InterviewKann Marine Le Pen jetzt noch gestoppt werden? Vielleicht. Ein Mann könnte sich ihr in den Weg stellen, sagt der französische Politologe Luc RoubanDie Rechtsnationalistin Marine Le Pen hat nach dem Berufungsurteil Chancen, französische Präsidentin zu werden. Die Eliten haben sie mittlerweile akzeptiert. Ihr Wahlsieg würde in Frankreich indes gewalttätige Proteste auslösen.Christine Longin, Paris12.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDie Rechtsnationalistin Marine Le Pen hat nur eine Mission: Endlich Frankreichs Präsidentin zu werden.Christian Hartmann / APMarine Le Pen hat sich diese Woche zur Präsidentschaftskandidatin erklärt. Neun Monate vor den Wahlen. Ein Berufungsgericht hatte die Wahlsperre aufgehoben. Nun wird jedoch ein Kassationsgericht in letzter Instanz entscheiden, ob sie eine Fussfessel tragen muss. Ist das nicht riskant für ihren Wahlkampf?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenn das Kassationsgericht im April bekanntgibt, dass es die Berufung ablehnt, könnte Marine Le Pen sagen: «Ich beginne meine Kampagne, und wenn ich in den letzten zwei, drei Wochen eine Fussfessel tragen muss, dann mache ich das eben.» Der Parteichef Jordan Bardella könnte dann Kundgebungen für sie abhalten, und sie könnte sich per Zoom dazuschalten.Wird das ihrer Kandidatur nicht schaden?Sie kann sich dann als Opfer darstellen und das Urteil als Sabotageakt gegen ihre Kandidatur verunglimpfen. Es wird eine politische Instrumentalisierung dieser Gerichtsentscheidung geben. Ihre Anwälte werden sicher darauf drängen, dass das Urteil möglichst spät gefällt wird. Wenn es nämlich nach dem Tag der Stichwahl am 2. Mai kommt, dann könnte Le Pen bereits von ihrer Immunität als Präsidentin profitieren.Zur PersonPDDer Politologe sit emeritierter Forschungsdirektor am Zentrum für Politikforschung der Sciences Po (Cevipof). Sein Forschungsschwerpunkt sind die Eliten und die Transformation der Demokratie in Frankreich und in Europa.Könnte Bardella sie auf den letzten Metern des Wahlkampfs noch ablösen?Für die Kandidatur gibt es Vorschriften und Fristen. Er müsste fünfhundert Unterschriften von Mandatsträgern vorlegen, die ihn unterstützen. Ausserdem müsste seine Kandidatur vom Verfassungsrat gebilligt werden, der die Liste der Kandidaten im März festlegt.Bardella galt in den letzten fünfzehn Monaten als sicherer Präsidentschaftskandidat. Nun muss er wieder in die zweite Reihe. Wird er sich wirklich mit dem Amt des Regierungschefs begnügen?Er hat keine Wahl. Denn das Ziel ist ja, dass das Rassemblement national (RN) in den Élysée-Palast einzieht, egal, ob mit Le Pen oder Bardella. Nun kandidiert Le Pen und hat sofort wieder die Führungsrolle übernommen.Le Pen ist dreimal angetreten als Präsidentschaftskandidatin. Sie hat es bisher nicht geschafft, die gläserne Decke zu durchstossen. Sie vertritt einen strengen Antieinwanderungskurs verbunden mit einem linken Wirtschaftsprogramm. Kann sie diesmal damit eine Mehrheit der Franzosen überzeugen?Die gläserne Decke ist inzwischen eher aus Gummi. Der RN hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich Wähler dazugewonnen. Bei bestimmten Themen wie der Einwanderung und der Sicherheit gibt es generell eine Verschiebung nach rechts. Siebzig Prozent der Wähler votieren für Parteien des rechten Spektrums. Das umfasst eine Bandbreite von Präsident Emmanuel Macron bis zum Rechtsextremisten Éric Zemmour. Die Linke, die von den Sozialisten bis zur extremen Linken reicht, macht rund dreissig Prozent aus.Was wird Le Pens