Juden in Rom: verraten, versteckt und doch angenommenIn der Welthauptstadt des Katholizismus befindet sich die älteste jüdische Gemeinschaft Europas. In letzter Zeit häuften sich hier antisemitische Übergriffe. Hinzu kam ein schwer lesbarer Zwischenfall.12.07.2026, 16.55 Uhr7 LeseminutenDie weitherum sichtbare Kuppel der Grossen Synagoge in Rom, aufgenommen im November, wenn die Starenschwärme jeweils ihr Spektakel am Himmel zeigen. Die Synagoge wurde 1904 im jüdischen Viertel der Ewigen Stadt errichtet und gilt als Symbol der Emanzipation der Juden in Rom.Angelo Carconi / EpaDas jüdische Rom findet man zuerst auf der Speisekarte. An «carciofi alla giudia», frittierten Artischocken, kommt kein Tourist vorbei. Das gilt auch in der Nebensaison im Sommer und Herbst, wenn längst alle Anbauflächen in den fruchtbaren Gebieten um die Hauptstadt restlos abgeerntet sind. Dann wird der scheinbar unstillbare Bedarf der Rom-Besucher nach der distelartigen Pflanze mit Importen aus anderen Gegenden gestillt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Carciofo und andere traditionelle Gerichte der jüdisch-römischen Küche erzählen die schöne Legende von der harmonischen Integration der Juden in der Ewigen Stadt. Auch die Einheimischen lieben sie. Denn was in der Pfanne zusammenkommt, finden sie, gehört zusammen; Römisches und Jüdisches bilden eine unzertrennliche Einheit – und zwar vermeintlich seit der Antike, als sich die ersten Juden am Tiber niederliessen.Ein Vorfall, der verwirrtJüngst hat dieses Bild einige Kratzer bekommen. Meldungen über antisemitische Übergriffe haben für Schlagzeilen über Rom hinaus gesorgt. Es kam zu Schlägen und offenen Drohungen gegen Juden, Beleidigungen, Sprayereien.Nach Angaben des Mailänder Dokumentationszentrums für zeitgenössisches Judentum (CDEC) ist die Zahl der antisemitischen Vorfälle in den vergangenen Jahren stark gestiegen: So wurden 2025 landesweit 963 Vorfälle registriert, 2024 waren es 877 Vorfälle. Die Hauptstadtregion Latium gehört laut dem CDEC zu den Regionen mit der höchsten Zahl körperlicher antisemitischer Übergriffe in Italien.Im April wurde ein 62-jähriger Mann, der eine Kippa trug, auf offener Strasse zusammengeschlagen. Vor einem Monat wurde das jüdische LGBTQ-Netzwerk von der Roma Pride ausgeschlossen – angeblich, weil der Verein sich geweigert hatte, sich von der israelischen Offensive im Gazastreifen zu distanzieren.Dann kam es vor wenigen Wochen zu einem Zwischenfall, der in keine der vorgestanzten Kategorien passte: Ein 21-jähriger Mann, Mitglied der jüdischen Gemeinde, schoss am Rand einer Kundgebung zum Tag der Befreiung Italiens mit einer Druckluftpistole auf ein Paar, das Halstücher des Partisanenverbandes Anpi trug.Ein Jude, der auf Menschen zielt, die sich dem Kampf gegen den Nazifaschismus verschrieben haben? Das Paar wurde zwar nur leicht verletzt, aber der Vorfall und die sich häufenden antisemitischen Übergriffe zeigen zweierlei: dass, erstens, auch in Rom die friedliche Koexistenz zunehmend gefährdet ist und dass, zweitens, allmählich einiges durcheinandergerät.Wie steht es um die jüdische Gemeinschaft in Rom?Stolpersteine wider das VergessenDonato Di Veroli stammt aus einer alteingesessenen jüdischen Familie. Auf einem Spaziergang durch die Gassen des Quartiere ebraico bleibt der 59-jährige Verkaufsleiter immer wieder stehen. Donato ist ein gewiefter Erzähler und ein überaus herzlicher Fremdenführer. An jeder Ecke weiss er eine Geschichte zum Besten zu geben. Verwandte von ihm führen die jüdische Bäckerei «Boccione» mitten im Quartier. Hier gibt es den himmlischen Ricotta-Sauerkirsch-Kuchen, für den zum Wochenende hin halb Rom vor dem winzigen Lokal Schlange steht.Donato Di Veroli.PDWir sind inzwischen längst beim «Du» angelangt. «Schau», sagt Donato und zeigt auf einen der zahlreichen Stolpersteine