Eine folgenreiche Entdeckung: Im Winter 1978 stößt ein junger indischer Student, der als Stipendiat in Oxford lebt, um dort seine Doktorarbeit in Sozialanthropologie anzugehen, in der Bibliothek auf eine entlegene Quellensammlung. Erst seit Kurzem ist er in Europa und fühlt sich ziemlich orientierungslos. Da gewinnt er einen gleichermaßen unerwarteten wie unwahrscheinlichen Verbündeten.Die Quellensammlung enthält Briefe aus dem 12. Jahrhundert, die ein wohlhabender arabischer Kaufmann in Aden an einen jüdischen Geschäftspartner und Freund schrieb, der schon weit herumgekommen war und jetzt in Mangalore lebt, der Handels- und Hafenmetropole an der Südwestküste Indiens. Die Briefe hatten die Jahrhunderte in einer Kairoer Synagoge überdauert, ehe sie im imperialen Zeitalter in die Bibliotheken der Weltmächte verschifft und verstreut wurden. Neben vielerlei geschäftlichen Sorgen ‒ Pfeffer, Seide, Kardamom und die ständige Gefahr auf hoher See ‒ handeln sie gelegentlich auch von Persönlichem.Der geisterhafte InderIn einem Brief richtet der arabische Kaufmann beste Grüße an einen indischen Sklaven aus, den er als Boten und reisenden Agenten des jüdischen Händlers offenkundig kennen- und schätzen gelernt hat. Diesen unbekannten Inder, der nur ganz geisterhaft und flüchtig in den Überlieferungen auftaucht, macht sich der indische Student fortan zum Fluchtpunkt seiner Feldforschung. Er beginnt, Arabisch zu lernen, und findet sich zwei Jahre später in einem ägyptischen Dorf wieder, um die Spurensuche aufzunehmen.So berichtet es Amitav Ghosh in seinem Buch „In einem alten Land“, bis heute eines seiner fesselndsten, das 1992 erschien (auf Deutsch 1995) und bereits das Forschungs- wie Erzählprogramm bezeugt, dem dieser vielseitige Autor seither folgt. In einer ganz eigentümlichen Mischung aus Reisebericht, autobiographischem Roman, detailgenauer historischer Recherche, detektivischer Ermittlungsarbeit und kritischer Reflexion geleitet Ghosh uns immer wieder in scheinbar entlegene Bezirke unserer Welt, von deren Existenz wir kaum etwas ahnten und die doch mit dem großen Gang der Weltgeschichte wie mit dem Alltagsleben eng verbunden sind.Seine historischen Fiktionen sind akribisch recherchiertSo stößt er mit seiner Lektüre der arabisch-jüdisch-indischen Korrespondenz die Tür zu einer maritim geprägten, kosmopolitischen Welt des Mittelalters auf, die sich zwischen Ägypten, der Arabischen Halbinsel und dem indischen Subkontinent reich vernetzt, während an ihrem nordwestlichen Rand ein provinzielles Eck namens Europa gerade hoffnungslos dem Kreuzzugswahn verfällt.In seinen neueren Büchern wie „Der Fluch der Muskatnuss“ (deutsch 2022) oder „Rauch und Asche“ (deutsch 2025) folgt Ghosh den Verwicklungen und Verwerfungen, die ein begehrtes Gewürz wie Muskat, einst wertvoller als Gold, oder ein Erpressungsmittel wie Opium, womit das britische Empire einst seine Handelsbilanz mit China ausglich, zu weltpolitischer Bedeutung gebracht haben. Bei aller brutalen Gewaltgeschichte, die sich darin darstellt, zeigt er jedoch zugleich die wechselseitigen Verflechtungen des gesellschaftlichen wie kulturellen Lebens, die auch daraus hervorgegangen sind.Die Fiktionen sind so gut recherchiert wie die Sachbücher packendDabei ist die Unterscheidung von Roman und Sachbuch für Ghoshs Werk ohne größeren Belang. Seine historischen Fiktionen sind ebenso akribisch recherchiert wie seine Sachbücher packend erzählt sind. Schon „In einem alten Land“ führt vor, wie Informanten unweigerlich zu Charakteren werden. Der Opiumkrieg ist zugleich Thema seiner großartigen „Ibis“-Trilogie (2009 bis 2016), die in epischer Breite den Fahrtrouten eines alten Sklavenschiffes namens Ibis folgt, das anschließend im Opiumhandel diente. Und sein wichtigstes Thema in jüngster Zeit, den Klimawandel, verhandelt Ghosh in seiner Essaysammlung „Die große Verblendung“ (2017) ebenso wie in Romanen wie „Die Inseln“ (2019), die alles daransetzen, das Undenkbare erzähl- und damit vorstellbar machen.Was also vor fast fünf Jahrzehnten in der Bibliothek von Oxford seinen Anfang nahm, hat unterdessen zu zwei Dutzend Buchveröffentlichungen, zu Übersetzungen in mehr als dreißig Sprachen und zahlreichen Ehrungen und Preisen geführt. In Kolkata (früher: Kalkutta) geboren und seit Langem in Brooklyn zu Hause, begeht Amitav Ghosh, der Tiefenerzähler unserer globalisierten Welt, am 11. Juli 2026 seinen siebzigsten Geburtstag.
Dem Autor Amitav Ghosh zum 70. Geburtstag
Tiefenerzähler der globalisierten Welt: Amitav Ghosh geht in seinen Romanen und Sachbüchern fesselnd der Frage nach, was Ost und West durch die Zeiten miteinander verbindet. Jetzt feiert er seinen siebzigsten Geburtstag.








