In einem Paper des Instituts für Hochschulforschung der Universität Halle-Wittenberg äußern Justus Henke und Peer Pasternack ihre Skepsis, ob die heutige akademische Lehre „demokratische Orientierungen“ bei den Studenten stärken könne. Ihre ungeschönte Analyse weist auch auf die Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit durch die Charakteristika der öffentlichen Hochschulfinanzierung hin. Wegen des Missverhältnisses zwischen Grundfinanzierung und disponiblen Mitteln an den staatlichen Hochschulen sehen Henke und Pasternack die Gefahr einer „finanziellen Erpressbarkeit“ der Wissenschaft.Wie groß muss diese Gefahr erst sein, wenn man als Hochschule ausschließlich über selbst erwirtschaftete Mittel verfügt? Das ist die Situation der meisten privaten Hochschulen. Deren rasches Wachstum stellt die aktuell bedeutendste Strukturverschiebung im deutschen Hochschulsystem dar: Rund dreizehn Prozent der Studenten sind hier eingeschrieben, jede vierte Hochschule ist heute eine private, davon sind rund 75 Prozent Hochschulen für angewandte Wissenschaft (HAW). Im vergangenen Herbst unterzog die „Bundesvereinigung der Professoren an HAWs“ (HLB) den privaten Hochschulsektor einer schonungslosen Analyse. Die aktuelle Situation verlange eine „verschärfte qualitätssichernde Rahmengesetzgebung“ durch die Kultusministerkonferenz und die Länder, stellt der Verband fest.Dass ein akademischer Berufsverband nach schärferer Regulierung der eigenen Arbeitsbedingungen durch den Staat ruft, ist an sich schon bemerkenswert. Zwar gebe es einzelne private Hochschulen, die ein anspruchsvolles Qualitätsniveau hielten und „wissenschaftsadäquate Arbeitsbedingungen“ böten. Die Probleme der Privaten verschärften sich jedoch dort, wo ökonomische Interessen und ausschließliche Fokussierung auf die Gewinnerzielung die Ausgestaltung dieser Hochschulen dominierten.Grenzen der fachlichen KapazitätDie Stellungnahme listet zahlreiche Merkmale auf, die es für Professoren an privaten Hochschulen sehr viel schwieriger machen als für ihre Kollegen an staatlichen Hochschulen, in Lehre und Forschung ihre Wissenschaftsfreiheit auszuüben, darunter insbesondere die in den Arbeitsverträgen festgelegte „weisungsgebundene Vertretung“ des eigenen Faches. Es reiche nicht, die Ausgestaltung von Wissenschaftsfreiheit in bloße „Codes of Conduct“ mit unternehmerischem Charakter zu verlagern. Stattdessen fordert der HLB die Übernahme des schon 2020 von der Kultusministerkonferenz erlassenen Musterparagrafen für die Sicherstellung der Wissenschaftsfreiheit auch für die privaten Hochschulen. Leider hätten bisher nur wenige Länder diesen Paragrafen in ihre Hochschulgesetze übernommen.An den Wissenschaftsrat richtet der Verband die Bitte, die Grenzen der fachlichen Kapazität einer Professur an den Privathochschulen festzulegen, da es dort gängige Praxis sei, den Lehrbetrieb mit möglichst wenig Personal bewältigen zu können. Darum müssten viele Professoren, die an diesen Hochschulen als „Vorlesungsavatare“ verspottet würden, Lehrveranstaltungen abhalten, die „jenseits des eigenen wissenschaftlichen Kompetenzbereichs“ lägen. Sprich: Man lehrt etwas, das man selbst nicht mal studiert hat. Dass man zu einem solchen Fach wissenschaftlich durch eigene Forschung nichts beitragen kann, versteht sich wohl von selbst. Es ist an sich schon ein Skandal, dass so etwas als akademische Lehre verkauft werden kann.Obendrein ist laut dem Verband der Prozess der institutionellen Akkreditierung der Hochschulen durch den