aus Messing, die hier angebracht wurden und an das Schicksal der Menschen erinnern, die im Zweiten Weltkrieg verfolgt, ermordet, deportiert und vertrieben wurden. «Der ist meinem Grossvater väterlicherseits gewidmet.» «Enrico David Di Veroli» steht auf dem Stein, «geboren 1883, verhaftet am 15. April 1944 und nach Auschwitz deportiert; ermordet am 30. Juni 1944».Auch Donatos Grossvater mütterlicherseits war ein Opfer der Nazi-Schergen: Donato Piazza starb im Konzentrationslager Natzweiler, am 20. März 1945, wenige Wochen vor der Kapitulation der Wehrmacht. Der ihm gewidmete Stolperstein liegt an der Via della Reginella, einer besonders malerischen Gasse im Ghetto, wie sie hier das jüdische Quartier nennen, das auf der Höhe der Tiber-Insel im Stadtzentrum Roms liegt.Die meisten jüdischen Familien in Rom kennen solche Geschichten. Viele davon gehen auf jenen dramatischen 16. Oktober 1943 zurück. An diesem Tag, es war ein Sabbat, stürmte die deutsche SS das Ghetto und riegelte sämtliche Zugänge ab. Die jüdische Bevölkerung wurde aufgefordert, sich innert zwanzig Minuten mit Koffer und Verpflegung für acht Tage zum Abtransport auf einem zentralen Platz einzufinden. Rund tausend Juden wurden schliesslich direkt nach Auschwitz deportiert. Nur 16 Menschen überlebten.Das Verbrechen hat sich eingebrannt in die kollektive Erinnerung. Es gibt zahlreiche Erzählungen darüber: von italienischen Faschisten, welche die Nazis über die Verstecke der Juden informierten und ihnen die Namen lieferten, von mutigen Helfern und Ordensfrauen, welche jüdische Kinder bei sich unterbrachten und versteckten, von Verschonten, die der Festnahme nur durch Zufall entgingen.Katholischer AntisemitismusDer 16. Oktober war Trauma und Weckruf zugleich. Auf das Ende der Schrecken des Weltkriegs folgte eine längere Phase der Ruhe und der Akzeptanz. Der Antisemitismus war aber noch längst nicht besiegt. In der Welthauptstadt des Katholizismus bekamen die Juden den latenten Antisemitismus der Kirche hautnah zu spüren. «Die Kirche hat die Vorstellung von der jüdischen Minderwertigkeit noch lange gepflegt», sagt Anna Foa, Historikerin und Verfasserin mehrerer wichtiger Bücher über die Geschichte der Juden in Italien.Noch bis zur Erklärung «Nostra Aetate» von 1965 beteten die Katholiken in der Karfreitagsfürbitte für die «treulosen Juden». Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil verurteilte die Kirche schliesslich den Antisemitismus und sprach die Juden von der kollektiven Schuld am Tod Jesu frei. 1986 stattete Johannes Paul II. als erster Papst der Grossen Synagoge von Rom einen Besuch ab – ein wichtiges Zeichen für die Normalisierung der Beziehungen.Von grosser symbolischer Tragweite: Papst Johannes Paul II. besucht am 13. April 1986 die grosse Synagoge in Rom. Rechts von ihm der damalige Grossrabbiner von Rom, Elio Toaff.Giancarlo Giuliani / ImagoDas schwierige Nahverhältnis zum Vatikan hat die jüdische Gemeinde in Rom zweifellos geprägt. Aber es gibt noch andere Besonderheiten. «Mein Urgrossvater erlebte noch die Zeit, da die Tore des Ghettos abends geschlossen wurden», sagt Roberto Della Seta. «Es galt, nach der Arbeit rechtzeitig nach Hause zurückzukehren, sonst wurde man bestraft.» Della Seta ist Journalist, Historiker und Politiker. Von 2008 bis 2013 sass der 66-Jährige für den Partito Democratico im Senat, in der kleinen Kammer des italienischen Parlaments.Roberto Della Seta.PD«Die jüdische Gemeinde in Rom war die letzte in Italien, die befreit wurde», sagt Della Seta. Bis 1870 sei das Römer Ghetto eine Art «Gefängnis gewesen». Erst im Risorgimento und mit dem Fall des Kirchenstaates wurde es aufgelöst, erst jetzt wurden die Juden zu Bürgern wie alle anderen auch. Viele blieben aber im Ghetto wohnhaft.Das Gefühl der Isolation prägt die Gemeinde bis zum heutigen Tag, davon ist er