Der chinesische Traum ist ausgeträumt. Die Elite verliert den Glauben an den FortschrittDie Vermögenden in Peking spritzen sich Botox und versuchen, sich mit Versicherungen gegen die Krisen des Lebens zu schützen. Man zieht in günstigere Städte und geht auf Sinnsuche. Der grosse Aufbruch in China ist vorbei. Jetzt geht es ums Bewahren.14.07.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenBlinder Luxus? Der Konsumrausch brachte zwar Geld, aber auch Erschöpfung. Immer mehr junge Chinesen kehren dem Stress in den Städten den Rücken. Das Leben jenseits der Metropolen ist günstiger.Kevin Frayer / GettyWer an diesem Sommerabend in Peking eine angesagte Beauty-Klinik im Nordosten der Stadt betritt, sieht etwas Ungewöhnliches: die Reichen und Schönen, wie sie stundenlang warten. Es ist Injektions-Tag, und sie wollen noch schöner werden, mit Botox, Fillern, Stammzellen-Therapien. Die besten Ärzte sind eingeflogen worden, darunter auch dieser eine Starchirurg aus Taiwan, ein Herzensbrecher, bekannt aus dem Fernsehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Yang Mingming ist Sales-Fachfrau. Ihr Tag in der Klinik beginnt kurz vor neun, wenn die ersten Patientinnen ihre Spritzen kriegen. Sie zeigt Fotos vom Vorabend. Einige Frauen haben sogar mit Schlafsack in der Klinik campiert, um vor allen anderen da zu sein. Mingming wird bis weit nach Mitternacht bleiben. In dieser Zeit wird sie ihren Kundinnen Tee und Früchte bringen, versuchen, ihren Termin nach vorne zu verschieben, oder ihnen die Wartezeit mit einer Runde im Massagesalon nebenan versüssen. Zwischendurch zieht sie rasch ihren Lippenstift nach, Pause hat sie keine. Vor sieben Jahren hat Mingming ihren sicheren Job beim Parteiorgan «People’s Daily» gekündigt und verkauft seither Beauty-Behandlungen. Ihr zweites Standbein: Versicherungen, ebenso lukrativ.Der Versicherungsmarkt, sagt Mingming, sei ab 2020 explodiert, mit der Pandemie und den in China anhaltenden Lockdowns. Damals sei den Menschen bewusst geworden: «Niemand weiss, was morgen ist. Schon gar nicht in China.»Mingmings Kundinnen gehören zur oberen Mittelschicht, es sind Internet-Stars, Galeristinnen, die Ehefrauen und Geliebten erfolgreicher Geschäftsmänner. Sie tragen Kostüme, Stilettos, die Haut strahlt makellos. Sie zahlen für ihre Behandlungen in dieser Top-Klinik etwa gleich viel wie in Zürich. Ein Unteraugen-Filler startet in der günstigsten Preisklasse für umgerechnet 550 Franken pro Auge. «Wir Chinesen glauben, dass ein attraktives Aussehen alles leichter macht. Einen besseren Job, eine bessere Ehe, ein besseres Leben», sagt Mingming. «Vor wenigen Jahren hätten sich diese Frauen vielleicht eine teure Handtasche gekauft. Jetzt kaufen sie sich die ewige Jugend.»Yang Mingming.PrivatWenn der Wohlstand zerrinntChina hat sich verändert in den letzten Jahren. Die Jahre des zweistelligen Wachstums, des schnellen Reichtums, sind vorbei. Stattdessen überlagerten sich gleich mehrere Schocks: Pandemie, Immobilienkrise, Regulierungswellen bei den Internetfirmen, Schuldenkrise vieler Lokalregierungen, amerikanische Strafzölle. Das Wachstumsziel liegt jetzt bei 4,5 bis 5 Prozent. Einige staatlich geförderte Sektoren wachsen weiterhin stark: Elektromobilität etwa, die Robotik oder die künstliche Intelligenz.In vielen Unternehmen heisst es jedoch: Kosten senken, Leute entlassen. In