Manchen Kindern hilft nur noch die Abnehmspritze. Leandra verlor damit fast 20 KilogrammAbnehmspritzen werden zunehmend auch bei stark übergewichtigen Kindern und Jugendlichen eingesetzt. Erste Daten aus der Schweiz zeigen, wie wirksam sie sind – werfen aber auch Fragen nach Risiken, Kosten und einer womöglich lebenslangen Behandlung auf.12.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenJugendliche mit Adipositas sind nicht willensschwach. Es gehört zum Krankheitsbild, dass sie trotz allen Bemühungen kaum abnehmen können (Symbolbild).GettyLeandra erinnert sich genau an den Moment, als die Waage zum ersten Mal eine dreistellige Zahl anzeigte. «Das war schlimm», erzählt sie. «Ganz, ganz schlimm.» Sofort schossen ihr Sorgen in den Kopf: Geht das nun immer weiter, bis ich mehr als 120 Kilogramm wiege? Was kann ich bloss dagegen tun?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Damals war Leandra, die eigentlich anders heisst, 17 Jahre alt. Heute ist sie 18 und steht kurz vor ihrer Lehrabschlussprüfung als Kauffrau. Seit Leandra ein Teenager ist, kämpft sie mit ihrem Gewicht. Sie hat alles probiert: Sport, Ernährungsberatung und jede Diät, von der sie hörte. Nichts habe etwas gebracht. «Irgendwann macht dich das kaputt», sagt sie. Nach dem Erlebnis auf der Waage entschied sie, es ein letztes Mal zu versuchen – diesmal mit der Abnehmspritze.Bevor sie sich das Medikament das erste Mal spritzte, wog sie sich noch einmal: 102,8 Kilogramm war sie schwer. Heute, sieben Monate später, sind davon fast 20 Kilogramm verschwunden.Stets mehr Kinder und Jugendliche versuchen wie Leandra, mit der Abnehmspritze Gewicht zu verlieren. Doch ist es wirklich gerechtfertigt, dass sich schon so junge Menschen die teuren Medikamente injizieren? Wirken sie bei ihnen überhaupt wie gewünscht? Und welche Risiken bergen die Spritzen?Inzwischen gibt es Erkenntnisse aus dem klinischen Alltag, die Antworten auf genau diese Fragen liefern. Eine der ersten Studien mit sogenannten Real-World-Daten stammt von Medizinern um Urs Eiholzer. Der Kinderarzt leitet das Pädiatrisch-Endokrinologische Institut Zürich (Pezz). Er ist davon überzeugt, dass man gerade bei Kindern und Jugendlichen genau hinsehen sollte: «Bei ihnen lohnt sich die Behandlung von starkem Übergewicht besonders, weil es meist noch keine irreversiblen Schäden hinterlassen hat», erklärt er.Rund 15 Prozent der Kinder sind übergewichtigDer Grundstein für die Gesundheit wird schon in jungen Jahren gelegt. Von den Jugendlichen, die adipös sind, bleiben es 80 Prozent auch im Erwachsenenalter. Diese Menschen leiden schon früh an Begleitkrankheiten wie Diabetes Typ 2, Fettleber, Bluthochdruck oder sogar Krebs. Umso dramatischer ist es, dass weltweit immer mehr Kinder und Jugendliche zu schwer sind, wie ein Unicef-Report zeigt. In der Schweiz und Deutschland sind rund 15 Prozent der Kinder übergewichtig, 4 bis 6 Prozent gelten aufgrund ihres stark erhöhten Body-Mass-Indexes (BMI) als adipös.Vor allem während der Corona-Pandemie ist der Anteil der Kinder mit Adipositas gestiegen. In dieser Zeit begannen auch bei Leandra die Gewichtsprobleme. «Ich war viel zu Hause», erinnert sie sich. «Statt draussen zu spielen, stand ich in der Küche und probierte neue Rezepte aus.»Auch sie ist im Pezz in Behandlung. Urs Eiholzer führte seine Studie aber bei früheren Patienten durch: 22 Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren nahmen daran teil. Diese spritzten sich während durchschnittlich 8 Monaten das Abnehmpräparat Saxenda. Bei den meisten Studienteilnehmern, die während der gesamten Untersuchungszeit an der Therapie festhielten, konnten die Ärzte einen deutlichen Gewichtsverlust feststellen. Manche nahmen 20 Kilogramm ab. Ausser Übelkeit traten keine unerwünschten Nebenwirkungen auf.Laut Eiholzer zeigen die Daten, dass das Medikament bei Kindern und Jugendlichen sehr ähnlich wirkt wie bei Erwachsenen. «Das ist eine wichtige Aussage», sagt er.Allerdings brach mehr als die Hälfte der Patienten, nämlich 13, die Therapie verfrüht ab. Hauptsächlich, weil