Von Nord Stream bis Mali: Ukrainische Geheimdienste sind an vielen Fronten aktivDie Ukraine hat im Lauf des Krieges ihre klandestinen Operationen im Ausland ausgeweitet. Schläge gegen militärische Ziele sind unumstritten. Andere Einsätze bergen für Kiew jedoch grosse politische Risiken.15.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAngehörige des Inlandgeheimdienstes SBU bewachen eine Marinedrohne.Global Images Ukraine via GettyDie Umstände des Anschlags auf den ukrainischen Geschäftsmann Wadim Jermolajew in Monaco werden immer verworrener. Ein Unternehmer, der seit Kriegsbeginn im Exil lebt, wird durch eine ferngezündete Bombe verletzt. Wegen seiner Geschäfte auf der besetzten Krim steht der Mann auf einer Sanktionsliste der ukrainischen Regierung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Tatverdächtige, eine ukrainische Bürgerin, setzt sich nach der Tat nach Kiew ab. Dort wird sie wenige Tage später erschossen aufgefunden. Die ukrainischen Sicherheitskräfte nehmen daraufhin zwei Männer fest, die sich als ein Mitarbeiter des Militärgeheimdienstes HUR und ein ehemaliger Angehöriger des Inlandgeheimdienstes SBU herausstellen.Der HUR-Mann gesteht den Mord, zieht dann seine Aussage aber zurück und beschuldigt nun seinen Komplizen. Dieser habe ihn bedroht. Ausserdem habe man ohne Wissen der Vorgesetzten gehandelt. Die Geheimdienste hätten mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun.Ausweitung der OperationenWas auch immer die Hintergründe sein mögen, die Affäre wirft ein Schlaglicht auf die Aktivitäten ukrainischer Dienste. Diese haben ihre internationalen Operationen nach der Invasion von 2022 ausgeweitet. Dies gilt für den Militärgeheimdienst HUR wie auch den SBU, der zwar als Inlanddienst bezeichnet wird, aber ebenfalls international tätig ist. Der Kampf gegen Russland findet nicht nur auf dem Schlachtfeld statt.Es liegt in der Natur der Sache, dass es zu den meisten Einsätzen keine offiziellen Informationen gibt. Dass HUR und SBU lange Zeit in einem Konkurrenzverhältnis zueinander standen, erschwert die Informationslage weiter. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von Aktionen, die den ukrainischen Diensten zugeschrieben werden. Diese lassen sich grob in vier Kategorien unterteilen.1. Anschläge auf militärische Ziele in RusslandHierzu zählt etwa die Operation Spinnennetz vom vergangenen Jahr, ein von langer Hand geplanter Angriff auf die strategische Bomberflotte der russischen Luftwaffe. Der SBU schmuggelte Drohnenbauteile nach Russland, liess sie dort zusammensetzen und führte dann per Fernsteuerung gleichzeitig Angriffe auf mehrere Flugplätze im Hinterland durch.Für die «Operation Spinnennetz» liess der SBU Container voller Drohnen in die Nähe von russischen Flugplätzen mit strategischen Bombern bringen. Per Fernsteuerung wurden die Fluggeräte dann zum Ziel gesteuert.PD / SBUHinzu kommen Operationen von Spezialkräften des HUR in russisch besetzten Gebieten der Ukraine. Es ist bekannt, dass mindestens eine dieser Einheiten ab 2016 von der CIA ausgebildet wurde. Kirilo Budanow, der heutige Stabschef von Präsident Selenski und frühere Leiter des Militärgeheimdiensts, war Teil dieser Einheit und wurde bei einem solchen Einsatz auf der Krim verwundet.Diese Operationen entsprechen legitimen Kriegshandlungen und sind deshalb wenig kontrovers. Zu den spektakulären Drohnenangriffen auf die russischen Bomber etwa bekannte sich der SBU ganz offen.2. Unterstützung der militärischen Gegner RusslandsDem Ziel, Russland militärisch zu schwächen, entspringt auch das Engagement in Afrika. Die paramilitärische Wagner-Gruppe und heute vor allem das russische Afrikakorps waren in den vergangenen Jahren in mehreren Konflikten des Kontinents für Verbündete des Kremls aktiv. Der ukrainische Militärgeheimdienst leistet den Gegnern dieser russischen Truppen Unterstützung.Das Ziel ist es, russische Ressourcen zu binden und das Ansehen Russlands als Militärmacht zu beschädigen. In Mali etwa, wo Russland die Militärjunta im Kampf gegen Aufständische unterstützt, hat der HUR laut eigenen Angaben den Tuareg-Rebellen Aufklärungsdaten zur Verfügung gestellt. Es gibt auch Berichte über Drohnenlieferungen.Dies soll einen Rebellenangriff ermöglicht haben, bei dem mehr als achtzig Wagner-Kämpfer und mehrere Dutzend malische Soldaten getötet wurden. Mali und das Nachbarland Niger brachen darauf die diplomatischen Beziehungen mit Kiew ab.Diese diplomatischen Verwerfungen zeigen die Risiken eines solchen Engagements, da sie einem anderen Ziel Kiews entgegenlaufen: im sogenannten globalen Süden für die ukrainische Position zu werben. Im Sudan, wo der HUR die