VerlagsserieMit Poesie gegen die Spaltung: US-Lyrikerin Amanda Gorman kommt ans Lucerne FestivalDie junge Poetin Amanda Gorman ist mit ihrem unerschütterlichen Glauben an eine bessere Zukunft zu einer modernen Verkörperung des «American Dream» geworden.Corina Kolbe11.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie amerikanische Lyrikerin Amanda Gorman führt am 11. September gemeinsam mit dem Cellisten Jan Vogler durch einen «Evening of Poetry and Bach». pdKELIA ANNE«Ein neuer Tag, und wir fragen uns, wo wir Licht finden sollen im nicht enden wollenden Schatten.» Mit klarer, fester Stimme spricht Amanda Gorman ins Mikrofon, ihre kraftvollen Worte begleitet sie mit rhythmischen Handbewegungen. In ihrem Gedicht «The Hill We Climb» entwirft sie eine hoffnungsvolle Zukunftsvision für Amerika, einen Traum von einem geeinten Land, in dem Menschen, gleich welcher Herkunft, in Frieden miteinander leben können. Als Gorman im Januar 2021 bei der Amtseinführung von Joe Biden auftrat, schaute plötzlich die ganze Welt auf sie. Die Harvard-Absolventin, damals erst 22 Jahre alt, ist bis anhin die jüngste unter den «inaugural poets», die seit John F. Kennedy zur feierlichen Vereidigung demokratischer Präsidenten eingeladen worden sind. Als Nachfahrin von Sklavinnen und Tochter einer alleinerziehenden Mutter könne sie heute in den USA davon träumen, eines Tages selbst Präsidentin zu werden, betont die in Los Angeles aufgewachsene Afroamerikanerin in ihrem Gedicht. Doch die Nation sei noch «unvollendet». Statt sich zu bekämpfen, müssten die Menschen Gräben schliessen und einander die Hände reichen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nach dem Sturm aufs KapitolWie weit Traum und Realität auseinanderklaffen, wurde Gorman jäh bewusst, als Anhänger von Bidens Vorgänger – und späterem Nachfolger – Donald Trump wenige Wochen vor der Inaugurationszeremonie das Kapitol stürmten. Unter dem Eindruck des schockierenden Wütens eines entfesselten Mobs vollendete sie das Gedicht, das sie dann vor Biden und der Weltöffentlichkeit vortrug. Erst am Tag der Kapitol-Erstürmung sei es wirklich zum Leben erweckt worden, sagte sie. «Wir haben Kräfte erlebt, die unsere Nation lieber spalten als gemeinsam tragen wollen. Unser Land zertrümmern, um den Lauf der Demokratie zu bremsen», heisst es in einer Passage, die als unverhohlene Anspielung auf die Ereignisse des 6. Januar zu verstehen ist. «Fast wären sie damit durchgekommen. Aber die Demokratie mag sich zeitweise hemmen lassen, doch nie für alle Zeit verhindern.»«Poesie ist politisch, weil sie sich mit Menschen beschäftigt»Der unerschütterliche Glaube an eine bessere Zukunft, der aus diesen Zeilen hervorscheint, hat Gorman weit über ihre Heimat hinaus zu einer Symbolfigur werden lassen. In einem gemeinsamen Projekt mit dem Cellisten Jan Vogler wird sie nun am Lucerne Festival zu Suiten von Johann Sebastian Bach mehrere ihrer Gedichte rezitieren. Ihr Auftritt in Luzern findet am 25. Jahrestag der verheerenden Terroranschläge vom 11. September 2001 statt. Die Bilder des einstürzenden World Trade Center in New York haben sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Dass alle geeint zusammenstehen müssen, um die Wunden allmählich heilen zu lassen, hat die Poetin in ihrem Werk eindrücklich auf den Punkt gebracht.Im Februar 2024 waren die beiden Künstler