Indonesien erklärt die «LGBT-Kultur» zur nationalen BedrohungDas grösste muslimische Land der Welt fürchtet den «moralischen Verfall». Menschenrechtsorganisationen sind alarmiert. Die Wortwahl erinnert stark an Russland.13.07.2026, 16.37 Uhr3 LeseminutenEin Besucher fotografiert eine Show von Drag Queens in Seminyak (Bali).Ulet Ifansasti / GettyDie indonesische Regierung hat LGBT zur Bedrohung erklärt. Das steht in einem von Präsident Prabowo Subianto unterzeichneten Dekret zur nationalen Verteidigungsstrategie. Darin werden auch sogenannte «nichtmilitärische Faktoren» erwähnt, die Indonesien bedrohen könnten. Einer von ihnen sei «die Verbreitung der LGBT-Kultur». Prabowo hat das Papier bereits im Oktober 2025 unterzeichnet, sein Inhalt wurde allerdings erst jetzt bekannt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Akronym LGBT vereint Homosexuelle, Bisexuelle und Trans-Personen. Deren Rechte seien in Indonesien bereits gefährdet, schreibt Human Rights Watch in einem Bericht: Gerade an Universitäten komme es zunehmend zu Angriffen und Beleidigungen gegen gleichgeschlechtliche Paare. Statt ihre LGBT-Studenten zu unterstützen, würden Unis ihnen neue Regeln auferlegen und verbieten, dass Sexualität überhaupt diskutiert werde. Als sich zwei Studenten im vergangenen Juni in einer Uni-Bibliothek in West Java küssten und von Mitstudenten dafür ausgebuht wurden, bestrafte die Universität das Paar. Zwischen 2024 und 2025 wurden laut der indonesischen LGBT-Organisation Arus Pelangi 94 Angriffe gegen sexuelle Minderheiten gemeldet.Konservative muslimische Organisationen in Indonesien forderten jüngst, dass sexuelle Abschweifung unter Strafe gestellt wird. Bild: Ein Bestrafter wird öffentlich zur Schau gestellt.Hotli Simanjuntak / EPANeue Gesetze gefordertIndonesien ist das grösste muslimische Land der Welt. Konservative muslimische Organisationen forderten jüngst, dass sexuelle Abschweifung unter Strafe gestellt wird. Diesen religiösen Hardlinern gegenüber steht ein junger, weltoffener und eher urbaner Teil der Gesellschaft.«LGBT-Kultur» ist in der nationalen Verteidigungsstrategie Indonesiens nun als gleich gefährlich eingestuft wie etwa Menschenhandel, das Stehlen von Rohstoffen oder Terrorismus. Auch Atheismus wird dort als Bedrohung aufgeführt – in Indonesien ist es verpflichtend, einer der sechs anerkannten Religionen anzugehören.Rechtlich ändert sich vorerst nichts für sexuelle Minderheiten. Aktivisten sind allerdings besorgt, dass das Signal des Präsidenten eine Ausrede sein könnte für weitere Diskriminierungen. Zwar ist Homosexualität in Indonesien nicht verboten, auf regionaler Verwaltungsebene existieren allerdings mehrere Gesetze, die homosexuelle Handlungen unter Strafe stellen. In der konservativen Provinz Aceh werden sie mit Hieben bestraft. Eine öffentliche Auspeitschung von zwei Studenten führte 2025 zu einem internationalen Aufschrei.Der zuständige Minister Yusril Ihza Mahendra rechtfertigte das neue Strategiepapier gegenüber indonesischen Medien: Die Regierung müsse die Bevölkerung vor dem «moralischen Verfall» bewahren. Also vor Bewegungen, welche die Stützen der Gesellschaft und der Nation erodieren könnten.Der zuständige Minister Yusril Ihza Mahendra (rechts) rechtfertigt das neue Strategiepapier damit, dass die Regierung die Bevölkerung vor dem «moralischen Verfall» bewahren müsse.Willy Kurniawan / ReutersFreundschaft mit RusslandDas Anti-LGBT-Dekret Prabowos dürfte aus politischem Kalkül erfolgt sein, um sich die Unterstützung der islamischen Hardliner zu sichern. Die Wortwahl erinnert gleichzeitig stark an ein anderes Land, in dem sexuelle Minderheiten als staatszersetzend klassifiziert wurden: Russland. Der ehemalige General Prabowo hegt eine Faszination für starke Männer und zeigt Ambitionen auf der Weltbühne – so versprach er etwa Tausende Friedenstruppen für Gaza.Aber auch die Beziehungen zu Russland haben sich seit Prabowos Amtsübernahme 2024 intensiviert. Allein im vergangenen Jahr trafen sich die beiden Staatschefs laut dem indonesischen Aussenministerium fünfmal. Im April flog Prabowo nach Moskau, Putin bezeichnete Prabowo danach als «lieben Freund».Indonesien litt in den vergangenen Monaten wie fast alle asiatischen Staaten unter einer Energiekrise, ausgelöst durch den Iran-Krieg und die Schliessung der Strasse von Hormuz. In Zukunft soll mehr Öl aus Russland nach Indonesien fliessen. Russland will Indonesien zudem beim Bau von Atomkraftwerken unterstützen.Passend zum Artikel
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Das grösste muslimische Land der Welt fürchtet den «moralischen Verfall». Menschenrechtsorganisationen sind alarmiert. Die Wortwahl erinnert stark an Russland.







