Rechenzentren fressen enorme Mengen an Strom. Der Zugang dazu entscheidet zunehmend darüber, wo die KI-Wirtschaft wächst. Eine «NZZ Pro»-Serie.15.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenRechenzentren brauchen vieles: Land, Wasser, Glasfaserkabel, Kapital. Vor allem aber benötigen sie Strom, und den jederzeit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die mit Computern gefüllten Hallen zählen zu den anspruchsvollsten Stromkunden überhaupt. Sie verbrauchen zum Teil so viel Strom wie eine Kleinstadt. Sie sind zudem auf eine Versorgung angewiesen, die praktisch nie ausfallen darf. Schliesslich sollen KI-Anwendungen, Cloud-Dienste und digitale Plattformen rund um die Uhr verfügbar sein.Welche Dimensionen der Strombedarf inzwischen erreicht, zeigt der amerikanische Gliedstaat Texas. «Dort werden einzelne Rechenzentren gebaut, die eine Leistung von rund einem Gigawatt benötigen», sagt Luca Pedretti von Pexapark, einer Preis- und Datenplattform für erneuerbare Energien aus der Schweiz. «Das ist mehr, als das Kernkraftwerk Gösgen produziert», sagt er. Pedretti, der mehrere Jahre für den Schweizer Stromversorger Axpo gearbeitet hat, war erst neulich wieder in Texas.Die Massstäbe dort seien gewaltig, sagt er. Das beginne schon bei den Baustellen und den Parkplätzen für die Arbeiter. «Es ist, als würde man einen neuen Hoover-Damm bauen – am Ende geht es nur um Strom. Wir brauchen enorme neue Kapazitäten.» Das in den 1930er Jahren errichtete Mammutprojekt war zu der Zeit nicht nur der höchste Staudamm der Welt, sondern auch Symbol für den amerikanischen Fortschrittsoptimismus der New-Deal-Ära.Die Dimensionen in Texas sind in Europa zwar noch die Ausnahme. Doch auch hier wächst der Strombedarf der Branche rasant.Eine Insel kommt an ihre GrenzenEnergie wird zu einer zentralen Voraussetzung für Europas KI-Ambitionen – und zu ihrem Engpass.Das zeigt das Beispiel Dublin. Heute ist die irische Hauptstadt einer der wichtigsten Standorte für Rechenzentren in Europa. Gleichzeitig ist sie zu einem Lehrstück dafür geworden, was passiert, wenn der Ausbau digitaler Infrastruktur zu schnell voranschreitet und Stromnetze und Energieversorgung nicht nachkommen.Irland ist am Anschlag. Dort entfielen seit 2023 mehr als 20 Prozent des gesamten gemessenen Stromverbrauchs auf Rechenzentren, in Dublin sind es sogar rund 50 Prozent. Das ist mehr, als alle städtischen Haushalte verbrauchen. Nirgendwo in Europa liegt der Anteil höher.So weit hätte es eigentlich nie kommen sollen. Als die grossen amerikanischen Technologiekonzerne ihre Europazentralen in Irland aufbauten, spielte der Strombedarf kaum eine Rolle. Ausschlaggebend waren vor allem niedrige Unternehmenssteuern. «Es ist eine kleine Insel mit einem kleinen Netz. Seit Jahren geht nichts mehr, weil sie einfach nicht nachkommen», sagt Pedretti.Der nationale Netzbetreiber reagierte bereits, die Zahl neuer Netzanschlüsse wurde im Raum Dublin bis 2028 eingeschränkt. Im Dezember verschärfte die Behörde dann die Anforderungen an neue Projekte. Betreiber müssen künftig 80 Prozent des Strombedarfs durch zusätzliche erneuerbare Energiequellen decken.Aktivisten reicht das nicht aus. Die Organisationen Client Earth und Friends of the Earth kritisieren, dass die Regeln Schlupflöcher für fossile Brennstoffe enthielten. Sie sorgen sich vor allem darum, dass