Sie war die zweite Autorin, die in Iran ein Buch veröffentlichte, und eine Frau ohne Angst. Ein NachrufShahrnush Parsipur, die wegen ihrer subversiven Texte über Frauen wiederholt ins Gefängnis kam, unter dem Schah ebenso wie unter den Ayatollahs, ist 80-jährig gestorben.Marc Zollinger12.07.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten«Ich habe schon früh gespürt, dass mich eine konventionelle Frauenrolle einengen würde», sagte die Autorin Shahrnush Parsipur.NZZ – Bildredaktion«Der Gefangene ist dem Gefängniswärter immer überlegen.» In diesem apodiktischen Satz aus einem ihrer Bücher steckt die ganze Radikalität im Denken von Shahrnush Parsipur. Fast fünf Jahre verbringt sie hinter Gittern. Die meiste Zeit davon im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran. Verhört, gedemütigt, dem Terror nächtlicher Erschiessungen ausgesetzt: Traumatische Erlebnisse werden ihr ganzes Leben prägen. Sie können Parsipur aber nicht vom Schreiben abhalten – und bringen sie danach noch mehrere Male ins Gefängnis, bis sie Mitte der neunziger Jahre in die USA flüchtet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der Gefangenschaft erkennt Parsipur: Äusserlich hat der Wärter zwar alle Macht. Über den Körper, über Leben und Tod der Gefangenen. Doch tatsächlich ist er selbst gefangen – in einem System, das ihn zu Grausamkeit zwingt, ihn korrumpiert, aus Furcht vor dem totalitären Regime, das er nicht hinterfragen darf. Er hat seine innere Freiheit, sein Gewissen, seine Menschlichkeit an das System verkauft.Die Gefangene dagegen kann trotz allem ihre innere Souveränität bewahren: Sie weiss, warum sie leidet, sie hat sich nicht selbst verraten. Ihr Denken bleibt frei, selbst wenn ihr Körper es nicht ist.Diese Weigerung, sich vom System korrumpieren zu lassen, ist das zentrale Thema in Parsipurs Leben und Werk. Ihre Bücher sind jenen gewidmet, die nur scheinbar Gefangene sind, aber in Freiheit leben: den Frauen in der iranischen Gesellschaft.Geboren wird Shahrnush Parsipur 1946 in Teheran. Sie wächst in einer modernen, liberalen Familie auf. Ihr Vater arbeitet als Richter und Anwalt. Ihre Mutter kümmert sich um Haushalt und Erziehung, wie es die Tradition will. Doch sie trägt keinen Tschador und lässt dem Mädchen viele Freiheiten. Beide Eltern verbindet die Leidenschaft für Literatur. Ihr Vater schreibt Gedichte, ihre Mutter denkt sich Romane aus. Und so träumt auch Shahrnush früh davon, Schriftstellerin zu werden. Das ist damals für Frauen ein vermintes Feld. Erst 1969 erscheint mit Simin Daneshvars Roman «Savushun» das erste Buch auf Persisch, geschrieben von einer Frau. Parsipur ist mit dem 1976 erschienenen «Der Hund und der lange Winter» erst die zweite Iranerin, die im Land ein Buch veröffentlicht.Die ersten Entwürfe für den Roman schreibt sie mit 18 Jahren, noch bevor sie an der Universität von Teheran Soziologie zu studieren beginnt. Danach findet sie eine Stelle beim iranischen Staatsfernsehen. Als sie aus Protest gegen die Hinrichtung von zwei Poeten von ihrer Stelle zurücktritt, kommt sie zum ersten Mal ins Gefängnis.1967 heiratet sie den Filmregisseur und Drehbuchautor Nasser Taghvai, mit dem sie einen Sohn hat. Sechs Jahre später lassen sie sich wieder scheiden. «Ich habe schon früh gespürt», sagt sie später in einem Interview, «dass mich eine konventionelle Frauenrolle einengen würde.» Ihr Privatleben sei stets der Arbeit untergeordnet gewesen. Ihre Bücher schreibt Parsipur weitgehend in der Nacht, oft bis in die Morgendämmerung hinein. Sie macht das in einem Zug, nur selten überarbeitet sie ihre Texte.1976 zieht sie nach Frankreich, wo sie chinesische Sprache und Zivilisation studiert. Drei Jahre später, als nach der iranischen Revolution die Stipendien für Studenten gestrichen werden, kehrt sie nach Iran zurück. Dort wird sie zwei Jahre später verhaftet, ohne eine konkrete Anklage. Diesmal bleibt sie vier Jahre und sieben Monate in Haft. Ihre Erlebnisse verarbeitet sie in einem Buch («Den Säbel küssen»), das zuerst in Schweden veröffentlicht wird.Den internationalen Durchbruch als Autorin erzielt sie mit «Frauen ohne Männer». Darin erzählt sie das Schicksal fünf sehr unterschiedlicher Frauen im Teheran der frühen fünfziger Jahre. Eine will sich in einen Baum verwandeln, eine andere, eine Prostituierte, beginnt ihre Freier ohne Köpfe zu sehen – Bilder für die Flucht aus einem Leben, das Frauen keinen Raum lässt. Am Ende finden alle fünf zueinander in einem gemeinsamen Garten ausserhalb Teherans. Eine Art utopischer Zufluchtsort jenseits männlicher Kontrolle.Parsipur verbindet darin magischen Realismus mit persischer Mystik. Das erlaubt ihr, Themen anzusprechen, über die sie nicht offen schreiben kann: weibliche Sexualität, Selbstbestimmung, Auflehnung gegen Familie und Ehe. Das schmale Buch wird nach seiner Veröffentlichung 1989 trotzdem verboten und bringt Parsipur erneut ins Gefängnis. «Frauen ohne Männer» wird aber schnell zu einem Klassiker, der im iranischen Untergrund weitergereicht wird. Die von Shirin Neshat verfilmte Geschichte gewinnt 2009 den Silbernen Löwen in Venedig.Der Auftritt von Shahrnush Parsipur 2009 am Filmfestival von Venedig, wo die Verfilmung ihres Romans «Frauen ohne Männer» gezeigt wird.Elisabetta A. Villa / WireImage / GettyNach ihrer letzten Verhaftung im Zusammenhang mit ihrem Bestseller lässt sich Parsipur in der Nähe von San Francisco nieder, wo sie bis zu ihrem Tod bleibt. Sie lebt weitgehend abgeschottet, spricht kaum Englisch und schreibt weiter über die Themen, die ihr am Herzen liegen. Im Exil versiegen allerdings nach und nach die unmittelbaren Erfahrungen, aus denen ihre Literatur schöpft.Diesen Frühling, kurz nach dem Angriff der USA und Israels auf Iran, meldet sie sich mit einem Video zu Wort. Sie verurteilt darin das Vorgehen: Freiheit könne man nicht verschenken, die iranischen Menschen müssten sie sich selbst erkämpfen.Shahrnush Parsipur ist überzeugt, dass es die Frauen sein werden, die die Islamische Republik zu Fall bringen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel