Die Hauptverkehrsachse des Westjordanlands zählt zu den wenigen Orten, die Israeli und Palästinenser noch teilen. Fünf Begegnungen entlang der Strasse zeigen, dass die beiden Völker sich immer weiter von einem Frieden entfernen.Die Strasse trägt einen martialischen Namen: «Highway des Blutes». Sie fängt in der israelischen Stadt Nazareth an und hört in Israel, in der Wüste Negev, auf. Dazwischen quert sie, von Nord nach Süd, einen der am härtesten umkämpften Flecken Erde der Welt – das Westjordanland.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Stück Land, rund 80 Kilometer breit und 170 Kilometer lang, das zwei Völker bewohnen, beackern und um das sie erbittert kämpfen. Hier existieren zwei Welten nebeneinander, die kaum je aufeinandertreffen: Einmal die Welt der rund 500 000 jüdischen Siedler – und jene der 3 Millionen Palästinenser.Die Route 60, so lautet der administrative Name der blutigen Strasse, ist die grosse Ausnahme. Die Hauptverkehrsachse des Westjordanlands ist eine der letzten Strassen in dem israelisch besetzten Gebiet, die von Palästinensern und Israeli befahren wird. Doch wer die Menschen entlang dieser Route trifft, merkt: Hoffnung machen ihre Geschichten nicht. Die Nähe führt nicht zu mehr Verständnis, sondern nährt oft nur den Hass.Der KaufmannGanz im Norden des Westjordanlandes, kurz nachdem sich die Route 60 durch diese umkämpften Hügel zu schlängeln beginnt, liegt eine Stadt, Kabatiya, in der sich die Bewohner an etwas gewöhnt haben, das sonst Unruhe auslöst: ein Klopfen an der Tür mitten in der Nacht.Bei Mohammed Kamil etwa klopfte es vor ein paar Monaten, 23 Uhr 30 war es, er erinnert sich noch genau. Er wusste auch sofort, wer so spät klopfte. Die «Gäste» nennt er die israelischen Soldaten nun scherzend, hätten ihm und seiner Familie befohlen, das Haus sofort zu verlassen.Mohammed Kamil steht vor seinem Haus in Kabatiya – vor wenigen Monaten klopften israelische Soldaten an die Tür und zwangen ihn und seine Familie, das Haus zu verlassen.Der Gemüsemarkt in Kabatiya ist einer der grössten im Westjordanland. Doch wegen der vielen Checkpoints und Strassensperren auf der Route 60 wird der Handel für Palästinenser immer schwieriger.«Ich fragte sie, wo wir hingehen sollen», erinnert er sich. Ein israelischer Soldat habe ihm auf Arabisch geantwortet, dass er zur Hölle fahren solle. «Ich erwiderte, dass ich leider den Weg dorthin nicht kenne.» Kamil grinst, kurz nur, und erzählt dann sofort in ernstem Tonfall weiter.Einen Grund für die Razzia hätten die Soldaten nicht genannt. Überrascht hat Mohammed Kamil das nicht. Die Palästinenser haben sich daran gewöhnt, dass die Beweggründe des israelischen Militärs für sie meist im Dunkeln bleiben.Als Kamil sich am nächsten Morgen vorsichtig seinem Haus näherte, waren die Israeli fort. Aber im Haus fand Kamil, so erzählt er, junge Männer vor, deren Hände auf den Rücken gebunden waren. Die Israeli hätten sie in seinem Haus verhört und dann zurückgelassen. «Mein Haus wurde zu einer Militärbasis», sagt Kamil und zeigt Fotos von umgeworfenen Möbeln und hebräischen Schmierereien an der Wand: Spuren der Soldaten und der Willkür, der viele Palästinenser in dem besetzten Gebiet ausgesetzt sind.Seit dem 7. Oktober 2023 sind die israelischen Militäreinsätze, Ausgangssperren und Hausdurchsuchungen, wie Kamil sie beschreibt, häufiger geworden. Für Mohammed Kamil und die rund 30 000 Einwohner von Kabatiya ist das ein Unrecht. Aus Sicht der israelischen Armee sind das notwendige Sicherheitsoperationen, um palästinensischen Terrorismus auszumerzen.Die Militäreinsätze treffen die Wirtschaft hartBei ihren Einsätzen riegeln