ErklärtDer Erdölmacht Russland fehlt der Treibstoff – was ist passiert?Russland erlebt seit dem Frühjahr 2026 die schwerste Benzinknappheit der letzten Jahrzehnte. Sie zeigt, wie verwundbar der Kreml geworden ist. Die wichtigsten Fragen und Antworten.13.07.2026, 14.33 Uhr4 Leseminuten«Ausser Betrieb»: ein Schild an einer Tankstelle in Moskau. Sogar in der Hauptstadt ist Benzin knapp geworden. Aufnahme vom 12. Juli.Ilya Pitalev / ImagoInhaltsverzeichnisWas ist passiert?Wie schlimm ist die Krise?Welche Auswirkungen hat die Knappheit auf die Bevölkerung?Wie reagiert der Kreml?Was bedeutet die Knappheit für andere Länder?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was ist passiert?Seit diesem Frühjahr zerstören ukrainische Drohnen in grösserer Zahl als früher russische Infrastruktur weit im Hinterland. Es kommt zu Grossbränden, «schwarzem Regen» und Ölteppichen an den Küsten. Als «schwarzen Regen» bezeichnet man den öligen, karzinogenen Niederschlag, der nach massiven ukrainischen Drohnenangriffen auf russische Ölraffinerien und Treibstofflager entsteht. An Tankstellen haben sich kilometerlange Schlangen gebildet. Im Juli trafen Drohnen eine Raffinerie in der westsibirischen Stadt Omsk, Russlands grösste Anlage zur Gewinnung von Benzin, Diesel und Kerosin.In der Vergangenheit griff die Ukraine vor allem Exporthäfen an der Ostsee und am Schwarzen Meer an, was die Ölversorgung nur kurzzeitig störte. Derzeit fokussiert die Ukraine vor allem auf die Raffinerien. Russlands Flugabwehr ist mit den Drohnenangriffen überfordert. Laut dem Wall Street Journal wurden acht der zehn grössten Raffinerien bereits beschädigt, manche fielen für Wochen aus. Dabei gehört Russland eigentlich zu den weltgrössten Erdölproduzenten.Ein russischer Wirtschaftsexperte beziffert den Kapazitätsverlust auf rund ein Drittel der gesamten Raffinerieleistung des Landes. Es ist die niedrigste Auslastung seit 21 Jahren.Anfang Juli eröffneten die Ukrainer im Asowschen Meer eine neue Front: Innert einer Woche trafen ukrainische Drohnen 90 russische Frachtschiffe. Der Schiffsverkehr über das Binnenmeer und durch die Meerenge von Kertsch ist völlig eingebrochen. Weil darüber auch die Krim versorgt wird, dürfte sich die seit Wochen anhaltende Benzinkrise auf der besetzten Halbinsel weiter verschärfen.Schwarzer Rauch über der Gazprom-Neft-Raffinerie im Südosten Moskaus nach einem grossangelegten ukrainischen Drohnenangriff am 18. Juni 2026.Sefa Karacan / ImagoWie schlimm ist die Krise?Bedroht ist im Moment nicht die Rohölförderung, sondern die Verarbeitung. Die Benzinproduktion Russlands lag im Juni je nach Quelle 15 (Reuters) bis 25 Prozent (AP) unter dem Vorjahreswert. Damit lag sie rund 20 Prozent unter der Nachfrage aus dem Inland, wie der Rohstoffanalysedienst Kpler schätzt. Über 50 Regionen – ein Grossteil des Landes – meldeten Engpässe. Die Rohölverarbeitung fiel auf den niedrigsten Stand seit über 20 Jahren, die Preise stiegen regional laut Rosstat zeitweise um bis zu 30 Prozent pro Woche.Der Ökonom Sergei Wakulenko von der Denkfabrik Carnegie Russia Eurasia Center sagt: «Die Menge an verfügbarem Benzin wird bestimmt durch ein Wettrennen zwischen ukrainischen Drohnen und russischen Reparaturteams.»Welche Auswirkungen hat die Knappheit auf die Bevölkerung?Landesweit kommt es zu Rationierungen, Airlines streichen wegen Kerosinmangels Flüge. Teilweise kommt es auch zu Handgreiflichkeiten an Tankstellen.Besonders hart trifft der Mangel die