Rechenzentren direkt vor Ort mithilfe von Erdgas betrieben werden, anstatt mehrheitlich erneuerbaren Strom aus dem Netz zu beziehen. Rund um Dublin ist das schon heute der Fall.Solche Lösungen gewinnen jedoch gerade deswegen an Bedeutung, weil Betreiber nicht Jahre warten wollen, bis ihre Rechenzentren endlich ans Netz gehen. Stattdessen nehmen sie die zusätzlichen Kosten — und die Emissionen — in Kauf, um die Anlagen schnellstmöglich in Betrieb zu nehmen. Gemäss Daten haben sich in Irland bis zum Jahr 2024 7 von 82 Rechenzentren aus diesem Grund direkt ans Gasnetz angeschlossen.Der Bau neuer Rechenzentren könnte derweil bis 2030 dazu führen, dass die Anlagen mindestens 30 Prozent der Stromversorgung des Landes verbrauchen. Bis 2035 wächst die Branche laut der Internationalen Energieagentur zum grössten Stromfresser auf der Insel heran — trotz Effizienzsteigerungen, die langfristig zu einer Minderung des Stromverbrauchs pro einzelne KI-Anwendung führen.Das Ballycoolin-Gelände in Dublin, auf dem sich die Pure-DC-Anlage und weitere Rechenzentren befinden, wird seit Mai auch mithilfe einer neuen Gaspipeline beliefert.Pure DCEuropa sucht nach einer StromlösungDie Entwicklung in Irland gilt heute als Warnsignal für die Branche. Denn was in Dublin zu beobachten ist, könnte morgen auch anderswo Realität werden. Europäische Politiker arbeiten daran, solche Situationen auf dem Kontinent zu vermeiden.Anfang Juni hat Brüssel offiziell den Plan vorgelegt, die Kapazität der EU-Rechenzentren bis Anfang der 2030er Jahre zu verdreifachen. Schon im Voraus unterstrich der für Energiepolitik zuständige dänische Kommissar Dan Jörgensen, dass die Anlagen die Energiewende und die Klimaziele in Europa voranbringen müssten. Er bezog sich dabei sowohl auf erneuerbare Energien als auch auf die Atomkraft, ein ewiger Streitpunkt zwischen den EU-Staaten.Heute machen Rechenzentren laut EU-Daten rund 2,5 Prozent des Stromverbrauchs in der EU aus, ihr Bedarf dürfte bis 2030 jedoch erheblich steigen. «Wir blicken auf ein Jahrzehnt, in dem sich der Energieverbrauch von Rechenzentren in Europa verdoppeln könnte, vielleicht sogar noch mehr», sagte Jörgensen dem Politikmagazin «Politico Europe».«Das ist eine Herausforderung.»Der EU-Kommissar Dan Jörgensen wirbt Anfang Juni für mehr Rechenzentren und neue Strominfrastruktur.Quelle: Europäische KommissionDaten zum Stromverbrauch von Rechenzentren sind laut Experten zwar überraschend lückenhaft, aber in der EU und im Vereinigten Königreich verbrauchten sie zurzeit etwa 100 TWh Strom pro Jahr, sagt Pawel Czyzak von der Denkfabrik Ember: «Das ist fünfmal so viel wie die acht Millionen Elektrofahrzeuge, die wir derzeit haben.»EU-Beamte gehen davon aus, dass sich ihre Kapazität durch den Zubau neuer Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppeln wird, von 12 auf 28 Gigawatt. Analysten wie Czyzak erwarten den wahren Boom beim Stromverbrauch jedoch erst in den darauffolgenden Jahren. Dann werden riesige Gigawatt-Projekte wie der Start Campus in Portugal, das Pantheon in Kroatien und der Baltic DC Campus in Polen voraussichtlich ihre volle Kapazität erreichen. Der polnische Standort allein könne 28 TWh Strom verbrauchen, sagt Czyzak. Zum Vergleich: Die Slowakei verbraucht insgesamt 27 TWh.Der Start Campus in Sines in Portugal soll mehr Rechenpower für die KI-Wirtschaft