In den Niederlanden steht im Mai ein Rechenzentrum in Flammen. Eine Universität, ein Spital, Busse und Softwareunternehmen werden von den Folgen des digitalen Ausfalls eingeholt. Der letzte Teil der «NZZ Pro»-Serie zu Rechenzentren.Kalina Oroschakoff, Joana Kelén, Roland Shaw13.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenRechenzentren sind längst ein Teil der strategischen Infrastruktur. Werden sie ausser Gefecht gesetzt, sind die Folgen weit über die menschenleeren Serverhallen hinaus zu spüren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Mai ist genau das in den Niederlanden geschehen. Im Rechenzentrum des Unternehmens NorthC entflammt ein Grossbrand. Der Ausfall tritt eine Kettenreaktion los. Was in den folgenden Tagen geschieht, zeigt, wie tief Rechenzentren bereits in unserem Alltag verankert sind.Es ist kurz vor 9 Uhr am Morgen des 7. Mai, als in einem Rechenzentrum im niederländischen Ort Almere ein Grossbrand ausbricht.Die Feuerwehr wird sofort alarmiert, alle Mitarbeiter werden evakuiert, niemand wird verletzt. Die Feuerwehr lässt bei ihrem Eintreffen die Stromversorgung der gesamten Anlage abschalten. Das Feuer wütet im hinteren Teil des Gebäudes — dort, wo sich unter anderem auch die Notstromaggregate befinden.Doch die Notstromversorgung kann nicht für das gesamte Rechenzentrum aktiviert werden. In einem Gebäudeteil — Almere 1 —fallen Strom und Kühlung aus. Kunden verlieren den Zugriff auf ihre IT-Systeme.Rund fünfzig Autokilometer entfernt stehen Studenten der Universität von Utrecht vor verschlossenen Türen. Elektronische Schlüsselkarten funktionieren nicht, in einigen Gebäuden sind sogar die Toiletten nicht mehr zugänglich. Das universitätseigene Intranet und mehrere Websites sind nicht erreichbar, Lernmaterial lässt sich nicht mehr herunterladen.In Whatsapp-Gruppen herrscht grosse Verwirrung. Gegen Mittag meldet sich die Universität in einem Live-Blog zu Wort. Studenten werden aufgefordert, die Systeme möglichst wenig zu belasten.Am Abend wird klar: Es war der Brand in Almere, der den Universitätsbetrieb weitgehend lahmgelegt hat. Die Universitätsleitung kündigt an, das Gelände am Freitag weitgehend zu schliessen. Auch die Bibliotheken bleiben über das Wochenende zu.Studenten und Fakultätsmitglieder sollen den Campus meiden, vom Online-Unterricht wird aus Sorge um eine Überlastung der IT-Systeme abgeraten. Laufende Experimente in Laboren werden unterbrochen.Am Freitag folgt die nächste Nachricht: Auch die Prüfungen am folgenden Montag und Dienstag werden abgesagt.Zur gleichen Zeit registriert das Überwachungssystem des italienischen Softwareunternehmens Edisplay, dass der Zugang zu seinen Systemen in der Region Amsterdam vollständig ausgefallen ist. Das Unternehmen wickelt unter anderem E-Mail-Kampagnen für seine Kunden ab.Innerhalb weniger Minuten aktiviert Edisplay seinen Notfallplan, um Kundendaten, Dienstleistungen und das eigene Geschäft zu schützen, schreibt das Unternehmen auf seiner Website.Edisplay weicht mit seinen Diensten auf ein Rechenzentrum in der Region Frankfurt aus. Die Kundendaten bleiben verfügbar, E-Mails können weiter verschickt werden. Das Kerngeschäft läuft nahezu ohne Unterbrechung weiter.Auch der öffentliche Nahverkehr in der Provinz Utrecht ist betroffen. In dem brennenden Rechenzentrum stehen nämlich auch die Server des Busunternehmens Transdev. Busfahrer haben Schwierigkeiten, den Kontakt zur Leitstelle aufrechtzuerhalten — jener Zentrale, die Notfälle koordiniert und den täglichen Betrieb steuert.Zudem funktionieren laut lokalen Medien die Notrufknöpfe in den Fahrzeugen nicht. Fahrer können jedoch weiterhin eine Notfallnummer anrufen. Transdev setzt zusätzliches Personal an wichtigen Knotenpunkten ein.Auch Teile der IT-Systeme des Krankenhauses Flevoziekenhuis in Almere laufen über das Rechenzentrum. Die Patientenversorgung ist laut dem Krankenhaus aber nicht beeinträchtigt, da die Server auf mehrere Rechenzentren verteilt sind. Operationen, Einweisungen, Behandlungen und die Notfallversorgung werden fortgesetzt.Während es in Almere und Utrecht drunter und drüber geht, sitzen Fans der Piratenplattform Animekai enttäuscht vor ihren Bildschirmen. Statt Animes erscheint die Botschaft: «Tut uns leid, unser Rechenzentrum ist abgebrannt :( Wir können den Datei-Hosting-Dienst nicht mehr anbieten.» Auf Reddit gibt Animekai bekannt, seinen Betrieb endgültig einzustellen.Kurz nach Mitternacht ist der Brand in Almere unter Kontrolle. Fast 16 Stunden lang haben die Einsatzkräfte gegen die Flammen gekämpft. Die nächste Phase beginnt: Mitarbeiter werden wieder ins Gebäude zugelassen, Experten untersuchen die Brandursache vor