Im Namen von Samaria: Israel missbraucht archäologische Parks, um Palästinenser zu enteignenIm Herbst wird in Israel gewählt. Um bis dahin Fakten zu schaffen, versucht die jetzige, rechte Regierung die Enteignungen von Palästinensern im Westjordanland zu beschleunigen. Eine bewährte Methode ist es, sich auf antike Geschichte zu berufen.Quynh Tran12.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Enteignung von Palästinensern im Westjordanland wird durch die rechte Regierung in enormem Tempo vorangetrieben.Mosab Shawer / ImagoMajestätische römische Kolonnaden führen zwischen mattgrünen Olivenhainen nach Sebastia. Zwischen Häusern aus osmanischer Zeit verbirgt sich eine Kathedrale, die das Grab von Johannes dem Täufer beherbergen soll und heute teilweise als Moschee genutzt wird. Wenige hundert Meter weiter erstrecken sich weitläufige Ruinen vom Zentrum des Dorfs den Hügel hinauf zur antiken Akropolis mit einem Tempel und einem Amphitheater. In Sebastia haben die Israeliten, aber auch die Assyrer, die Babylonier, Alexander der Grosse und auch Herodes Spuren hinterlassen. Die historischen Stätten sind beinahe nahtlos in den belebten Ort eingebettet. Hier leben die Menschen mit über 3000 Jahren Geschichte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Oder besser gesagt lebten. Denn die israelische Regierung ist dabei, das Dorf von Teilen der historischen Stätten abzuschneiden. Sie wolle das archäologische Areal vor Plünderung und Vandalismus schützen, heisst es offiziell. Israel möchte hier ausserdem einen eigenen Nationalpark einrichten. Denn das jahrtausendealte Sebastia war in der Bronzezeit auch über 160 Jahre Hauptstadt des Königreichs Israel. Auf der Akropolis finden sich Überreste der israelitischen Paläste des alten Samarias.Weltkulturerbe als letzte HoffnungSchon im Mai 2023 kündigte die Regierung an, etwa 8,5 Millionen Franken für die «Restaurierung und Entwicklung» der historischen Stätte Shomron, so der hebräische Name, bereitzustellen. Ein Jahr später besetzte die Armee den Hügel der Akropolis, im vergangenen Jahr begannen Ausgrabungen unter israelischer Leitung, und erst im Februar dieses Jahres wurden mehr als 200 Hektaren Privatland von Palästinensern enteignet.Mitarbeiter der israelischen Altertumsbehörde bei Ausgrabungen am römischen Amphitheater in Sebastia.Nasser ishatyeh / SOPA / ImagoMohammad Azem ist Gemeindepräsident von Sebastia, die Gemeinde zählt etwa 4000 Einwohner. Er hat internationale Journalisten und Diplomaten eingeladen, um auf die fortschreitende Landnahme aufmerksam zu machen. Er wirbt dafür, dass Sebastia ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen wird. In der Hoffnung, doch noch von der endgültigen Enteignung geschützt zu werden. Nun führt er durch seine Gemeinde und zeigt auf Graffiti mit Davidsternen, die auf den hellenistischen Gemäuern prangen. «Wir sind nicht diejenigen, die an den antiken Stätten hier vandalieren», sagt er. Seit Jahrhunderten seien es vielmehr die Bewohner gewesen, die den Ort instand gehalten hätten.Die Palästinenser hier lebten von der Landwirtschaft und vom Tourismus. Nun sind die Hotels und Cafés leer. Und Israel schränkt nicht nur ihren Zugang zu den historischen Stätten ein, sondern verwehrt ihnen auch den Zugang zu den umliegenden enteigneten Feldern und Hainen mit 6000 Olivenbäumen, wie Azem erzählt. Dabei sind die Oliven für viele Menschen eine wichtige Einkommensquelle. «Sie nehmen uns unser kulturelles Erbe und versperren uns den Weg zu unserem eigenen Land, zu unserer Lebensgrundlage», beklagt Azem. Der Archäologiepark diene letztlich dazu, die Palästinenser zu vertreiben. Sechs Familien hätten bereits ihre Häuser verlassen müssen, weil sie in den enteigneten Bereichen lägen.Der Gemeindepräsident von Sebastia: Mohammad Azem.PD«Die Archäologie ist Teil eines systematischen Vorstosses von Israel, um den nördlichen Teil des Westjordanlands zu übernehmen», sagt auch Talya Ezrahi von Emek Shaveh, einer Organisation israelischer Archäologen, die sich gegen die politische Instrumentalisierung ihres Fachs einsetzt. Ezrahi ist immer wieder in Sebastia, aber auch in Jericho, einer der ältesten durchgehend besiedelten Städte der Welt, wo ebenfalls Enteignungen durch Israel in Gang sind.Die Palästinenser werden nicht nur mithilfe von Altertumsgeschichte