israelische Soldaten regelmässig die gesamte Stadt ab. Niemand kommt dann aus Kabatiya hinaus oder hinein. Für die lokale Wirtschaft sei das eine Katastrophe, sagt Mohammed Kamil. Der 38-Jährige ist der Chef der Handelskammer im Gouvernement Jenin, zu dem auch Kabatiya gehört. Ausserdem ist er selbst Kaufmann und handelt in einem grossen Laden in der Stadt mit Kleidung und Kosmetika.In Kabatiya befindet sich einer der grössten palästinensischen Obst- und Gemüsemärkte – von hier aus werden die Waren bis nach Hebron im Süden gebracht. Transportiert werden sie über die Route 60. Doch wenn die israelischen Soldaten anrücken, ist die Strasse für Palästinenser nicht zugänglich.Wenn der Markt in Kabatiya geschlossen bleibe, betreffe das nicht nur die Händler, sondern auch die Bauern, die ihre Ernte nicht mehr verkaufen könnten. «Bei einer Abriegelung belaufen sich die Einbussen auf rund 7 Millionen Schekel am Tag», sagt Mohammed Kamil. Umgerechnet sind das ungefähr 1,7 Millionen Franken.Israel festigt seine Kontrolle über das Westjordanland: ein Wachturm, eine Metallschranke sowie eine Überwachungskamera auf der Route 60 in der Nähe der Siedlung Shavei Shomron im nördlichen Westjordanland.Links: Mohammed Kamil zeichnet ein düsteres Bild von der palästinensischen Ökonomie. Rechts: Ein Monument des Felsendoms am Ortseingang von Kabatiya wurde bei einem der Militäreinsätze von israelischen Soldaten zerstört. Der islamische Sakralbau symbolisiert für viele Palästinenser die Rückkehr nach Jerusalem.Viele von Kamils Nachbarn sind bereits ausgewandert. Nach Spanien, England oder Kanada. Sie hätten keine Zukunft mehr gesehen, erzählt Kamil. Er wolle jedoch bleiben. «Das ist unser Land, unsere Heimat.»Kamil gibt das auch seinen Kindern auf den Weg: «Sie sollen nicht darüber nachdenken, dieses Land zu verlassen.» Doch jüngst habe seine zwölfjährige Tochter ihn beim Mittagessen gefragt, wann endlich die Zeit gekommen sei, um zu verreisen und nie wieder zurückzukommen. Der Mann mit den dunklen Ringen um die Augen redet auf einmal langsamer, sucht nach Worten. Als die Sprache auf seine Familie kommt, wirkt Mohammed Kamil zum ersten Mal wie ein Mann mit Zweifeln, der vielleicht nicht stark genug ist, seinen Prinzipien treu zu bleiben.Der HausherrSiebzig Kilometer südlich von Kabatiya blickt von einer Terrasse seines Hauses, auf einem Hügel hoch über der Route 60 gelegen, ein 72-jähriger Mann auf die umliegenden palästinensischen Dörfer wie von einem Thron hinunter. Yossi Maimon blinzelt in die Morgensonne und spricht leise: «Gott hat uns Juden dieses Land gegeben.»Bis zu Maimons Terrasse in der Siedlung Maale Levona dringen die Geräusche der vorbeifahrenden Autos auf der Schnellstrasse nur als gedämpftes Rauschen, das Zwitschern der Vögel übertönt den Verkehrslärm. «Wenn du eine Erklärung dafür brauchst, warum wir hier sind, dann öffne die Bibel und lies», sagt der Mann mit dem dichten Schnurrbart und der blauen Kippa. «Alle Nichtjuden, die hier leben, sollten sich als Gäste verstehen. Als Gast solltest du fühlen, wer der Hausherr ist – und den Hausherrn respektieren.»Yossi Maimon auf seiner Terrasse in Maale Levona: Der 72-Jährige hat die jüdische Siedlung im nördlichen Westjordanland 1984 mitgegründet.Wohnhäuser für Studenten in einer sogenannten Mechina in Maale Levona: In der Akademie werden Jugendliche auf den israelischen Militärdienst vorbereitet.Selbsterklärter Hausherr ist Maimon seit bald fünfzig Jahren. Und eigentlich auch ein Kriegsgewinnler. 