PfadnavigationHomePanoramaMeine GeschichteWELT-Leser erzählen„Er ist der einzige Mensch auf der Welt, der mich noch nie angelogen hat“Von Carlotta VorbrüggenVeröffentlicht am 22.10.2025Lesedauer: 7 MinutenQuelle: Getty Images/Oliver RossiWir spüren instinktiv, was dem anderen weh tut. Wir schätzen die Meinung des anderen sehr – vor allem als Korrektiv im Leben. Er, der Freigeist. Ich, der Steuerberater. So beschreibt Marcus seine Freundschaft zu Rico. Vier WELT-Leser haben von ihrer wichtigsten Freundschaft erzählt.Ein Freund von mir hat einmal gesagt: „Die Tiefe einer Freundschaft zeigt sich daran, wie sauber es zu Hause sein muss, wenn der andere zu Besuch kommt.“ In diesem Satz steckt viel Wahres. Freundschaft bedeutet nicht Perfektion. Ganz im Gegenteil. Sie hält Staubflusen aus, sie erträgt Unordnung und kennt die Macken, die wir sonst lieber verbergen. Freundschaft. Das ist Akzeptanz. Vertrauen. Verständnis. Loyalität. Authentizität. Sie ist das Gefühl, sich nicht verstellen zu müssen, sondern einfach sein zu dürfen. Vier WELT-Leser haben erzählt, welche Freundschaft sie durchs Leben trägt.Marcus, 47, ThüringenAufgewachsen sind wir im sozialistischen Plattenbau in Thüringen – in einer Welt, in der alle Kinder gleich waren, kaum Autos auf den Straßen fuhren und man nach Hause musste, sobald die Laternen angingen. Ich, Marcus, war Einzelkind, Rico kam aus einer Familie mit drei Geschwistern.Wir wurden gemeinsam eingeschult und legten nach der Schule das Pionierhalstuch ab. Durch ihn habe ich gelernt, dass es keinen Sinn hat, lange auf jemanden sauer zu sein – lieber den Staub abklopfen und weitermachen.Wir haben erlebt, wie unsere Eltern 1990 arbeitslos wurden und wir in eine ungewisse Zukunft blickten – obwohl die Regale plötzlich voller toller Sachen waren. Er war robust, ich eher sensibel.Wir haben gemeinsam Judo trainiert, Fahrräder repariert, Umzüge gefahren, Wohnungen renoviert, an Autos geschraubt und Liebeskummer überstanden – auch die Scheidung unserer Eltern.Lesen Sie auchIch erinnere mich dunkel daran, wie wir zusammenhielten und sogar eine Rauferei nach der Schule mit bloßen Händen beilegten. Das erste Mal Disco, das erste Konzert der Toten Hosen – Schule geschwänzt und höchstens zweimal betrunken gewesen.Wir sind gemeinsam erwachsen geworden und spüren instinktiv, was dem anderen weh tut oder zu welchem Bild er so gar nicht passt. Wir sind kritikfähig und schätzen die Meinung des anderen sehr – vor allem als Korrektiv im Leben. Das hat Gewicht.Die meisten seiner Freundinnen hießen Anja. Das war für alle gut. Er war mein Trauzeuge und unser Hochzeitsfotograf. Heute – ich nun mit Familie – besuchen wir ihn jedes Jahr an dem Ort, an dem er lebt. In den letzten Jahren war das immer die Insel Rügen.Er, der Freigeist. Ich, der Steuerberater.Gudrun Ammermüller, 53, MontpellierUnsere Väter waren Studienfreunde, und die Familien, die im selben Viertel in Bonn-Bad Godesberg wohnten, sahen sich gelegentlich. Richtige, enge Freundinnen wurden wir mit 14 und 16 Jahren. Wir verbrachten unsere Nächte in den Bars und Kneipen von Bad Godesberg.Als ich 19 war, wanderte ich als Au-pair nach Kanada aus – und seitdem habe ich nie wieder in Deutschland gelebt. Britta und ich schrieben uns viele Briefe, hielten uns so auf dem Laufenden. Jedes Mal, wenn ich nach Bonn zurückkam, um meine Familie zu besuchen, trafen wir uns und schlugen uns gemeinsam die Nächte um die Ohren.Britta heiratete Jens schon in jungen Jahren – ich blieb noch viele Jahre Single. Dann kam Silvester 1999. Ich lebte inzwischen in Paris, und Britta kam mich mit Jens und einem Freund besuchen. Wir gingen auf eine Party, und dort lernte ich Sixto kennen – meinen zukünftigen Mann. Um Mitternacht gingen wir auf die Straße, um ein großes Feuerwerk steigen zu lassen.Später zogen Britta und Jens nach Kalifornien. Ich besuchte sie dort für einen Monat, und wir reisten mit Zelt und Auto quer durch Kalifornien. Es war April – bei ihnen war es Sommer –, und wir wollten zum Lake Tahoe, um schwimmen zu gehen. Doch wir mussten uns unterwegs Schneeketten in einem Laden für Sommerartikel kaufen und sie in Badeschlappen anlegen, um durch den tiefen Schnee zu fahren. Schließlich standen wir mit unseren Schlappen auf dem zugefrorenen See.Auf einem anderen Campingplatz flog uns in einem Sturm fast das Zelt