Spanien erteilt Frankreich eine Lektion, wie sie in der WM-Geschichte selten ist. Trainer Didier Deschamps blamiert sich in seinem letzten grossen SpielDie Entzauberung Frankreichs wirft die Frage auf: Wie konnte es dazu kommen, dass die Mannschaft als unschlagbar galt. Spanien dagegen erinnert an die grossen Jahre zwischen 2008 und 201215.07.2026, 06.09 Uhr4 LeseminutenPedro Porro feiert Spaniens Finaleinzug.ImagoKlasse und Grösse: Das sind die Kriterien, die Champions auszeichnen, nicht nur bei dieser Fussballweltmeisterschaft. Legt man diese Kriterien zugrunde, dann hat der französische Nationaltrainer den Massstab vollkommen verfehlt. Klasse zeigte die Mannschaft im Halbfinal gegen die Spanier auf dem Feld nicht in dem Masse, wie es ihr zugetraut worden war, und der Trainer Didier Deschamps begab sich hinterher, in der Pressekonferenz, auf das Niveau des kärglichen Auftritts: Er sprach von technischen Schwächen, die nicht dem sonstigen Niveau der Mannschaft entsprachen, er sprach von Defiziten bei der Erholung, und er stellte die Frage, ob die Journalisten die Leistung des Schiedsrichters in diesem Halbfinal für angemessen hielten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Deschamps, der ratlose FeldherrWas der französische Nationaltrainer sagte, lief also darauf hinaus: «Ich habe mit diesem Ausscheiden nichts zu tun, die Verantwortung liegt bei anderen.» Das war so durchsichtig, dass man es kaum ernst nehmen konnte, denn er hatte ganz offensichtlich nichts anderes im Sinn, als davon abzulenken, dass die Franzosen die in sie gesetzten Erwartungen verfehlt haben und dabei regelrecht deklassiert wurden. Deschamps wirkte in seiner Bärbeissigkeit wie ein verdatterter Feldherr, der es mit einer völlig neuen Waffengattung zu tun bekommt, deren Existenz er zuvor nicht einmal erahnte.Dabei schien doch alles bereit für den Triumph der Franzosen. Wer soll sie stoppen, diese stupende Angriffsmaschinerie mit Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé und Michael Olise? Der Europameister Spanien? Eine Hürde, sicher, wenn auch keine kleine. Vergleiche wurden gezogen mit den besten Angriffsreihen der WM-Geschichte: Brasilien 2002 mit Rivaldo, Ronaldo, Ronaldinho und Kaká. Oder den legendären Brasilianern Pelé, Didi, Vavá und Garrincha von 1962.Nur garantiert eine solche Ansammlung von phänomenalen Spielern eben noch kein gutes Abschneiden – und wenn man auf den Auftritt der Franzosen blickt, dann kann man sagen, dass der Trainer die grosse Fussballbühne nun, in seinem letzten grossen Spiel, durch die Hintertür verlässt. Vor 14 Jahren hat er die Equipe Tricolore übernommen, die Ergebnisse waren in der Summe überragend. 2018 gelang die Krönung zum Weltmeister, 2022 war Frankreich gegen Argentinien Finalist in einem der spektakulärsten Spiele, die dieser Wettbewerb je gesehen hat. Ein wenig erinnert es an die Ära von Joachim Löw in Deutschland: Konstanz auf allerhöchstem Niveau, der grösste Titel wurde gewonnen – und doch bleibt das Gefühl zurück, dass mit einer solch erlesenen Schar an Spielern mehr drin gewesen wäre.Aber wird das den Möglichkeiten tatsächlich gerecht? Immerhin: Einmal, 2018, formte Deschamps eine Mannschaft, der kein Konkurrent beikommen konnte. Effizient, schnörkellos, das genaue Gegenteil von dem Spektakel, für das das aktuelle Trio mit Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé und Michael Olise steht. Damals aber war das Niveau des Teams in der Summe ein anderes. Es konnte besser verteidigen, es hatte die besseren Abwehrspieler, es hatte ein Mittelfeld von Weltklasse: Paul Pogba und N'Golo Kanté stellten jeden Gegner vor Probleme.Die Illusion der Unschlagbarkeit zerplatzte schnellAber heute? Läuft Frankreichs Fabeloffensive Gefahr, zu den Harlem Globetrotters der Fussballgeschichte zu werden. Denn einmal mehr zeigte sich: Spiele werden nicht selten im Zentrum entschieden. Wer die 90 Minuten sah, wie chancenlos die Franzosen waren, der konnte sich nur fragen, woher eigentlich diese Illusion gekommen war, dass Frankreich als Favorit in dieses Spiel gegen Spanien gehen würde. So talentiert das Offensivtrio auch ist – es wurde restlos neutralisiert von einem spanischen Mittelfeld und einer Defensive, die höchsten Ansprüchen genügte.Der Grad der Perfektion des Gegners war zuweilen verstörend, im Modejargon würde man von einer «Master Class» sprechen. Fabián Ruiz, Rodri, aber auch der Innenverteidiger Pau Cubarsi und die Aussenverteidiger Marc Cucurella und Pedro Porro: Das waren die Spieler, die Spaniens Spiel prägten und für Frankreich unüberwindbar waren. Auch zeigte sich, wie sehr die Illusion, der Weg zum Titel sei frei für die Franzosen, von Paris Saint-Germain geprägt war: Denn dort verlässt man sich im Mittelfeld eben nicht auf französische Fachkräfte, sondern vertraut auf den Portugiesen Vitinha und den Spanier Fabián Ruiz.Auch Ruiz hat einen grossen Anteil daran, dass Spanien nun, wie schon 2010, nach dem Gewinn der Europameisterschaft auch Weltmeister werden kann. Und vielleicht wird man, wenn der Titelgewinn gelingt, erkennen, was Spanien tatsächlich ist: eine der ganz grossen Mannschaften, die der Weltfussball gesehen hat. Die Ursache für das Aus der Franzosen ist also weit weniger beim Schiedsrichter zu suchen als bei einem Gegner, dessen Grad an Perfektion so hoch war, wie man ihn selbst in einem WM-Halbfinal so gut wie nie zu sehen bekommt. Nahezu fehlerfrei im Kombinationsspiel, kompromisslos im Zweikampf, hart und voller Einsatz.Sein Team habe sich absolut und ausschliesslich dem Erfolg bei dieser Weltmeisterschaft verschrieben, sagte Trainer Luis de la Fuente, der weniger in Rätseln sprach als sein französischer Kollege und haarklein erklärte, wie es um seine Mannschaft bestellt ist. Was de la Fuentes Sätze trotz grossem Pathos aber auch reflektierten, war eine Demut vor der Aufgabe, an der es den Franzosen offenbar gebrach: Wenn die Mannschaft die Mentalität ihres Trainers reflektiert, dann ergibt sich ein sehr klarer Eindruck von diesen Spaniern.Spanien vor einer neuen Ära?Dass ihn seine Mannschaft bisweilen ein wenig überraschte, daran erinnerte de la Fuente, und er verwies darauf, wie sie in das Turnier gestartet war: mit einem 0:0 gegen die Kapverden. Nun könnte Spanien historisch anschliessen. Die Weltmeisterschaft 2010 begann mit einem 0:1 gegen die Schweiz.Steigerungen waren ihnen damals vertraut, und sie waren nötig; der Halbfinal gegen eine hervorragende deutsche Mannschaft verlief fast wie eine Blaupause des heutigen Spiels. Doch genau wie 2010 an der WM festigt sich diese Mannschaft auch dann, wenn sie zeitweise in Schwierigkeiten gerät. Zuzutrauen ist ihr daher alles. Auch weit über diese Weltmeisterschaft hinaus.Passend zum Artikel