Die langfristigen Folgen des Massakers vom 7. Oktober 2023 werden jeden Tag im Nahen Osten stärker spürbar. Und das nicht im Sinne einer Welt voller Handel, Kooperation und strategischer israelischer Einbindung, wie dies Premier Benjamin Netanjahu seither immer wieder in Aussicht gestellt hat. Keine der Fronten, an denen Israel siegreich sein wollte, ist befriedet. Der Gazaplan steckt fest, von Wiederaufbau kann keine Rede sein, und das israelische Militär hat bereits Pläne für eine Großoffensive gegen die Hamas ausgearbeitet. Das Westjordanland brodelt und wird nahezu täglich von ausufernder Siedlergewalt erschüttert.Die Hizbullah in Libanon hat Israel in den letzten Wochen erbitterten Widerstand geleistet, auch der jetzige Waffenstillstand ist brüchig. Bei nahezu 3500 israelischen Angriffen und der Zerstörung Hunderter Häuser seit Mitte April wurden knapp 1500 Libanesen getötet. Die Islamische Republik Iran, als Hauptgegner Israels, verbreitet mit geschwellter Brust Siegesrhetorik, die Huthis als Verbündete Teherans haben jüngst erst wieder eine Rakete auf Israel abgefeuert und damit gedroht, das Rote Meer für die Schifffahrt zu schließen.Neue Gleichung in Sachen LibanonÜber alldem hängt der Eindruck, dass auch die USA öffentlich auf Distanz zu Israel gehen. Fast tägliche Beleidigungen aus dem Munde Donald Trumps Richtung Netanjahu, offene Kritik am Vorgehen in Libanon, an die Medien durchgestochene vollmundige israelische Versprechungen in Sachen Regimewechsel in Iran. Wo also steht der Nahe Osten, wo steht die Golfregion nach ihrer schlimmsten Krise seit Jahrzehnten und einem Krieg, der verdient als Flächenbrand gelten kann? Und wie geht es weiter zwischen Ländern, die einander noch vor ein paar Wochen beschossen haben?Die Islamische Republik Iran mitsamt ihren Verbündeten in Libanon und im Jemen, obgleich geschwächt, hat weiterhin Droh- und Druckpotential und bindet sich nun über den wirtschaftlichen Korridor Pakistan enger an China. Kurzgefasst heißt das: In der Region bündeln sich nun regionale Rivalitäten, die Aggressivität der „Achse des Widerstands“ um Iran gegen Israel und grundlegende Systemkonflikte. Diese Spannungen übertragen sich auf das jüngst ausgehandelte Rahmenabkommen zwischen den USA und Iran. Die iranische und israelische Lesart, ob das Abkommen den israelischen Abzug aus Libanon umfasst, stehen sich diametral entgegen.Das Schicksal Irans und seiner ProxysDie von Israel angekündigte dauerhafte Annexion Südlibanons „als Sicherheitszone“ könnte eine Antwort der iranischen Revolutionsgarde provozieren, was Israel zu weiteren Militärschlägen veranlassen dürfte. Die Möglichkeit regelmäßiger, vielleicht jährlicher, Kriege steht plötzlich im Raum. Waren Verbündete wie die Hizbullah von iranischer Seite eigentlich als Absicherung des eigenen Territoriums gedacht, zeigt Iran jetzt die Bereitschaft, sein eigenes Schicksal mit dem seiner Proxys zu verknüpfen. Jeder Angriff auf Beirut gilt jetzt als Angriff auf iranisches Staatsgebiet und soll dementsprechend beantwortet werden.Wie Iran aus dem Konflikt hervorgeht, ist kaum abzusehen, nachdem fast das gesamte politische und militärische Führungspersonal getötet wurde und nun ersetzt werden muss. Modschtaba Khamenei, der neue Oberste Führer, ist bis jetzt noch nicht öffentlich aufgetreten, wie fest er im Sattel sitzt, ist ungewiss. Die Wirtschaft liegt darnieder und braucht dringend Sanktionserleichterungen und die Fitmachspritze eingefrorenen Vermögens. Es ist jedoch zu erwarten, dass das Regime das Abkommen mit den USA propagandistisch