„Wiederholt sich die Geschichte?“ Es ist diese schlichte, aber entscheidende Frage, die an diesem Mittwoch in Regensburg über allem schwebt. Gestellt hat sie Richard Loibl, der Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte. Die Frage drängt sich geradezu auf, schließlich lautet der Titel der neuen Bayernausstellung „Brennpunkt Bayern. Hitler und der Kampf um die Demokratie“. Darin geht es im Kern um die ersten fünf Jahre der Weimarer Republik in Bayern, die mit der Revolution 1918 und ihrer blutigen Niederschlagung den Anfang nahm, sich krisenhaft dahinschleppte und mit dem gescheiterten Hitler-Putsch von 1923 ihr drohendes Ende zunächst abwenden konnte.Entsprechend ernst ist der Tenor der Eröffnungsreden von Ministerpräsident Markus Söder und Richard Loibl. Zumal sich einige Parallelen zwischen damals und heute geradezu aufdrängen. Die in großen Teilen rechtsextreme und verfassungsfeindliche AfD scheint hundert Jahre nach den Anfängen Hitlers einen ebenso unaufhaltsamen Aufstieg durchzumachen. Die liberalen Demokratien sind weltweit in die Defensive geraten, die Wirtschaft befindet sich in einer Krise, die viele Menschen tief besorgt. „Insofern ist die Ausstellung nicht nur ein Rückblick, sondern es geht um die Bedeutung für heute“, sagt Söder. „Wir dürfen nicht glauben, dass Demokratie als Selbstzweck jeden überzeugt.“Richard Loibl und Ministerpräsident Markus Söder eröffneten die Bayernausstellung „Brennpunkt Bayern. Hitler und der Kampf um die Demokratie“ im Haus der Bayerischen Geschichte. Foto: Uwe MoosburgerBayern und speziell München bildeten nach dem verlorenen Weltkrieg den Nährboden für die Nationalsozialisten und politische Extremisten aller Art. Das zeigt die Bayernausstellung mit ihren fünf begehbaren Bühnen auf 500 Quadratmetern in eindringlicher Weise. Sie folgt einmal mehr dem in Regensburg bewährten Konzept, Geschichte zu inszenieren und entlang von Personen zu erzählen. Auch deshalb dürfte sie für das Haus der Bayerischen Geschichte zum Erfolg geraten.Im Zentrum stehen Adolf Hitler und dessen Unterstützer aus dem Großbürgertum und den alten Eliten, ohne die er nie den Aufstieg geschafft hätte. Sie waren es, die den Sonderling aus dem österreichischen Braunau förderten, weil sie sich nach vergangener Größe sehnten und sich durch den Kommunismus bedroht sahen. Als Kurt Eisner im November 1918 das Ende der Monarchie verkündete und den Freistaat Bayern ausrief, war Hitler freilich nur einer von Millionen heimgekehrten Frontsoldaten.Der Prozess gegen die Putschisten geriet zur Farce. Hitler musste 1925 lediglich einige Monate in Luxus-Haft absitzen. Foto: Heinrich Hoffmann/Bayerische StaatsbibliothekDoch aus dem Statisten der Geschichte sollte bald schon der wichtigste Propagandaredner der Splitterpartei NSDAP werden. Ihr antisemitischer, völkischer Geist passte bestens zum reaktionären Mainstream der Zeit: Ministerpräsident Gustav von Kahr (BVP) wollte Bayern nach der Niederschlagung der Räterepublik als „Ordnungszelle“ etablieren. Tatsächlich aber schaffte er ein Paradies für antidemokratische Kräfte.Das „Münchner Theater“ – eine satirische Medaille auf den gescheiterten Hitler-Putsch Foto: Uwe MoosburgerLinks ist Putschist Adolf Hitler zu sehen, rechts Generalstaatskommissar Gustav von Kahr. Foto: Uwe MoosburgerWas heute die sozialen Medien sind, das macht die Ausstellung auch deutlich, das waren vor gut hundert Jahren die Bierkeller. Hier wurde im Alkoholdunst gegen die Versailler Verträge, vermeintliche Vaterlandsverräter und Juden gehetzt. Hier stieg Hitler zum Star auf. Deshalb war es nur folgerichtig, dass sein Putschversuch von 1923 im Münchner Bürgerbräukeller seinen Anfang nahm. Damals zählte die NSDAP in Bayern immerhin schon fast 200 Ortsvereine, wie in der Ausstellung auf einer Karte zu sehen ist. Hitler wollte endlich ganz nach oben. Während einer Rede Kahrs stieg er auf die