorrow“ zählen zu seinen größten Erfolgen, doch sein letztes Special-Effects-Epos, der Science-Fiction-Thriller „Moonfall“ geriet 2022 zum Mega-Flop.WELT: Sie sagen seit Jahren, dass das Kino als Massenmedium verschwindet. In Hamburg bekamen Sie zuletzt die Gläserne Leinwand verliehen, für Ihre Filme, die weltweit mehr als vier Milliarden US-Dollar einspielten. War das angesichts der rückläufigen Besucherzahlen in Kinos ein nostalgischer Moment oder eher ein Akt trotziger Selbstvergewisserung?Roland Emmerich: Das ist wirklich die große Frage im Moment, auf die niemand richtig eine Antwort weiß. Es gibt Studios wie Warner Bros./DC, die machen gerne Filme wie kürzlich „Supergirl“ und haben damit einen Flop hingelegt. Aber die Einschätzungen, was aus diesem Genre Erfolg haben wird, ändern sich ja sowieso ständig. Womöglich wird Paramount da demnächst noch ein Wort mitreden.Lesen Sie auchWELT: Sie meinen, wenn es darum geht, ob bei den Verfilmungen von Superhelden-Comics irgendwann der Zenit überschritten ist? Paramount will Warner für 110,9 Milliarden US-Dollar übernehmen – regulatorisch war der Deal fast durch, aber wegen einer US-Kartellklage ist er derzeit blockiert.Emmerich: Was ich damit sagen will: Die Stoffe der DC‑Comics sind für dieses Studio eine wirklich, wirklich wichtige Marke. Nicht, dass ich diese Filme besonders mag. Ich mochte die „Joker“-Verfilmung, aber das war’s dann in letzter Zeit auch schon. Disney ist im Vergleich dazu mit Marvel eher auf einem besseren Weg. Auch wenn ich nicht behaupten würde, dass ich die Filme viel besser finde. Aber dann kommt plötzlich so ein Film wie „Project Hail Mary“ mit Ryan Gosling ins Kino – und der war großartig. Es ging natürlich schon immer mal auf und ab an den Kinokassen.WELT: Früher waren Ihre Gegner im Film Asteroiden, Klimawandel oder die Alien-Invasion. Heute scheint der eigentliche Gegner des Kinos die visuelle Reizüberflutung auf Smartphones, Tablets, Streaming-Plattformen und Mediatheken zu sein. Kann das Kino gegen diese Dauerablenkung überhaupt noch gewinnen?Emmerich: Das wird sich zeigen. Ich glaube, KI-Filme können einen Lösungsansatz bieten.WELT: Die meisten Kreativen Ihrer Branche sehen KI als Bedrohung. Wo sehen Sie ihr Potenzial?Emmerich: Ich glaube ganz, ganz fest daran. Wenn man einen Computer promptet, erzeugt er schon jetzt überzeugende Bilder, beispielsweise bei Actionszenen, da funktioniert das schon. Der einzige Bereich, in dem es nicht funktioniert, ist jener der Schauspieler. Ich vertraue auf die Schauspielkunst. Das Thema „KI und die Gewerkschaft SAG“ (die „Screen Actors Guild“, die zentrale US-Gewerkschaft für Schauspieler, Anm. d. Red.) ist derzeit eher schwierig und heikel, weil sie kategorisch und komplett dagegen sind. Ich verstehe das einerseits, weil sie natürlich möglichst viele ihrer Leute in Beschäftigung halten wollen. Aber diese kategorische Ablehnung ist der falsche Ansatz, wie ich finde.WELT: Welcher Ansatz wäre der richtige?Emmerich: Als SAG-Mitglied würde ich sagen: „Okay, KI ist heute eines von vielen Werkzeugen, lasst sie uns einbinden, uns damit auseinandersetzen.