der Hauptstadt ist das verlangsamte Wirtschaftswachstum spürbar. Gebaut wird weniger. Restaurants wirken nur halb voll, selbst die Staus erscheinen nicht mehr so arg wie vor ein paar Jahren.Peking gehörte zu den grossen Gewinnern von Chinas Aufstieg. Wer seinen Haushalt in Peking amtlich registriert hat – ein sogenanntes Hukou besitzt –, gehört in den Augen der Chinesen allein dadurch zur Elite. Wer in den neunziger Jahren zum Beispiel von seiner Arbeitseinheit eine Wohnung am damaligen Stadtrand zugeteilt bekam und günstig kaufte, wurde über die Jahrzehnte allein dadurch reich. Aus einer bescheidenen Dienstwohnung wuchs ein Millionenvermögen.Ein Vermögen, das zu zerrinnen droht. Mit der anhaltenden Immobilienkrise verloren auch die Eigentumswohnungen in Peking an Wert, lassen sich schwerer verkaufen, und Mieter wollen weniger zahlen.Dazu kommt: Früher ebneten ein guter Familienhintergrund, Bildung und Beziehungen den Weg zum Erfolg – und viele Pekinger geniessen diese Privilegien. Aber sichere und gutbezahlte Stellen sind heute schwieriger zu bekommen, selbst mit Studium an einer Elite-Universität oder im Ausland.Vor zwei Jahren haben sich die Pekinger noch darüber beschwert. Geändert hat sich wenig. Also haben sie einen Umgang damit gefunden. Sie haben ihre Erwartungshaltung, ihr Konsumverhalten angepasst, viele gehen jetzt auf Sinnsuche.Flucht in die ProvinzLu Zhenyi ist gebürtige Pekingerin, und sie heisst eigentlich anders. Sie ging in Peking zur Schule, in England ins Gymnasium, dann studierte sie Produktmanagement und Branding in der Heimat, machte Karriere bei einer staatlichen Telekomfirma. Sie hat das, was die meisten im Land begehren: ein Pekinger Hukou und damit privilegierten Zugang zu den Schulen, Spitälern und Sozialversicherungsleistungen der Stadt. Sie hat eine Eigentumswohnung, ein Auto, einen Ehemann.Aber Zhenyi will all das hinter sich lassen und in die Provinzhauptstadt Chengdu ziehen. Mit über 35 will sie noch einmal neu anfangen. In der edlen Wohneinheit in Wangjing im Nordosten Pekings, in der auch ihre Eltern wohnen, fühlt sie sich schon länger nicht mehr zu Hause. «Ich passe nicht mehr dorthin, ohne Kinder, dafür mit zwei Katzen», erzählt sie bei einem ihrer letzten Spaziergänge durchs Quartier. Sie trägt sportliche, bequeme Kleidung wie viele Pekinger, einen nonchalanten Look, kaum Make-up. Eigentlich nimmt sie auch für kurze Strecken lieber ihren Elektro-SUV.Wangjing hat die besten Jahre hinter sich. An der U-Bahn-Station Donghuqu steht ein Supermarkt seit Jahren leer. Hier war einst ein wichtiger Standort von Chinas Internetfirmen. Aber viele der grossen Firmen haben ihre Büros in Wangjing aufgegeben. Auch der Mann von Zhenyi war betroffen. Das Tech-Unternehmen, für das er arbeitet, zog erst nach Shenzhen, dann nach Chengdu, um Kosten zu sparen. Die beiden führen seit über zwei Jahren eine Fernbeziehung.Zhenyi vermisst ihren Mann. Etwa zur gleichen Zeit, als ihr Mann der Firma in den Süden folgte, wurde ihr gekündigt. Sie hat zuletzt in der Erwachsenenbildung gearbeitet, Kurse gestaltet für Kundinnen, die backen lernen oder ihr Zuhause ordnen und aufräumen wollten. Ein Job, den Zhenyi zunehmend frustrierend fand. «Du kannst nicht Gegenstände für ein 100-Quadratmeter-Apartment in ein 50-Quadratmeter-Apartment quetschen», sagt sie. «Aber viele Dinge zu