PfadnavigationHomeDebatteKommentareArtikeltyp:MeinungAntisemitismus„Für Juden haben wir hier keinen Platz“ – so fing es anVeröffentlicht am 29.07.2025Lesedauer: 5 MinutenGraffiti an einer Synagoge in MadridQuelle: Jewish Community MadridAus dem Restaurant verwiesen, vom Campingplatz geworfen, beschimpft und verprügelt: Die antisemitischen Übergriffe in Europa haben ein unerträgliches Ausmaß angenommen – und wecken Erinnerungen an die dunkelste Zeit.Sie wollten ihre Silberhochzeit feiern, 25 Jahre Ehe – und auch das Leben, das ihnen nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 noch kostbarer vorgekommen sein muss: Der Israeli Nissan Dekalo und seine Frau Lee fuhren auf einen Campingplatz in Österreich, zeigten ihre israelischen Reisepässe – und wurden daraufhin nach eigener Aussage schroff des Geländes verwiesen. „Für Juden haben wir hier keinen Platz“, bekamen sie zu hören, wie Dekalo dem israelischen Fernsehsender „Channel 12“ schilderte. Dekalo gilt in Israel als Held. Als stellvertretender Kommandant des Notfallteams von Nahal Oz hatte er während des Hamas-Überfalls mehr als zwölf Stunden lang seinen Kibbuz verteidigt, wie die „Jüdische Allgemeine“ berichtet. Dekalo und seine Familie überlebten, 15 Zivilisten und mehr als 60 Soldaten wurden in Nahal Oz ermordet, weitere 16 als Geiseln in den Gaza-Streifen entführt. Das Entsetzen und die Angst dieses Tages dürfte Familie Dekalo niemals vergessen. Ein Schicksal, das sie mit vielen anderen Israelis teilen, die an diesem Tag dem Tod ins Auge blickten, Angehörige und Freunde verloren und bis heute um das Leben der verbliebenen Geiseln in Gaza fürchten. In Österreich wollte das Ehepaar ein paar friedliche Tage verbringen, den Schrecken vergessen – doch der 7. Oktober verfolgt sie bis hierher. Lesen Sie auchDie österreichische „Kronen-Zeitung“ konfrontierte den Betreiber des Platzes mit dem Vorfall und zitierte einen Mitarbeiter mit folgenden Worten: „Mit Ihnen will ich jetzt gar nicht am Telefon diskutieren. Diese Leute (gemeint sind offenbar alle Israelis, Anm.) sollten sich viel lieber um die vielen Kinder in Gaza kümmern. Ansonsten gibt es nichts zu sagen. Schluss!“Österreichs Politiker äußerten sich entsetzt. „Antisemitismus hat in Österreich keinen Platz. Lokal- und Campingplatzverweise wegen hebräischer Sprache oder einem israelischen Pass sind untragbar“, schrieb Vizekanzler Andi Babler, Vorsitzender der Sozialdemokraten, auf X. Und Kanzler Christian Stocker (ÖVP) erklärte: „Wer Menschen wegen ihrer jüdischen Identität ablehnt, stellt sich gegen das Fundament unserer Gesellschaft.“Das Erschreckende ist: Der Fall ist kein Einzelfall – nicht in Österreich, nicht in Europa. Und die Zivilgesellschaft schaut weitgehend weg. In den letzten Wochen häufen sich Berichte von israelischen Touristen, die in verschiedenen Ländern angefeindet und angegriffen werden. Vergangene Woche war eine Gruppe französischer Teenager bei der Rückreise von einer jüdischen Ferienkolonie am Flughafen von Valencia aus dem Flugzeug geholt worden. Während die Fluggesellschaft erklärte, die Teenager hätten die Sicherheitsbelehrung gestört, hat der Verein, der die Freizeit organisiert hat, inzwischen Anzeige wegen „physischer und psychologischer Gewalt sowie Diskriminierung aufgrund von Religionszugehörigkeit“ erstattet. Ein französischer Rabbiner wurde nach eigener Aussage am Wochenende mit seinem sechsjährigen Sohn auf einer Raststätte bei Mailand erst beschimpft, dann zusammengeschlagen. In einem Video, das er selbst aufgenommen hat, hört man „Free Palestine“-Rufe und den Satz: „Geht nach Hause, Mörder, früher oder später werdet ihr in der Hölle landen.