Akos Stiller für NZZFirmen und Flüchtlinge strömen in die abgelegene Provinz im Südwesten der Ukraine. Die Veränderungen lösen in der Bevölkerung aber auch Unbehagen aus.11.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenUschhorod ist so weit weg vom Krieg, wie es ein Ort in der Ukraine nur sein kann. Die Stadt an der namengebenden Usch liegt im äussersten Südwesten des Landes, direkt an der Grenze zur Slowakei. Auch nach Ungarn dauert die Fahrt nicht mehr als eine Stunde. Der nächstgelegene Frontabschnitt jedoch ist mehr als 800 Kilometer entfernt. Dazwischen liegen die Karpaten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Uschhorod boomtZwar sieht man auch in Uschhorod ab und an Soldaten. Wie überall im Land steht auf dem Hauptplatz eine Ehrengalerie zum Andenken an die gefallenen Söhne und Töchter der Stadt. Von der Atmosphäre eines Landes im Überlebenskampf ist hier aber wenig zu spüren.Eher schon kommt in der schmucken Altstadt zwischen Jugendstilhäusern aus habsburgischer Zeit, den vielen Cafés und noch mehr Glaceständen eine sommerliche Ferienstimmung auf. Die Flaneure am lieblichen Flussufer tragen das Ihre dazu bei.Trotzdem hat der Krieg Uschhorod tiefgreifend verändert, gerade weil er so fern ist. Die Stadt ist einer der beliebtesten Zufluchtsorte der Ukraine. Dass man hier auch im fünften Jahr nach dem russischen Überfall ein weitgehend normales Leben führen kann, zieht viele an.Die Einwohnerzahl ist in den vergangenen vier Jahren von 120 000 auf 200 000 gestiegen. In der ganzen Provinz dürften mindestens 250 000 Binnenflüchtlinge leben. Auch Unternehmen ziehen hierher. 40 Prozent aller ukrainischen Firmen, die vor dem Krieg im Osten fliehen, lassen sich in Transkarpatien nieder. Die einst verschlafene Provinz boomt.Der Zuzug vieler Menschen aus dem Osten der Ukraine hat in Uschhorod eine rege Bautätigkeit ausgelöst.Mykhaylo Palinchak / GettyEhrengalerie für gefallene Soldaten in Uschhorod.Serhii Hudak / GettyUmzug mit der gesamten BelegschaftAuf einer Wiese einige Kilometer hinter der Stadtgrenze findet sich ein Beispiel dieses Booms. In den umgenutzten Lagerhallen einer Obstplantage produziert das Druckunternehmen Alba Packaging Etiketten für Getränkeflaschen.Die grossen Druckmaschinen spucken Aufkleber für Wein, Sekt und Wodka aus. Beschriftungen für alkoholische Getränke sind das Kerngeschäft der Firma. Die meisten Abnehmer sitzen in der Ukraine. Doch auch in Georgien, der Moldau und Spanien gibt es Kunden.Vor dem Krieg standen die Maschinen in Charkiw. Die Metropole im Osten ist ein Zentrum der ukrainischen Druckindustrie oder war es zumindest einmal. Auch die Inhaberin der Firma, Albina Kudrjawzewa, kommt von dort. Die Mittvierzigerin hat das Unternehmen im letzten Jahrzehnt von null aufgebaut.Albina Kudrjawzewa, UnternehmerinPD«Ich hatte schon in den Monaten vor dem russischen Überfall ein ungutes Gefühl in Charkiw», erzählt Kudrjawzewa in ihrem Büro. Sie tritt im typischen Manager-Look auf, mit Hosenanzug und schulterlangem Haar. «Nach dem 24. Februar 2022 war mir klar, dass wir wegmüssen. Mit zehn Lastwagenladungen haben wir alles in den Westen geschafft.»Natürlich sei das aufwendig gewesen. Auch jetzt sei der Betrieb teurer als zuvor. In Transkarpatien gibt es nur wenige industrielle Fachkräfte. Zusammen mit der Firma ist deshalb auch ein Grossteil der Belegschaft umgezogen. Alba Packaging kommt am neuen Standort für die Unterkunft der Angestellten und ihrer Angehörigen auf. «Sicherheit kostet Geld», sagt Kudrjawzewa dazu nüchtern.Alba Packaging war bis zum Kriegsbeginn ein Druckunternehmen in Charkiw. Nun laufen die Maschinen in einer Lagerhalle bei Uschhorod am anderen Ende des Landes.Volker Pabst / NZZAlba Packaging ist auf die Produktion von Etiketten für Getränkeflaschen spezialisiert.Volker Pabst / NZZKaum DrohnenangriffeDabei denkt die Unternehmerin auch an die Familie. Kudrjawzewa ist verheiratet und hat drei schulpflichtige Kinder. Das sei auch der Grund gewesen, warum sie sich gegen Lwiw als Standort entschieden habe. Die Millionenstadt ist das wirtschaftliche Zentrum der Westukraine.