Frau Schneider, das Robert-Koch-Institut (RKI) hat für die Hitzewelle Ende Juni berechnet, dass 5100 Menschen wegen der hohen Temperaturen gestorben sind. Sie haben gegenüber Medien diese Art der Schätzung kritisiert. Warum?Das RKI schätzt die Hitzetoten auf Wochenbasis und nicht auf Tagesbasis. Das ist nicht falsch, aber ungenau. In einer Analyse der Hitzetoten für das Jahr 2022 konnte ich gemeinsam mit anderen Forschern belegen, dass die Wochenschätzung bei hohen Temperaturschwankungen zwischen verschiedenen Tagen die Zahl der tatsächlich Gestorbenen um 35 bis 50 Prozent unterschätzt. Die Spitzentage, an denen es sehr heiß war, werden im Wochenmittel relativ flach gebügelt. Die Extreme gehen verloren.Die Übersterblichkeit durch Hitzewellen zu bestimmen, ist nicht einfach. Auf Totenscheinen steht Hitze nicht als Todesursache, sondern „Herzinfarkt“ oder „Schlaganfall“ – woran viele Menschen eben auch bei normalen Temperaturen sterben. Können Sie erklären, wie die Übersterblichkeit bestimmt wird?Stellen Sie sich vor, dass Sie von den gemeldeten Todeszahlen einer Stadt oder einer Region eine Zeitreihe erstellen: Für jeden einzelnen Tag gucken Sie, wie viele Menschen in München gestorben sind. Das machen Sie für mehrere Jahre und verknüpfen diese Daten dann statistisch mit der Durchschnittstemperatur, die an dem jeweiligen Tag beziehungsweise den Tagen davor geherrscht hat. Mithilfe von statistischen Regressionsverfahren kann man daraus eine sogenannte Expositionswirkungsfunktion ermitteln. Für die Temperatur sieht diese Kurve so ähnlich aus wie ein U – wenn es sehr kalt ist, sterben viele Menschen, das ist der linke Arm des U. Und wenn es sehr warm ist, sterben auch viele Menschen. In der Mitte, da, wo der Bogen des U am tiefsten ist, ist das Risiko, temperaturbedingt zu sterben, am geringsten. Diesen Punkt nennt man die „minimum mortality temperature“ oder auch auf Deutsch thermisches Optimum.Wo liegt das in Deutschland?Zwischen 16 und 18 Grad Celsius. Das klingt relativ kühl – was daran liegt, dass es ein über 24 Stunden gemittelter Wert ist.In diesem Zusammenhang wird oft der Begriff „Hitzeschwellenwert“ verwendet. Was ist das?Der ist nicht eindeutig definiert, Experten streiten darüber. Denn natürlich interessiert nicht jeder Todesfall, der nur leicht über dem Temperaturoptimum liegt. Man möchte einen Wert haben, bei dem es für Menschen wirklich gefährlich wird, also die echte Hitze.Alexandra Schneider ist stellvertretende Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum München und leitet seit 2010 die Forschungsgruppe Environmental Risks.Helmholtz Munic Matthias Tunger PhotodesignSo wie wir es früher vom Hitzefrei in der Schule kannten? Damals durften wir nach Hause gehen, wenn ein Thermometer im Schatten um zehn Uhr 25 Grad Celsius anzeigte …So ähnlich. Allerdings geht es nicht um den einzelnen Tag. Das RKI definiert den Hitzeschwellenwert als einen gemittelten Wochenwert – 20 Grad sind die Schwelle. Es kommt immer auf den Fokus an, den man hat. Der Deutsche Wetterdienst spricht beispielsweise erst von 30 Grad Celsius an von einem heißen Tag, da liegt der Hitzeschwellenwert deutlich höher.Betrachtet man die gesundheitlichen Auswirkungen, hängt der Schwellenwert vermutlich auch stark von der jeweiligen Bevölkerung ab.Ja. Dazu verwendet man sogenannte Perzentile: Man schaut sich die Temperaturverteilung an einem Ort an und fragt, bei welcher Temperatur 50 Prozent, 75 Prozent oder 90 Prozent aller Tage darunterliegen. Das hat den Vorteil, dass man beispielsweise mit einrechnet, dass Leute sich auch an ihr Klima gewöhnen und anpassen. Ein Mensch, der in Rom lebt, empfindet Hitze ja erst bei deutlich höheren Temperaturen als unangenehm als jemand, der in London lebt. Absolute Temperaturen helfen mir hier also nicht weiter. Mit Perzentilen hat man also keine feste Definition von Hitze und sagt nicht, von 25 Grad Celsius an oder von 30 Grad Celsius an ist es heiß, sondern man sagt, von der 75. Perzentile an in der Temperaturverteilung von London oder in der Temperaturverteilung von Rom wird es heiß.Braucht man solche aufwendigen Verfahren, um