Die letzte Zuschrift des Leserbriefschreibers: ein Hoch auf den LeserbriefMehr als sechzig Jahre lang schrieb Roger E. Schärer Leserbrief um Leserbrief, allein die NZZ druckte 320 ab. Nun schreibt er nach 10 000 Zuschriften seine letzte: «Der Leserbrief – Herkunft und Zukunft».15.07.2026, 05.28 Uhr3 LeseminutenPD; Getty; Bearbeitung NZZaSMit dem Aufkommen von Zeitungen und ihrer Informationsaufgabe wurden Leserbriefe zur Volksstimme. Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich das Bedürfnis, sich öffentlich verlauten zu lassen. Die ersten dokumentierten Zuschriften erschienen 1786 in der «Roten Zeitung» des Herausgebers, Pastors und Publizisten Hermann Werner Dietrich Bräss. Die Entstehung des Schweizer Bundesstaates war begleitet von einer heftigen öffentlichen Auseinandersetzung, und die Zuschriften wurden zum wichtigen Instrument des Dialogs zwischen Bürgern, Politik und Redaktionen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Zuschriften wurden sehr gut gelesen, sorgten dank der Vielfalt von kontradiktorischen, zustimmenden oder kritischen Standpunkten für grosse Aufmerksamkeit. Bis heute zeigt sich das etwa im Ressort «Meinung & Debatte» der «Neuen Zürcher Zeitung». Die Seiten bringen Stimmungen zum Ausdruck und dienen als politischer, gesellschaftlicher sowie sozialer Seismograf mit lokalen, regionalen und nationalen Themen. Die einzelnen Beiträge zeigen Tendenzen auf, sind Gradmesser für die Akzeptanz und die Qualität des Journalismus und damit eine Qualitätskontrolle für Zeitungsmacher.Eine Stimme für Ungehörte und FrustrierteDie engagierte, gebildete und informierte Leserschaft von heute ist wissens- und informationsmässig mit Journalisten auf Augenhöhe. Sie bringt aus ihren beruflichen, politischen und sozialen Tätigkeiten kompetentes Gegenwissen ein. Überzeugend geschriebene kurze, prägnante Leserbriefe sind gut beachtete Instrumente, um im Umgang mit der Öffentlichkeit und den Redaktionen andere Meinungen und neue Standpunkte zu vertreten.Kritischer, angriffiger Meinungsaustausch hat für unsere direkte Demokratie mit ihrer verfassungsmässig garantierten Meinungsfreiheit eine zentrale Bedeutung. Sie gibt Ungehörten und Frustrierten eine Stimme. Leserbriefe verweisen indirekt auf die Relevanz und Bedeutung der Artikel. Je zahlreicher die Stimmen aus der Leserschaft ausfallen, desto bedeutender und kontroverser ist das Thema. Für Redaktionen ist die Leserbriefseite nicht nur ein Echo, das bewertet, qualifiziert und reflektiert. Sie dient Journalistinnen und Journalisten auch dazu, das eigene Schaffen zu hinterfragen und seine Meinung allenfalls zu korrigieren.Doch Leserbriefseiten nehmen immer weniger Platz ein, und damit verarmt die Meinungsvielfalt, und das kontradiktorische Diskussionsforum verkümmert. Leserbriefe werden von Parteien immer noch als Instrument der politischen Auseinandersetzung eingesetzt und organisiert gesteuert. Doch die Wirkung des Leserbriefs als Kommunikationsinstrument wird oft nicht erkannt.Der Leserbrief stirbt ausInformierte und engagierte Leserbriefschreiber setzen sich anklagenden persönlichen Risiken aus. Auch deshalb stellt sich die Frage nach der Zukunft von Leserbriefen. Männer im Alter ab 55 Jahren gehören zu den aktivsten und geübtesten Verfassern von Zuschriften. Erhebungen zeigen, dass sich auch die Leserschaft im gleichen Alterssegment bewegt. Immer weniger Menschen abonnieren Zeitungen. Das stellt die Printmedien vor grosse Herausforderungen. Denn die jüngeren Generationen bevorzugen elektronische Medien und soziale Netzwerke wie Instagram oder Tiktok zum persönlichen und politischen Austausch. Doch die Digitalisierung geht leider oft mit dem Abbau bei der sprachlichen Qualität einher, die Qualität der Meinungsäusserung wird verwässert.Wissen, Wahrheit, Anstand, Inhalte und Sprachkultur sind auf diesen Plattformen keine Voraussetzungen mehr für den öffentlichen Austausch von Argumenten und Meinungen. Professionelles Influencing beeinflusst junge Generationen mehr. Im digitalen und elektronischen Zeitalter wird der Leserbrief zum Auslaufmodell. Der Leserbrief verliert an Bedeutung und Aufmerksamkeit.Doch lange war er für eine schweigende Mehrheit eine wichtige Stimme. Die Zuschriften dienten als Ventil und ersetzten die Faust im Sack. Der Leserbrief prägte über Jahrhunderte die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Meinungsbildung und schuf eine bedeutende prägende politische, gesellschaftliche und soziale Diskussionskultur.Roger E. Schärer, HerrlibergPassend zum Artikel
Ein Hoch auf den Leserbrief: Roger E. Schärer schliesst ein Kapitel ab
Mehr als sechzig Jahre lang schrieb Roger E. Schärer Leserbrief um Leserbrief, allein die NZZ druckte 320 ab. Nun schreibt er nach 10 000 Zuschriften seine letzte: «Der Leserbrief – Herkunft und Zukunft».







