PfadnavigationHomeICONISTModeTennis und StilIn Wimbledon wird Tradition zur modischen AvantgardeStand: 15:45 UhrLesedauer: 6 MinutenNaomi Osaka hält sich an die Wimbledon-Kleiderregeln – aber eben auf ihre ArtQuelle: Mike Egerton/PA Wire/dpaWimbledon hält an seinen Traditionen fest – und macht Tennis zum spannendsten Schauplatz der Mode: Naomi Osaka kämpft in ihren Kreationen für Individualität, Jannik Sinner wirbt wie ein Revolutionär und Diamanten werden zum neoliberalen Statement.Tennis war schon immer chic. Doch von den Faltenröckchen und Poloshirts auf dem Centre Court in Wimbledon bis zum modischen Feuerwerk von heute war es ein weiter Weg. Tennis hielt lange an seinen Dresscodes und seiner kultivierten Eleganz fest und entzog sich so auch modischen Launen. Zwar hat das Spielfeld stets seine Stars hervorgebracht, und jeder Champion hat dem Sport auch visuell seinen Stempel aufgedrückt, aber die Papageienoutfits eines Andre Agassi galten noch als Provokation. Zuletzt ist die aristokratische Zurückhaltung zunehmend der Exzentrik und dem Glamour gewichen. Luxusmarken inszenieren sich rund um das Turnier, Schmuck setzt Statements. Und so hat Wimbledon eine Ästhetik hervorgebracht, die aktuell viel Zuspruch findet, weil sich Tradition und Stilbruch im Südwesten von London ein reizvolles Stelldichein geben.Der eleganteste KulturkampfÄhnlich wie die Williams-Schwestern, die nach längerer Pause – wenngleich ziemlich glücklos – wieder in Wimbledon starteten, präsentiert die US-Athletin Naomi Osaka, die für Japan spielt, Mode nicht einfach – sie entwickelt für fast jedes Grand-Slam-Turnier eigene Looks. Bei den French Open wählte sie ein aus recycelten Match-Outfits gefertigtes Korsett sowie ein gold schimmerndes Kleid als Eiffelturm-Zitat. Als ihre Gegnerin Laura Siegemund spottete, sie sei „zum Tennisspielen und nicht zu einer Modenschau“ nach Paris gekommen, und dann verlor, war das nicht nur peinlich für die Deutsche, sondern machte den modischen Auftritt der Kontrahentin im Nachhinein nur noch sympathischer als ohnehin schon. Osaka sagt, sie wolle das Publikum jedes Mal überraschen. Das tut sie auch in Wimbledon: mit einem von Kimonos inspirierten Zeremonienmantel der japanischen Designerin Hana Yagi als Hommage an Quentin Tarantinos Film „Kill Bill“. Damit macht sie den Tennisplatz zum Laufsteg. Dass sie den Dresscode dabei formal einhielt, machte den Look noch raffinierter. Beim Spiel selbst trug sie ein Performance-Dress von Nike.Eine Gucci-Tasche bricht alle RegelnIn Wimbledon, dem traditionsreichsten Tennisturnier der Welt, herrscht seit jeher ein strikter Dresscode: Alle Spieler müssen in vornehm zurückhaltendem Weiß gekleidet sein. Selbstbewusste Inszenierungen hatten dort bisher kaum Platz – und offen zur Schau gestellte Luxusmarken auch nicht. Als der heutige Weltranglistenerste Jannik Sinner den Centre Court 2023 mit einer beigefarbenen, logoübersäten Gucci-Tasche betrat, brach er mit den Gepflogenheiten seines Sports. Manch einer sprach von Modesünde. Genau an diesen Moment knüpft Gucci nun an. In der Kampagne „The Original Sinner“ ist der Tennisspieler nicht mehr nur Werbefigur, sondern erzählt die Story der Marke als Schöpfungsgeschichte. Aus dem Tennisball wird der biblische Apfel, aus Sinners Namen ein selbstironisches Wortspiel – und Tennis wird zur kulturellen Erzählung, die über den Centre Court hinausreicht.Mit Diamanten zum SiegAuf dem Court wurde auch Schmuckgeschichte geschrieben: Als Chris Evert 1987 bei den US Open ihr Diamantarmband verlor, ließ sie das Match unterbrechen, bis es wiedergefunden war. Seitdem werden Diamantenarmbänder nicht mehr als Eternity Bracelet, sondern als Tennisarmband bezeichnet. 2004 hob Anna Kournikova den funkelnden Auftritt aufs nächste Level – mit einem rosa 11-Karat-Diamantring, dessen heutiger Wert auf fünf Millionen US-Dollar geschätzt wird. Ein Foto des Looks verbreitet sich gerade wieder rasant in den sozialen Netzwerken, als Zeugnis der unbeschwerten Nullerjahre. Neuester Schmuckaufschlag: Bei den French Open trug die Weltranglistenerste Aryna Sabalenka Diamanten im Wert von rund 75.000 Pfund, kurz nachdem sie höhere Einnahmen für Spieler gefordert hatte. Die Empörung folgte prompt. Aber der Punkt geht an Sabalenka.Ein Fan nimmt EinflussAnna Wintour lernte Roger Federer 2005 bei einem Lunch im „Pastis“ in New York kennen. Seitdem galt die „Vogue“-Chefin, selbst begeisterte Tennisspielerin mit eigenem Platz in