Lange Jahre nutzten nur Exzentriker die nostalgische Art, sich mit einem Fächer abzukühlen. Nun bringen die hohen Temperaturen das praktische Accessoire zurück – auch in der Luxusvariante.An heissen Tagen wird uns schnell bewusst, wie wichtig Luft ist. Nicht nur zum Atmen, sondern auch, um uns abzukühlen. Neben dem zunehmenden Einsatz kleiner, batteriebetriebener Ventilatoren kann man immer mehr Leute entdecken, die der weitverbreiteten gesellschaftlichen Variante, sich mit einer Zeitung oder dem Theaterprogramm Luft zuzufächeln, eine elegantere, effizientere, aber auch dramatischere Variante entgegensetzen: den Fächer. Prinzessin Michael von Kent im Jahr 1989. (Bild: Getty Images) Dies ist eigentlich nicht verwunderlich, wird der meist zusammenklappbare Luftspender in Europa doch schon seit der Antike als Gebrauchsgegenstand verwendet. Anders als in seinem Ursprungsgebiet Asien, wo Angehörige beiden Geschlechts sich Luft zufächeln, nutzten in unseren Breitengraden hauptsächlich Damen das Accessoire (selbstverständlich solche von Stand, denn Fächeln setzt voraus, dass man mindestens eine Hand frei – oder Personal – hat). Mal anders: Runder, handgeflochtener Fächer von Zara, erhältlich für Fr 25.90. PD It-Bag vergangener JahrhunderteNach dem 16. Jahrhundert wurde der Fächer ein unentbehrliches Accessoire von Patrizierinnen, das nicht nur als Gebrauchsgegenstand diente, sondern auch als persönliches Statussymbol – in gewisser Weise vergleichbar mit den It-Bags der letzten zehn Jahre.Und ebenso wie diese war der Fächer in den folgenden Jahrhunderten wechselnden Moden unterworfen: Auf Fächer aus Federn folgten zusammenlegbare Modelle aus Spitze, geschnitzten Stäben, Stoff oder Leder. Letztgenannte wurden oft bemalt, und hier hatte jede Epoche ihre Motive: Neben Szenen aus fernen Ländern waren biblische Themen, Blumen und Genrebilder beliebt. Im 18. Jahrhundert wurden auch gerne aktuelle Ereignisse aufgegriffen. Neben seinen praktischen und dekorativen hatte der Fächer auch noch weitere nützliche Eigenschaften. Ein beliebtes Accessoire, um sich nach dem Tanzen abzukühlen: der Fächer, hier auf einer Modezeichnung von 1935. Imago Sprechen Sie Fächer?Man konnte sich hinter ihm verstecken (etwa um bei langweiligen Veranstaltungen zu gähnen), und man konnte ihn als Flirt-Instrument nutzen. Ob es aber tatsächlich eine ausgefeilte Fächersprache gab, welche geheime Konversationen zur Anbahnung amouröser Abenteuer erlaubte, darüber sind sich Experten und Expertinnen uneins.Nach den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts verschwanden die Fächer aus der Abend- und Alltagsgarderobe und wanderten in die Kostümfundus – mit dem Bild der modernen, arbeitenden Frau war der Kokettierwedel nicht vereinbar.Lange Jahre wurde er nur noch von Exzentrikern getragen, der 2019 verstorbene Modedesigner Karl Lagerfeld ist dafür wohl das prominenteste Beispiel. Jetzt aber scheint sich das Accessoire wieder durchzusetzen: Die Autorin zählte diesen Sommer in einem Zürcher Tramwagen vier Fächer. Karl Lagerfeld im Jahr 1991 an einer Party zusammen mit Philip Treacy (rechts). Getty Images Fächer von der LuxusmarkeIn Schwung kam das Phänomen eher hinter als vor den Kulissen der Modeschauen: Da viele Locations bei den Fashion-Weeks nicht klimatisiert sind, verteilte man Fächer an das Publikum. Und da bereits in den 2010er Jahren Menschen sich gerne vor der Kamera inszenierten, fanden die Bilder schnell ihren Weg ins Netz – und Nachahmerinnen. Heute wird mehr und mehr auch auf dem Laufsteg gefächert, zum Beispiel bei Dior oder Loewe. PD Fächer von Dior, 190 Franken. Warum auch nicht – ein Fächer von einer solchen Luxusmarke kostet trotz stolzen Preisen immer noch nur den Bruchteil einer Tasche eines solchen Labels, seine Bedienung ist energiesparend, Smartphones lassen sich einhändig ganz wunderbar bedienen, und statt mit Personal ist man ja meist eh mit einer Tasche unterwegs, in welcher der Fächer sich bei Nichtgebrauch gut verstauen lässt. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.