Ort. Parallel beginnen die Arbeiten, um das Rechenzentrum wieder an den Strom anzuschliessen.Mehrere Tage dauert es, eine provisorische Stromversorgung aufzubauen und Strom- sowie Kühlsysteme schrittweise wieder hochzufahren. Dafür werden 21 Hochleistungsgeneratoren, USV-Anlagen (elektrische Geräte, die bei einem Stromausfall weiter Strom liefern) und Verteilerkästen installiert. Rund 14 Kilometer Kabel verbinden die Generatoren mit den Datenräumen.Der Strom ist vorläufig zurück, die Kühlung läuft an. Schritt für Schritt werden die IT-Systeme der Kunden wieder hochgefahren.Ein Gebäudeteil des Rechenzentrums wird wieder ans Netz angeschlossen. Bis Ende Juli soll auch der Rest der Anlage wieder online sein, die Generatoren werden dann abgeschaltet. Das Rechenzentrum kehrt zum Normalzustand zurück.Ende Mai ist auch an der Universität Utrecht die Normalität fast wieder eingekehrt. Prüfungen werden durchgeführt, wenn auch zum Teil auf Papier und vor Ort. Lernmaterial ist wieder online verfügbar. Online-Dienste sind zugänglich. Davor lagen aber stressige Tage. Denn obwohl das Rechenzentrum in Almere wieder Strom hat, bedeutet es nicht, dass in Utrecht alle Universitätssysteme sogleich wieder laufen. «Die Situation ist nicht mit der Situation zu Hause vergleichbar, wo das Licht wieder angeht, sobald man eine durchgebrannte Sicherung austauscht», sagt Jan-Paul van Staalduinen, der Direktor des IT-Dienstes.Warum Rechenzentren zu einem Sicherheitsrisiko werdenDer Brand in Almere zeigt, wie abhängig unser Alltag bereits heute von Rechenzentren ist — und wie schnell das öffentliche Leben ins Stocken gerät, wenn diese ausfallen. Mit einer zunehmend KI-getriebenen Wirtschaft werden diese Abhängigkeiten weiter wachsen. Dadurch entstehen Risiken, auf die Betreiber, Politik und Gesellschaft Antworten finden müssen.Die Verwundbarkeit endet jedoch nicht bei technischen Defekten oder Bränden. Sicherheitsexperten weisen seit einiger Zeit darauf hin, dass Rechenzentren zu einem Teil der strategischen Infrastruktur geworden sind — und damit auch zu potenziellen Angriffszielen. Die Angriffe auf gleich drei Rechenzentren in der Golfregion, zwei davon gehören dem Tech-Giganten Amazon, während des Kriegs mit Iran haben das eindrücklich vor Augen geführt.Die Anlagen dienen längst nicht mehr nur kommerziellen Zwecken. Behörden und andere staatliche Akteure sind auf die Daten angewiesen, die dort gespeichert werden, und auf die digitalen und KI-gestützten Dienste, die dort abgewickelt werden. Je stärker diese Abhängigkeit wächst, desto verwundbarer wird die Infrastruktur gegenüber Cyber- und physischen Angriffen, Sabotageakten oder technischen Defekten.Die KI-Wirtschaft beruht auf Rechenzentren, die rund um die Uhr mit Strom versorgt werden müssen. Gerade diese elektrische Infrastruktur macht sie anfällig für Brände. Das Risiko, dass ein Feuer weit mehr lahmlegt als ein einzelnes Gebäude, wird immer grösser.Batteriesysteme, Notstromanlagen und kilometerlange Stromkabel sorgen dafür, dass Rechenzentren selbst bei einem Stromausfall versorgt sind. Doch gerade das erhöht das Brandrisiko: Kommt es durch einen technischen Defekt oder menschliches Versagen zu einer Störung, kann sich ohne rasches Eingreifen ein Grossbrand entwickeln.Im Fall des Rechenzentrums in Almere ist die Brandursache noch nicht öffentlich bekannt, das Unternehmen hat für Juli einen Bericht angekündigt.Für Qingsheng Wang von der Texas A&M Universität steht jedoch grundsätzlich fest, dass besonders der Umstieg der Branche auf Lithium-Ionen-Batterien für die Notstromversorgung neue Risiken geschaffen hat. Mit Kollegen hat er kürzlich eine Studie zu den Brandrisiken von Rechenzentren veröffentlicht. «Bei fast jedem grösseren Brand in einem Rechenzentrum in jüngster Zeit waren Lithium-Ionen-Akkus beteiligt», sagt Wang.Die Batterien können in einen sogenannten thermal runaway geraten: Sie erhitzen sich unkontrolliert, können sich selbst entzünden, Sauerstoff freisetzen und ausserdem brennbare und giftige Gase erzeugen. Mit konventionellen Löschmethoden lasse sich ein solcher Brand oft nicht wirksam eindämmen, sagt Wang.Um das Risiko zu verringern, seien unter anderem eine engmaschige Überwachung der Batteriesysteme und Frühwarnsysteme zur Gaserkennung nötig.Die Ereignisse in den Niederlanden zeigen, dass ein Feuer in einem Rechenzentrum weit mehr lahmlegen kann als ein einzelnes Gebäude. Und je stärker Wirtschaft und Gesellschaft von diesen Anlagen abhängen, desto grösser werden die Folgen eines Ausfalls. «Ein Brand in einem Rechenzentrum ist heute nicht mehr nur ein Gebäudebrand, sondern ein gesellschaftlicher Notfall», sagt Wang.Passend zum Artikel