“ Das wäre ein richtiger Ansatz. Und dann würde man sehen, was für großartige Arbeit dabei herauskommt.WELT: Inzwischen entstehen erste Spielfilme mit KI-generierten Hauptfiguren. Wenn eine komplett von der KI erschaffene Schauspielerin wie Tilly Norwood glaubwürdiger spielte als ein Mensch – wäre das für Sie Fortschritt oder der Moment, an dem das Kino etwas Wesentliches verliert?Emmerich: Nein, das wäre ein Rückschritt. Reale Schauspieler sind essenziell, denn wenn sie spielen, ist das Ausdruck eines menschlichen Talents. Der Einsatz von KI bedeutet ja nicht, dass dadurch Schauspieler automatisch verschwinden. Aber es wird wahrscheinlich weniger Schauspieler geben, die in Zeiten von KI erfolgreich sind. Aber nehmen Sie nur mal den Schauspieler, der Gollum gespielt hat. Wie hieß er gleich noch?WELT: Andy Serkis. Er spielt die fiktive Kreatur zunächst in einem mit Sensormarkern versehenen Lycra-Anzug. Die Aufnahmen seiner Bewegungen und Mimik dienten später als Vorlage für durch Performance-Capture-Technik am Computer erschaffene finale Figur.Emmerich: Ja, Andy Serkis ist ein verdammt guter Schauspieler. Er war es, der Gollum gespielt hat, und er war damit supererfolgreich.WELT: Aber was bedeutet KI für Ihren Job? Sie sind der Meister der großen Special-Effects-Inszenierungen, die man vorher so nie gesehen hatte. Wenn ein Produzent einen Prompt erstellte: „Inszeniere mir einen Film wie Roland Emmerich, mit UFOs und Weltuntergang“– würden Sie das als Bedrohung empfinden?Emmerich: Nein. Ich würde sagen: „Erstmal abwarten“. So leicht ist es dann doch nicht, einfach zu prompten: „Mach mal einen Film wie Roland Emmerich.“ Aber ich denke schon darüber nach, ich entwickle und verändere mich ständig weiter. Für mich persönlich ist es wichtig, mich in meiner Arbeit sicher zu fühlen, zu wissen, was ich tue. Genau deshalb will ich KI ausprobieren – und versuchen, herauszufinden, ob ich damit etwa die Produktionskosten von Filmen senken kann. Was das betrifft, ist KI für mich die einzige Lösung, das zu erreichen.Lesen Sie auchWELT: Arbeiten Sie derzeit konkret an einem Film, bei dem Sie KI einsetzen?Emmerich: Ich starte demnächst einen Test zu einem sehr, sehr emotionalen Thema. Ich will sehen, wie sich diese Emotion mithilfe von KI überträgt.WELT: Ein anderes Phänomen, das dem Kino in den letzten sechs Jahren arg zusetzte, ist die Flut an Streaming-Serien und -Filmen. Quentin Tarantino stellte dazu fest, viele dieser Serien seien zwar technisch und schauspielerisch auf hohem Niveau, man schaue dann zehn Folgen am Stück – aber er selbst könne schon zwei Tage später weder den Antagonisten benennen noch sich groß an die Handlung erinnern. Teilen Sie diese Einschätzung?Emmerich: Ja, ich habe damit genau dasselbe Problem wie Tarantino. Inzwischen gibt es so viele Streaming-Plattformen, dass sie sich gegenseitig kannibalisieren – ein großes Sterben ist da nur eine Frage der Zeit.WELT: Steven Spielberg sagte mir kürzlich, das Kino könne Menschen selbst dann noch für zwei Stunden verbinden, wenn sie sich außerhalb des Kinosaals politisch oder gesellschaftlich längst entfremdet hätten. Glauben Sie, dass das Kino diese Kraft heute noch besitzt – oder ist unsere Wirklichkeit inzwischen so fragmentiert, dass selbst die große Leinwand diese gemeinsame Erfahrung kaum noch herstellen kann?Emmerich: Ich stimme Spielberg da grundsätzlich zu. Es ist absolut notwendig, dass Menschen zusammenkommen. Ich habe mir auch oft Gedanken darüber gemacht, warum wir heute politisch manchmal so weit voneinander entfernt sind. Im Kino aber schaut man denselben Film, lacht und weint gemeinsam – und geht dann nach draußen und schlägt sich schon wieder die Köpfe ein. Ich rede jetzt nur von Amerika, aber in Europa ist es ja genauso. Ich muss zugeben, ich kann es immer noch nicht wirklich begreifen, warum Amerika derart gespalten ist. Angenommen, man sprach früher mit jemandem, der eine völlig andere Meinung hatte. Dann redete und redete und redete man, bis man irgendwann an einen Punkt gelangte – so habe ich es bisher jedenfalls erfahren –, an dem klar war: Wir haben unterschiedliche Meinungen, aber wir respektieren uns. Heute frage ich mich oft: „Wie kann es sein, dass sich in einem Kino alle auf einen Film einlassen können – aber am nächsten Tag gehen sie aufeinander los?