Hervorragende WM-Stimmung herrscht in Italien. Fast schon überrascht gaben die übertragenden Sender vor einigen Tagen überaus positive Einschaltquoten bekannt, die Sportzeitungen berichten mit Freude über den Mittelfinger von „Papá Haaland“, das „Finalspiel dieses Jahrhunderts“ Frankreich gegen Spanien oder darüber, dass Lionel Messi sein Trikot nach dem Viertelfinalsieg gegen die Schweiz an Roberto Baggio überreichte. Und dann ist da noch die eigene Nationalmannschaft, die nicht teilnimmt, aber nun immerhin eine positive Nachricht zu vermelden hat.Weißer Rauch ist dieser Tage aufgestiegen über dem Sitz des italienischen Fußballverbands FIGC in Rom, unweit der Villa Borghese. Erst vor knapp zwei Wochen war dort Giovanni Malagó als neuer Präsident eingezogen: Der ehemalige Chef des italienischen Olympiakomitees und Organisator der Olympischen Winterspiele im Februar soll nun den ramponierten Fußballverband neu aufstellen. Eine herausfordernde Aufgabe, die Malagó auf berühmte Schultern verteilt: Paolo Maldini, so meldete die FIGC am Samstag, wird neuer Technischer Direktor und Präsident des sogenannten Club Italia, der Dachorganisation aller nationalen Mannschaften.Italienischer Fußball:Immerhin: Maldini hilft jetzt mitAbseits der WM stellt sich Italiens Fußball neu auf. Ein neuer Verbandspräsident ist schon da, Paolo Maldini wird Technischer Direktor. Was noch fehlt: ein neuer Trainer und neue Ideen.Eine beachtlich vereinende Wirkung hat Maldini, 58, auf den italienischen Fußball. Ehemalige Profis, die Mehrheit der Serie-A-Klubs, Kommentatoren in allen Arten von Medien stimmten überein: Maldini sei die scelta giusta, die richtige Wahl. Allein schon weil sein Name das Gewicht hat, um sich der Aufgabe zu stellen. Nicht nur Paolo, der 126 Mal für die Squadra Azzurra auflief, sondern auch dessen Vater Cesare, der bei der WM 1998 als Nationaltrainer amtierte, hat den italienischen Fußball geprägt.Maldini genießt aber nicht nur wegen der Erinnerungen an seine Zeit als eleganter Verteidiger einen herausragenden Ruf im Land. Vier Jahre lang war er zwischen 2019 und 2023 als Technischer Direktor bei seiner AC Milan verantwortlich gewesen, bevor ihn der amerikanische Eigentümer Gerry Cardinale harsch vor die Tür setzte. Als schwerer Fehler gilt das bis heute, die Rossoneri wandeln seit Maldinis Entlassung von Krise zu Krise. Und der Rest des italienischen Fußballs verstand schon damals die Entlassung nicht: „Mir gefällt der Gedanke, dass diese Aufgabe eine Art Entschädigung für Paolo darstellt (…), dafür, wie er von den Amerikanern bei der AC Mailand behandelt wurde“, schrieb im Corriere dello Sport der bekannte Kolumnist Ivan Zazzaroni.Etwas Skepsis bleibt: Soll da ein hervorragender Jockey ein lahmendes Pferd reiten?Wenngleich sich auch bei Zazzaroni ein Hauch von Skepsis nicht verbergen ließ. Von fantino und cavallo war zu lesen, von Jockey und Rennpferd: So begrüßenswert die Berufung von Maldini auch sein mag, sie überdeckt eben auch nur das erkannte Problem, dass es dem italienischen Fußball in seinen Grundfesten an Innovationskraft mangelt. Dass das Pferd lahmt, auch wenn nun womöglich ein hervorragender Jockey reitet. Die größte Herausforderung für Maldini und seinen ebenfalls vorgestellten Berater Leonardo, mit dem er einst bei Milan zusammenspielte, liegt darin, dass sie zwei Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen haben: Langfristige Themen wie Jugendarbeit und Trainerausbildung müssen neu strukturiert werden, womöglich gegen Widerstände eines alten Systems. Und parallel braucht kurzfristig der Patient namens Nationalmannschaft dringende Notversorgung.Die entscheidende erste Amtshandlung Maldinis ist eng damit verbunden: Italien braucht weiterhin einen neuen Nationaltrainer, in dem auf der Website einsehbaren Organigramm steht neben der Stelle „commissario tecnico“ derzeit nur ein trister, kleiner Strich. Zwei offensichtliche Kandidaten sind weiterhin im Rennen, beide hatten den Job schon einmal: Antonio Conte von 2014 bis 2016, Roberto Mancini von 2018 bis 2023. Beide bringen aber auch Argumente gegen sich mit. Conte ist bekannt für erfolgreiche Operationen am offenen Herzen, aber keiner für langfristige Projekte. Mancini hatte das Amt 2023 für den Ruf des Geldes aus Saudi-Arabien aufgegeben, was ihm viele bis heute nicht verziehen haben. Trotz aller Entschuldigungen und der Tatsache, dass er beim EM-Titel 2021 die bisher letzte erfolgreiche Nationalmannschaft gecoacht hatte.Die Gazzetta dello Sport fragte angesichts dessen, warum Maldini und Leonardo „es nicht einfach mal probieren“ und erinnerte an einen Trainer, dessen Liebe zum italienischen Fußball verbrieft ist und der seit kurzer Zeit keinen Job mehr hat. Pep Guardiola allerdings ist vorerst nur ein Wunschtraum, der sich in einem Land gut verkaufen lässt, das gerne auch mal wieder hervorragende WM-Stimmung erleben würde – in der Rolle eines Teilnehmers, wohlgemerkt.
Italienischer Fußball: Maldini hilft als technischer Direktor
Während die WM ohne die Squadra Azzurra stattfindet, stellt sich Italiens Fußball neu auf, mit Paolo Maldini als Technischem Direktor. Fehlt noch ein Trainer.