überzeugt. «Es erklärt die ängstliche Haltung der Juden hier.» Dazu passt die lange Zeit vorherrschende sozioökonomische Struktur: Die Mehrheit der Juden in Rom waren kleine Händler, zumeist aus dem Textilsektor, «piccola borghesia», wie sie Della Seta nennt – Kleinbürger, die um keinen Preis auffallen wollten.Darin unterscheidet sich Roms jüdische Gemeinschaft von den Gemeinden in anderen Städten Italiens. In Turin etwa zählten die Juden zur intellektuellen Oberschicht. Natalia, Leone und Carlo Ginzburg, Primo Levi, Carlo Levi – diese Namen prägten den gesellschaftlichen Diskurs der Kriegs- und Nachkriegsjahre in Italien entscheidend.Konservativ und kleinbürgerlichAnna Foa.PDAuch die 81-jährige Historikerin Anna Foa hat Turiner Wurzeln. Ihr Vater Vittorio war ein streitbarer Widerstandskämpfer gegen den Faschismus, Gewerkschaftsfunktionär, Journalist und Historiker. Als die Familie von Turin nach Rom übersiedelte, war dies für Anna Foa ein Schock, wie sie in einem Interview kürzlich erklärte: «Das war eine sehr einschneidende Veränderung. In meinem familiären Umfeld in Turin wurde jeden Tag über den Widerstand und über antifaschistische Juden gesprochen, in Rom waren das unbekannte Themen. Für mich bedeutete, Jüdin zu sein, vor allem, mich einer antifaschistischen Erinnerungskultur verpflichtet zu fühlen.»In Rom herrschte und herrscht demgegenüber ein anderes Klima. Die Juden hier seien, wenn auch nicht orthodox im religiösen Sinn, so doch eher konservativ und politisch rechts zu verorten, meint Della Seta. Wichtige Positionen sind zudem von Juden libyscher Herkunft besetzt. Victor Fadlun etwa, der derzeitige Präsident der römischen Gemeinde, stammt aus einer Familie, die 1967 aus Libyen vertrieben wurde – wie zahlreiche andere Familien auch. Libyen war unter dem faschistischen Regime eine italienische Kolonie, weshalb sich Italien als Zufluchtsort für Juden anbot, die unter Muammar al-Ghadhafi nicht mehr genehm waren im Land.Mit der Hamas-Attacke auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem nachfolgenden Krieg um Gaza hat sich die Situation der Juden weltweit verändert, auch in Rom. Passanten spüren es anhand der auffallend grossen Präsenz von Sicherheitskräften im Ghetto, wo nach wie vor die wichtigsten jüdischen Institutionen Roms ihren Sitz haben. Am Sabbat und an hohen Feiertagen sind sämtliche Zugänge bisweilen komplett gesperrt. Viele der Gebäude im Ghetto sind mit Fotos der Geiseln des 7. Oktober tapeziert. Die Solidarität mit den Opfern kontrastiert mit der in Italien besonders stark ausgeprägten Sympathie für die palästinensische Sache.Früher herrschte im jüdischen Quartier am Sabbat eine behagliche Ruhe, die letzten verbliebenen und noch nicht vom Tourismus vertriebenen Bewohner trafen sich zum Schwatz in der zentralen Via del Portico d’Ottavia. Heute sind die Anspannung und Nervosität bisweilen mit Händen zu greifen. Was in den Konfliktgebieten in Nahost passiert und was die Regierung in Israel beschliesst, hat hier unmittelbare Auswirkungen.Die zunehmenden antisemitischen Übergriffe geben zu Besorgnis Anlass. Und die Frage, ob es auch innerhalb der jüdischen Gemeinde eine Radikalisierung gibt, wie die rätselhaften Schüsse anlässlich der Partisanenkundgebung vermuten lassen, ist Gegenstand hitziger Diskussionen. Es handle sich um die Tat eines verwirrten Jugendlichen, sagen die einen, während andere darin das Werk einer kleinen militanten Gruppierung vermuten.Donato Di Veroli lässt sich von alldem nicht irritieren. Nach wie vor lebe man gut als Jude in Rom. Im Unterschied etwa zu Frankreichs Banlieues gebe es in der italienischen Hauptstadt keinen in den Vororten wuchernden islamistischen Antisemitismus – ein Befund, der auch von Roberto Della Seta und Anna Foa geteilt wird. «Ich fühle mich sicher», sagt Di Veroli – trotz allem.Passend zum Artikel