“ So fing es an. Mit Menschen, die wegsahenAntisemitische Übergriffe wurden auch aus Griechenland gemeldet. Wie das israelische Nachrichtenportal „Ynet“ berichtete, soll eine Gruppe Jugendlicher in einer Strandbar auf Rhodos bedroht worden sein. Nach Augenzeugenberichten sollen Männer die Teenager gefragt haben, ob sie Israelis seien. Später seien sie von Motorradfahrern verfolgt worden, die mit Messern bewaffnet waren. „Ich hatte noch nie in meinen Leben solche Angst“, sagte ein Jugendlicher „Ynet“. Der Cellist und Dirigent Amit Peled berichtete dem Sender „I24News“ von einem Vorfall in einem italienischen Restaurant in Wien in der vergangenen Woche. Er habe mit zwei Musikern Hebräisch gesprochen, weshalb der Kellner sich geweigert habe, sie zu bedienen und sie aufgefordert habe, das Lokal zu verlassen. Das Restaurant bestreitet die Vorwürfe, erklärte dem „Standard“, es habe keinen solchen Vorfall gegeben: „Jeder kann zu uns kommen und bei uns essen.“ Lesen Sie auch„Wir waren komplett geschockt, genauso wie die anderen Gäste im Restaurant, die Österreicher“, sagte hingegen Peled – und fügte hinzu: „Sie sagten, es täte ihnen leid. Aber als wir aufstanden und gingen, kehrten sie zu ihrem Essen, ihrem Wein und ihrem Bier zurück, als würden wir nicht existieren.“Erinnerungen werden wach an die dunkelste Zeit, die Nazi-Deutschland über Europa und die Welt gebracht hat. So fing es an. Mit Menschen, die wegsahen. Die ihrem Alltag nachgingen, während Scheiben eingeschlagen wurden, Bücher brannten, Leute verschwanden. Bis das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte möglich wurde. Lesen Sie auchAuch in Deutschland müssen jüdische Einrichtungen geschützt werden, kommt es immer häufiger zu antisemitischen Gewalttaten, werden judenfeindliche Parolen auf den Straßen gebrüllt, an Wände geschmiert. Die Politik mahnt, äußert sich entsetzt, versichert die jüdische Bevölkerung ihrer Solidarität. Doch die Zivilgesellschaft scheint, bis auf wenige Ausnahmen, nicht verstanden zu haben, was auf dem Spiel steht, wenn Jüdinnen und Juden sich in Europa nicht mehr sicher fühlen können. Wenn sie kein Hebräisch mehr sprechen, kein Wohnmobil parken, ja nicht einmal mehr gefahrlos eine Raststätte betreten können.Antisemitismus geht nicht nur Menschen jüdischen Glaubens etwas an, sondern uns alle. Er bedroht die Freiheit aufgeklärter Gesellschaften und die demokratische Grundordnung. Er schürt Hass. Was derzeit im Gaza-Streifen passiert, ist eine humanitäre Katastrophe. Das sehen auch viele Israelis so. Auch die Palästinenser überall auf der Welt haben das Recht, in Frieden und Freiheit zu leben. Wer Antisemitismus schürt, hilft ihnen nicht. Im Gegenteil. Es ist an der Zeit, dass Europa das versteht – und aufsteht. Caroline Turzer leitet seit 2020 das Ressort Außenpolitik von WELT. Sie berichtet vorwiegend über Bildungspolitik, Geopolitik und internationale Zusammenarbeit sowie über die Zukunft der EU.
Antisemitismus: „Für Juden haben wir hier keinen Platz“ – so fing es an - WELT
Aus dem Restaurant verwiesen, vom Campingplatz geworfen, beschimpft und verprügelt: Die antisemitischen Übergriffe in Europa haben ein unerträgliches Ausmaß angenommen – und wecken Erinnerungen an die dunkelste Zeit.






