Der Klimawandel ist eine existenzielle Bedrohung. Wie sollen wir uns dazu emotional verhalten? Einige plädieren für Angst. Greta Thunberg richtete sich 2019 mit einem Appell an die Weltöffentlichkeit, nicht auf Hoffnung zu setzen: „Ich möchte, dass ihr die Angst spürt, die mich jeden Tag begleitet. Und dann will ich, dass ihr handelt.“ Auch aus wissenschaftlicher Sicht wurde Angst wiederholt als angemessene Reaktion dargestellt: Angst schärfe die Aufmerksamkeit und motiviere zum Handeln. Das ist nicht falsch. Die von Thunberg initiierte Klimabewegung Fridays For Future ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie die Angst vor der Klimakatastrophe politisch wirksam werden kann.Dauerhaft bietet Angst aber keine tragfähige Basis, um den ökologischen Herausforderungen unserer Gegenwart zu begegnen. Angst kippt schnell in Verzweiflung oder Resignation, das haben wir auch bei der Klimabewegung erlebt. Für eine Herausforderung, die uns über Jahrzehnte begleiten wird, braucht es eine andere Haltung: praktische Hoffnung.In Afrika sind schon heute viele Menschen unmittelbar durch den Klimawandel bedroht. Als Anthropologen haben wir im Rahmen des Hamburger Exzellenzclusters CLICCS dazu geforscht, wie Menschen in ländlichen Regionen Kenias und Namibias mit der Bedrohung umgehen. Ein überraschendes Ergebnis unserer Forschung ist: Statt Angst begegnet uns ein hohes Maß an Hoffnung. Bei dieser Hoffnung handelt es sich nicht um blinden Optimismus oder passives Vertrauen auf höhere Mächte. Stattdessen bedeutet Hoffnung hier, im Angesicht von Rückschlägen und Bedrohungen so zu handeln, dass die Möglichkeit einer guten Zukunft offen bleibt.Mary Achieng ist eine Kleinbäuerin im Westen Kenias. Als sie vor zwei Jahren ihr Feld aussät, hört der Regen plötzlich auf. Die Saat verdorrt. Mary sät ein zweites Mal. Dieses zweite Säen ist ein Akt praktischer Hoffnung. Mary kann nicht sicher sein, dass es diesmal klappen wird. Aber indem sie noch einmal sät, macht sie eine Ernte zumindest möglich.„Beharrlichkeit“ und „Umorientierung“Der französische Philosoph Gabriel Marcel hat während des Zweiten Weltkrieges unter deutscher Besatzung über Hoffnung nachgedacht. Er unterscheidet zwei Formen. Eine dieser Formen lässt sich als „Beharrlichkeit“ umschreiben: Trotz Rückschlägen hält man an seinem Ziel fest und versucht es erneut. Marys wiederholte Aussaat ist ein Beispiel. Manchmal gerät Beharrlichkeit aber an ihre Grenzen: Wenn ein Ziel nicht länger erreicht werden kann, braucht es einen Kurswechsel. Marcel beschreibt diese zweite Form der Hoffnung als „Umorientierung“.Khomda hat sein Leben lang als Viehhirte im ariden Nordnamibia gelebt. Mit dem Klimawandel wird Viehhaltung in dieser Region immer schwieriger. Khomda sieht, dass eine rein pastorale Existenz nicht mehr möglich ist. Er beginnt, einen Garten anzulegen. Mithilfe eines Brunnens und einer solarbetriebenen Wasserpumpe baut er Gemüse für den Eigengebrauch an. Und das, obwohl Gartenbau in dieser Region weitestgehend unbekannt und für viele zunächst unvorstellbar ist. Hier zeigt sich Hoffnung in ihrer zweiten, radikaleren Form. Statt an einer unmöglich gewordenen Lebensweise festzuhalten, orientiert sich Khomda um und beginnt etwas radikal Neues.Die Hoffnung, die uns in diesen Beispielen begegnet, vertröstet nicht und führt nicht in die Apathie. Sie ist kein „Hopium“, wie es Kritiker der Hoffnung meinen. Stattdessen handelt