verdrängt, Israel nutzt zur Enteignung auch die Einrichtung militärischer Sperrzonen, die flächenintensive Landwirtschaft oder legalistische Argumente, um Land in israelischen Staatsbesitz zu überführen.In den vier Jahren seit die rechte Koalition Benjamin Netanyahus mit führenden Siedlerparteien an der Macht ist, sind mehr als 230 neue, auch unter israelischem Recht illegale, Aussenposten im Westjordanland entstanden – das ist mehr als in den 55 Jahren der Besetzung davor. Aus ihnen entstehen oft offizielle Siedlungen. Insgesamt gibt es mehr als 400 Aussenposten und Siedlungen, weitere sind in Planung. Wer dieser Tage durch das Westjordanland fährt, sieht fast jede Woche neue Wohnblöcke und Strassen für die Siedler. Im voll von Israel kontrollierten sogenannten C-Gebiet, das sind etwa zwei Drittel der palästinensischen Gebiete, leben mittlerweile mehr Siedler als Palästinenser.Nahe Wahlen beschleunigen TempoDas Tempo der Landnahme ist auch deshalb so hoch, weil spätestens Ende Oktober gewählt wird in Israel. Die rechtsextremen Parteien «Religiöser Zionismus» und «Jüdische Stärke», die bisher Teil der Regierung waren, könnten mit den Wahlen im Oktober den Zugang zu wichtigen Hebeln der Macht verlieren. Deshalb wollen sie jetzt so viele Fakten am Boden schaffen wie möglich.Die archäologische Stätten in Sebastia gehörden zu den bedeutendsten historischen Denkmälern der Region.Mohammed Nasser / APA Images / ImagoZugleich versuchen sie auch die rechtlichen Grundlagen für eine Annexion des Westjordanlands aufzubauen: Im Schatten des Massakers vom 7. Oktober 2023, das die Hamas im Süden Israels verübt hatte, und des folgenden Gaza-Kriegs hat die extreme Rechte Massnahmen vorangetrieben, um den Obersten Gerichtshof zu schwächen und Befugnisse der Armee im Westjordanland an Siedlerorganisationen zu übertragen – so auch im Bereich der Archäologie.Amihai Ben-Eliyahu, der israelische Minister für religiöses und kulturelles Erbe, stammt aus der rechtsextremen Siedlerpartei «Jüdische Stärke». Sein Ministerium versucht derzeit mit der «Judea, Samaria and Gaza Heritage Authority» eine eigene Altertumsbehörde für das Westjordanland zu etablieren. Dazu muss man wissen: Die besetzten Gebiete unterstehen dem Militär, eine Übertragung der Archäologieparks auf zivile Strukturen – wie etwa diese Altertumsbehörde – wäre ein Schritt in Richtung Annexion dieser Gebiete, zumindest auf dem Papier.Der israelische Minister für religiöses und kulturelles Erbe, Amihai Ben-Eliyahu, zusammen mit Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu und dessen Ehefrau Sara.Abir Sultan / EPADass Archäologie längst ein Instrument der Landnahme geworden ist, bestätigt auch der in der vergangenen Woche von den israelischen Organisationen Peace Now und Kerem Navot veröffentlichte Report «Annus Mirabilis». Er legt die systematische Landnahme dar: «Zusammengenommen führen die Massnahmen zu einer De-facto-Annexion und untergraben gleichzeitig systematisch den palästinensischen Lebensraum sowie die Möglichkeit einer künftigen politischen Einigung auf der Grundlage einer Zweistaatenlösung», so die Autoren.Wie das aussieht, zeigt sich auf dem Weg aus Sebastia auf die Hauptverkehrsachse des Westjordanlands. Entlang der Route 60, die von Norden nach Süden mitten durch die palästinensischen Gebiete führt, begegnen einem im Abstand weniger hundert Meter israelische Flaggen mit der Darstellung des dritten Tempels, riesige Davidsterne an den Bushaltestellen für Siedler und blaue Kronen-Graffiti an Betonpfeilern und Soldatenposten. Es sind die Symbole der messianischen Rechten Israels, die offen eine jüdische Vorherrschaft im gesamten Gebiet anstreben. Für palästinensische Bewohner sind sie auch zu Symbolen der Vertreibung geworden.Israelische Sicherheitskräfte überwachen eine Baustelle, auf der gerade ein Haus von Palästinensern demoliert wurde. Angeblich war es ohne Erlaubnis errichtet worden.Mosab Shawer / ImagoEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
Sebastia: Wie Israel Archäologie für Landnahme im Westjordanland nutzt
Im Herbst wird in Israel gewählt. Um bis dahin Fakten zu schaffen, versucht die jetzige, rechte Regierung die Enteignungen von Palästinensern im Westjordanland zu beschleunigen. Eine bewährte Methode ist es, sich auf antike Geschichte zu berufen.