«Transkarpatien ist noch sicherer. Hier gibt es ja nicht einmal eine Ausgangssperre!» In der Ukraine darf man nachts nur mit Ausnahmebewilligung unterwegs sein. Wann die Sperre beginnt, hängt von der Gefährdungslage ab. Nur in Transkarpatien gelten gar keine Einschränkungen.Tatsächlich gibt es hier so gut wie nie Angriffe russischer Drohnen und Raketen. Kriegsrelevante Ziele gibt es kaum. Die Militärhilfe aus dem Westen wird über andere Grenzregionen ins Land gebracht. Auch die zivile Infrastruktur ist weitgehend unbeschädigt. Selbst im vergangenen äusserst harten Winter gab es mit Strom und Heizung keine Probleme.Dabei profitierte die Provinz auch von einer regionalen Besonderheit. Die meisten Wohnungen in der Ukraine werden per Fernwärme beheizt, ein Erbe der sowjetischen Industrialisierung. Ein Schaden an einem Kraftwerk betrifft oftmals gleich Tausende von Haushalten. In Transkarpatien, das lange zum Habsburgerreich und in der Zwischenkriegszeit zur Tschechoslowakei gehörte, ist das Heizungssystem dezentralisiert und dadurch viel robuster.Die Steuereinnahmen sprudelnMiroslaw Bilezki ist der Militärgouverneur von Transkarpatien. Er empfängt im Sitz der Lokalregierung, einem wuchtigen Bau aus der Zwischenkriegszeit mit dem einzigen Paternoster-Lift in der Ukraine. Bilezki kommt ins Schwärmen, wenn er von der Entwicklung seiner Provinz während der letzten Jahre spricht.Miroslaw Bilezki, Militärgouverneur von TranskarpatienNZZ«Transkarpatiens Wirtschaft ist traditionell auf Tourismus und Landwirtschaft ausgerichtet. Nun durchlaufen wir eine regelrechte Transformation», sagt der Gouverneur und nennt einige Kennzahlen. 408 Betriebe hätten sich seit Kriegsbeginn hier niedergelassen, von der Einmannfirma bis zum Grossunternehmen. Das mache sich bei den Steuereinnahmen bemerkbar.«Vor dem Krieg wurde unser Budget zu 64 Prozent mit Mitteln aus dem nationalen Haushalt bestritten. Nun sind es noch 17 Prozent. Und kommendes Jahr werden wir erstmals gar kein Geld mehr aus Kiew brauchen.» Auf Schweizer Verhältnisse übertragen, heisst das, Transkarpatien wandelt sich im nationalen Finanzausgleich von einer Nehmer- zu einer Geberregion.Sorge um IdentitätDoch nicht überall sieht man die Entwicklung der letzten Jahre so positiv wie im Gouverneurspalast. Veränderungen lösen immer auch Unbehagen aus. Verliert die Region ihre Seele? Transkarpatien hatte in der Ukraine immer eine Sonderrolle inne. Bis heute leben hier neben Ukrainern auch ethnische Ungarn, Rumänen, Roma oder Slowaken. Die kulturelle Vielfalt ist für die lokale Identität ebenso prägend wie die herrliche Natur der Karpaten mit den höchsten Gipfeln des Landes.«Die Industrialisierung unserer Region muss auf diese Besonderheiten Rücksicht nehmen», sagt Ljudmila Liwak, die sich seit Jahren für die Erhaltung des historischen Erbes von Uschhorod einsetzt. «Ich habe meine Zweifel, dass dies eine Priorität für unsere Regierung ist.» Als Beispiel nennt Liwak den geplanten Windpark auf einem Berggrat in den Karpaten, gegen den sich Widerstand regt. Bauherr ist ein Unternehmen aus dem Donbass, das mit zweitausend Angestellten nach Transkarpatien umgesiedelt ist. «Wir haben nicht viele Berge in der Ukraine. Ein solches Projekt sollte man woanders realisieren.»Fussgängerzone im Stadtzentrum von Uschhorod.Akos Stiller für NZZDas grüne Ufer der Usch, die Uschhorod ihren Namen gegeben hat, lädt auch mitten in der Stadt zum Baden ein.Akos Stiller für NZZDie höchsten Mieten der UkraineLiwak kritisiert Begleiterscheinungen des Zustroms nach Transkarpatien, nicht die Binnenflüchtlinge an sich. Diese hätten natürlich das Recht, sich vor dem Krieg in Sicherheit zu bringen, sagt sie. Bei anderen verschwimmt diese Unterscheidung jedoch. Laut Umfragen haben 40 Prozent der lokalen Bevölkerung ein negatives Bild von den Zuzügern.Beim weitverbreiteten Klagen über die hohen Mieten etwa schwingt meist ein Vorwurf an die Zugezogenen mit. Wegen der grossen Nachfrage haben sich die Quadratmeterpreise