besitzen, gibt den Chinesen ein Gefühl von Sicherheit. Da kann ich noch so viel aufräumen, sortieren und wegschmeissen – nach kurzer Zeit sieht es wieder so aus wie vorher.»Seit zwei Jahren bewirbt sich Zhenyi. Seit zwei Jahren: Absagen. Mit über 35 werde es schwierig, sagt sie. «Arbeitgeber befürchten, dass ich jederzeit schwanger werden kann.» Die Anforderungen seien gestiegen. Manche erwarten, dass sie allein den Job für drei Personen mache, ständig verfügbar sei, für einen mickrigen Lohn. Irgendwer finde sich immer, der zu diesen Bedingungen Ja sage. «Neijuan», heisst das in China, dieser zermürbende Konkurrenzkampf. Zhenyi hat Schlafstörungen, sucht Hilfe in der chinesischen Medizin. In der Nacht findet sie keinen Schlaf, Geldsorgen plagen sie.In 20 Jahren droht eine soziale KriseZhenyi ist mit ihren Sorgen nicht allein. Knapp 16 Prozent der städtischen Erwerbspersonen zwischen 16 und 24 Jahren sind laut dem staatlichen Statistikbüro arbeitslos, junge Menschen in Ausbildung werden nicht mitgezählt. Viele finden keinen Job oder nur schlecht bezahlte Stellen. Der Trend, sich aus dem Wettlauf um Karriere und Konsum zurückzuziehen, «Tangping», hat sich in den vergangenen Jahren verbreitet. Manche werden «Vollzeit-Kinder», ziehen wieder zu ihren Eltern und hängen zu Hause herum. Finanziert wird dieser Lebensstil meist von der älteren Generation.Es ist ein Kreislauf: Wer kaum etwas verdient, gibt weniger aus, was wiederum für eine geringere Wirtschaftsleistung sorgt. «Konsum-Downgrading» nennt man das in China, wenn man in den Nudelladen um die Ecke geht statt ins teure Gourmetrestaurant. Die Vermögenden in China wollen sich absichern. Sie halten sich an das, was Kontrolle verspricht: Gold, Fonds, stabile Fremdwährungen, Versicherungen im Fall von Krankheit, Unfall, Scheidung, Tod.Wer kann, schafft sein Geld irgendwie ins Ausland. Im Jahr 2025 hat die Kapitalflucht einen neuen Rekord erreicht: Wie der Finanzdienst Bloomberg schätzt, verliessen 1 Billion Dollar das Land. Diese gigantische Summe zeigt, dass das Vertrauen in die heimische Wirtschaft wohl nicht allzu hoch ist.Für den Ethnologen Xiang Biao ist das Misstrauensvotum der Vermögenden mit den herumhängenden Jugendlichen verbunden. Beide Phänomene sind für Xiang Reaktionen auf ein System, das seine Versprechen nicht mehr einlösen kann.Wenn die Jungen keine stabilen Jobs haben, zahlen sie auch nicht ins Rentensystem ein. Weil sie seltener heiraten und weniger Kinder bekommen, ist die grosse Frage, wer sich einmal um die Alten kümmert. «Das Problem wird sich in 20 Jahren verschärfen, wenn die Generation, die Ersparnisse hat, das Rentenalter erreicht und Pflege braucht», sagt Xiang Biao. Dann drohe eine soziale Krise.Aber Xiang Biao sieht auch Chancen. Die Chinesen lernten gerade, in einer Welt voller Unsicherheit eine neue Form von persönlicher Entwicklung und Sinn zu finden. Das Abstrampeln im Job vorher habe zwar Geld gebracht, aber auch eine Art geistigen Stillstand. «Sie sind ja nicht tatsächlich vorwärtsgekommen, sondern haben nur bis zur Erschöpfung gearbeitet», sagt er. Jetzt gebe es immer mehr junge Leute, die dem Stress der Stadt den Rücken kehrten und in der Provinz Projekte starteten, in ferne Länder reisten, sich für Buddhismus interessierten. «Sie finden gerade heraus, wie sie sich ein Leben nach eigenen Vorstellungen