Landwirtschaft. Diese befindet sich mitten in der Erntesaison: Ein Mähdrescher braucht bis zu 300 Liter Diesel pro Schicht, an vielen Tankstellen gelten aber Limiten von 100 bis 200 Litern. In den südlichen Regionen Rostow am Don, Krasnodar und Stawropol campieren manche Landwirte über Nacht an Tankstellen. In Rostow drohen Ernteverluste von bis zu 15 Prozent. Treib- und Schmierstoffe kosten seit Jahresbeginn rund 50 Prozent mehr. Weil auch Lastwagenfahrer wegen der Rationierung nicht mehr zuverlässig planen können, zeigen sich erste Lieferverzögerungen bei verderblichen Lebensmitteln wie Fleisch, Milch und Eiern.Auf der 2014 annektierten Krim sind die Folgen besonders gravierend. Seit Juni gilt dort der Notstand. Die Behörden rationieren die Stromversorgung – in Sewastopol steht Elektrizität beispielsweise nur rund sechs Stunden am Tag zur Verfügung. Benzin wird an Privatpersonen nicht mehr verkauft. Wer dennoch eine geöffnete Tankstelle findet, muss mit Preisen rechnen, die vier- bis siebenmal höher liegen als im Frühling. Die sonst belebten Strände sind nahezu menschenleer, und Kinder mussten ihre Sommerlager vorzeitig abbrechen und nach Hause zurückkehren.Temporärer Stromausfall in der Krim-Ferienstadt Jewpatorija: Die Behörden schränken die Stromversorgung ein, um das überlastete Netz zu entlasten, Aufnahme vom 5. Juli 2026.Alexey Pavlishak / ReutersWie reagiert der Kreml?Der russische Präsident Wladimir Putin verharmloste die Lage lange. Die Knappheit sei «nicht kritisch», sagte er Ende Juni bei einer Sitzung mit Regierungsvertretern und Ölproduzenten. Und räumte dennoch ein: «Diese Attacken auf unsere Infrastrukturanlagen schaffen Probleme.»Als Gegenmassnahmen importiert Russland nun erstmals seit Jahrzehnten Treibstoff auf dem Seeweg – rund 400 000 Tonnen Benzin monatlich, darunter mindestens 60 000 Tonnen aus Indien. Dazu kommen Lieferungen aus Weissrussland und Kasachstan. Zudem verhängte der Kreml Exportverbote für Benzin, Kerosin und Diesel und erlaubte übergangsweise Benzin nach dem älteren, schwefelhaltigeren Standard Euro-3.Die Importe dürften wegen der Transportkosten teurer sein als die bisher künstlich tiefen Inlandpreise.Wirtschaftlich trifft die Krise den Kreml empfindlich: Öl- und Gaseinnahmen machen rund 25 Prozent des russischen Staatshaushalts aus. Sie sind bereits 2025 um fast 24 Prozent zurückgegangen. In den ersten vier Monaten 2026 fielen sie sogar um 38 Prozent. Das Haushaltsdefizit belief sich im ersten Halbjahr 2026 bereits auf 5,73 Billionen Rubel (das entspricht etwa 60,56 Milliarden Franken) oder 2,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts.Warteschlange an einer Gazprom-Tankstelle in Moskau, Aufnahme vom 9. Juli 2026.Sergei Ilnitsky / EPAWas bedeutet die Knappheit für andere Länder?Am stärksten betroffen sind zentralasiatische Nachbarländer, denen Moskau mit einem Exportverbot für Diesel droht. Kirgistan, das fast seinen gesamten Kraftstoff aus Russland bezieht, hat andere Staaten um Hilfe gebeten. Und Kasachstan, das eigene Raffinerien hat, verschärfte in seinen Grenzregionen nach Russland wegen mutmasslichem Benzinschmuggel die Kontrollen: In den drei angrenzenden Regionen Westkasachstan, Aqtöbe und Pawlodar sind die Benzinverkäufe jüngst merklich gestiegen.Auch der globale Ölmarkt spürt die Krise in Russland: Weil beschädigte Raffinerien weniger verarbeiten können, muss Russland vermehrt unverarbeitetes Rohöl statt raffinierter Produkte exportieren.Passend zum Artikel