in Europa bringen.Start CampusWeltweit zeigt sich ein ähnliches Bild. Die IEA rechnet damit, dass Rechenzentren ihren Stromverbrauch 2030 mit 950 TWh im Jahr etwa verdoppelt haben werden und bis dahin rund 3 Prozent des weltweiten Stroms benötigen. Hinter diesem Anstieg stehen vor allem die KI-Anlagen. Sie fachen den Stromhunger der Branche an.Aber es sind nicht nur Rechenzentren, die den Wettbewerb um das Stromnetz aufheizen. Elektroautos, Wärmepumpen, aber auch die Umstellung auf Strom in der Schwerindustrie feuern die Nachfrage an. Das gilt auch für den Rest der Welt: Strom wird immer beliebter. Die dafür benötigte Infrastruktur wird zum Engpass.Rechenzentren folgen den StromleitungenDer Zugang zu Strom entwickelt sich zum entscheidenden Standortfaktor der KI-Wirtschaft. Weil in den etablierten Hubs — von Dublin über Frankfurt bis Paris — die Netzkapazität knapp wird, weichen Betreiber vermehrt auf neue Regionen aus. Orte, die über erneuerbare Energien, freie Netzanschlüsse und schnellere Genehmigungsverfahren verfügen. Es zieht sie in den kühlen Norden oder in den Süden Europas.Das britische Unternehmen Nscale baut zum Beispiel nördlich des Polarkreises in Norwegen an einem gigantischen Rechenzentrum für Microsoft. Im März erst verkündete die Firma, 2 Milliarden Dollar an Investitionsgeldern eingesammelt zu haben, um weltweit Rechenzentren zu bauen. Norwegen, so die Begründung, sei reich an Wasserkraft, habe ein stabiles Stromnetz und zeichne sich durch ein kühles Klima aus.Auch in Italien ist der Andrang riesig. Rechenzentren mit einer Kapazität von 30 GW warteten laut der Denkfabrik Ember bis Ende 2024 auf Netzzugang, die Mehrheit der Anträge war erst in den zwölf Monaten zuvor eingereicht worden. Zum Vergleich: 30 GW entsprechen etwa 40 Prozent von Italiens Strombedarf zu Spitzenzeiten.Gleichzeitig suchen Betreiber von Rechenzentren nach Wegen, die Abhängigkeit vom Stromnetz zu reduzieren. Batteriespeicher, der Bau eigener Energieanlagen, aber auch langfristige Lieferverträge für erneuerbaren Strom gewinnen an Bedeutung.In Belgien baut das Unternehmen LCL Belgium eigene Solar- und Windkraftanlagen. Während der Energiekrise 2022 konnte der Rechenzentrenbetreiber nach Angaben des CEO Laurens van Reijen keine langfristigen Stromverträge zu vertretbaren Bedingungen abschliessen. Statt allein vom Netz abzuhängen, produziert das Rechenzentrum heute einen Teil des Strombedarfs selbst — unter anderem in Zusammenarbeit mit lokalen Landwirten, die ihre Dächer bereitstellen und den Strom selber nutzen können. Das Rechenzentrum wird somit auch zu einem Investor für neue Energieinfrastruktur.Das belgische Unternehmen LCL baut eigene Solar- und Windkraftanlagen, und arbeitet dafür mit Landwirten zusammen.LCL BelgiumNoch ist unklar, ob saubere Energiequellen oder doch fossile Brennstoffe vom Rechenzentren-Boom profitieren werden. Die Zeichen stehen weltweit noch auf Gas, vor allem in den USA.Elon Musks riesige Colossus-Anlagen in Memphis, Tennessee, beispielsweise stehen in der Kritik. Sie haben Empörung ausgelöst, weil sie ohne Genehmigung immer mehr Gasturbinen einsetzen. Die Luftverschmutzung ist eine erhebliche Belastung für die Anwohner, der lokale Widerstand wächst.Solche Entwicklungen in den USA schüren auch in Europa Sorgen, dass die Klimaziele wegen des KI-Booms implodieren.Ein