1967 hatte Israel im Sechstagekrieg das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland besetzt. Auf die Soldaten folgten die ersten Siedler, die das Gebiet besiedeln wollten, auf dem ein Grossteil der biblischen Geschichte spielte. Maimon war einer von ihnen.Bis 1984 war Maale Levona eine israelische Militärbasis. Dann zogen die Soldaten ab, und die Regierung erlaubte es vier Familien, in die verlassenen Baracken einzuziehen. So erzählt es Maimon. Er lebte damals in der nahen Siedlung Shilo mit seiner Frau, als «Pionier» machte er sich auf den Weg in eine der Baracken. Einige Jahre später baute er das Haus, in dem er heute immer noch wohnt. Heute leben über hundert Familien in der Ortschaft. So wie alle Siedlungen im Westjordanland gilt Maale Levona völkerrechtlich als illegal.Früher seien die Zeiten friedlicher gewesen, erinnert sich Maimon. Und mit friedlich meint er gemeinschaftlicher. Der Israeli erzählt davon, wie er in den Gründungsjahren von Maale Levona palästinensische Busse benutzte, in palästinensischen Städten einkaufte und Palästinenser in sein Haus einlud. Maimon spricht Arabisch, seine Eltern waren Juden aus Tunesien. So konnte er sich mit seinen Nachbarn verständigen. Doch schon nach einem Jahr habe sich alles geändert.«1985 beging Israel einen schrecklichen Fehler», sagt Maimon. «Wir liessen 1150 Terroristen für drei israelische Soldaten frei.» Der Pensionär bezieht sich auf das Jibril-Abkommen, als sich Israels damaliger Ministerpräsident Shimon Peres auf einen Gefangenenaustausch mit der militanten Palästinenserorganisation PFLP einliess. «Von da an wurden unsere freundlich gesinnten Nachbarn dazu gezwungen, unsere Feinde zu werden.»Maimon ist der Ansicht, dass die grosse Mehrheit der Palästinenser kein Problem mit den Israeli habe. Doch die wenigen «Terroristen» hätten die Mehrheitsgesellschaft als Geiseln genommen und diktierten ihr Feindseligkeit gegenüber Juden.Die Siedlung Maale Levona im nördlichen Westjordanland: Heute leben rund tausend Israeli in der Ortschaft.Links: Ein Foto im Haus von Yossi Maimon zeigt einen jüdischen Tempel in Jerusalem. Radikale Siedler fordern schon lange die Errichtung des dritten Tempels auf dem Tempelberg – an der Stelle der Al-Aksa-Moschee. Rechts: Maimon ist ein Siedler aus religiöser Überzeugung: «Gott hat uns Juden dieses Land gegeben.»Frieden könne es nur durch Stärke und Kompromisslosigkeit geben – so die Auffassung Maimons. Unter radikalen Siedlern herrschte dieses Denken schon lange vor. Der Gazastreifen unter Kontrolle der Hamas war für viele Israeli schon lange das Land der Feinde, mit denen Verhandlungen zwecklos sind. Aber nach den Greueltaten der Terrorgruppe am 7. Oktober denken viele ähnlich über die Palästinenser im Westjordanland – auch weil hier 84 Israeli seit Beginn des Gaza-Kriegs bei Terrorattacken getötet wurden. Im gleichen Zeitraum verloren laut der Uno in dem besetzten Gebiet über 1100 Palästinenser durch Angriffe von Soldaten oder Siedlern ihr Leben.Heute spricht sich Maimon für eine besonders harte Linie aus: Es dürften die Palästinenser bleiben, die sich «gut verhalten», ihren Status als «Gäste» akzeptieren und sich dementsprechend benehmen. Alle anderen solle Israel entweder töten oder in die arabischen Nachbarstaaten ausschaffen.Die zerrissene KleinstadtUnten im Tal, nur drei Kilometer südlich von Yossi Maimons Thron, liegt die palästinensische Stadt Sinjil. Hier lässt sich erahnen, was die Unterscheidung zwischen «Hausherren» und «Gästen» in der Praxis bedeutet. Seit dem vergangenen Jahr ist Sinjil vom Rest des Westjordanlands weitgehend abgeschnitten.Palästinensische Frauen auf einem Gemüsefeld in Sinjil – unmittelbar an dem Zaun, der die Stadt vom Rest des Westjordanlands weitgehend abschneidet. Hinter ihnen