ihnen davon übel wurde, aber auch, weil manche die Nadelstiche als schmerzhaft empfanden oder nicht gut auf das Präparat ansprachen. «Diese Medikamente wirken nicht bei allen Menschen gleich gut. Die Gründe dafür sind noch immer unklar», sagt Eiholzer.Für die Spritzen gibt es strenge VoraussetzungenLeandra verwendet eine Abnehmspritze neuerer Generation: Wegovy. Seit einem Jahr übernehmen die Schweizer Krankenkassen die Kosten dafür auch bei Teenagern – allerdings nur unter strengen Voraussetzungen. Die Jugendlichen müssen stark adipös sein: Bei der Wachstumskurve müssen sie mit ihrem Gewicht in einem Bereich liegen, der auf Erwachsene umgerechnet einem BMI von mindestens 35 entspricht. Sie müssen eine dokumentierte Diät sowie ein Bewegungsprogramm durchführen. Und nach 28 Wochen muss ihr BMI mindestens 5 Prozent kleiner geworden sein.Wöchentlicher Piks in den Bauch: Bei der Therapie mit der Abnehmspritze Wegovy wird die Dosis kontinuierlich gesteigert.Lise Aserud / ImagoWegovy besitzt einen potenteren Wirkstoff als Saxenda und muss nicht täglich, sondern nur einmal pro Woche injiziert werden. Leandra spritzt sich das Medikament immer am Mittwochabend in den Bauch. «Ein Piks und fertig», sagt sie.Ihr Appetit veränderte sich schon in den ersten Wochen nach Beginn der Therapie. «Ich habe viel seltener Hunger», sagt Leandra. «Manchmal vergesse ich sogar zu essen.» Früher hat sie jeweils einen Teller Pasta oder eine ganze Pizza gegessen, heute schafft sie nur noch die Hälfte. Irgendetwas stört sie plötzlich, die Sauce oder der Teig, und sie verliert die Lust, weiterzuessen. «Auch Cola oder Eistee bekomme ich nicht mehr herunter», erzählt sie.Die Nebenwirkungen belasten Leandra nicht. Nur wenn sie die Dosis steigert, ist ihr jeweils in den ersten Tagen etwas schlecht. Ihr Körper reagiert auf die Substanz in den Abnehmspritzen, die ein Körperhormon nachahmt. Deren erwünschte Wirkung: Sie senkt den Blutzuckerspiegel, steigert das Sättigungsgefühl und verzögert die Weitergabe des Mageninhalts.Hinter Adipositas stecken oft die GeneDoch wäre es nicht sinnvoller, Kindern die richtigen Essgewohnheiten beizubringen, statt sie Medikamente spritzen zu lassen? So einfach sei es nicht, sagt Eiholzer: «Das wirkliche Problem von Menschen mit Adipositas ist nicht fehlendes Wissen, sondern Hunger.» Und dieser ist zu einem guten Teil genetisch angelegt.Unser Appetit und das Sättigungsgefühl werden auf komplexe Weise gesteuert. Wie genau, versuchen Forscher noch immer herauszufinden. Schon jetzt sind aber Hunderte verschiedene Genvarianten bekannt, die einen Einfluss auf die Hungerintensität haben. Als früher die Nahrung knapp war, steigerte die Veranlagung zu stärkerem Hunger die Überlebenschancen. Heute, wo Essen rund um die Uhr verfügbar ist, wird sie zur Bürde.Auch die jugendlichen Patienten, die Tanja Karen im Adipositaszentrum am Luzerner Kantonsspital betreut, haben meist einen langen Leidensweg hinter sich. «Diese Kinder sind nicht etwa willensschwach», sagt die Pädiaterin. «Es gehört einfach zum Krankheitsbild der Adipositas, dass sie trotz allen Bemühungen kaum abnehmen können.»Wenn andere Massnahmen nicht ausreichen, kann Tanja Karen die Abnehmspritze verschreiben. Das Adipositaszentrum therapiert derzeit rund 50 Jugendliche auf diese Weise. Auffällig ist, dass die Abbruchrate in Luzern, die laut Karen zwischen 5 und 10 Prozent liegt, deutlich geringer ist als in der Zürcher Studie. Das könnte am neueren und wirkungsvolleren Medikament Wegovy liegen. Womöglich hat aber auch die engmaschigere Betreuung der Jugendlichen mit Ernährungsberatung und psychologischem Coaching einen positiven Effekt.Operationen können zu Komplikationen führenBei Leandra scheinen die Gene ebenfalls eine Rolle zu spielen: Gleich mehrere ihrer Verwandten haben Adipositas. Leandra kennt auch Betroffene, die keinen anderen Ausweg mehr sahen, als ihren Magen operativ verkleinern zu lassen. «Das will ich auf jeden Fall vermeiden», sagt sie. Denn die Operation könne zu schweren Komplikationen führen.