KommentarBenjamin SteffenWir haben aufgehört, an die perfekte Fussball-WM zu glauben – deshalb schauen wir weiterDas Turnier ist zu gross und zu komplex geworden, um es als Ganzes zu erfassen. Was bleibt, entscheiden weder die Fifa noch die Politik – sondern die Zuschauenden. Sie haben die Wahl, was sie wie ernst nehmen.15.07.2026, 05.35 Uhr7 LeseminutenJede Fussball-WM fügt sich irgendwann zu einem Gesamtkunstwerk zusammen. Nicht wegen der Fifa, sondern weil Millionen von Zuschauern jeweils ihre ganz eigene Geschichte dazu stricken.MATT SLOCUM / APEs war «ein sehr, sehr besonderer Moment», Thomas Tuchel hatte so lange darauf gewartet. «Hören Sie», sagte Tuchel. «Als ich jung war, und auch noch, als ich meine Trainerkarriere begann: Da war es ein zu grosser Traum, jemals eine solche Karriere zu haben.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So schilderte der Trainer des englischen Nationalteams seine Gedanken und Gefühle bei der WM-Premiere gegen Kroatien Mitte Juni. Das erste Gruppenspiel und die Minuten zuvor, die Nationalhymne, «ein sehr, sehr besonderer Moment» – und da stand vor Tuchel «eine Wand aus etwa fünfzig Fotografen, einen halben Meter entfernt, und ich sah keinen einzigen meiner Spieler». Weder Harry Kane noch Jude Bellingham, die beiden Stars. Und auch Dan Burn nicht. Dan Burn? Moment.In Tuchels Worten zeigte sich, was eine Fussball-WM ist: ein Kindheitstraum – und letztlich so überladen, dass er im Moment der Erfüllung zu platzen droht. Wir sehen vor lauter Bäumen den Wald und vor lauter Medien das eigene Team nicht mehr.Die Fussball-WM ist zu gross geworden, als dass die Protagonisten sie noch geniessen könnten – fünfzig Fotografen, einen halben Meter entfernt. Und die Fussball-WM und ihre Deutungen sind so üppig geworden und so komplex, dass uns nichts anderes mehr übrig bleibt, als das Turnier Stück für Stück zu sezieren – und die Stücke zu nehmen, die uns guttun. Die Fussball-WM lehrt uns, selber zu entscheiden: Was glauben wir?Manchmal war diese WM zu schön, um wahr zu seinDie WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada schien schon verloren, bevor sie begonnen hatte. Zu viele Mannschaften. Zu viele Spiele. Zu viele Unterbrüche. Zudem: Donald Trump, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Gianni Infantino, der Präsident des Weltfussballverbands Fifa. Ihre Nähe. Debatten über Kommerz und Macht. Wer sie suchen wollte, fand vor dem Eröffnungsspiel genügend Gründe, diese WM abzuschreiben.Und trotzdem: Sie hat auch zu begeistern vermocht. Für manche der Schweizer wegen. Vor allem aber: weil eine WM – sorgfältig zusammengesetzt – grösser wird als ihre Organisatoren.Dank vielen Mosaiksteinchen. Dank Vozinha, dem Goalie von Kap Verde, 40 Jahre alt, erstmals an einer WM. Wer in Mitteleuropa kannte ihn vor diesem Turnier? Bis er die Spanier zur Verzweiflung und die Anzahl der Instagram-Follower in neue Höhen trieb.Dank Lionel Mpasi, dem Goalie der Demokratischen Republik Kongo. Wer in der Schweiz oder in England kannte ihn vor dieser WM?Dank Jude Bellingham, dem Engländer, der im Sechzehntelfinal wiederholt an Mpasi scheiterte – und ihn nach einer neuerlichen Parade herzlich umschlang, als verspürte er in diesem