verläuft die Route 60.Längst ist im Westjordanland ein Durcheinander von Strassen entstanden: Manche Routen dürfen nur von Autos mit israelischem Nummernschild befahren werden, Palästinenser müssen dann Umgehungsstrassen benutzen. Im Video: eine Unterführung unter der Route 60 in der Nähe der palästinensischen Stadt Silwad.Die Kinder von Mohammed Awshra spielen in einem Lieferwagen. Das Haus der Familie liegt zwar in Sinjil, doch der Zaun schneidet sie vom Rest der Kleinstadt ab.Im Sommer 2025 hat die israelische Armee einen rund fünf Meter hohen Zaun um die gesamte Ortschaft gezogen. Nun führt nur noch eine kleine Zufahrtsstrasse von der Route 60 nach Sinjil. Darauf befindet sich jedoch eine gelbe Schranke, die Israels Armee nach Belieben schliessen kann. «Das passiert regelmässig», sagt Sinjils Bürgermeister Motaz Tatshera. «Sobald sie die Schranke schliessen, wird Sinjil ein grosses Gefängnis.»Wenn seine Stadt lange abgesperrt bleibe, werde manchmal das Brot in der Ortschaft knapp, sagt Tatshera. Viele Bewohner könnten zudem ihrer Arbeit nicht nachgehen: Über 200 Familien in Sinjil lebten vom Olivenanbau. Doch ihre Haine befänden sich auf der anderen Seite des Zauns.Laut dem israelischen Militär wurde der Zaun errichtet, um die Route 60 vor Attacken militanter Palästinenser zu schützen. Doch der Bürgermeister bestreitet, dass von seiner Stadt eine Gefahr ausgehe: «Hier gibt es keine Hamas.» Einen jüdischen Staat wollen viele in Sinjil allerdings nicht anerkennen. Vor dem Büro des Bürgermeisters prangt an einer Wand eine grosse Karte, die das gesamte ehemalige Mandatsgebiet Palästina zeigt – Israel existiert darauf nicht.Motaz Tatshera kann nichts gegen den Zaun ausrichten, der ihn und seine Bürger zu Gefangenen in ihren eigenen Häusern macht. Hilflos blickt er auf die Schnellstrasse hinter dem Zaun, wo jetzt israelische Flaggen im Wind flattern – so wie entlang der gesamten Route 60 im Westjordanland.«Sie haben mich gebrochen»Besonders hart hat es Mohammed Awshra getroffen. Der 35-Jährige lebt mit seiner Familie auf der anderen Seite der Route 60. Offiziell gehört das Anwesen der Familie zu Sinjil. Doch seitdem der Zaun gebaut wurde, sind sie auf sich allein gestellt. «Unser Leben ist furchtbar», sagt der Mann mit den gegelten Haaren und dem schwarzen Trainingsanzug.Awshra importiert Wasserpfeifen und elektronische Zigaretten, er verkauft seine Ware im gesamten Westjordanland. Jeden Tag war er rund 200 Kilometer auf der Route 60 unterwegs. «Doch seitdem der Zaun gebaut wurde, habe ich 50 bis 60 Prozent meines Umsatzes verloren.» Das Warenlager des Mannes befindet sich im Dorf – auf der anderen Seite der Schnellstrasse. «Wenn die Schranke geschlossen ist, kann ich manchmal mehrere Tage nicht arbeiten.» Und seine zwei kleinen Kinder könnten oft nicht in die Schule in Sinjil gehen. Die Stadt, eigentlich nur wenige hundert Meter entfernt, ist jetzt an vielen Tagen für Awshras Familie unerreichbar.Mohammed Awshra ist auf sich allein gestellt, seitdem der Zaun sein Haus von Sinjil trennt. Zwischen dem Familienheim des 35-Jährigen und dem Dorf verläuft die Route 60, an der überall israelische Flaggen flattern.Links: Mohammed Awshra würde das Westjordanland sofort verlassen, wenn er die Möglichkeit hätte. Rechts: Ein Bagger in der Nähe der Route 60: Die Hauptverkehrsader des Westjordanlands wird ausgebaut und erhält zusätzliche Spuren.Wenn man Awshra fragt, was er über die Zukunft denkt, lacht er bitter. «Hier gibt es keine Zukunft für mich und meine Kinder.» Im Gegensatz zu Mohammed Kamil aus dem nördlichen Kabatiya zweifelt Awshra schon lange nicht mehr. Er hat aufgegeben. Wenn