die Mortalität in einer Hitzewelle zu bestimmen?Manchmal ist es tatsächlich offensichtlich: Bei der Hitzewelle 2003 in Paris konnte man rückwirkend die Temperaturkurve und die Mortalitätskurven übereinanderlegen und hat dann praktisch mit bloßem Auge gesehen, dass die Todeszahlen stiegen, als es heißer wurde. Man konnte den erwarteten Verlauf der Mortalitätszahlen und den Verlauf der Temperatur aus den Vorjahren als Referenz nehmen und dann das Jahr 2003 direkt damit vergleichen. Man hat am Peak der Mortalität im Jahr 2003 die Übersterblichkeit erkennen können – es gab maximal einen Tag Verzögerung. Aber das ist nicht immer so einfach. Mit statistischen Regressionsverfahren kann man beispielsweise Störgrößen herausrechnen, die mit dem bloßen Auge nicht erkennbar wären.Kommen wir noch mal zum RKI zurück: Der Hitzeschwellenwert von 20 Grad ist ja relativ hoch, wenn man bedenkt, dass es ein gemittelter Wochenwert ist, in den auch die kühlen Nachttemperaturen einfließen.Ja, die 20 Grad Celsius sind viel. Dadurch werden nur Todesfälle im Rahmen von extremer Hitze einbezogen.Glauben Sie, dass Ende Juni in Deutschland also mehr als die vom RKI geschätzten 5100 wegen der Hitze gestorben sind?Für Ende Juni glaube ich das eigentlich nicht. Denn in dieser Zeit waren die Tage und auch die Nächte alle gleichermaßen heiß, also die Temperaturschwankungen von Tag zu Tag relativ gering. Ich glaube, in diesem Fall wird die Unterschätzung nicht sehr hoch sein. In anderen Wochen kann es anders sein.Warum bleibt das RKI bei der Wochenanalyse?Wir haben mit den Kollegen lange darüber diskutiert. Aber letztlich ist eine tageweise Auswertung sehr aufwendig und offenbar beim RKI nicht so leicht umzusetzen. Und mit einer konservativen Schätzung ist man eher auf der sicheren Seite. Man ist auch weniger angreifbar, und tatsächlich, das muss man auch sagen, handelt es sich bei der Ermittlung der Übersterblichkeit ja um ein statistisches Verfahren.Im Zusammenhang mit den hohen Todeszahlen für einzelne Tage fällt oft auch der Begriff des „mortality displacements“ – Menschen, die bereits sehr krank oder im Sterbeprozess begriffen sind, sterben dann praktisch durch die Hitze etwas früher.Ja, ein gewisser Prozentsatz einer Bevölkerung ist sehr alt oder vorerkrankt und praktisch kurz vor dem Versterben. Wenn mit der Hitze ein zusätzlicher Stressor auf sie einwirkt, dann stirbt der eine oder andere früher. Wie groß dieser Effekt ist, lässt sich etwas später durch einen Drop bei den Todeszahlen erkennen.Also durch eine Untersterblichkeit? Erwarten Sie das in diesem Sommer oder Herbst?Es ist wahrscheinlich, ja. Die meisten Verstorbenen Ende Juni waren älter als 85 Jahre, deshalb kann man davon ausgehen. Aber damit lässt sich die Übersterblichkeit nicht gänzlich erklären, denn einige Hundert Menschen waren auch deutlich jünger. Hitze tötet nicht nur vulnerable Menschen, sondern auch die, die der Hitze nicht aus dem Weg gehen können. Nur ein prägnantes Beispiel: 2021 wurde in Augsburg ein Dachdecker in die Uniklinik eingeliefert. Er hatte einen Hitzschlag und eine Körpertemperatur von 43 Grad Celsius. Sein Leben konnte nicht gerettet werden. Menschen mit bestimmten chronischen Krankheiten oder diejenigen, die bestimmte Medikamente einnehmen müssen, sind vulnerabel. Und Säuglinge und Kleinkinder, die ihre Körpertemperatur noch nicht gut regulieren können. Kurzum: Diese Verschiebung der Todesfälle, das „mortality displacement“, kommt vor, erklärt aber nur einen geringen Anteil der Hitzetoten.Wie groß der Anteil ist, hängt vermutlich auch damit zusammen, wie weit man den Zeitrahmen setzt.Natürlich. Wenn ich die Todeszahlen in den Altersgruppen genau analysiere, dann werde ich vermutlich sehen, dass einige Menschen in der Hitze gestorben sind, die noch nicht so alt waren und eigentlich noch ein paar Monate oder Jahre ihres Lebens vor sich gehabt hätten.In der Diskussion um Luftschadstoffe wird häufig mit den verlorenen Lebensjahren argumentiert. Je dreckiger die Luft, umso mehr Menschen sterben frühzeitig – und umso mehr Arbeitskraft geht einer Gesellschaft verloren. Wird das auch