Moment keinen Frust, sondern nichts als tiefe Anerkennung.Es gab so viele solche Bilder: wie sich gegnerische Spieler die Hand gaben, sich auf die Schulter klopften. Manchmal war diese WM fast zu schön, um wahr zu sein. Denn: Sie war zu Fussball geworden. Packende Spiele. Viele Tore. Spitzenspieler in Hochform. Aussenseiter ebenso. Neue Gesichter. Alte Bekanntschaften.Kein Rekord wird übersehen, trotz Trump und InfantinoBis Trump und Infantino doch noch Hauptrollen beanspruchten. Bis sie zuliessen, dass es hiess, ein Telefonat von Trump habe dem US-Stürmer Folarin Balogun eine Spielsperre erspart. Bis sie all die Beteuerungen ad absurdum führten, Sport sei nicht auch Politik. Wer’s glaubt, wer’s jemals geglaubt hat.Vor der WM 2022 hatte Infantino die Verbände der WM-Teilnehmer schriftlich dazu aufgefordert, sie sollten «bitte» nicht zulassen, dass «der Fussball in jeden ideologischen oder politischen Kampf hineingezogen wird, den es gibt». Danach reiste er – fern ideologischer oder politischer Gedanken – an den G-20-Gipfel und brachte den Vorschlag auf, den Krieg zwischen Russland und der Ukraine während der WM ruhen zu lassen.Manche Menschen redeten sich den Mund fusselig aus Entsetzen über den Fall Balogun. Verständlich. Zu Recht. Aber es steht den Zuschauenden frei, worüber sie reden. Woran sie denken. Was sie glauben. Weil es nicht um Leben und Tod geht. Ja, es geht um Leben und Tod, um Krieg und Frieden bei den Themen von Trump. Aber nicht an der Fussball-WM. Es ist die Erkenntnis dieser Endrunde 2026: Verständigen wir uns doch darauf, dass die WM nicht mehr ist, was wir einst glaubten – sie ist nicht nur zu laut, zu kommerziell, zu politisch, sondern auch zu widersprüchlich und zu scheinheilig.Reden wir am Ende doch über Tuchel. Über Dan Burn, einen Verteidiger, den kaum jemand im WM-Kader erwartet hatte. Tuchel war kritisiert worden, weil er den einen oder anderen Star und Künstler nicht nominiert hatte – aber Burn! Tuchel hatte gewusst, warum. Er wechselte Burn im Achtelfinal gegen Mexiko ein, als die Engländer in Führung und in Unterzahl waren. In bloss 28 Minuten gelangen Burn, 1 Meter 98 gross, acht erfolgreiche Abwehraktionen. Analysten wollen herausgefunden haben, dass seit 1966 kein WM-Spieler, der so spät eingewechselt worden ist, häufiger rettend eingegriffen hat.So viel Übersicht lässt die WM noch zu: Kein Rekord wird übersehen. Trotz fünfzig Fotografen, trotz Trump und Infantino. Ja, trotz allem hat die WM auch zu begeistern vermocht.Dank Guillermo Ochoa, dem Ersatzgoalie von Mexiko, der plötzlich auch wieder aufkreuzte, im letzten Gruppenspiel, als Einwechselspieler in der 77. Minute – seit dem 13. Juli ist er 41 Jahre alt. Er nahm zum sechsten Mal an einer WM teil, mit ihm realisieren wir, wie wir älter geworden sind. Wir merken, dass wir ihn schon einmal gesehen haben, wissen aber nicht mehr, wo genau, und ob er damals gut hielt oder weniger gut, ob er Matchwinner war oder Pechvogel. Einerlei.Dank Manuel Neuer, dem Torhüter der Deutschen, der plötzlich ebenfalls wieder aufkreuzte. Wie oft hatte er in den vergangenen Monaten betont, nicht mehr für das Nationalteam zu spielen. Ob es dabei bleibe, «komme, was wolle», war er einst gefragt worden: «Ja», lautete die Antwort. Nun spielte er an der WM doch wieder für das Nationalteam, und als ihn nach der Niederlage gegen Ecuador jemand fragte, ob er das zweite Gegentor «auf seine Kappe» nehme, antwortete er mit derselben Überzeugung, demselben Trotz: «Ne.» Wenn wir es zulassen, erzählt eine WM nicht nur Geschichten über Fussball. Sie erzählt Geschichten über uns. Wie viel Gewicht wir den Worten der Spieler und den Bildern des Spiels geben.Wann verschoss Baggio? Wann traf Zidane?Irgendwann merken wir, dass wir die Turniere nicht mehr nach Gastgeberländern oder Präsidenten ordnen. Wir wissen noch, dass einst Salvatore «Totò» Schillaci auftauchte, ein italienischer Stürmer – aber wissen wir noch, wann es war (1990) und wer damals die Fifa führte (João Havelange)? Wir erinnern uns noch an den verschossenen Final-Penalty von Roberto Baggio – aber wann war’s, wo und unter welcher Regentschaft (1994, Pasadena, noch immer Havelange)?Wir sehen noch vor uns, wie Zinedine Zidane einen WM-Final mit zwei Kopftoren entschied und einen WM-Final mit einem Kopfstoss verlor. Aber wie viele Jahre lagen diese Finals auseinander (acht)? Wir wissen vermutlich noch, wo wir waren, als wir diese Spiele sahen und diese Zidanes, mal so, mal so, Dr. Jekyll und Mr. Hyde – aber wo fanden die Spiele statt (Paris und Berlin)? Und welche Aktionen sagten mehr über Zidane aus? Diese Deutung ist uns überlassen, und wie wir es deuten, sagt womöglich mehr über uns aus als über Zidane. Die WM ist ein Ereignis, bei dem Millionen von Menschen dieselben Szenen sehen und sie mit dem eigenen Leben verbinden und vielleicht mit dem eigenen Wesen.Wenn wir uns darauf geeinigt haben, dass so etwas eigentlich nicht geht – die WM 2026 unter diesen Umständen –, dann geht es eigentlich ganz gut. Ja, wir wissen längst, dass die WM kommerzialisiert und politisiert ist. Manche haben vielleicht längst kapituliert. Und doch setzen sie sich vor das TV-Gerät. Damit erklärt sich auch, wie eine WM «trotzdem» zu funktionieren vermag: nicht wegen der Fifa. Nicht wegen der Inszenierung. Sondern: trotz Trump. Trotz Infantino. Weil wir die Chance haben, uns zu emanzipieren. Wir dürfen selber entscheiden, welche Geschichten dieser WM wir erzählen wollen. Die politischen. Die wirtschaftlichen. Die moralischen. Oder die sportlichen. Wir brauchen die WM nicht als untrennbares Ganzes wahrzunehmen, dafür ist sie ohnehin zu gross geworden – fragen Sie Thomas Tuchel. Wir wählen aus. Wir ordnen ein. Wir legen Protest ein, zumindest für uns, vor uns selber. Und manchmal schauen wir einfach ein packendes Fussballspiel.Jede WM fügt sich irgendwann zu einem Gesamtkunstwerk zusammen. Nicht weil es die Fifa plant. Sondern weil Millionen von Zuschauern aus Hunderten von Szenen ihre eigene Geschichte stricken. Aus verwandelten Elfmetern. Und aus verschossenen. Aus Kopftoren und Kopfstössen. Aus neuen Helden und alten Torhütern. Aus einem Trainer, der mehr Fotografen sieht, als er Spieler im Kader hat.Nach fünf Wochen bleibt von der WM vielleicht nur ein Bild. Und zehn Jahre später erinnert uns dieses Bild daran, wer wir damals waren. Wir müssen uns bloss den Gefallen tun, die WM weniger ernst zu nehmen als uns selber.Passend zum Artikel