aufbauen können, ohne einfach nach dem nächsten beruflichen oder materiellen Ziel zu streben», sagt Xiang.Zwei Welten im Stau von Peking: Ein Kurier blickt auf einen Ferrari. Lange symbolisierten teure Luxusautos den ungebremsten Aufstieg Chinas. Heute fährt selbst die obere Mittelschicht lieber einen praktischen chinesischen Elektrowagen.Ein neues LebenMingming, die Beauty- und Versicherungsmaklerin, lässt sich von den wirtschaftlichen Unsicherheiten nicht beeindrucken. Sie pendelt zwischen ihren zwei Büros und Kundinnenterminen hin und her, zwischendurch postet sie Videos von sich bei der Arbeit auf dem sozialen Netzwerk WeChat. «Ich mache mir keine Sorgen darüber, ab welchem Alter man ausrangiert wird, verstehst du? Ich kann meinen Körper einfach gesund halten und ewig arbeiten, wenn ich will.» Mingming ist bald 40 – und auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs.Wie entscheidend dieser Erfolg ist, zeigt sich wenige Wochen später. Als Mingming das Telefon abnimmt, sitzt sie im Spital. Bei ihrer Mutter wurde Lungenkrebs diagnostiziert. Mingming ist gefasst. Sie kann ihrer Mutter die beste Behandlung ermöglichen, weil sie sie davon überzeugen konnte, eine gute Krankenversicherung abzuschliessen. «Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie ich das sonst bezahlen würde.» Die Verwandtschaft hat sich bei ihr bedankt. Sie habe ihrer Mutter das Leben gerettet.Zhenyi hat Peking inzwischen verlassen. An einem warmen Junitag packt sie ihre zwei Katzen in ihren Changan-Elektro-SUV und fährt 1800 Kilometer weiter in den Südwesten des Landes, nach Chengdu zu ihrem Mann.Als sie den Videoanruf abnimmt, lächelt sie. Gelöst. Eine Katze läuft ihr über den Schoss und schmiegt sich an sie. «Die zwei Katzen haben sich schon an ihr neues Leben gewöhnt», sagt sie. Die Wohnung ist gross, drei Schlafzimmer, die Monatsmiete knapp über 2000 Yuan (umgerechnet unter 250 Franken). Ihre Eigentumswohnung in Peking, hofft sie, könne sie für über 10 000 Yuan vermieten. Das Wohnquartier in Chengdu liegt etwas ausserhalb, es ist ein Neubau, viele junge Leute, Paare wohnen hier mit kleinen Kindern. Zhenyi fühlt sich wohl. Geldsorgen hat sie keine mehr, nicht nur, weil die Lebenshaltungskosten in Chengdu viel geringer sind als in Peking. Sie hat begonnen, ihr Erspartes in ETF anzulegen.Sie hat Bücher über das Investieren gelesen und beginnt ihren Tag meist mit einem Livestream zur Marktsituation, liest die Nachrichten zum Frühstück, verbringt ein paar Stunden täglich damit. Viel Gewinn erzielt sie noch nicht, aber immerhin so viel, dass sie die freiwilligen Sozialversicherungen bezahlen kann. «Ein-, zweimal im Monat schaue ich noch auf die Job-Inserate, um zu schauen, was es so gibt», sagt sie. «Aber stressen lasse ich mich davon nicht mehr.»Schönheit im Fokus: Eine Frau blickt in Peking auf ihr Smartphone, während ihr die Haare gemacht werden. Der grosse Aufbruch in China ist vorbei; die obere Mittelschicht investiert lieber Geld ins Aussehen, kauft Versicherungen oder schafft das Vermögen ins Ausland.Kevin Frayer / GettyPassend zum Artikel
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Die Oberschicht in Peking hat gemerkt: Die fetten Jahre sind vorbei. Sie spritzen sich Botox und kaufen Versicherungen gegen den Kontrollverlust, sie fliehen in die Provinz und gehen auf Sinnsuche.