für Hitze gemacht?Man kann das tun, aber muss dafür sehr viele weitere Annahmen treffen. Man müsste wissen, wie alt derjenige war, der eben verstorben ist, und muss dann basierend auf Lebenserwartungstabellen heraussuchen, wie viele Jahre der Verstorbene wahrscheinlich noch zu Leben gehabt hätte. Das kann man genauso wie für die Luftqualität machen.Klimaschutzskeptiker finden, um Hitzetote werde zu viel Bohei gemacht: In Europa sterben schließlich 130.000 Menschen in einem normalen Jahr an Kälte, aber nur 13.000 an Hitze. Was halten Sie von diesem Argument?Da ist etwas dran. Kardiologen wissen schon lange, dass Kälte die Zahl der Herzinfarkte in die Höhe treibt. Und die globale Erwärmung wird dieses Muster etwas verschieben. Es wird in Europa weniger Kältetote geben. Allerdings wird die Zahl der Hitzetoten zunehmen. In einer Publikation, an der ich auch beteiligt war, wurden diese Effekte unter verschiedenen Klimaszenarien bis ins Jahr 2099 projiziert: Sogar im günstigsten Klimaszenario glichen sich die Effekte nicht aus. Die Nettozahl der temperaturbedingten Todesfälle steigt mit dem Klimawandel.Es gibt aber auch Studien, die zeigen, dass sich Menschen an Hitze anpassen.Diese Adaptation an die Hitze hatten wir mit eingerechnet.Nicht in jedem Fall tötet Hitze, manchmal macht sie Menschen nur krank. In Frankfurt am Main wurde die Zahl der Rettungsdiensteinsätze in den Sommermonaten der Jahre 2014, 2015 und 2016 ausgewertet. Während der Hitzewelle 2015 stieg die Zahl der Einweisungen um 22 Prozent, die Zahl explizit „hitzeassoziierter“ Einweisungen um 300 Prozent. Gibt es Schätzungen dazu, wie viele Menschen die Hitze krank macht?Deutschlandweit sind solche Daten schwer zu erheben. Beim Herzinfarktregister in Augsburg sehen wir einen Anstieg bei hohen Temperaturen. Dasselbe gilt für Schlaganfälle, hier ist vor allem nächtliche Hitze relevant, die Schlaganfälle treten bei Hitze häufig in den frühen Morgenstunden auf. Für Gesamtdeutschland werten wir gerade Daten der AOK-Versicherten aus. Uns interessiert, wie sich Hitze auf Menschen mit Bluthochdruck, mit Diabetes und COPD auswirkt.Hitze ist in Deutschland zu einem relevanten Faktor geworden. Glauben Sie, dass wir uns anpassen können?Jeder Einzelne kann das durch sein Verhalten tun. Aber das reicht nicht. Es geht nicht mehr nur um Verhaltensprävention, sondern auch um Verhältnisprävention. Wir sehen an Frankreich, dass gesellschaftlich und politisch einiges getan werden kann, um mit Hitze besser zu leben. In Frankreich hatten wir ja gerade auch eine extreme Hitzewelle, sie dauerte länger als die bei uns und hatte ebenso hohe Temperaturen. Trotzdem sind deutlich weniger Menschen gestorben. Ich glaube, Frankreich hat aus dem Hitzesommer 2003 gelernt, damals gab es dort europaweit die meisten Todesfälle. Es gibt funktionierende Hitzeaktionspläne. Gerade erst hat Frankreich wegen der dritten Hitzewelle in diesem Jahr einen solchen Notfallplan aktiviert.Alte, alleinlebende Menschen sollen aus überhitzten Wohnungen in kühlere Unterbringungen gebracht werden, ebenso Obdachlose …Ja, aber das ist ein Notfallplan. Es muss auch präventiv mehr passieren, gerade in den Städten. Menschen, die in komplett asphaltierten Wohngebieten leben, sind von Hitze besonders stark betroffen, sie können nachts nicht schlafen, wenn sich nichts mehr abkühlt. Und dieser Schlafmangel ist besonders gefährlich. Wir wissen, dass es in Parks nachts sechs, sieben Grad kühler ist als in städtischen Hitzeinseln. Durch Begrünung, mit Windachsen und anderen Maßnahmen könnte man den Hitzestau in Städten abmildern.Wagen Sie eine Prognose, ob dieser Sommer ein Extremsommer werden wird?Er wird sicher zu denen mit sehr, sehr hohen Todes- und Krankheitszahlen gehören. Ein Sommer, der wie 2003, 2015, 2018 und 2022 Spitzenwerte produzieren wird.
Wie man die Übersterblichkeit in Hitzewellen bestimmt
Die wenigsten Menschen sterben in Hitzewellen an Dehydrierung, sondern an Schlaganfällen, Herzinfarkten oder einer Grunderkrankung. Die Epidemiologin Alexandra Schneider erklärt, wie man in dieser Lage die Übersterblichkeit bestimmt.















