Die russische Schattenflotte fährt öfter durch deutsche Gewässer, Berlin hat darauf keine AntwortMit seinem Ölhandel finanziert Moskau den Krieg gegen die Ukraine. Dagegen wolle Deutschland vorgehen, sagt die Regierung – doch ausgerechnet im eigenen Hoheitsbereich gelingt das nicht. Ein anderes Land macht es besser.Armin Arbeiter, Berlin12.07.2026, 07.00 Uhr5 LeseminutenDie «Eventin», ein Schiff der russischen Schattenflotte, liegt seit Januar 2025 in deutschen Gewässern.Tobias Schlie / ReutersEs soll ein klares Signal sein, das Aktivisten der Umweltorganisation Greenpeace Ende Juni gemeinsam mit deutschen Verteidigungspolitikern gegen die russische Schattenflotte setzen wollen. Vor der Insel Fehmarn steigen sie in Schlauchboote, stechen in die Ostsee, um ein Schiff der russischen Schattenflotte zu beobachten. Auch Thomas Röwekamp von der CDU und Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestags, ist an Bord.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor ihm liegt der sanktionierte Öltanker «Kira K», unter panamaischer Flagge, beladen mit knapp 100 000 Tonnen russischem Rohöl. Hinter ihm ist die Bundespolizei mit dem Schiff «Bayreuth». Greenpeace hat den Tanker angefunkt, der Kapitän des Schlauchboots erklärt, man werde nicht stören, nur beobachten.Kurz darauf meldet die Bundespolizei, dass sie von einem russischen Kriegsschiff angefunkt worden sei. Die Russen verlangen, die Aktion zu beenden. Während Greenpeace abdreht, sieht Röwekamp, wie die russische Korvette mit hoher Fahrtgeschwindigkeit auf den Ort des Geschehens zuhält.Im Funk sei später noch ein Satz zu hören gewesen: «Wir halten an unseren speziellen Plänen fest.»Immer mehr Tanker in deutschen GewässernAll das berichtet Röwekamp der NZZ und zieht daraus eine Schlussfolgerung. Das russische Kriegsschiff sei nicht losgefahren, «um die Freiheit der Seewege oder ein panamaisches Schiff vor Schlauchbooten zu retten», sagt er der NZZ. Moskau habe ein anderes Interesse: den Schutz seiner Schattenflotte. Jenes Systems aus alten Tankern, undurchsichtigen Besitzverhältnissen und wechselnden Flaggen, mit dem Russland weiter Öl verkauft, Sanktionen umgeht – und damit seinen Krieg gegen die Ukraine finanziert.Immer häufiger verlaufen die Routen dieser Tanker nahe der deutschen Küste.Die Fahrt der «Kira K» ist kein Einzelfall. Seit März haben laut Greenpeace-Recherchen 42 von 136 untersuchten Tankern den Umweg über deutsche Gewässer genommen, 31 davon fuhren sogar in deutsches Hoheitsgebiet – die sogenannte Zwölf-Meilen-Zone – ein.Schwierig sei diese Recherche nicht gewesen, sagt der Meeresbiologe Thilo Maack von Greenpeace. Über öffentlich zugängliche Schiffsdienste wie «Vesselfinder» lasse sich nachvollziehen, welche Öltanker aus russischen Ostseehäfen kämen. Zudem werde dort angezeigt, ob einzelne Schiffe auf Sanktionslisten geführt würden. Zusätzlich habe Greenpeace die Angaben mit Informationen aus Schiffsregistern und Schattenflotten-Datenbanken abgeglichen.Dass die Tanker den längeren Weg durch deutsche Gewässer nehmen, dürfte kein Zufall sein. Schweden geht seit Monaten schärfer gegen verdächtige Tanker vor, prüft, ob die Tanker versichert sind, kontrolliert den Flaggenstatus der Schiffe sowie deren Besitzverhältnisse. Seit März haben die schwedischen Behörden fünf verdächtige Schiffe gestoppt, vier davon werden klar mit der russischen Schattenflotte in Verbindung gebracht.Dass Öltanker einen längeren Weg nehmen, obwohl Zeit im Ölhandel gleich Geld ist, ist für Maack ein weiteres Indiz dafür, dass sich die russische Schattenflotte in Deutschlands Gewässern sicherer fühlt.In wenigen Fällen durchgegriffenUnd das, obwohl deutsche Politiker regelmässig betonen, dass man stärker gegen die Schattenflotte vorgehen wolle: Erst im Juni sagte der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz: «Wir verstärken den Druck auf Russland, wir gehen robuster gegen die russische Schattenflotte vor.»Allerdings hat Deutschland bislang nur in wenigen Fällen durchgegriffen. Im Januar 2026 verweigerte die Bundespolizei dem Schiff «Taivan" die Durchfahrt durch das deutsche Küstenmeer, nachdem sich ein Verdacht auf eine falsche Flagge sowie eine gefälschte Identifikationsnummer erhärtet hatte. Der Tanker drehte ab. Festgesetzt wurde er nicht.Der bekannteste Fall ist die «Eventin», die Anfang 2025 nach einem Ausfall aller Systeme manövrierunfähig vor Rügen trieb. Der Zoll kontrollierte das Schiff und seine Ladung von 99 000 Tonnen Rohöl und wollte daraufhin beides einziehen und verwerten. Doch das wurde im Eilverfahren vorläufig gestoppt. Vor dem Finanzgericht Hamburg laufen Klagen. Zudem sind die Eigentümer gegen die Listung des Schiffes als Teil der Schattenflotte durch die EU vor das Gericht der Europäischen Union