der junge Familienvater die Möglichkeit hätte, würde er das Westjordanland verlassen – die israelische Besetzung sei nicht mehr zu ertragen: «Sie haben mich gebrochen.»Die neue GenerationSüdlich von Sinjil führt die Route 60 in Richtung Jerusalem, durchquert plötzlich während ein paar Kilometern Israel, bevor sie wieder ins Westjordanland zurückkehrt. Es ist ein Abschnitt, der am deutlichsten zeigt, wie die Strasse immer öfter trennt statt verbindet. Denn dieser Abschnitt ist für Palästinenser nicht zu befahren. Israeli werden hingegen bei den Checkpoints ausserhalb von Israels Hauptstadt durchgewinkt. Für Autofahrer mit israelischem Kennzeichen existiert zwischen Jerusalem und den nahen jüdischen Siedlungen im Westjordanland de facto keine Grenze.Das ist ein Grund, warum Yair Cohen seinen kleinen Laden für selbst gebrautes Bier im vergangenen Jahr in Kfar Etzion eröffnet hat. In der israelischen Siedlung im Westjordanland gibt es noch Platz, und Cohen bezahlt weniger Miete als in Jerusalem, wo der 29-jährige Israeli lebt. «Es ist sowieso nur eine halbe Stunde Fahrt von meiner Wohnung zum Geschäft.»Seit einigen Monaten schenkt Cohen in Kfar Etzion sein Bier auch aus: Pilsner, Helles und IPA der Marke «Ziona». Cohen hat seine Bar allerdings nicht nur aus praktischen Gründen auf israelisch besetztem Gebiet eröffnet. Es freue ihn, wenn er seine Sicht auf die Lage im Westjordanland mit Durchreisenden teilen kann, erzählt er: «Dieser Ort an der Route 60 ist einer, den Menschen besuchen, die Fragen haben – und ich beantworte sie gerne.» Einfache Antworten auf die Frage nach einem gelungenen Zusammenleben von Israeli und Palästinensern hat er allerdings nicht.Yair Cohen verortet sich selbst im politischen Zentrum Israels. Das Westjordanland sieht er wie selbstverständlich als Teil des jüdischen Staates an.Sticker am Fenster eines Restaurants in der israelischen Siedlung Kfar Etzion erinnern an Soldaten, die nach dem 7. Oktober 2023 im Kampf gefallen sind.Yair Cohen sieht nicht so aus, wie man sich einen jüdischen Siedler aus dem Westjordanland vorstellt. Er trägt Vollbart, hat eine Schiebermütze auf dem Kopf und spricht amerikanisches Englisch. In seinem Laden, der genauso gut in einem hippen Viertel Tel Avivs stehen könnte, spricht er über den Hopfengehalt seines Schwarzbieres – und die Geschichte seiner Familie.Cohens Eltern wanderten 1988 aus den USA in die Siedlung Efrat in der Nähe von Jerusalem aus. Acht Jahre später kam er dort auf die Welt. Das macht den Bierbrauer zu einem neuen Typ Siedler. Cohen ist Teil einer Generation, die nicht wie Yossi Maimon jahrelang in einer Militärbaracke leben und mühsam ein Dorf aufbauen musste. Er wurde in Efrat geboren und sieht wie viele Siedler in seinem Alter die jüdische Kleinstadt auf dem palästinensischen Gebiet selbstverständlich als Teil Israels.Efrat ist mit über 10 000 Einwohnern eine der grössten jüdischen Siedlungen im Westjordanland und Heimat vieler jüdischer Einwanderer aus den USA.Das Westjordanland ist von Israel durch eine Mauer getrennt. Im Bild: Ein Graffito in der Nähe des Kalandia-Checkpoints zeigt die palästinensischen Anführer Marwan Barghouti (links) und Yasir Arafat (rechts).Kein Frieden möglichPolitisch verortet Cohen sich selbst im Zentrum. So findet er es zwar wichtig, dass Juden das Westjordanland besiedeln – eine «rechte» Position. Doch er verurteilt im gleichen Atemzug die Gewalt radikaler Siedler – ein Thema, das israelische Linke immer wieder in den Vordergrund rücken.Auch beobachtet Cohen es mit Sorge, wie einige Palästinenser seit dem 7. Oktober im besetzten Gebiet behandelt werden. Vor dem Massaker der