«Ich halte es heute für einen Fehler, wenn sich bereits 15-Jährige Teile des Magens entfernen lassen», sagt Eiholzer dazu. Diese Jugendlichen hätten noch 60 oder 70 Lebensjahre vor sich. Der Kinderarzt ist überzeugt, dass in den nächsten Jahrzehnten noch viele weitere Ansätze für Adipositastherapien gefunden werden. Gerade deshalb ergebe es Sinn, junge Menschen zunächst medikamentös statt mit irreversiblen Operationen zu behandeln.Zudem zeigt die Erfahrung von Tanja Karen, dass der Einsatz von Abnehmspritzen schon bei einem geringen Gewichtsverlust eine positive Kaskade in Gang setzen kann. «Bei diesen Kindern, die oft unter Mobbing leiden, ist die Freude riesig, wenn das Gewicht nicht mehr nach oben, sondern plötzlich nach unten geht», erzählt sie. Das motiviere sie auch dazu, sich zu bewegen und Sport zu treiben.Ohnehin hat Übergewicht einen Einfluss auf die Psyche. Leandra hat eine fast schon zwanghafte Angewohnheit entwickelt, bei jeder Speise die Kalorienanzahl zu schätzen. «Kalorien sind noch immer ein riesiges Thema in meinem Kopf», sagt sie. «Ich hoffe, dass das irgendwann verschwindet.»Etwas in ihr hat sich dank dem Gewichtsverlust aber bereits verändert: Die Scham vor ihrem Körper ist kleiner geworden. Jahrelang hat sie ihre Arme versteckt, weil sie dicker waren als die anderer Mädchen. Selbst im Hochsommer trug sie eine Jacke oder einen weiten Pullover. Erst vor einigen Tagen wagte sie sich wieder erstmals in einem T-Shirt nach draussen.Viele sind lebenslang auf Substanzen angewiesenDoch die Abnehmspritzen haben auch ihre Schattenseiten. Neben Übelkeit können sie zu weiteren Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse führen. Langzeitdaten zu ihrem Einsatz bei Adipositas fehlen noch. Derzeit wird etwa untersucht, ob die Medikamente das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen steigern.Klar ist bereits: Wer die Abnehmspritze absetzt und es nicht schafft, sich weiterhin konsequent gesund zu ernähren und sich regelmässig zu bewegen, wird das verlorene Gewicht wieder zulegen. Viele werden deshalb wohl lebenslang auf die appetithemmenden Substanzen angewiesen sein. Experten hoffen, dass langfristig auch niedrige Dosen oder eine On-off-Therapie ausreichen.Allerdings sind die Präparate noch immer sehr teuer. Fast 200 Franken kostet die Behandlung mit Wegovy pro Monat – und der Patentschutz des Medikaments läuft in Europa erst 2031 aus.Wie der Endokrinologe und Diabetologe Martin Wabitsch vom Universitätsklinikum Ulm erklärt, sind manche Abnehmspritzen in Deutschland zwar schon ab 6 Jahren zugelassen, gelten aber als «Lifestyle-Medikamente». Deshalb werden sie von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen. «Damit wird Kindern und Jugendlichen mit Adipositas eine wirksame Therapie vorenthalten», sagt er. Es gebe Familien, die die Kosten für die Medikamente selbst trügen. Dies sei jedoch für die Mehrzahl der Betroffenen aus finanziellen Gründen nicht möglich.In der Schweiz bezahlen die Krankenkassen die Behandlung nur drei Jahre lang. Kann sich eine Familie die Präparate danach nicht mehr leisten, entsteht auch hier eine Versorgungslücke.Im Adipositaszentrum in Luzern gibt es nun die ersten jugendlichen Patienten, die deshalb auf die Spritze verzichten müssen. «Bei ihnen ist das Hungergefühl wieder da», erklärt Tanja Karen. Es bleibe zu hoffen, dass sie trotzdem an ihrem neuen Lebensstil festhalten und das erreichte Gewicht bewahren können.Leandra ist zuversichtlich, dass sie dazu imstande wäre. «Heute weiss ich, wie viel Essen mein Körper braucht», sagt sie. Noch kann sie die Abnehmspritze aber verwenden. Und ihre Ziele bleiben gross: Weitere 20 Kilogramm sollen weg.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Erste Daten aus der Schweiz: Chancen und Risiken von Abnehmspritzen bei Kindern
Abnehmspritzen werden zunehmend auch bei stark übergewichtigen Kindern und Jugendlichen eingesetzt. Erste Daten aus der Schweiz zeigen, wie wirksam sie sind – werfen aber auch Fragen nach Risiken, Kosten und einer womöglich lebenslangen Behandlung auf.






