Dass die privaten Hochschulen in letzter Zeit viel öffentliche Kritik auf sich gezogen haben, ist auch dem Wissenschaftsrat nicht entgangen. Als der zentrale Akteur der externen Qualitätssicherung des privaten Hochschulsektors liegt die Verantwortung für diese Qualität schließlich auch bei ihm. Seine gerade veröffentlichten „Empfehlungen zur Weiterentwicklung des privaten Hochschulsektors“ stellen sich zwar ausdrücklich vor die Privaten, verschonen sie aber auch nicht mit teils harscher Kritik.Seit der letzten Bestandsaufnahme des Rates von 2012 sind die privaten Hochschulen mit heute rund 400.000 Studenten von einer Randerscheinung zu einem bedeutenden Teil der Hochschullandschaft geworden. Das rapide Wachstum weckt Zweifel an der Qualität ihres Lehrangebots. Der Wissenschaftsrat verwahrt sich ausdrücklich gegen „pauschale“ Zweifel, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass viele private Hochschulen mit ihrer Selbstdarstellung als reine „Bildungsdienstleister“ selbst zu diesen Zweifeln beitrügen. Wer Studenten im Wesentlichen als zahlende Kunden anspreche, erzeuge eben das „Narrativ von ‚gekauften‘ oder leichter erworbenen“ Abschlüssen.Forschung und Lehre unter RentabilitätsdruckDie Privaten gehören für den Wissenschaftsrat zum Hochschulsystem, aber kaum zum Wissenschaftssystem. Dazu falle ihr Beitrag zu Forschung und Transfer viel zu gering aus. 24 Prozent aller deutschen Hochschulen befänden sich mittlerweile in privater Trägerschaft, während ihr Anteil an den Drittmitteleinnahmen aller Hochschulen nur ein Prozent ausmache. Bei den meisten fehle für die Forschung schlicht das Personal. Es gibt für die Privaten laut Wissenschaftsrat durchaus die Chance, über den Wissenstransfer zur Lösung aktueller Herausforderungen der Gesellschaft beizutragen. Aber sie nutzten sie nicht.Ihre hohe Abhängigkeit von der zahlenden Kundschaft erschwere vielen von ihnen den Aufbau einer soliden wirtschaftlichen Basis. Zum Teil kommt das Geld von internationalen Finanzinvestoren und Private-Equity-Gesellschaften mit strikter Gewinnorientierung. Viele private Hochschulen leben deshalb von der Hand in den Mund. Die Gewinne werden abgeschöpft und strategische Entscheidungen nicht nach wissenschaftlichen, sondern unternehmerischen Prinzipien getroffen. Die Privaten sind stolz darauf, dass ihre Studenten schneller zum Abschluss kommen und seltener als an den staatlichen Hochschulen ihr Studium abbrechen. Das könnte tatsächlich an besseren Rahmenbedingungen liegen, genauso gut aber auch an „geringeren Leistungsanforderungen“, mutmaßt der Rat vielsagend.Unseriöse Vermittlungsangebote an ausländische StudentenStolz sind die Privaten auch auf ihre Attraktivität für ausländische Studenten, besonders aus Indien. Der Wissenschaftsrat verweist jedoch auf die zum Teil „unseriösen Vermittlungsagenturen“, die hinter der Rekrutierung ausländischer Studenten stünden. Die prekären Lebensverhältnisse der indischen Studenten – vor allem in Berlin – sind dank jüngster Presseberichte bekannt und geeignet, das Ansehen des gesamten deutschen Hochschulsystems im Ausland zu beschädigen. Wenn der Rat sich genötigt sieht festzustellen, dass Arbeitsmarktvorbereitung, Wissenschaft und Persönlichkeitsbildung „gleichrangige Dimensionen akademischer Bildung“ seien, kann man daraus den Schluss ziehen, dass viele Private dem nicht gerecht werden.Der Rat erinnert auch daran, dass private und staatliche Hochschulen in einem „gemeinsamen Aktions- und Verantwortungsraum“ agierten, der das Hochschul- und Wissenschaftssystem sowie die Gesellschaft insgesamt umfasse. Funktionale Differenzierung durch Konzentration auf Bildungsaufgaben oder Forschung sei durchaus wünschenswert, aber nicht entlang der Sektorengrenze zwischen den Privaten und den Öffentlichen. Das entscheidende Distinktionsmerkmal akademischer Bildung sei die enge Verbindung von Studium, Forschung und Lehre. Die privaten Hochschulen würden erst dann als gleichrangige Akteure des Hochschul- und Wissenschaftssystems anerkannt, wenn sie alle diese Bereiche auf einem Niveau anböten, das deutlich über extern gesetzte Mindeststandards hinausgehe.Anerkennung, so kann man den Wissenschaftsrat verstehen, muss man sich verdienen. Es gibt beachtliche Ausnahmen, aber die meisten privaten Hochschulen haben das offensichtlich noch nicht geschafft. Vielen dürfte das allerdings auch egal sein, solange die Rendite stimmt. Gerald Wagner
Wissenschaftsrat übt Kritik an Privathochschulen
Der Boom der Privathochschulen geht auf Kosten von Forschungs- und Lehrqualität. Der Wissenschaftsrat übt harsche Kritik.