Hamas arbeiteten viele Palästinenser in den jüdischen Siedlungen. Als billige Arbeitskräfte errichteten sie Häuser für die Israeli. Doch damit ist jetzt vielerorts Schluss, weil die Siedler den palästinensischen Arbeitern misstrauen. «Wenn wir den Palästinensern keine Arbeit mehr geben, werden sie hungern», sagt Cohen. «Und hungrige Menschen wenden sich radikalen Ideen zu.»Yair Cohen glaubt, eine simple Lösung für dieses Problem zu haben: Die palästinensischen Arbeiter sollen weiterkommen, allerdings genau überprüft werden. «Jede Baustelle muss von einer bewaffneten Person bewacht werden», sagt Cohen. «Und sie dürfen nur in eingezäunten Bereichen arbeiten.» Das klingt, als würden arabische Arbeiter wie Häftlinge beschäftigt, aber Cohen sieht darin kein Problem, sondern einen guten Kompromiss. So könne das Bedürfnis der Siedler nach Sicherheit und das Bedürfnis der Palästinenser nach Arbeitsplätzen gestillt werden: «So sind alle glücklich.»Yair Cohen zapft eines seiner selbst gebrauten Biere – als überzeugter Zionist hat er seine Marke «Ziona» genannt.Strassenschilder auf der Route 60 weisen auf Abzweigungen in Richtung des A-Gebiets des Westjordanlands hin. Diese Territorien werden vollständig von der Palästinensischen Autonomiebehörde kontrolliert, Israeli dürfen sie offiziell nicht betreten.Wie die meisten Israeli hat sich Yair Cohen allerdings längst von der Hoffnung verabschiedet, dass der Konflikt zwischen Israeli und Palästinensern jemals politisch gelöst werden kann. Im Grunde vertritt er eine Position, die heutzutage Mehrheitsmeinung in Israel ist: Der Konflikt brodelt weiter und muss halbwegs gut bewältigt werden – mehr kann man nicht erwarten.Zwar glaubt Cohen, dass Israel nach den vielen Kriegen in der Region auf einige friedliche Jahre zusteuere. «Aber am Ende dieser Jahre wird die Situation wieder explodieren.»Der Bürgermeister ohne DorfAm südlichsten Zipfel der Route 60 zeigt sich, was Cohen fürchtet. Wenige Kilometer bevor die Schnellstrasse wieder aus dem besetzten Gebiet hinaus nach Israel führt, stapft Faiz Khderat durch Khirbet Zanuta – oder vielmehr durch das, was davon übrig geblieben ist. Das kleine Beduinendorf liegt in Ruinen.Faiz Khderat in den Ruinen seines Beduinendorfes Khirbet Zanuta. Vor Israels Oberstem Gericht kämpft der Bürgermeister für die Rückkehr ins zerstörte Dorf – doch die Siedler aus den umliegenden Aussenposten wehren sich mit Gewalt dagegen.Ein Esel im Besitz der Khderats. Die Familie lebt seit der Zerstörung von Khirbet Zanuta in einem palästinensischen Dorf in der Nähe.Wenige Wochen nach dem 7. Oktober 2023 sei es losgegangen, erzählt Khderat. «Sie kamen mit Waffen, begleitet von Soldaten, und haben Steine auf die Bewohner und ihre Häuser geworfen.» Sie, das sind die militanten Siedler aus dem nahen jüdischen Aussenposten.Die bewaffneten Israeli kamen laut Khderat immer wieder, zerstörten die Solaranlagen, brachen in Häuser ein und feuerten ihre Gewehre im Dorf ab. Schliesslich waren sie erfolgreich: Die rund 35 Beduinenfamilien aus Khirbet Zanuta flohen und verteilten sich auf die palästinensischen Dörfer in der Gegend. Sobald die Bewohner weg waren, zerstörten die Siedler laut dem Bürgermeister systematisch alle Häuser. «Wir haben hier seit vier Generationen gelebt», sagt Faiz Khderat. «Ich bin hier geboren, mein Vater ist hier gestorben – jetzt ist alles weg.» Der 47-Jährige ist der Bürgermeister eines Dorfes, das nicht mehr existiert.Es gilt das Recht des StärkerenIn den kargen Hügeln im südlichen Westjordanland leben besonders radikale Siedler. Auf fast jeder der vielen Erhebungen sind ihre Wohncontainer und israelische