in Uschhorod seit 2022 verdoppelt. Mittlerweile ist Wohnraum in der Ukraine nirgends teurer als in der kleinen Provinzstadt an der Usch.Auch die Sprachsituation gibt zu reden. Minderheitenvertreter befürchten durch den Zuzug vieler Menschen aus der Ostukraine eine weitere Marginalisierung. Gleichzeitig betonen russischsprachige Binnenflüchtlinge die Toleranz im traditionell multiethnischen Transkarpatien.In der Öffentlichkeit Russisch zu sprechen, löse hier weniger Empörung aus als in den Hochburgen des ukrainischen Nationalismus wie Lwiw oder Iwano-Frankiwsk, erzählt ein Mann aus Dnipro, der seit einem Jahr in Uschhorod lebt. Trotzdem spreche er es eigentlich nur noch mit seiner Frau.Theater im Exil«Sich an einem neuen Ort einzuleben, bedeutet nicht, sich unsichtbar zu machen», sagt Hennadi Dibowski. Der Theatermann mit einem grossen Ring im Ohr leitet das «Theater ohne Dach». Das Ensemble heisst nicht ohne Grund so. Vor dem Krieg waren seine Schauspieler in Mariupol tätig, an jenem Haus, das in den ersten Kriegswochen traurige Berühmtheit erlangte.Familien mit Kindern hatten im Keller des dramaturgischen Theaters der Hafenstadt Schutz vor den Kämpfen gesucht. Obwohl auf dem Vorplatz in grossen Buchstaben das Wort «Kinder» geschrieben war, bombardierten die Russen das Gebäude. Hunderte von Menschen wurden getötet. Die Bilder des zerstörten Theaters gingen um die Welt. «Die Tragödie von Mariupol wird immer ein Teil von uns sein», sagt Dibowski.Hennadi Dibowski, TheaterleiterNZZIm Repertoire des Ensembles ist der Krieg präsent. Die Schauspieler zeigen an diesem Abend die ukrainische Adaption des Klassikers «Vom Winde verweht». Wie im amerikanischen Original geht es um Krieg, Liebe und den Untergang einer Lebenswelt. Den Hintergrund bildet jedoch nicht der amerikanische Bürgerkrieg, sondern Russlands Überfall auf die Ukraine. Aufgeführt wird das Stück in einem Kulturpalast mit grauen Betonwänden und Türen aus Pressspan. Die Bühnenmiete sei hier einigermassen erschwinglich, sagt der Theaterleiter.Der Saal ist bis fast auf den letzten Platz gefüllt. Die meisten Zuschauer sind wie die Schauspieler aus dem Osten geflohen. Man kennt sich. Hände werden geschüttelt, Blumen überreicht. Die Stimmung ist gelöst. «Wir wollen die geflohenen Menschen zusammenbringen und ihnen eine Stimme geben. Ich glaube, das ist heute gelungen», sagt Dibowski sichtlich zufrieden. Aber zum Abschied sagte er: «Ich wünsche mir sehr, eines Tages in die Heimat zurückkehren zu können.»Sicherheit ist nur ein relativer BegriffDanach sieht es nicht aus, trotz all den Berichten über ein verändertes Kräfteverhältnis an der Front. Die russischen Soldaten rücken zwar nur noch langsam vor, und mancherorts ist der Vorstoss ganz zum Stillstand gekommen. Zur Rückeroberung grosser Gebiete ist die Ukraine vorerst aber nicht in der Lage.Stattdessen kann der Krieg jederzeit auch bis ins friedliche Transkarpatien vordringen. Zwei Tage nach dem Theaterstück über den Krieg im Osten der Ukraine erklingt auch in Uschhorod plötzlich Luftalarm. Erst zum zweiten Mal überhaupt greifen russische Drohnen Ziele in der Provinz an.Ungläubig schauen die Menschen auf ihre Smartphones, als sie sich in Sicherheit bringen. Ist es ein Fehlalarm? Oder ist das eine Reaktion auf die Wahlen in Ungarn? Schon lange gibt es Gerüchte, dass Transkarpatien auch deshalb verschont werde, weil Viktor Orban wegen der ungarischen Minderheit Wladimir Putin darum gebeten habe. Doch nun wurde Orban ja abgewählt.Die Spekulationen bleiben unbeantwortet. Nur eines ist nach dem Angriff klar: Im Krieg ist Sicherheit auch am sichersten Ort der Ukraine nur ein relativer Begriff.Transkarpatien hat mit seiner multiethnischen Bevölkerung und der vielschichtigen Geschichte innerhalb der Ukraine eine Sonderstellung.Akos Stiller für NZZPassend zum Artikel
Krieg in der Ukraine: So boomt Transkarpatien im Südwesten
Firmen und Flüchtlinge strömen in die abgelegene Provinz im Südwesten der Ukraine. Die Veränderungen lösen in der Bevölkerung aber auch Unbehagen aus.