Wissenschaftsrat intransparent. Es existierten sogar private Hochschulen, die nie durch den Rat akkreditiert worden seien. Bei der Systemakkreditierung erfolge eine regelmäßige Qualitätssicherung innerhalb der Hochschulen, während die Qualität der Studiengänge nur in „sehr weiten Abständen von außen“ überprüft werde. Es sollte auch möglich sein, dass sich Professoren an den Privaten „angstfrei“ zu Fragen der Qualitätssicherung an ihren Hochschulen einbringen. Offensichtlich ist das nicht der Fall.Insgesamt, so der Verband, entstehe der Eindruck, die Einschätzung des Wissenschaftsrates habe bei den privaten Hochschulen zu wenig Gewicht und werde nicht mit dem nötigen Nachdruck umgesetzt und nachverfolgt. Auch die Besoldung der Professoren an sei „in der Regel“ deutlich schlechter als an den staatlichen Hochschulen. Verlangt ein Landeshochschulgesetz wie das Berliner auch eine wirtschaftliche Gleichstellung von privaten und staatlichen Professuren, wird die Hochschule eben in einem Land angesiedelt, das dies nicht vorschreibt. Dann muss man auch an der Zweigstelle keine W2-Besoldung zahlen.Der HLB nennt das „Rosinenpickerei“, gegen die nur die Übernahme der Berliner Regelung in die Hochschulgesetze aller Bundesländer helfen könnte.Kostensparsame und kostenintensive HochschulenJüngere Publikationen zur Lage der privaten Hochschulen zeigen, dass die Klagen des HLB nicht übertrieben sind. Justus Henke und Ernst-Heinrich Haerter nennen in einer Studie des Instituts für Hochschulforschung zu den Drittmittelvolumina von privaten Hochschulen einen großen Teil dieser Fachhochschulen eher „forschungspassiv“. Henke und Haerter zufolge lässt sich der private Sektor in kostensparsame, hybride und kostenintensive Hochschulen aufgliedern. Die kostensparsamen Privaten wiesen das größte Wachstum auf. Die Hochschulen erschlössen sich hier Nischen, die öffentliche Hochschulen weniger bedienten. Sie trügen damit immerhin zur Akademisierung praxisorientierter Berufsfelder bei und böten Studienmodelle an, die auf die Bedürfnisse von berufstätigen oder anderweitig nichttraditionellen Studenten zugeschnitten seien.Leider zeigten die Betreuungsrelationen eine große Polarisierung: Kostensparsame Hochschulen operierten mit 121 und hybride mit 66 Studenten je Professur äußerst ressourceneffizient. Zum Vergleich: Staatliche HAWs verzeichnen Betreuungsrelationen von 48 Studenten pro Professur. Es bleibt schleierhaft, wie solche Lehrbedingungen „demokratische Orientierungen“ bei den Studenten stärken könnten. Die Forschung, so das Ergebnis der Studie, bleibe angesichts der unternehmerisch gebotenen Priorisierung der Lehre bei den meisten Privaten ein Schwachpunkt. Dazu passt eine aktuelle Studie des „ProPriHo“-Projekts zur Erforschung der privaten Hochschulen, der zufolge die Forschung dort – wenn überhaupt – eher „in der Freizeit“ von Professuren stattfindet.Im Ganzen verweisen die Studien nicht nur auf Probleme innerhalb von Einzeleinrichtungen, sondern auf eine strukturelle Herausforderung des Hochschulsystems. Sie verlangen nach deutlich mehr staatlicher Aufsicht und Regulierung, als dies bisher der Fall ist. Die besonderen Bedingungen professoraler Arbeit im privaten Sektor müssten systematischer in den Blick genommen werden, um Qualitätssicherung und Wissenschaftsfreiheit auch hier zu gewährleisten.
Privathochschulen im Wachstumsstress
Unter dem raschen Wachstum der Privathochschulen leidet die Qualität des Lehrangebots. Selbst der Berufsverband ruft nach strengeren Vorgaben.