ausschlachten wird. Man hat es geschafft, den Krieg zu überstehen, und mit der Schließung der Straße von Hormus gezeigt, dass man auch ohne F-35-Kampfflugzeuge und mit billigen Drohnen die Weltwirtschaft ins Schlingern bringen kann. Die israelischen und amerikanischen Angriffe könnten für Khamenei und iranische Militärplaner Anreize setzen, die ambivalente Haltung zu Nuklearwaffen aufzugeben.Die Golfstaaten als unwillige KriegerObwohl sie den Krieg gegen Iran abgelehnt haben, wurden die Golfstaaten zur Zielscheibe Irans, um den Krieg so schmerzhaft und teuer für alle wie möglich zu machen. Insbesondere traf es die Vereinigten Arabischen Emirate, deren Ruf sich vom sicheren Hafen zu einer instabilen Region gewandelt hat. Während es bereits vor dem Krieg politische Spannungen zwischen Saudi-Arabien und den Emiraten über die Sicherheitsarchitektur in der Region gab, diente hier der Krieg als Brandbeschleuniger. Im Kern bevorzugten die Emirate eine stärkere militärische Antwort auf die Angriffe Irans und warben international für eine Mission zur Öffnung der Straße von Hormus, während Saudi-Arabien versöhnlichere Töne anschlug.Mit der Zeit wurden aus politischen Spannungen echte institutionelle Spaltungen. Am 1. Mai verließen die Vereinigten Arabischen Emirate die OPEC, das Kartell der ölproduzierenden Staaten, am selben Tag, an dem Riad zu einem regionalen Integrationsgipfel geladen hatte. Die politische Ordnung am Golf sieht sich in einem Umbruch, in dem die Emirate sich von ihren Nachbarn abwenden und den Schulterschluss mit Israel und den USA suchen, mit dem unsicheren Versprechen, in dieser Allianz besser für die eigene Sicherheit sorgen zu können. Demgegenüber formiert sich ein neuer Block aus Saudi-Arabien, der Türkei und Qatar, gemeinsam mit Pakistan. Diesen Akteuren geht es um die Einhegung von Iran und Israel gleichermaßen – samt einer robusten, aber unabhängigen Beziehung zu den USA.Unterdessen herrscht in Israel Wahlkampf und Katerstimmung. Alle Versprechungen eines umfassenden Sieges scheinen derzeit in sich zusammengesunken. Israel steht so isoliert da wie schon lange nicht mehr. Aber selbst die Opposition ist sich einig, dass es keine Alternative zum Regimewechsel in Iran gibt. Naftali Bennett, der als aussichtsreicher Nachfolger von Netanjahu gilt, hat betont, dass mit seinem Regierungsantritt der „Countdown“ für das Ende der Islamischen Republik beginnen werde.Was also bleibt? Der 7. Oktober und die folgenden Kriege haben zu einer strategischen Kernschmelze geführt. Die Vorkriegsordnung wird durch Ad-hoc-Allianzen ersetzt und beruht auf dem Prinzip, den eigenen Vorherrschaftsanspruch in der Region militärisch durchzusetzen. Israel hat wiederholt gezeigt, dass der Einsatz militärischer Mittel jederzeit auf dem Tisch liegt, sodass andauernde gewaltsame Auseinandersetzungen insbesondere in Libanon programmiert scheinen. Das Rahmenabkommen zwischen den USA und Iran hat keinen dieser Punkte effektiv adressieren können und spiegelt lediglich den Wunsch des amerikanischen Präsidenten wider, vor den anstehenden Zwischenwahlen den Krieg um jeden Preis beendet zu haben.Bruno Schmidt-Feuerheerd ist Politikwissenschaftler an der Universität Oxford. Simon Wolfgang Fuchs ist Islamwissenschaftler an der Hebräischen Universität in Jerusalem.
Nahost-Konflikt: Warum Israels Siege zu neuer Instabilität führen
Israels Gegner sind geschwächt, aber nicht besiegt. Zwischen Iran, Libanon und den Golfstaaten entsteht eine konfliktreiche Regionalordnung mit brüchigen Allianzen und dem Risiko neuer Kriege.