“ Das ist sehr merkwürdig.WELT: In „Independence Day“ kann die Menschheit die Welt nur deshalb retten, weil sie nationale Interessen überwindet und gemeinsam handelt. Ist dieser Optimismus, den Ihr Film ausstrahlt, heute noch erzählbar, oder wäre derselbe Film, wenn Sie ihn heute drehten, zwangsläufig düsterer?Emmerich: Ich glaube nicht, dass ich „Independence Day“ heute düsterer inszenieren würde. Es ist ja vor allem ein unterhaltsamer Film. Und wenn man einen unterhaltsamen Film macht, braucht man am Ende auch einen unterhaltsamen Einfall. Als Jeff Goldblum und Will Smith zum Schluss quasi diesen wichtigen Alien-Code knacken – das ist so ein schöner unterhaltsamer Moment.WELT: Als beide in einem erbeuteten Alien-Schiff zum Mutterschiff fliegen und dort einen Computervirus einschleusen, der auf einem alten, bereits im Ersten Weltkrieg entwickelten Binärcode basiert und die Schutzschilde der Invasoren lahmlegt.Emmerich: Ja, dass sie mit dieser uralten Technik die Welt retten, das macht es komisch. Ein anderer großer Moment ist die Rede, die Bill Pullman in seiner Rolle als US-Präsident hält.WELT: In der er kurz vor dem finalen, weltweit koordinierten Gegenangriff auf die Aliens Zusammenhalt und Brüderlichkeit über gesellschaftliche und Ländergrenzen hinweg beschwört …Emmerich: Genau. Ich erzähle Ihnen dazu eine kleine Anekdote: Ich saß damals bei meinem Produzenten Dean Devlin zu Hause, mit dem ich gemeinsam das Drehbuch geschrieben hatte. Er sagte mir, er werde sich die St.-Crispins-Rede aus Shakespeares „Heinrich V.“ als Vorlage nehmen. Es wurde dann doch viel mehr als das. Er hat die Rede in etwa zehn Minuten geschrieben, das war’s. Das war einer dieser Momente, in denen Magie passiert. Wenn man heute mit Dean darüber spricht, sagt er: „Ich weiß auch nicht, wie ich das damals gemacht habe, aber ich habe es einfach gemacht.“ Um auf den Inhalt dieser Rede und das Kino zurückzukommen: Wir müssen Filme machen, die Menschen zusammenbringen. Das ist es, woran ich glaube. In einem Kino zusammenzukommen, sich gemeinsam emotional auf einen Film einzulassen – das könnte ein möglicher Lösungsweg sein.Zur Person:Der am 10. November 1955 in Stuttgart geborene Roland Emmerich studierte Szenenbild an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Später hatte er mit Hollywood-Blockbustern wie „Stargate“ (1994), „Independence Day“ (1996), „2012“ (2009) weltweit Erfolg. 2024 inszenierte er die Gladiatoren-Serie „Those About to Die“ für Amazon Prime Video. Darüber hinaus plant er ein Remake von „Lawrence von Arabien“ als Serie. 2001 war bei Emmerich ein Gehirntumor diagnostiziert worden – er wurde zweimal operiert. Über 20 Jahre schwieg er darüber, erst 2024 machte er die Erkrankung öffentlich.Roland Emmerich blickt konzentriert auf seinen Com
Roland Emmerich: „Die Streamer kannibalisieren sich gegenseitig – das große Sterben kommt“ - WELT
Starregisseur Roland Emmerich wurde für etwas ausgezeichnet, das selten geworden ist: Millionen Menschen ins Kino zu locken. Gespräch über Künstliche Intelligenz als Werkzeug für Filmproduktionen, Inspirationen von Shakespeare und die Kraft des Kinoerlebnisses.