Bühne, schoss in die Decke und erklärte die Regierung für abgesetzt. Doch Kahr und anderen versagten ihm Stunden später die zunächst zugesagte Unterstützung.Der Friedensvertrag von Versailles geriet buchstäblich zur Zielscheibe reaktionärer Schützen. Foto: Haus der Bayerischen GeschichteTags darauf, am 9. November 1923, stoppte die bayerische Landespolizei an der Feldherrnhalle gewaltsam den Demonstrationszug der Putschisten. Auch wenn er danach zunächst als „Kasperltheater“ verspottet wurde, so geriet der „Marsch auf die Feldherrnhalle“ mit seinen 18 Toten später zur Märtyrerlegende der Nationalsozialisten.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Der folgende Prozess gegen Hitler und dessen Verurteilung zu fünf Jahren Festungshaft in Landsberg – er kam bereits nach wenigen Monaten wieder frei – verdeutlichten einmal mehr, wie schwach die Demokratie war. Richter Georg Neithardt stand den Angeklagten Erich Ludendorff, Adolf Hitler und anderen Hochverrätern politisch nahe. Dass die Putschisten vier Polizisten erschossen hatten, spielte ebenso wenig eine Rolle wie die bei ihnen gefundene „Notverfassung“, für den Fall der Machtübernahme. Hitler wurden sogar „ehrenhafte Motive“ zugebilligt. Er durfte in Landsberg Zivilkleidung tragen, Besucher empfangen und Schallplatten hören. Überdies bekam er jeden Tag eine Mass Bier zugeteilt – und konnte in Ruhe an seinem Machwerk „Mein Kampf“ schreiben. Jahre später bedankte sich Reichskanzler Hitler beim NSDAP-Mitglied Neithardt mit dessen Beförderung.Hätte man Hitler spätestens nach dem gescheiterten Putsch aufhalten können? Vielleicht, mutmaßt Loibl, wenn der Prozess gegen ihn vor dem Reichsgericht in Leipzig und nicht in München stattgefunden hätte, wo man mehr Vertuschung als Aufklärung betrieb. Oder wenn, wie Söder ausführt, eine Kugel der Landespolizei vor der Feldherrnhalle anders geflogen wäre. Dann wäre der Schreihals Hitler vielleicht eine Fußnote der Geschichte geblieben. Bayern aber habe seine Chance vergeben, sagt Loibl.Was kann man aus all dem lernen? Wiederholt sich also die Geschichte? Die Situation der Zwanzigerjahre ist nach Einschätzung Loibls kaum mit heute zu vergleichen. Die junge Weimarer Republik sei geprägt gewesen von traumatisierten Soldaten, von Hass, Hetze, Wirtschaftskrise, von der Dolchstoßlegende, wonach das unbesiegte Heer von der Politik daheim verraten worden sei. „Davon sind wir heute weit entfernt“, bilanziert Loibl. Heute gebe es mehr Freunde der Demokratie. Bayern habe Subsidiarität und Föderalismus in das Grundgesetz eingebracht. Und dennoch, so räumt er mit Blick auf den neuerlichen Aufstieg der Rechtsextremen ein, bleibe bei allem Optimismus auch ein schlechtes Gefühl.Ministerpräsident Söder warnt davor, man dürfe das demokratische Selbstverständnis nie aus „Müdigkeit und Sattheit“ wie 1933 aufgeben. Die Kompromissfindung im demokratischen System sei durchaus schwierig, weshalb es den Wunsch nach großen Sprüngen, nach dem „Big Bang“ gebe. Besser sei es aber, das wertzuschätzen und zu verteidigen, was man habe und nichts aus Ungeduld aufzugeben. Trotz der Bedrohungen sei die Demokratie aber nach wie vor vital – und wehrhaft.Söder erinnert bei der Gelegenheit auch an den Besuch der CSU-Landtagsfraktion im Vernichtungslager Auschwitz: Die systematische Ausrottung von Menschen sei ein einzigartiges, immer währendes Mahnmal, dass dies nie wieder passieren dürfe.Die Ausstellung „Brennpunkt Bayern. Hitler und der Kampf um die Demokratie“ ist bis 7. August 2027 geöffnet.NSDAP-Mitgliederkartei:Am braunen Hügel von Bayreuth„Unser seliger Adolf“ ging Winifred Wagner, Festspielleiterin in der NS-Zeit, noch 1975 über die Lippen. Für die Nazis war Bayreuth ein Sonderfall.
War Hitlers Aufstieg unaufhaltsam?
Das Haus der Bayerischen Geschichte beschäftigt sich mit den Anfängen Hitlers. Ministerpräsident Söder sieht darin eine Mahnung für heute.






