Krisenstimmung in Peking: Chinas Wirtschaft verliert deutlich an DynamikIm zweiten Quartal fiel das Wachstum auf den tiefsten Stand seit mehr als drei Jahren. Nur einen Lichtblick gibt es: den Exportsektor.15.07.2026, 11.58 Uhr4 LeseminutenEinziger Lichtblick für Chinas Wirtschaft: In der ostchinesischen Provinz Shandong stehen Fahrzeuge zum Export bereit.AP ChinatopixDer Druck auf die chinesische Wirtschaft wird immer grösser. Die Verkäufe von Hausgeräten oder Pkw befinden sich im freien Fall. Die Umsätze am Markt für Häuser und Wohnungen schrumpfen auch fünf Jahre nach dem Platzen der Immobilienblase ungebremst. Immer mehr Unternehmen melden beängstigend schlechte Geschäftszahlen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wie zur Bestätigung legte die nationale Statistikbehörde der chinesischen Regierung am Mittwoch Wirtschaftszahlen vor, die den Machthabern in Peking Schweissperlen auf die Stirn treiben dürften. Die chinesische Wirtschaft wuchs zwischen April und Juni im Jahresvergleich nur noch um 4,3 Prozent. Abgesehen von der Corona-Krise war die Dynamik letztmals während der frühen 1990er Jahre so schwach.Mit der jetzt veröffentlichten Wachstumsrate liegt China auch unter dem Wachstumsziel der Regierung von 4,5 bis 5 Prozent für das Gesamtjahr. Im ersten Quartal 2026 war das chinesische Bruttoinlandprodukt noch um 5 Prozent gewachsen.Sinkende Saläre drücken das VerbrauchervertrauenDie neusten Daten enttäuschen in den meisten Bereichen. So wuchsen die Umsätze im Detailhandel im Juni im Vergleich zum Vorjahresmonat nur um ein mageres Prozent. Die Investitionen fielen im ersten Halbjahr um satte 5,7 Prozent. Zwischen Januar und Mai hatte das Minus nur bei 4,1 Prozent gelegen.«Die schwache Inlandsnachfrage ist weiterhin das schwächste Glied der chinesischen Wirtschaft», so Sarah Tan, Analystin bei Moody’s Analytics in Schanghai. Immer mehr Unternehmen bauen Arbeitsplätze ab, die Saläre sinken, und Wohnungen und Häuser verlieren an Wert: All das drückt massiv auf das Verbrauchervertrauen. Und so geht es schon seit einigen Quartalen.Bei den Unternehmen schmälern die gewaltigen Überkapazitäten die Gewinne. Weil sich viel zu viele Anbieter in zahlreichen Branchen mit immer tieferen Preisen zu unterbieten versuchen, schrumpfen die Gewinne. Die Folge: Die Firmen kaufen immer weniger Vorprodukte ein und streichen Arbeitsplätze. «Die Konsumenten halten sich mit Ausgaben zurück, die Unternehmen mit Investitionen», resümiert die Analystin Tan.Die Versuche der Regierung, in Sparten wie der Auto- oder der Solarindustrie für eine Konsolidierung zu sorgen, haben bisher nur bescheidene Erfolge gebracht. Die mächtigen Lokalfürsten sträuben sich dagegen, unrentable Betriebe stillzulegen, denn sie fürchten sich vor einem Heer von Arbeitslosen. Und so setzt sich das Rennen in den Abgrund, von dem Beobachter sprechen, in zahlreichen Branchen fort.Xiaomi und Meituan entlassen MitarbeiterAnfang der Woche meldete Meituan, der grösste Lieferdienst des Landes, 2000 Stellen streichen zu wollen. Doch das ist offenbar nur die halbe Wahrheit. Chinesische Medien zitieren Mitarbeiter des Unternehmens, die von dem umfangreichsten Stellenabbau des Unternehmens der jüngeren Geschichte sprechen. Meituan, dessen Fahrer vor allem frische Speisen ausliefern, liefert sich seit Jahren einen brutalen Verdrängungswettbewerb mit zwei Konkurrenten.Auch bei Xiaomi, bekannt für seine Handys und schicken Elektroautos, regiert der Rotstift. Das Unternehmen will in zahlreichen Sparten Stellen abbauen, auch weil die Gewinne jüngst deutlich fielen. Ein Mitarbeiter sagte gegenüber dem Wirtschaftsmagazin «Caixin», in seiner Abteilung müssten auf Geheiss der Konzernleitung die Kosten um 20 Prozent sinken. Das Unternehmen wolle sich vor allem von älteren, gut bezahlten Mitarbeitern trennen.Die tatsächliche Arbeitslosenquote liegt bei 10 ProzentDie Arbeitslosenquote betrug nach Angaben der staatlichen chinesischen Statistiker im Juni 5 Prozent. Li Daokui, einer der angesehensten Ökonomen Chinas, macht allerdings eine andere Rechnung auf.Li, der an der angesehenen Tsinghua-Universität lehrt und forscht, hat sich die offiziellen Daten vorgenommen und zusätzlich die Personen in seine Berechnungen einbezogen, die seit mehr als zwei Jahren auf Jobsuche sind. Eine Gruppe, die die Regierung vor zwei Jahren aus der Statistik genommen hat. Das Ergebnis fällt ernüchternd aus: Danach sind 10,2 Prozent der Chinesen im erwerbsfähigen Alter arbeitslos.Li macht ein «allgemeines Fehlen eines wirtschaftlichen Momentums» aus. Über die vergangenen drei Jahre sei die Dynamik äusserst schwach gewesen.Der einzige Lichtblick ist der Exportsektor. Im Juni stiegen die Ausfuhren um mehr als 27 Prozent, getrieben vor allem von einer globalen Nachfrage nach Technologiekomponenten wie Speicherchips und Computerteilen. Der Grund dafür ist der Boom bei der künstlichen Intelligenz. Chinas Handelsbilanzüberschuss liegt mittlerweile bei fast 1,3 Billionen Dollar. Spannungen mit anderen Regionen wie der Europäischen Union sind programmiert.Der Ministerpräsident sorgt sichDoch der rasante Anstieg bei den Ausfuhren reicht nicht aus, um für die Gesamtwirtschaft spürbare Impulse zu liefern. Von dem Boom profitiert nur eine begrenzte Zahl an Mitarbeitern und Unternehmen. Chinas Regierung muss vor allem für eine Stabilisierung der Inlandsnachfrage sorgen.Um einen Eindruck von der derzeitigen chinesischen Wirtschaft zu bekommen, rief der Ministerpräsident Li Qiang vor wenigen Tagen führende Ökonomen des Landes und eine Handvoll Unternehmer zu sich. Danach liess der Regierungschef erkennen, dass es möglicherweise ein Stimulusprogramm braucht, um der Wirtschaft neues Leben einzuhauchen. Das Treffen des Politbüros der Kommunistischen Partei Ende des Monats könnte entsprechende Massnahmen beschliessen.Das Problem dabei ist, dass der Regierung zu einem grossen Teil die Hände gebunden sind. China blickt nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich auf eine Verschuldung von mehr als 300 Prozent der Wirtschaftsleistung. Für ein Schwellenland ist das ein beängstigend hohes Niveau.Passend zum Artikel
Krisenstimmung in Peking: Chinas Wachstum auf einem Tiefpunkt
Im zweiten Quartal fiel das Wachstum auf den tiefsten Stand seit mehr als drei Jahren. Nur einen Lichtblick gibt es: den Exportsektor.