gezogen. Seither liegt der Tanker vor Rügen, Greenpeace warnt vor der Gefahr einer Ölpest, sollte das havarierte Schiff auseinanderbrechen.Die schwedische Küstenwache auf dem Weg zu einem russischen Öltanker.IMAGO/Johan Nilsson / TT / ImagoTräte dieser Fall ein, könnten bei fast 100 000 Tonnen ausgelaufenem Rohöl Küsten, Häfen, Fischerei und Tourismus in der Ostsee über viele Jahre betroffen sein. Auch die Umwelt würde einen massiven Schaden erleiden.Von den Schiffen gehen weitere Risiken ausDazu kommt, dass Schiffe der Schattenflotte unter Verdacht stehen, ihre Anker meilenweit mitschleifen zu lassen, um kritische Infrastruktur wie Unterseekabel zu zerstören. Von Tankern der Schattenflotte stiegen mutmasslich Drohnen auf, die deutsche Kasernen oder Rüstungsunternehmen ausspioniert haben sollen.Dass während der Greenpeace-Aktion ein russisches Kriegsschiff eingriff, passt für Thomas Röwekamp in dieses Bild. Moskau behandle die Tanker wie schützenswerte Teile seiner Kriegswirtschaft.Rechtlich ist die Lage jedoch weniger eindeutig, als es die politischen Forderungen vermuten lassen. Deutschland kann Schiffe der Schattenflotte nicht allein deshalb stoppen, weil sie alt sind, russisches Öl geladen haben oder auf dubiosen Routen fahren. Auch ausländische Tanker haben im deutschen Küstenmeer grundsätzlich das Recht auf friedliche Durchfahrt. Solange sie zügig passieren, keine verbotenen Tätigkeiten ausüben und keine konkrete Gefahr erkennbar ist, sind anlasslose Kontrollen schwer zu begründen.Das heisst aber nicht, dass Deutschland machtlos wäre. Im Küstenmeer – also der Zwölf-Meilen-Zone – gilt deutsches Recht. Bei konkreten Anhaltspunkten, etwa falscher Flagge, fehlender Versicherung, manipulierten Identifikationsdaten oder Verstössen gegen Sicherheits- und Umweltvorschriften, können Behörden Schiffe kontrollieren, festhalten oder weitere Verfahren einleiten. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages beschreibt die Eingriffsmöglichkeiten im Küstenmeer ausdrücklich als «weitreichend».«Lippenbekenntnisse allerorten»Schwieriger wird es in der Ausschliesslichen Wirtschaftszone, wo sich unter anderem der Vorfall mit dem Tanker «Kira K» ereignete. Dort hat Deutschland keine volle Hoheitsgewalt, sondern nur begrenzte Befugnisse, vor allem beim Schutz der Meeresumwelt, von Infrastruktur und Ressourcen. Ein Tanker darf diese Zone grundsätzlich durchfahren. Eingriffe setzen dort noch klarere Verdachtsmomente voraus.Sowohl Röwekamp als auch Maack kritisieren das zögerliche Vorgehen Deutschlands. Maack spricht von «Lippenbekenntnissen allerorten». Aus seiner Sicht liegt das auch an der zersplitterten Zuständigkeit. Aussenministerium, Innenministerium, Verkehrsministerium, Verteidigungsministerium, Bundespolizei, Zoll und Schifffahrtsverwaltung berühren das Thema jeweils aus einem anderen Blickwinkel.Am Ende entstehe ein System, in dem viele prüfen, aber wenige entscheiden. Die Hauptverantwortung liegt bei der Bundespolizei, beziehungsweise dem deutschen Innenministerium. Dieses verwies auf Anfrage der NZZ auf das UN-Seerechtsübereinkommen sowie auf das Recht der friedlichen Durchfahrt durch die Zwölf-Seemeilen-Zone. Die Bundesregierung prüfe laufend, «wie die Ansätze der Partnerstaaten ein nationales Vorgehen ergänzen können».Zu «einsatzfachlichen Hintergründen und operativen Details gegen die Schattenflotte» wolle man keine weiteren Auskünfte erteilen.Man werde nicht jedes Schiff dauerhaft «an die Kette» legen können, sagt Röwekamp. Aber man müsse die Durchfahrt durch deutsche Gewässer und vor allem durch deutsche Hoheitsgewässer erschweren. Das sei das Mindeste, wenn Russland mit alten Tankern Öl exportiere, Sanktionen umgehe und zugleich kritische Infrastruktur in der Ostsee gefährde.Furcht vor Russland mögliches IndizDoch auch Russland selbst könnte ein Grund sein, warum die deutsche Regierung nicht so entschlossen handelt, wie die politischen Botschaften vermuten lassen würden. Ein härteres Vorgehen gegen die Schattenflotte in deutschen Gewässern könne zu weiteren Eskalationen mit dem Kreml führen, sagen manche Politiker aus SPD und CDU hinter vorgehaltener Hand.Gleichzeitig liegt im Bundestag seit April ein Antrag der Grünen mit dem Titel «Die russische Schattenflotte entschlossen bekämpfen» vor. Er fordert, Bundespolizei, Marine, Zoll und andere Sicherheitsbehörden stärker auf verdächtige Schiffe anzusetzen, auch durch Kontrollen an Bord. Gelistete und verdächtige Schiffe sollen bei Ein- und Durchfahrt durch deutsches Küstenmeer und Ausschliessliche Wirtschaftszone konsequenter überprüft und bei Bedarf festgesetzt werden. Vor September ist nicht damit zu rechnen, dass über den Antrag abgestimmt wird.Passend zum Artikel
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