neues Geschäft für fossile Brennstoffe?Die Angst ist vorerst berechtigt. Kurzfristig wächst laut IEA-Zahlen weltweit vor allem die Stromerzeugung aus Erdgas und Kohle, sowohl durch eine höhere Auslastung bestehender Anlagen als auch durch neue Kraftwerke. Langfristig bekommen saubere Energietechnologien, allen voran die Solarkraft, aber auch die Atomenergie, jedoch neuen Schub. In Europa zeigt sich das schon heute.Dort sind Rechenzentren eine treibende Kraft hinter neuen Solar- und Windkraftprojekten, sie sind für über 30 Prozent aller Langzeitverträge mit solchen Energieanlagen verantwortlich. Das hat einerseits viel mit den klima- und energiepolitischen Vorgaben der EU zu tun. Die Betreiber von Rechenzentren haben sich im Rahmen eines freiwilligen Pakts auch dazu verpflichtet, bis 2030 klimaneutral zu werden. Ob das umgesetzt wird, bleibt offen.Aber das wachsende Interesse ist auch eine Folge der zunehmenden Wettbewerbsfähigkeit sowie der sicherheitspolitischen Relevanz grüner Technologien, inklusive der Atomenergie. Die Blockade der Strasse von Hormuz hat erneut gezeigt, wie angreifbar die EU aufgrund ihrer Abhängigkeit von Gas- und Erdöleinfuhren ist.Der politisch gelenkte Rechenzentren-Boom schafft derweil ein weiteres Problem: Spekulative Projekte blockieren die Wartelisten der Netzbetreiber. Investoren sichern sich Grundstücke mit Stromanschluss in der Hoffnung, diese später teurer weiterzuverkaufen. Viele dieser Projekte werden jedoch nie realisiert.Die KI-Zukunft ist ungewiss — und damit auch die StromnachfrageNoch dreht sich die Diskussion vor allem um die riesigen Hyperscale-Anlagen. Doch zunehmend stellt sich die Frage, ob der Strombedarf tatsächlich so stark steigen wird wie angenommen.Mit der zunehmenden Nutzung von KI im Alltag könnte sich die Architektur der Infrastruktur ändern. Das Training grosser Modelle erfordert weiterhin riesige Rechenzentren. Aber viele Anwendungen lassen sich näher an den Nutzern betreiben. Zum Teil könnte die Rechenleistung deshalb künftig wieder in kleinere und stärker verteilte Anlagen verlagert werden.Gleichzeitig zwingt der Engpass die Branche zu Innovation. Unternehmen wie Google investieren bereits in den Ausbau der Netzinfrastruktur und sauberer Stromanlagen in den betroffenen Gemeinden.Auch in der EU sollen Rechenzentren künftig ihren Stromverbrauch zeitlich anpassen und so Kapazität für andere Verbraucher im Netz freigeben. Das könnte sogar das Problem des vieldiskutierten — und in vielen Gemeinden verhassten — Ausbaus von Stromleitungen entschärfen. Die Denkfabrik Ember beschreibt, wie: Würden europäische Rechenzentren nur 30 Stunden ihres Strombedarfs pro Jahr am Netz freigeben, könnte sich die verfügbare Netzkapazität mehr als verdoppeln.Aber auch Netzbetreiber sind gefordert. Oft buchten Unternehmen mehr Kapazität, als sie am Ende benötigten, sagt Laurens van Reijen. «Wir müssen smarter mit der Infrastruktur umgehen, die wir schon haben. KI kann hier helfen.»Das zeigt: Der Wettlauf um die künstliche Intelligenz entscheidet sich längst nicht mehr nur in den Laboren von Open AI, Anthropic oder Google. Er entscheidet sich ebenso an Umspannwerken, Stromtrassen sowie Solar-, Wind- und Atomkraftwerken.Quellen: Data Center Map, Internationale Energieagentur, Pawel Czyzak, Ember, Google Earth, Epoch AIBildkolorierung: NZZPassend zum Artikel