Flut an falschen Bewertungen: Wie die Google-Sterne ihre Macht verlierenRestaurants, Hotels, ja sogar Zahnärzte. Bei Google und Co. erhält alles eine Bewertung. Weil das für die Geschäfte eine Belastung ist, lassen Betriebe in Deutschland Rezensionen löschen. Und in der Schweiz?15.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIllustration Dario Veréb / NZZaSVor jeder Entscheidung blicken Konsumentinnen und Konsumenten in die Sterne. Online sind sie wie fünfzackige Wegweiser hin zu einem richtig guten oder einem richtig schlechten Erlebnis. Coiffeursalons, Elektronikgeräte, Pedalovermietungen. «Sehr zufrieden», fünf Sterne. «Absolute Katastrophe», ein Stern. Google Maps hat diese Disziplin perfektioniert. Die Applikation ist so etwas wie das Schweizer Taschenmesser der Reiseplanung. Man kann fast alles machen: Hotels suchen, Routen planen, Öffnungszeiten recherchieren. Wer nach einem Restaurant sucht, gibt es in die Suchleiste von Maps ein. Die Sterne weisen den Weg.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für Betriebe kann diese Bewertung entscheidend sein, darauf deutet eine Studie der Harvard Business School hin. Laut der Studie kann der Umsatz eines Gastronomiebetriebes pro Stern auf der Plattform Yelp, einer Konkurrentin von Google, um 5 bis 9 Prozent steigen. Andere Studien zeigen, dass sich die Pflege von Online-Bewertungen insbesondere für kleine oder neue Unternehmen lohnt. Denn die Hälfte aller Konsumentinnen und Konsumenten empfindet Online-Bewertungen als ebenso vertrauenswürdig wie Empfehlungen von Freunden oder Bekannten.Kein Wunder, häufen sich gleichzeitig die Berichte von Betrieben, die negative Rezensionen löschen, um wohlwollende Rückmeldungen betteln oder diese gar fälschen. Studien legen nahe, dass mindestens 10 Prozent aller Bewertungen auf Google gefälscht sind, andere sprechen von viel höheren Werten. Das ist das Google-Maps-Paradox: Die Bewertungen haben für Unternehmen und Konsumenten einen offenbar hohen Stellenwert – zugleich kann man ihnen immer weniger vertrauen.Die Vier-Sterne-ErfahrungAm Brupbacherplatz im Zürcher Quartier Wiedikon, zwischen asiatischen Restaurants und Flat White für 6 Franken, findet man das Lokal Grazie. Es stehen Flechtstühle an Holztischen, an der Decke glitzert eine Discokugel. Es gibt Espresso, Apéro und Pizza al Taglio, diese römische Art von Pizza, die auf dem Blech gebacken und in Stücken serviert wird. Tutti paletti. Nur ist das Restaurant auf Google Maps mit gerade einmal 4,0 Sternen benotet. Ein Grossteil der Beizen in Zürich haben eine höhere Bewertung.Adil Pajaziti ist Mitinhaber des «Grazie». Zusammen mit Geschäftspartnern betreibt er mehrere Lokale in Zürich, darunter das Grand Café Lochergut oder das italienische Restaurant Brera. Fragt man ihn nach den Bewertungen, redet er abgeklärt. Nach der Eröffnung 2021 habe er stark auf die Kommentare geachtet. Natürlich hätten da die Abläufe noch nicht perfekt gesessen, sagt er, und es seien auch Fehler passiert. Man war noch nicht eingespielt. Pajaziti sagt: «Wenn dich als Gastronom die Rückmeldungen deiner Kunden nicht interessieren, kannst du direkt aufhören.» Wenn ein Gast unzufrieden sei, diskutiere er nicht, sondern offeriere etwas. Mittlerweile sind die negativen Bewertungen seltener geworden. Aber Google vergisst nicht.Pajaziti fragt sich aber, warum ein Kunde sich nicht vor Ort beschwere, wenn die Pizza kalt oder der Drink schlecht sei. «Was haben sie davon, wenn sie heimgehen und den Computer aufklappen?» Keine Gratispizza jedenfalls.Wer regelmässig Google-Bewertungen liest, weiss: Es ist eine der letzten ehrlichen Ecken des Internets. Kundinnen und Kunden beschreiben akribisch und ungefiltert ihre Erfahrungen, teilen unbearbeitete Bilder eines Lokals. Da gibt es keine hübsch hergerichteten Teller, keine Instagram-Schönfärberei. Aber es ist eben auch ein Ort, an dem die Menschen ihren Frust ablassen.In einer Umfrage des Gastro-Arbeitgeberverbandes Gastrosuisse aus dem Jahr 2023 waren 81,8 Prozent der befragten Betriebe schon mit unwahren, irreführenden oder verletzenden Kommentaren konfrontiert. Jeder fünfte Betrieb ist bereits mit angedrohten negativen Bewertungen erpresst worden, Tendenz steigend.Pajaziti vom «Grazie» sagt, er lese die Bewertungen prinzipiell