weg, und in der Wüste trauten wir uns nachts nicht hinaus, weil Kojoten um unser Zelt schlichen.Lesen Sie auchIch lebte mit Sixto in Paris, und Britta und Jens zogen ebenfalls dorthin. Leider zogen wir ein Jahr später schon weiter nach Montpellier – die gemeinsame Zeit in Paris, in der wir auch den Alltag miteinander teilen konnten, habe ich sehr genossen.Ihr erster Sohn kam zu früh auf die Welt, und Sixto musste in aller Eile einen Kinderwagen besorgen. Wir waren die Ersten, die Noam im Krankenhaus willkommen hießen – natürlich mit einer Flasche Champagner zusammen mit Britta und Jens.Für ihre beiden anderen Kinder, die adoptiert sind, habe ich Empfehlungsschreiben verfasst und mitgefiebert während der langen Wartezeit. Britta ist die Patentante meiner ältesten Tochter Elisa.Bei unserer Hochzeit – nach 18 Jahren gemeinsamen Lebens – war Britta 2018 unsere Trauzeugin in Montpellier, Südfrankreich. Als Brittas Eltern im selben Jahr verstarben, haben wir viel telefoniert, und ich habe versucht, für sie da zu sein.Seit fünf Jahren fahren wir jedes Jahr gemeinsam – mit unseren Partnern und oft mit alten Freunden aus Bonn – im Winter nach Österreich in ein großes Haus. Dieses Jahr wollen wir das auch im Sommer fortsetzen.Silvester verbringen wir fast immer zusammen. 2024 haben wir in Bonn unser 25-jähriges Kennenlernen mit Sixto gefeiert. Brittas und meine Kinder verstehen sich hervorragend und treffen sich auch ohne uns.Für uns ist es nicht nur etwas ganz Besonderes, nach so vielen Jahren immer noch beste Freundinnen zu sein und regelmäßig Urlaube oder Wochenenden miteinander zu verbringen – es ist auch ein Geschenk des Himmels, dass sich inzwischen sogar die dritte Generation so gut versteht und eigene Freundschaften pflegt.Britta und ihre Familie sind seit langer Zeit ein Teil meiner Familie.Jürgen Klein, 65, BruchsalMich trägt die Freundschaft zu meinem Jugendfreund Roland durchs Leben.Wir sind gemeinsam in einem kleinen Eifeldorf aufgewachsen und haben über die Liebe zur Musik im Alter von 15 Jahren zueinander gefunden. Rolands Vater besaß eine akustische Gitarre und zeigte ihm die ersten Akkorde, die er dann an mich weitergab. Wir kauften uns die billigsten Elektrogitarren, weil uns das Geld für etwas Besseres fehlte, und bauten alte Röhrenradios zu Verstärkern um. Die hatten zwar eine erbärmliche Leistung, aber wir waren glücklich damit.Roland begann ein Geologiestudium, und wir verloren den engen Kontakt aus der Jugendzeit. In den Semesterferien waren wir oft zusammen und verbrachten die Zeit mit Musikhören, Gitarrespielen, Kiffen und Reden.Lesen Sie auchRoland hat nie gewertet, nie geurteilt und war immer brutal ehrlich. Ich glaube, er ist der einzige Mensch auf der Welt, der mich noch nie angelogen hat. Er hat mir Ratschläge gegeben, die frei von eigenen Interessen waren, und er hat mich immer geachtet, mir immer gut zugesprochen. Er war so etwas wie mein Anker.Nachdem seine Frau viel zu früh verstorben war, haben wir oft gesprochen, und ich habe versucht, ihm die gleiche Stütze zu sein. Immer noch wirkt dieses unausgesprochene Band zwischen uns. Wir hören manchmal wochenlang nichts voneinander, und trotzdem wissen wir, dass der andere da ist. Es geht um Verständnis und Vertrauen. Jeder lässt den anderen so sein, wie er ist. Das ist extrem entspannend. Wir wissen, was wir aneinander haben – und das ist schön!Barbara, 58, Göttingen Nach der langen, schweren Krankheit meines Vaters und dessen frühem Tod lernte ich meinen heutigen besten Freund kennen.Er war mein erster fester Freund, und ich – damals schwer traumatisiert vom Tod meines Vaters – fand durch ihn wieder Halt im Leben. Wir schauten gemeinsam das Live-Aid-Konzert. Fantastisch.Unsere Beziehung löste sich, aber wir blieben bis heute lebenslang verbunden – durch Studium, Familiengründung und alles, was das Leben ausmacht.Ich bin sehr dankbar dafür und kann bis heute auf seine Freundschaft zählen. Unbezahlbar!
WELT-Leser erzählen: „Er ist der einzige Mensch auf der Welt, der mich noch nie angelogen hat“ - WELT
Wir spüren instinktiv, was dem anderen weh tut. Wir schätzen die Meinung des anderen sehr – vor allem als Korrektiv im Leben. Er, der Freigeist. Ich, der Steuerberater. So beschreibt Marcus seine Freundschaft zu Rico. Vier WELT-Leser haben von ihrer wichtigsten Freundschaft erzählt.






