Die ungeheuerliche Tat des besten Freundes: Hal Ebbott hat einen beeindruckenden Debütroman vorgelegtDer New Yorker Schriftsteller beschreibt in seinem Buch «Unter Freunden», wie das Geburtstagsfest zweier Familien plötzlich alles infrage stellt, was während Jahrzehnten aufgebaut worden ist.Rainer Moritz11.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenPsychologisch nuanciert legt Hal Ebbott ein brüchiges Fundament frei, dessen Fragilität seine Protagonisten nicht wahrhaben wollen.Beowulf SheehanDa mag jede dritte Ehe geschieden werden, da mag die Grauzone jener Paare gross sein, die nur ihrer Kinder wegen zusammenbleiben und heimliche Affären schweigend tolerieren. Nichts, so scheint es, kommt in den USA zumindest gegen den Mythos der Familie an, der aller Empirie zum Trotz hochgehalten wird – und nicht nur konservativen Menschen als Bollwerk gegen die unüberschaubaren Verwerfungen der modernen Gesellschaft gilt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kein Wunder also, dass die US-Literatur seit Jahrzehnten das Genre des Familienromans bedient, und zwar reichlich. Jonathan Franzens «Die Korrekturen» hat in gewisser Weise Massstäbe gesetzt, und weil diese Bücher, ob von Nathan Hill, Richard Ford oder Mary Beth Keane, oft kommerzielle Erfolge sind, überrascht es nicht, wenn Debütanten in diese Fussstapfen treten wollen. So mutet es auf den ersten Blick wenig originell an, wenn der in New York lebende Hal Ebbott, der zuvor als Englischlehrer an einer Privatschule arbeitete, für seinen ersten Roman «Unter Freunden» ein geradezu klassisches Setting verwendet. Eines, das fast wie eine Parodie auf die vielen Familienromane wirkt.Verbergen und verschweigenZwei eng miteinander verbundene Paare stehen dabei im Mittelpunkt: der Therapeut Amos und seine Frau, die Ärztin Claire, nebst der Tochter Anna sowie der Anwalt Emerson, seine Frau Retsy und deren Tochter Sophie. Claire und Emerson sind Sandkastenfreunde, und Letzterer war es auch, der seinen Collegefreund Amos mit Claire bekannt machte, quasi zum Ehestifter wurde. Man sieht sich oft, die Töchter sind beide sechzehn und tauschen ihre Pubertätserfahrungen aus. Vor allem sind es die Männer, die eine enge, seit drei Jahrzehnten währende Freundschaft pflegen. Und so ist die Freude gross, als es – wieder ein klassischer Topos des Familienromans – ein Fest zu feiern gibt: Emersons zweiundfünfzigsten Geburtstag.Man verbringt zu sechst ein Wochenende in Emersons Landhaus ausserhalb New Yorks, vertieft sich in mal vertraute, mal oberflächliche Gespräche, erinnert sich an alte Zeiten, isst und trinkt reichlich und geniesst es, Teil eines vermeintlich unzerstörbaren Bündnisses zu sein, das Kraft gibt gegen die Zumutungen der Aussenwelt. Das Verblüffende an diesem Szenario ist die Subtilität, mit der Hal Ebbott die Haarrisse in diesem Beziehungskomplex aufzeigt.Was hat es mit Emersons latenter Aggressivität auf sich? Tun Claire und Retsy nur so, als ob sie auch ohne ihre Ehemänner miteinander befreundet wären? Werden sich die Kinder noch etwas zu sagen haben, wenn sie dem Teenageralter entwachsen sind? Und nicht zuletzt: Hat es Amos verwunden, dass er aus einfachen Verhältnissen stammt und seinen Wohlstand vor allem Claires Familie verdankt? Vieles bleibt verborgen, vieles wird verschwiegen – dem sehr passenden