in der Carnegie Hall erstmals zusammen auf der Bühne zu erleben. «Wir bringen etwas aus der Vergangenheit in eine moderne, zeitgenössische Atmosphäre. Und wir tun es mit Gedichten, die ich noch nie mit Musik aufgeführt habe», sagte Gorman damals im Interview. Das Cello gehöre zu ihren Lieblingsinstrumenten, sie geniesse es, zu seinem Klang zu schreiben. Und Vogler erklärte: «In der Poesie gibt es das, was zwischen den Worten liegt, und in der Musik ist es dasselbe – zwischen den Noten liegt die eigentliche Botschaft. In den ganzen Bach-Suiten geht es um Menschlichkeit, um Gefühle, um Tiefs und Höhen.» Der Musiker, der mit seiner Familie seit vielen Jahren in New York lebt, bringt vor allem die Suite Nr. 5 mit dem Gedenken an die Opfer des 11. September in Verbindung: «In dieser Suite stecken viele mystische Klangfarben und auch tiefe Trauer.» Sein Kollege Yo-Yo Ma hatte den Sarabande-Satz am ersten Jahrestag der Anschläge gespielt, während am Ground Zero die Namen der Toten verlesen wurden.Gorman gesteht, in Bachs Werk «eine grosse Demut und Zärtlichkeit» zu spüren. Ihre Rezitation wird im Konzert vom Cello grundiert, die Stimme ist aber stellenweise auch a cappella zu hören, bevor sie sich wieder mit der Musik verschränkt. Die an Alliterationen reiche Lyrik entfaltet ihre Wirkung auf das Publikum in erster Linie auf der Bühne, weniger bei der blossen Lektüre. Der rhythmisch akzentuierte Vortrag der Verse erinnert an Rap, Gospel und Blues, aber auch an «Spoken Word», ein performatives Genre, dessen Vorreiter Poeten der Beat Generation wie William S. Burroughs oder Allen Ginsberg waren. Ein musikalisches Schlüsselerlebnis bescherte ihr einst ein Lied aus Lin-Manuel Mirandas preisgekröntem Broadway-Musical «Hamilton», das ihr half, eine Sprachstörung zu überwinden – seitdem kann sie den Buchstaben «r» richtig aussprechen.Poesie als ResonanzraumIn ihren Gedichten ruft Gorman zu Gewaltfreiheit, zu Inklusion und Diversität auf. «Poesie ist politisch, weil sie sich mit Menschen beschäftigt», sagt sie. «Wenn man sich die Geschichte anschaut, fällt auf, dass Tyrannen oftmals zuerst die Dichter und Kreativen ins Visier nehmen. Sie verbrennen Bücher. Sie versuchen, die Poesie und die Sprachkunst auszulöschen.» Komiker geraten bekanntlich besonders schnell in die Schusslinie. Dies bekam auch der prominente Satiriker und Moderator Stephen Colbert zu spüren, in dessen populärer «Late Show» Gorman und Vogler einmal zu Gast waren. Die Sendung ist inzwischen eingestellt, angeblich aus rein finanziellen Gründen. Über politische Motive wird allerdings nicht nur hinter vorgehaltener Hand spekuliert: Trump überzog Colbert regelmässig mit Hasstiraden und freute sich über das Ende der Show.Die Gegner des Präsidenten in den USA verstummen indes nicht, doch im klassischen Musikbetrieb lehnt man sich offenbar nicht allzu weit aus dem Fenster. «In der Klassik eine kontroverse Diskussion zu Trump zu führen, ist schwierig», bekannte Vogler erst kürzlich, als er nach der Meinungsvielfalt in seiner Wahlheimat gefragt wurde. Bei den gemeinsamen Auftritten mit Gorman weicht er jedenfalls einer möglichen Kontroverse nicht aus – Musik und Poesie eröffnen hier einen grossen Resonanzraum, den ein jeder Zuhörer mit seinen eigenen Gedanken füllen kann.Passend zum Artikel
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