Wahlstrategie?Sie kann auf ihre Stammwählerschaft zählen, die sehr treu ist. Darüber hinaus wird sie auf die Mittelschicht zielen, die unter Druck steht, und auf Teile der oberen Gesellschaftsschichten. Diese Wählerschaft wird den konservativen Republikanern den Rücken kehren. Es ist so gut wie sicher, dass die Républicains einbrechen werden. Sie sind schon jetzt eine Art toter Stern.Bardella hatte in den letzten Monaten einen wirtschaftsliberalen Kurs signalisiert. Wird Le Pen auf diese Linie einschwenken?Es ist durchaus möglich, dass sie etwas von Bardella übernimmt. Sie wird ihren sozialen Kurs beibehalten, ihn aber wirtschaftspolitisch liberaler ausgestalten und die Steuern nicht erhöhen. Das RN hat Interesse daran, die Ansätze von Le Pen und Bardella zusammenzubringen.Bardella hat in den vergangenen Monaten versucht, die Wählerbasis des RN zu erweitern. Wäre er nicht der bessere Kandidat gewesen?Le Pen hat den entscheidenden Vorteil, dass sie mehr Erfahrung hat. Ausserdem hat sie das Gefühl, eine Mission erfüllen zu müssen. Sie verkörpert ein nationales Projekt, das über die reine Politik hinausgeht. Bardella geht es dagegen um Steuerpolitik und Unternehmen. Bardella hat zudem einige Dinge getan, die unklug waren und in der Partei sicher nicht sehr geschätzt wurden.Sie spielen auf sein Privatleben an.Ja, er liess sich mit seiner Lebensgefährtin Maria Carolina von Bourbon-Sizilien fotografieren. Das gab ihm einen Anstrich von Bling-Bling. So nannte man das damals bei Nicolas Sarkozy, der sich zunächst ebenfalls volksnah gab und sich dann auf der Jacht des Milliardärs Vincent Bolloré zeigte und mit prominenten Wirtschaftsführern im Nobelrestaurant Fouquet’s speiste. Das untergrub seine Legitimität.Wird Le Pen denn von den französischen Eliten akzeptiert, oder rümpfen die weiter die Nase?Sie wird akzeptiert. Sie ist immerhin Anwältin und gehört damit soziologisch gesehen zur oberen Gesellschaftsschicht. Ausserdem kommt sie aus einer vermögenden Familie und hatte eine privilegierte Kindheit. Die französischen Eliten interessieren sich vor allem dafür, was für Massnahmen sie ergreift. Ihnen sind ihre eigenen Interessen wichtig.Bardella wurde häufig als eine Art französische Giorgia Meloni beschrieben. Mit ihm verband sich die Erwartung, dass das RN auf europäischer Ebene einen pragmatischeren Kurs einschlagen könnte. Wie sieht das mit Le Pen aus?Von einem Frexit, einem Austritt Frankreichs aus der EU, hat sich das RN bereits verabschiedet. Es geht nun darum, bestimmte Dinge neu zu verhandeln. Was Bardella oder Le Pen tun würden, ist reine Spekulation. Ich denke, beide sind gezwungen, die Tatsachen anzuerkennen, was etwa den desolaten Staatshaushalt angeht. Sie werden sich wahrscheinlich weniger extrem positionieren, wenn sie an der Macht sind. Auch sie wollen ja keine grosse Finanzkrise auslösen.Über ein Jahr wähnte sich Jordan Bardella schon als Präsidentschaftskandidat und verhielt sich auch so. Doch nun ist’s vorbei. Die frühere Chefin hat wieder übernommen.Jumeau Alexis / Abaca / ImagoWer könnte Le Pen denn noch stoppen? Wäre der frühere Regierungschef Édouard Philippe der Mann?Meiner Meinung nach wird sich die Wahl zwischen Édouard Philippe und Marine Le Pen entscheiden. Philippe könnte bei den oberen Gesellschaftsschichten gut ankommen, denn er ist liberal. Ausserdem könnten sich die Wähler sagen, dass er kompetenter ist als Le Pen. Er war Regierungschef und ist derzeit Bürgermeister von Le Havre. Er kennt den Staatsapparat, er kennt das politische Leben. Marine Le Pen hat zwar auch