nicht. Das wichtigste Feedback sei ohnehin das, was er von den Stammkunden persönlich erhalte. Das machen längst nicht alle so. Es gibt jene Gastronomen, die auf Bewertungen antworten. Insbesondere die neuen Lokale. Oder solche, die ein Gratisdessert anbieten, im Tausch gegen eine gute Bewertung. Und dann gibt es die, die gegen die Bewertungen vorgehen.Die deutsche Lösch-IndustrieIn Deutschland lässt sich mit dem Löschen heute Geld verdienen: Anwälte bieten an, bei Google im Namen des Restaurants einen Antrag auf Löschung einer schlechten Bewertung wegen Diffamierung zu stellen. Eine Art Reputationsmanagement also. Ein Entscheid des deutschen Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2022 untermauert dieses Recht: Laut dem Urteil muss ein Unternehmen sich gegen eine Online-Bewertung wehren können. Dabei reicht es, zu bezweifeln, dass die Person überhaupt Gast im Restaurant war. Der Kunde muss dies dann nachweisen. Laut verärgerten Nutzern in Reddit-Foren eine mühsame Angelegenheit. Denn wo war nochmals die Quittung dieses Restaurantbesuchs?Die Umsetzung der Digital Services Act (DSA), einer Art Grundgesetz für das Internet in der EU, hat diese Entwicklung noch verstärkt. Das Gesetz verpflichtet seit 2024 grosse Plattformen wie Meta (Facebook, Instagram), X, Alphabet (Google) oder auch die Hotelplattform Booking, stärker gegen Hassrede, Falschmeldungen oder irreführende Informationen vorzugehen. Meldet ein Betrieb sich bei Google wegen eines negativen Kommentars, ist das Unternehmen verpflichtet, das möglichst schnell zu prüfen. Gleichzeitig müssen die Internetplattformen laut der DSA mehr Transparenz für die Konsumenten schaffen. Wohl deshalb zeigt Google seit einigen Wochen, wie viele Rezensionen ein Restaurant hat löschen lassen.Grundsätzlich sind die grossen Plattformen in jedem EU-Land dazu verpflichtet, auf Löschanträge zu reagieren. Doch auf nationaler Ebene unterscheiden sich die Auswirkungen. Die Transparenzdatenbank der EU dokumentiert das und zeigt, dass man die Sache in einem Land besonders genau nimmt: In den ersten sechs Monaten des Jahres sind in der EU auf Google Maps über 820 000 Kommentare wegen «Diffamierung, übler Nachrede oder Verleumdung» gelöscht worden. Über 99 Prozent davon in Deutschland.Die Schweizer können die Kommentare einordnenIn der Schweiz gibt es keine Pflicht zu solchen standardisierten Verfahren. Ein «Bundesgesetz über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen» ist zwar in Arbeit, im Herbst hat es der Bundesrat in die Vernehmlassung geschickt. Doch bislang hat die Schweiz nichts, was der DSA ähnelt.Google selbst macht keine Angaben dazu, ob Löschanträge in der Schweiz anders behandelt werden als in der EU. Etwas Aufschluss darüber, wie weit man mit einem Löschbegehren in der Schweiz kommt, gibt aber ein Fall aus dem Jahr 2022: Eine Arztpraxis wollte vor dem Zürcher Obergericht erwirken, dass Google eine negative Rezension löscht. Darin beklagt sich eine Kundin, herablassend behandelt worden zu sein, weil ihr Mann kein Deutsch verstehe. Das Gericht wies die Klage ab mit der Begründung, der Durchschnittsleser rechne bei Bewertungen sowohl mit negativen als auch mit positiven Bewertungen. Er wisse diese einzuordnen.Generell scheint die Praxis des Kommentarelöschens in der Schweiz weniger verbreitet als in Deutschland. Laut Gastrosuisse gehen nur 8 Prozent der Betriebe, die diffamierende Kommentare erhalten haben, aktiv dagegen vor. Laut Juristen liegt das auch daran, dass die Schweizer im Gegensatz zu Deutschland weniger Übung darin haben, zu klagen. Google teilt mit, den Schwall an diffamierenden oder gefälschten Bewertungen bändigen zu wollen. Im Jahr 2025 habe man weltweit 13 Millionen Unternehmensprofile und 292 Millionen Bewertungen blockiert. Sind die Google-Sterne womöglich derart umkämpft, dass sie bald wertlos sind?Sie sind jedenfalls nicht die einzigen Sterne da draussen. Das zeigt ein Besuch in einer Pizzeria in Zürich, die auf Google mit 3,9 bewertet ist. Es ist einer dieser Läden, die bis in die Nacht geöffnet sind und wo eine Pizza noch 13 Franken 50 kostet. Der Geschäftsführer will sich zu den Google-Sternen nicht äussern. Er verweist auf den Lieferservice Eat.ch. Dort gibt es 4,7 Sterne für sein Restaurant.Passend zum Artikel