es sich um eine praktische Haltung zur Welt, die in dreierlei Hinsicht effektiv ist. Zunächst verändert sie Wahrscheinlichkeiten. Wenn Mary erneut sät, ist eine Ernte nicht garantiert, aber wenn sie nicht sät, ist das Scheitern sicher. Zweitens verändert Hoffnung die Hoffenden selbst. Die Menschen in Kenia und Namibia sprechen davon, dass man ein „starkes Herz“ gewinnt, wenn man Herausforderungen handelnd begegnet, statt vor ihnen zu kapitulieren: Hoffnungsvolles Handeln schreibt sich in den Körper ein und macht die Hoffnung selbst belastbarer. Schließlich wirkt Hoffnung auch sozial. Khomdas Gartenbauprojekt fand schnell Nachahmerinnen und Nachahmer. Andere sahen, dass Khomda zusätzliche Nahrung gewann, und ließen sich von seiner Begeisterung anstecken. Praktische Hoffnung schafft eine Atmosphäre, in der Veränderungen denkbar werden.Unsere anthropologischen Erkenntnisse sind auch für den deutschen Kontext relevant. Lange Zeit wurde der Klimawandel hierzulande als etwas Abstraktes begriffen: als Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur, dessen Auswirkungen uns in Bildern von Bränden und Fluten aus fernen Weltregionen begegnen. Heute begegnet uns der Klimawandel konkret. Die jüngsten Hitzewellen sind nur eines von vielen Beispielen. Das ist besorgniserregend, aber es bietet auch Möglichkeiten zum Handeln. Wir sind zunehmend in der Situation, in der Menschen wie Mary und Khomda sich schon seit einiger Zeit befinden. Wir können also etwas von ihnen lernen.Auf ökologische Veränderungen reagierenDie erste Lehre ist, genau hinzuschauen. Nur wenn wir wahrnehmen, welche ökologischen Veränderungen sich in unserer unmittelbaren Umgebung abspielen, können wir darauf auch handelnd reagieren.Zweitens: Hoffnungsvolles Handeln muss nicht spektakulär sein. Entsiegelung und Begrünung, Regenwasserspeicher und Wiedervernässung von Mooren, solidarische Landwirtschaft und „Urban Gardening“ sind einige der zahlreichen Möglichkeiten, auf lokaler Ebene aktiv zu werden. Solche konkreten Handlungsmöglichkeiten hat Anita Engels in ihrem Buch „Die Klimawende jetzt organisieren“ untersucht.Drittens: Lokale Hoffnungsprojekte ersetzen keine nationale und internationale Klimapolitik. Aber sie sind auch nicht wirkungslos. Sie verändern etwas im Kleinen – auf ökologischer, persönlicher und sozialer Ebene. Wo im Kleinen die Erfahrung gemacht wird, dass sich gemeinsam positive Veränderungen herbeiführen lassen, da wächst auch in der Gesellschaft der Sinn für die Möglichkeit größerer Veränderungen.Beim Klima die Hoffnung wiederzugewinnen, ist politisch relevant. Die gegenwärtige Atmosphäre in unserem Land ist stark von Angst geprägt: Angst vor Krieg, vor wirtschaftlichem Niedergang, vor ökologischem Kollaps. Angst aber treibt Menschen in die Arme radikaler Bewegungen, die einfache Lösungen versprechen, notwendige Transformationen jedoch ablehnen und verhindern. Den Herausforderungen des Klimawandels auf lokaler Ebene gemeinschaftlich zu begegnen, bietet eine Möglichkeit, demokratische und ökologische Hoffnung zurückzugewinnen.Michael Schnegg ist Professor am Institut für Ethnologie der Universität Hamburg. Im Exzellenzcluster CLICCS erforscht er, wie der Klimawandel wahrgenommen und empfunden wird.Julian Sommerschuh ist Anthropologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Exzellenzcluster CLICCS. Er erforscht, wie der Klimawandel in Afrika und Deutschland erlebt wird.