den Hamptons, als bekennendes Federer-Fangirl, das während seiner Profikarriere bei vielen Turnieren, von den US Open bis Wimbledon, Front Row saß. 2024 begleitete sie ihn sogar bis nach Berlin zum Laver Cup – es muss also wahre Liebe sein. Kaum jemand hat den Schulterschluss von Luxuslabels, Stars und Grand Slams so geprägt wie Wintour. Federer wurde unter ihren Fittichen zum Brückenkopf – mit „Vogue“-Auftritten, als Co-Host der Met Gala und in Werbekampagnen von Uniqlo bis Prada. Auch der leicht blassen Marke On, deren Miteigentümer Federer ist, wird die Verbindung nicht geschadet haben. Man darf getrost rückschließen: Wintours Crush brachte Tennis in die High-Fashion-Welt.Der Klassiker kehrt zurückDer Stan Smith von Adidas hat in dieser Saison den Sprung von Wimbledon zur Pariser Fashion Week geschafft, wo ihm ein Pop-up-Store gewidmet wurde. Der Schuh löste einst die Grenze zwischen Sportausrüstung und Streetwear auf. Ursprünglich entwickelte Adidas das Modell in den frühen 60er-Jahren als leichten Lederschuh; zunächst trug er den Namen des Franzosen Robert Haillet, bevor er nach dem US-Star Stan Smith umbenannt wurde. Der gewann 1971 Wimbledon sowie die US Open und wurde im Jahr darauf die Nummer eins der Weltrangliste – kurz bevor Charismatiker wie Björn „Ice“ Borg und der hitzköpfige John McEnroe den Tennissport endgültig zu einem Teil der Popkultur machten. Die nüchterne Klarheit des Stan Smith funktionierte auf dem Platz und machte ihn weit darüber hinaus zum Klassiker. Seitdem taucht er in Wellen immer wieder auf. Etwa 2015, als ein gewaltiger Hype um den Schuh entstand und Pharrell Williams ihn in Bonbonfarben servieren ließ. Als Tennisschuh ist er heute allerdings nicht mehr gebräuchlich.Wohlerzogen in die ZukunftWährend viele Modemarken gerade auf den Tennis-Zug aufspringen, bleibt Ralph Lauren vermutlich die erste Adresse für alle, die ein Tennisröckchen suchen, mit dem man nach dem Match genauso selbstverständlich im Biergarten sitzt wie auf der Tribüne. Seit 2006 ist Ralph Lauren offizieller Ausstatter von Wimbledon; vom Stuhlschiedsrichter bis zum Ballmädchen bekommt also jeder ein tadellos abgestimmtes Outfit gestellt. Wie stets bei Lauren wird Tennis zum kulturellen Referenzpunkt für ein bestimmtes Lebensgefühl: preppy, klassisch und wohlerzogen. Anders als viele andere Modelabels, die um jeden Preis progressiv wirken wollen, gelingt Ralph Lauren die Anknüpfung an die Gegenwart mühelos – mit geknoteten Collegehemden, übereinander geschichteten Zopfpullovern, Socken in Loafern und einer ultralässigen Attitüde.Gut sichtbar platziertEs kann ihnen eigentlich nur an zweiter Stelle um den Sport gehen. Nirgends verdichtet sich der britische Promi-Kosmos im Sommer so sehr wie in Wimbledon. Das war nicht immer so: Lange galt das Turnier vielen als zu geschniegelt, als zu sehr vom alten Establishment geprägt. Heute gleicht eine Einladung in die Royal Box einem gesellschaftlichen Ritterschlag. Hier sitzt, wer im Vereinigten Königreich (oder im Rest der Welt) gerade zählt: Dauergast David Beckham, Bad Bunny, „F1“-Darsteller Damson Idris oder TikTokerin und Ex-„Corporate Girl“ Jemima Grace – berühmt geworden mit Stumm-Videos wie sie ins Büro geht, vor dem Laptop luncht und wieder nach Hause fährt. Die Promidichte steigt mit jedem Turniertag. Und während auf dem Platz gespielt wird, konkurrieren Luxuslabels auf der Tribüne um die sichtbarste Platzierung.Von der Royal Box ins TickethäuschenZu Wimbledon gehören seit den 1920er-Jahren zwei Dinge: Erdbeeren mit Sahne und die Royal Box. Nachdem der Duke of Kent 2021 nach 52 Jahren als Clubpräsident zurückgetreten ist, überreicht Prinzessin Kate die Siegerpokale. Ihr Auftritt 2024 noch während ihrer Krebsbehandlung wurde mit ausgiebigen Standing Ovations bedacht. Bis 2003 mussten Spieler vor der Royal Box einen Knicks oder eine Verbeugung machen. Heute nur noch, wenn der König oder der Prince of Wales anwesend sind. Zumindest Schirmherrin Kate zieht es auch mal woanders hin. In diesem Jahr half die 44-Jährige im Tickethäuschen aus und machte Selfies mit Besuchern – in einem Anzug von Gabriela Hearst.
Tennis und Mode: Wie Naomi Osaka und Luxusmarken Wimbledon revolutionieren - WELT
Ausgerechnet der traditionsreiche Tennisplatz hat den größten modischen Spielraum geschaffen: Naomi Osaka kämpft für Individualität, Jannik Sinner wirbt als Revolutionärer für Gucci und Aryna Sabalenka funkelt als neoliberale Lichtgestalt.