Flaggen zu sehen. Die meisten dieser Aussenposten sind selbst nach israelischem Recht illegal.Doch Faiz Khderat und die Menschen aus Khirbet Zanuta mussten lernen, dass in manchen Teilen des Westjordanlands das Gesetz kaum eine Rolle spielt. «Nachdem wir vertrieben worden waren, klagten wir vor dem Obersten Gericht in Israel», erzählt der Bürgermeister.Im Juli 2024 gaben Israels oberste Richter den Beduinen aus Khirbet Zanuta tatsächlich recht. Sie wiesen die Sicherheitsbehörden an, den Bewohnern die Rückkehr in ihre Häuser zu gestatten, sie vor Angriffen zu beschützen und es ihnen zu ermöglichen, ihre Häuser wiederaufzubauen. Doch die Attacken der Siedler hörten nicht auf – und die israelischen Soldaten liessen dies geschehen. «Die Siedler respektieren gar nichts», sagt Faiz Khderat. Im Süden des Westjordanlands gilt immer öfter nur das Recht des Stärkeren.Faiz Khderat mit seiner Mutter Mariam vor dem neuen Haus der Familie südlich von Hebron: Noch hat die Familie die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Khirbet Zanuta nicht aufgegeben.Links: Schulbücher und Hefte liegen auf dem Boden der zerstörten Schule von Khirbet Zanuta, die von der EU finanziert wurde. Rechts: Faiz Khderat hat trotz allem die Hoffnung auf eine Rückkehr in sein Dorf nicht aufgegeben.Faiz Khderat bleibt vor der ehemaligen Schule von Khirbet Zanuta stehen. Man muss sie nicht betreten, um sich einen Eindruck zu verschaffen: Wo einst die Wand war, klafft ein grosses Loch. An einem der Pulte klebt der Sticker einer deutschen Entwicklungsbank, die die Schule mitfinanziert hatte. Auf dem Boden zwischen dem Schutt liegen Notizhefte und Lehrbücher – und eine Bierflasche einer israelischen Marke.Khderat ruft seine Mutter Mariam per Video an und zeigt ihr die Trümmer. «Das ist Zanuta», sagt er. Die alte Frau bricht in Tränen aus. Sie hat ihr ganzes Leben in dem Weiler verbracht. «So Gott will, werden wir eines Tages zurückkehren», sagt Mariam Khderat schluchzend.Es gibt sie noch, die leise Zuversicht, dass sich im Konflikt zwischen Palästinensern und Israeli dereinst doch noch alles zum Besseren wenden könnte. Sie überrascht. Denn die Ruinen von Khirbet Zanuta sprechen eine andere Sprache: Eine der beiden Welten, die entlang der Route 60 nebeneinander existieren, hat die Oberhand – und macht keine Anstalten, nachzugeben. Was einmal eine gemeinsame Strasse war, ist längst zu einem Symbol der Spaltung in einem grösseren Kampf geworden.Palästinenser in der Nähe des Kalandia-Checkpoints – eines der grössten bewachten Übergänge, die Israel vom Westjordanland trennen.IMitarbeit: Andrea BrühlmannMit dieser Reportage beschliesst Rewert Hoffer seine Korrespondenz aus Tel Aviv. Von Anfang 2024 bis Ende 2025 berichtete er für die NZZ über Israel und die palästinensischen Gebiete. Seit März 2026 ist Rewert Hoffer Korrespondent für die arabische Welt mit Sitz in Beirut. (ben.)3 KommentareHans Merz 11.07.2026Wir sind im Dezember 2018 von Jerusalem in einem Stadtbus u.a. auf der Route 60 nach Hebron zur "Höhle Machpela", eine der heiligsten Stätten für Juden, Christen und Muslime, gefahren. Der Gebäudekomplex, der in einem israelisch kontrollierten Stadtteil liegt und in dem mehrere biblische Erzväter mit ihren Frauen ruhen, wurde zumindest damals als Synagoge und Moschee genutzt.
Die Route 60 im Westjordanland: Hier entscheidet sich der Konflikt zwischen Israeli und Palästinensern
Die Hauptverkehrsachse des Westjordanlands zählt zu den wenigen Orten, die Israeli und Palästinenser noch teilen. Fünf Begegnungen entlang der Strasse zeigen, dass die beiden Völker sich immer weiter von einem Frieden entfernen.