Jean-Renoir-Motto des Romans folgend: «Die wahre Hölle im Leben ist, dass alle ihre Gründe haben.»Psychologisch nuanciert legt Ebbott ein brüchiges Fundament frei, dessen Fragilität seine Protagonisten nicht wahrhaben wollen – bis es nach einem guten Drittel des Romans zu einer Zäsur kommt. Als Anna eine Waschmaschine anwerfen will, steht Emerson plötzlich hinter der Tochter seiner besten Freunde, fasst sie an und schiebt seine Hand in ihre Shorts. Nach wenigen Sekunden ist der Übergriff vorbei. Man geht zurück zu den anderen, und Anna ist ausserstande, über das Geschehene zu sprechen.Als das Geburtstagswochenende vorbei ist, kapselt sich Anna mehr und mehr ab. Ihre Eltern schieben das auf ihr Alter, doch nachdem Anna bei einem Ladendiebstahl erwischt worden ist, vertraut sie sich verzweifelt ihrem Vater an. So erschüttert dieser über die ungeheuerliche Tat seines besten Freundes ist, so wenig zweifelt er an Annas Aussage.«Unvollkommene Menschen»«Unter Freunden» ist von diesem Moment an ein hoch spannender, tiefsinniger Roman, der bis ins Detail aufzeigt, wie sehr die Figuren mit sich und den anderen ringen, wie sie kalkulieren, welche Konsequenzen es hätte, wenn es zur Eskalation käme. Anders als Amos ist Claire nicht von der Aufrichtigkeit ihrer Tochter überzeugt, zumal ihr alter Kindheitsgefährte Emerson eloquent jede Schuld leugnet und auf Annas Pubertätsverwirrungen verweist.Wie Hal Ebbott dieses Geflecht unterschiedlicher Gefühlsregungen inspiziert, ist schlichtweg grossartig. Er taucht tief in das Seelenleben seiner Figuren ein, beleuchtet deren Ängste und wechselt immer wieder die Perspektiven – bis es am Ende zur grossen Konfrontation kommt.Sprachlich findet Ebbott dafür einen präzisen Ton, um der Psyche seiner Akteure auf den Grund zu kommen. Bewusst langsam nimmt der Roman Fahrt auf, und mit zunehmendem Tempo verändert sich auch sein Stil. Anfangs scheint es, als wolle der Debütant Ebbott seinen Text bewusst literarisieren und metaphorisch in kühne Höhen treiben. Da steht ein Haus da «wie ein Urteil oder die letzte Zeile eines Buchs»; da klingen Stimmen wie «zerdelltes Obst», und da zuckt Claire beim Sex «wie das Ende eines volllaufenden Schlauchs». Zum Glück gibt es nicht viele solcher kapriziösen stilistischen Missgriffe, und vor allem kaum mehr im weiteren Verlauf des Buchs, als die Geschichte zu einem beklemmenden Kammerspiel wird.Als Amos in einem stillen Moment über das «Wesen von Familie» nachzudenken beginnt, kommt er zu folgendem Ergebnis: «Unvollkommene Menschen, durch Zufall vereint, stehen trotzdem jeden Tag auf und geben sich Mühe, bringen sich ein, damit es weitergeht.» Wie schwer es jedoch in Extremsituationen ist, zwischen einem Weiter-so und einem jähen Schnitt zu wählen, zeigt «Unter Freunden» überzeugend. Das gilt für Familien, und das gilt nicht minder für eine scheinbar einmalige Männerfreundschaft, die sich lange so angefühlt hatte, als sei sie Familie.Hal Ebbott: Unter Freunden. Roman. Aus dem Englischen von Jan Schönherr. Claassen-Verlag, Berlin 2026. 332 S., Fr. 36.90.Passend zum Artikel
Unter Freunden: Hal Ebbotts beeindruckendes Romandebüt
Der New Yorker Schriftsteller beschreibt in seinem Buch «Unter Freunden», wie das Geburtstagsfest zweier Familien plötzlich alles infrage stellt, was während Jahrzehnten aufgebaut worden ist.