anerkannte Regierung im Kampf gegen russlandfreundliche Rebellen unterstützt, stellt sich dieses Problem jedoch nicht. Auch in Syrien, wo die Ukraine den Truppen um den jetzigen Präsidenten Sharaa im Kampf gegen Asad Drohnen zur Verfügung gestellt hat, braucht Kiew keinen internationalen Reputationsschaden zu fürchten.3. Anschläge auf EinzelpersonenVom früheren HUR-Chef Budanow stammt das Zitat: «Wir werden überall auf der Erde Russen töten, bis zum endgültigen Sieg der Ukraine.» Später stellte er klar, dass dabei ein wichtiger Teil gekürzt worden sei. Er habe von russischen Kriegsverbrechern gesprochen, nicht von gewöhnlichen Bürgern.Tatsächlich gibt es mehrere Anschläge auf Militärangehörige, die als Racheaktionen für ihre Rolle im Krieg gewertet werden können. Ende April etwa explodierte eine Bombe in einem Wohnhaus im fernen Osten Russlands, die allem Anschein nach dem «Schlächter von Butscha» galt, Asatbek Omurbekow.Der Generalmajor befehligte die russischen Truppen während der Besetzung des Ortes bei Kiew, in dem mehr als 400 ukrainische Zivilisten umgebracht wurden. Omurbekow überlebte den Anschlag unverletzt, ein untergebener Offizier wurde jedoch getötet.Neben Militärangehörigen wurden aber auch Personen zum Ziel von Attentaten, die Russlands Krieg propagandistisch unterstützten. Der Blogger Wladlen Tatarski wurde im April 2023 in St. Petersburg durch eine Bombe getötet. Besondere Aufmerksamkeit erregte eine Explosion im August 2022, die Daria Dugina tötete. Dugina ist die Tochter des russischen Ultranationalisten Alexander Dugin, der bereits nach dem Maidan-Aufstand 2014 sagte, Russland müsse Ukrainer «töten, töten, töten». Der Anschlag galt vermutlich ihrem Vater.Russische Ermittler sichern Beweisstücke am Ort des Anschlags gegen Daria Dugina, die Tochter des Ultranationalisten Alexander Dugin.SNA via ImagoLaut einem Bericht der «Washington Post» stiess das Attentat in Washington, aber auch in gewissen Kreisen in Kiew auf Kritik. Grund war einerseits die geringe Bedeutung einer Person wie Dugina beziehungsweise ihres Vaters für den Krieg in der Ukraine, andererseits die Sorge um die Aussenwirkung eines solchen Anschlags.4. Aktionen im WestenDie grössten Risiken für die Ukraine bergen aber Operationen, die auf dem Boden von Verbündeten ausgeführt werden oder sich sonst gegen deren Interessen richten. Das bekannteste Beispiel ist die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines im September 2022. Zwar hat Kiew die Verantwortung für die Tat bis heute nicht zugegeben, doch gilt eine ukrainische Urheberschaft als plausibelste Erklärung für den Vorfall.Der Prozess gegen einen ehemaligen SBU-Mitarbeiter, der im Herbst in Deutschland beginnen soll, wird einen Schatten auf das bilaterale Verhältnis der beiden Staaten werfen. Die Sprengung der Röhren könnte von den deutschen Richtern als verfassungsfeindliche Sabotage oder sogar als Kriegsverbrechen bewertet werden.Allerdings stellten die Nord-Stream-Pipelines für die Ukraine ein wichtiges Ziel dar. Sie sind das Sinnbild einer Energiepartnerschaft des Westens mit Russland, die auf die Sicherheitsinteressen Ostmitteleuropas keinerlei Rücksicht nimmt. Dass die Sprengung im nationalen Interesse lag, bestreitet in der Ukraine deshalb kaum jemand. In Polen ist das nicht anders.Verbindungen zur Unterwelt?Beim Anschlag gegen den exilierten Unternehmer Jermolajew in Monaco ist die Ausgangslage eine völlig andere. Dass in einer westeuropäischen Stadt ein Anschlag gegen eine politisch relativ unbedeutende Person verübt wird, lässt sich mit den Interessen des Staates schwer erklären. Der Schaden und der Erklärungsbedarf gegenüber den westlichen Partnern sind gross, der sicherheitspolitische Nutzen gering.Der Vorfall wirft deshalb viele Fragen auf. Verfügen die Dienste mittlerweile über so viel Macht und Selbstvertrauen, dass sie zunehmend in Eigenregie handeln und sich der politischen Kontrolle in Kiew entziehen? Möglicherweise spielen aber auch Faktoren in die Tat hinein, die mehr mit geschäftlichen Interessen zu tun haben. Laut dem Journalisten Dragan Pancevski, der ein Buch über die Nord-Stream-Sprengung geschrieben hat, pflegen die Geheimdienste auch Kontakte zu kriminellen Vereinigungen.Hierbei können strategische Erwägungen wie die Einflussnahme auf mächtige Akteure genauso ein Motiv sein wie die persönliche Bereicherung einzelner Offiziere. Das Anschlagopfer Jermolajew ist unter anderem im Alkoholgeschäft auf der Krim tätig. Vielleicht kam er damit jemandem in die Quere. Aber weshalb hätte er dadurch ins Visier ukrainischer Dienste gelangen sollen?Passend zum Artikel
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