Abnehmspritzen kosten Krankenkassen 200 Millionen Franken: «Die Behandlung wird heute relativ rasch eingesetzt»Die Verbandschefin der Schweizer Krankenkassen kritisiert die Verschreibungspraxis für Abnehmspritzen. Die Ärzteschaft wehrt sich und warnt vor einer Stigmatisierung von Menschen mit Adipositas.16.06.2026, 16.08 Uhr3 LeseminutenWundermittel oder Lifestyle-Medikament? Abnehmspritzen wie Wegovy stossen vermehrt auf Kritik.Hannah Beier / ReutersVergangene Woche verkündete das Bundesamt für Gesundheit (BAG), dass im Schweizer Gesundheitswesen durch Tarifsenkungen jährlich 92 Millionen Franken eingespart würden. Wer nun auf sinkende Krankenkassenprämien hofft, wird aber enttäuscht: Trotz zahlreichen «Kostendämpfungspaketen» steigen die Gesundheitskosten weiter. Für 2027 rechnet der Bund mit einem Anstieg von 4,5 bis 5 Prozent.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Saskia Schenker, Direktorin des Dachverbands der Schweizer Krankenkassen Prioswiss, sieht einen wesentlichen Grund dafür in der Aufnahme neuer Medikamente und Behandlungen in die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP). «In den vergangenen Jahren haben das Parlament sowie das Bundesamt für Gesundheit den Leistungskatalog laufend erweitert», kritisiert Schenker in einem Interview mit CH Media.Besonders kritisch beurteilt sie, dass vermehrt Abnehmspritzen von der Grundversicherung bezahlt werden. «Allein im vergangenen Jahr beliefen sich die Kosten für Semaglutid-Präparate – also Wegovy und andere Medikamente mit demselben Wirkstoff – auf rund 200 Millionen Franken.»Dass Abnehmspritzen bei adipösen, also krankhaft übergewichtigen Menschen eine wichtige therapeutische Massnahme darstellen und von der Grundversicherung übernommen werden sollen, stellt Schenker nicht infrage. Sie beobachtet jedoch eine deutliche Zunahme der Anspruchsberechtigten: «Die Behandlung wird heute relativ rasch eingesetzt, was zusätzlich eine Sogwirkung entfaltet.» Immer mehr Interessierte erhielten die Abnehmspritze so verschrieben, dass sie von der Grundversicherung übernommen werden müsse.Ärzte bezweifeln DatengrundlageSchenker leitet Prioswiss, die Nachfolgeorganisation der Verbände Santésuisse und Curafutura, seit einem Jahr. Zuvor sass sie für die FDP im Baselbieter Kantonsparlament. Ihre Aussagen zur Verschreibungspraxis bei Abnehmspritzen sind ein Angriff auf die Ärzteschaft. Diese weist die Vorwürfe zurück. «Die Kostenübernahme durch die OKP ist klar geregelt», sagt ein Sprecher des Verbands der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH).Die Organisation bestätigt zwar, dass Ärztinnen und Ärzte vermehrt mit Anfragen von Menschen konfrontiert sind, die solche Medikamente zum Abnehmen wünschen. Dabei gelte die ärztliche Therapiefreiheit. Diese sei jedoch an die Sorgfaltspflicht und anerkannte medizinische Standards gebunden.Auch die Schweizerische Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie (SGED) betont, dass die Kriterien für die Vergütung von Adipositas-Medikamenten klar definiert und an medizinische Voraussetzungen gebunden seien. Zu der Kritik, solche Medikamente würden zu rasch oder zu einfach verschrieben, könne sie keine generelle Aussage machen, sagt die Geschäftsführerin Stephanie Alder. Es fehlten belastbare Daten.Alder unterstreicht aber, dass die Medikamente gemäss den zugelassenen Indikationen eingesetzt werden. Voraussetzung sind eine schwere Adipositas mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 35 oder eine Adipositas mit einem BMI von mindestens 28 und zusätzlichen gewichtsbedingten Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck oder einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Vorgeschrieben sind zudem ein umfassendes Behandlungskonzept, zu dem mehr Bewegung und eine Ernährungsumstellung gehören.An die Adresse von Schenker sagt Alder: «Eine evidenzbasierte Diskussion sollte sich auf belastbare Daten stützen und vermeiden, Menschen mit Adipositas zu stigmatisieren.» Die SGED sieht Adipositas als komplexe chronische Erkrankung mit erheblichen gesundheitlichen Folgen, nicht als primäres «Lifestyle»-Problem. Neue medikamentöse Therapien hätten in grossen klinischen Studien eine relevante Wirksamkeit gezeigt, sowohl bei der Gewichtsreduktion als auch bei der Verbesserung des Risikos schwerer chronischer Erkrankungen und der Prävention von Folgeerkrankungen.«Aus unserer Sicht müssen Diskussionen über den Einsatz und die Erstattung von Adipositas-Medikamenten deshalb sowohl die Behandlungskosten als auch die gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Kosten der Adipositas und ihrer Folgeerkrankungen berücksichtigen», sagt Alder.BAG nimmt Abnehmspritzen unter die LupeDer Bund betont, dass die Vergütung von Abnehmspritzen nicht nur an Bedingungen, sondern auch an klare Erfolgsziele gebunden sei. «Wird die vorgegebene Gewichtsreduktion nach der initialen Behandlungsphase nicht erreicht, ist die Therapie abzubrechen», sagt der BAG-Sprecher Reto Hügli. Auch für eine weiterführende Behandlung seien regelmässige Kontrollen vorgesehen.Die Kostenentwicklung bei den Abnehmspritzen war laut dem BAG absehbar, da Adipositas eine häufige Krankheit sei. Die Verantwortlichen betonen jedoch, dass die Abnehmspritzen bisher nur befristet in die Spezialitätenliste aufgenommen worden seien. Wegovy zum Beispiel bis Ende Februar 2027.Trotz nachgewiesener Gewichtsreduktion sieht das BAG Unsicherheiten, insbesondere hinsichtlich der langfristigen Wirksamkeit, der Therapiedauer und der Entwicklung, nachdem die Behandlung beendet worden ist. «Im Rahmen der erneuten Prüfung werden wir beurteilen, ob Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit weiterhin erfüllt sind», sagt Hügli.Grundsätzlich teilt das BAG die Sorge über die Kostenentwicklung bei Medikamenten. Zudem ist das Gesundheitsdepartement der Ansicht, dass neue Präparate nur vergütet werden sollen, wenn ein relevanter Mehrnutzen nachgewiesen ist. Ist das nicht der Fall, müssten Massnahmen ergriffen werden, um Preise und Kosten unter Kontrolle zu halten.Passend zum Artikel