Es gibt in dieser Stadt eine Spezies, die zäher ist als jede Ratte im Görlitzer Park: der Berlin-Nörgler. Man erkennt ihn daran, dass er seit zwölf Jahren hier lebt und seit elf Jahren erzählt, es sei hier nicht mehr auszuhalten.Neulich wieder, Küchenparty in Neukölln. Ein Mann, Ende dreißig, hält ein Craft-Bier für 4,90 Euro und sagt den Satz, den man in Berlin inzwischen öfter hört als „Kartenzahlung geht leider nicht“: „Das ist nicht mehr meine Stadt.“ Früher, sagt er dann. Früher war das Berghain noch interessant. Früher kostete seine Wohnung in Friedrichshain 380 Euro warm. Früher gab es das Tacheles und die Bar25. Was er nicht sagt: Früher war er jünger. Darum geht es eigentlich.

Berlin stirbt seit 30 Jahren – und lebt ganz gut damit

Der Abgesang auf Berlin ist älter als die meisten, die ihn anstimmen. Schon 2004 galt Mitte als tot, 2012 war Kreuzberg verloren, 2018 Neukölln durchgentrifiziert. Heute soll nun wirklich alles vorbei sein, endgültig, diesmal ehrlich. Die Stadt liegt also seit drei Jahrzehnten im Sterben. Für eine Leiche ist sie aber bemerkenswert lebendig.

Zugegeben: Vieles stimmt. Die Ringbahn fällt aus, wenn es schneit oder Dienstag ist. Ein Bürgeramtstermin ist schwerer zu bekommen als eine Dreizimmerwohnung unter zehn Euro kalt. Wer das dysfunktional nennt, lügt nicht. Vielleicht haben die Nörgler also recht. Das ist der unangenehme Teil. Aber: Ertragen muss man die Leier deshalb noch lange nicht.