Der andere BlickBerlin ist nicht Weimar. Das Gerede von der «letzten Patrone der Demokratie» ist UnsinnDer CSU-Chef Markus Söder warnt wiederholt vor Verhältnissen wie in der Weimarer Republik. Er sollte wissen, dass sich solche Vergleiche mit der Zeit abnutzen.23.06.2026, 04.30 Uhr3 LeseminutenZieht abenteuerliche historische Parallelen: Der CSU-Chef und bayrische Ministerpräsident Markus Söder.GettySie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Nathan Giwerzew, Redaktor NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit der CSU-Chef Markus Söder von der schwarz-roten Koalition als der «letzten Patrone der Demokratie» gesprochen hat, geistert der Ausdruck durch das Berliner Regierungsviertel. Folgt man ihm, dann hängt der Fortbestand der Demokratie nun allein vom Erfolg dieses einen Regierungsbündnisses ab. Eine ungeheure Bürde.Man fragt sich: Ist es wirklich so schlimm bestellt um die deutsche Demokratie?Dass zumindest Söder an seiner Einschätzung festhält, daran lässt er keinen Zweifel. Erst kürzlich sagte er im Podcast «Politik mit Anne Will», dass die Lage «viel ernster» sei, als «die meisten glauben». Er wolle auf keinen Fall «wieder in der Weimarer Zeit sein», in der man den «Schlüssel für die Demokratie» aus «Schlappheit, Müdigkeit, Ängstlichkeit und Mangel an Kreativität» an die Falschen abgegeben habe. Da ist sie wieder, die Warnung vor Verhältnissen wie in der Weimarer Republik.Meist im mahnenden Tonfall vorgetragen, wird «Weimar» in Deutschland als Chiffre für vieles gebraucht, was in der jetzigen Lage tatsächlich oder vermeintlich schiefläuft. Dazu zählt man gemeinhin die Inflation, aber auch das Erstarken der extremistischen Parteien und die Schwäche der bürgerlichen Kräfte. So staatsmännisch solche Warnungen gemeint sein mögen, sie gehen am Kern der Sache vorbei. Die bundesdeutsche Demokratie ist stabiler, als Söder es den Bürgern weismachen möchte.Für Abgesänge auf die Demokratie ist es zu frühNach der Republikgründung im Jahr 1918 litten Millionen Deutsche an den Folgen des verlorenen Krieges. An den politischen Rändern gehörte die Ablehnung der Demokratie zum guten Ton. Kommunisten, Monarchisten und Nationalisten verbanden die Republik mit der Kapitulation in Versailles. Sie verstanden sie als Last, die es so schnell wie möglich abzuwerfen galt. Die Nationalsozialisten hatten bei ihrer Machtübernahme leichtes Spiel, weil Extremisten von links und rechts die Demokratie zuvor sturmreif geschossen hatten.Die heutige Bundesrepublik steht zweifellos vor grossen Herausforderungen. Ihre Infrastruktur bröckelt, ihre Wirtschaft strauchelt. Ihre sozialen Sicherungssysteme müssen verschlankt und die Bundeswehr ertüchtigt werden. Doch von einer Systemkrise wie vor hundert Jahren kann nicht die Rede sein. Das zeigt sich auch an der Arbeit der schwarz-roten Regierung: Sie ist weit davon entfernt, so zerstritten zu sein wie das letzte von einer parlamentarischen Mehrheit getragene Kabinett der Weimarer Republik unter dem sozialdemokratischen Reichskanzler Hermann Müller.Was sich heute in der Bundesrepublik abspielt, ist in Wirklichkeit etwas anderes. Wie in der gesamten westlichen Welt, so sortiert sich auch in Deutschland die Parteienlandschaft neu. Die etablierten Parteien verlieren an Rückhalt in der Bevölkerung, dafür gewinnen links- und rechtspopulistische Kräfte an Boden. Einzelne Politiker dieser Parteien stellen die Systemfrage, das stimmt.Weder in der AfD noch in der Linkspartei sind sie aber so stark, dass sie die Politik der gesamten Partei bestimmen würden. Das könnte sich ändern, keine Frage, und die AfD hat sich in den vergangenen Jahren radikalisiert. Doch dass ausgerechnet diese Koalition die letzte demokratische sein soll, wirkt arg konstruiert.Söder ist ein gewiefter Machttaktiker, nur fehlt ihm gänzlich das Talent zum Historiker. Das ist nicht weiter schlimm. Als Politiker sollte er aber wissen, dass sich historische Parallelen mit der Zeit abnutzen. Irgendwann könnten die Bürger den Verdacht schöpfen, dass sich hinter seiner Sorge um die Republik eher die Angst vor dem eigenen Machtverlust verbirgt. Söder wäre deshalb gut beraten, rhetorisch abzurüsten.Passend zum Artikel
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