Erfahrung, aber sie hatte nie Regierungsverantwortung.Was sind seine Schwächen?Es geht auch um Werte. Édouard Philippe ist vielleicht für Teile der oberen Gesellschaftsschichten ein bisschen zu sehr für die Globalisierung und nicht genug auf die französische Souveränität und die Identität bedacht. Ausserdem besteht seine Entourage aus früheren Mitgliedern der Konservativen und aus Mitarbeitern des Ex-Regierungschefs Alain Juppé. Der hatte mit seinen Rentenplänen 1995 schwere Streiks ausgelöst. Er steht für eine Form politischer Brutalität. Wenn Édouard Philippe sagen wird, er wolle das Rentenalter 67 einführen, dann kann ich garantieren, dass viele Leute auf die Strasse gehen. Le Pen will zur Rente mit 62 zurück. Das könnte einen gewissen sozialen Frieden garantieren.Aber wer finanziert die Rente mit 62? Das Wirtschaftsprogramm des RN ist völlig unklar.Die Leute interessiert die Finanzierung nicht. Sie wollen einfach schnell in Rente gehen. Was das Geld angeht, werden sie sagen: Dann nehmen wir es eben woanders her. Zum Beispiel von den Unternehmen. Oder wir kürzen bei der Verteidigung. Das ist natürlich nicht realistisch.Könnte Philippe Le Pen trotzdem in der Stichwahl schlagen?Ja, er könnte Le Pen schlagen, denn in der Stichwahl wird er die Konservativen, die früheren Macronisten und die Linke hinter sich wissen. Aber es wird eng.Schafft es Philippe überhaupt in die Stichwahl?Das ist das Problem. Alles hängt davon ab, wie viele Kandidaten in der ersten Runde antreten werden. Wenn es viele Kandidaten sind, werden sie ihm viele Stimmen wegnehmen. Da sind zum Beispiel der Konservative Bruno Retailleau und der Kandidat der Präsidentenpartei Gabriel Attal.Wird der Front républicain, also der Zusammenschluss der anderen Parteien gegen das RN, noch einmal funktionieren?Wenn Édouard Philippe in der Stichwahl gegen Le Pen antritt, dann schon. Denn die Wähler der Linken werden sich Philippe anschliessen. Wenn der Linkspopulist Mélenchon in die Stichwahl kommt, dann ist das fraglich. Seine Partei scheint vielen zu radikal zu sein.Könnten Le Pen und der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon in der Stichwahl aufeinandertreffen?Ja, das kann passieren. Dann wird allerdings das RN laut allen Umfragen haushoch gewinnen. Denn La France insoumise (LFI), die Partei Mélenchons, ist die meistgehasste in Frankreich.Frankreich ist gespalten zwischen einer extremen Linken und einer extremen Rechten. Was heisst das für die Wahlen und die künftige Politik?Vor allem die Radikalität von LFI macht Angst. Viele Wähler, auch die linker Parteien, wollen sich nicht unter einem Regime wie dem von Nicolás Maduro in Venezuela wiederfinden.Birgt nicht auch eine Machtübernahme Le Pens Risiken?Das ist etwas widersprüchlich. Denn einerseits könnte sie mit ihren Plänen einen gewissen sozialen Frieden garantieren. Andererseits wird es gewalttätige Proteste geben, wenn das RN an die Macht kommt. Dafür werden Gewerkschaften wie die CGT sorgen. Aber auch bei LFI haben viele schon angekündigt, dass sie einen Sieg Le Pens nicht akzeptieren wollen. Das ist das Problem des RN. Viele Wähler könnten sich sagen: Wenn Le Pen in den Élysée einzieht, wird es zu Aufständen kommen. Es wird Gewalt geben, die wir nicht wollen. Es könnte die Stärke von Édouard Philippe sein, dass seine Machtübernahme als weniger gefährlich angesehen wird.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Kann Marine Le Pen noch gestoppt werden? Es wird knapp, sagt Politologe Luc Rouban
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