Im Teufelskreis gefangen: Israel braucht eine politische Strategie für den Gazastreifen und Libanon Israel setzt auf militärische Überlegenheit gegenüber seinen Nachbarn. Das hat historische Gründe. Nur selten entwickelt die Regierung eine Strategie, um politische Fragen auf lange Sicht anzugehen. Hat Jerusalem nichts gelernt?Richard C. Schneider01.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Krieg prägt den Alltag: Eine Frau untersucht die Schäden eines Raketeneinschlags in Petach Tikva im April 2026.Rami Amichay / ReutersJahrelanger Krieg. Zehntausende Tote. Verwüstete Städte im Gazastreifen, zerstörte Dörfer in Südlibanon, Hunderttausende Vertriebene auf beiden Seiten der Grenzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Aus dieser Erfahrung entwickelte sich eine Kultur, in der militärische Stärke weit mehr als ein Instrument staatlicher Macht ist. Sie wurde zu einem entscheidenden Bestandteil nationaler Identität.Eine Kultur des ImprovisierensDie Armee geniesst in Israel bis heute enormes gesellschaftliches Ansehen. Viele Generäle gingen in die Politik, einige wurden sogar Ministerpräsident, wie etwa Yitzhak Rabin, Ehud Barak oder Ariel Sharon. Politische Debatten werden in Israel auf der Basis sicherheitspolitischer Überlegungen geführt. Die Grundüberzeugung lautet: Wenn Israel militärisch stark ist und bleibt, kann es jede Bedrohung bewältigen.Dieses Credo hat über Jahrzehnte mehr oder weniger erfolgreich funktioniert. Israel gewann Kriege und entwickelte sich trotz regionalen Spannungen sowohl wirtschaftlich als auch technologisch.Die Mentalität spiegelt sich in einem Sprichwort wider, das man vor Ort immer wieder hören kann: «Wenn wir an den Fluss kommen, werden wir uns überlegen, wie wir ihn überqueren.» Was damit gemeint ist? Israelische Politik ist oftmals eine Kultur des Improvisierens. Probleme löst man, wenn sie auftreten.Dieses Denkmuster hat Israel in vielen Situationen geholfen. Doch es hat eine Schwäche: Probleme werden damit primär oder fast ausschliesslich militärisch betrachtet. Sicherheit wird in Israel als Voraussetzung für Politik verstanden, was mit den geopolitischen Gegebenheiten der Region und der Ideologie der Gegner zusammenhängt. Dieses Schema kann jedoch verhängnisvoll werden, wenn sich Krisen über Jahre hinziehen und eigentlich grundlegende Antworten verlangen.Genau das ist in Gaza und in Libanon geschehen. Seit Jahrzehnten verfolgt Israel dort militärische Operationen: Raketenangriffe führen zu Gegenschlägen, es kommt zu Eskalationen, schliesslich zu grösseren Kriegen. Diese gewinnt Israel, dank der militärischen Macht. Doch diese Erfolge erweisen sich im Nachhinein als trügerisch.Zwar wird die Infrastruktur der Gegner zerstört und viele ihrer Führungskräfte und Kämpfer getötet. Doch es entstehen dann neue Strukturen, neue Rekrutierungsnetzwerke und vor allem neue Motive für eine Fortsetzung des Kampfes. Die Hamas existiert weiterhin, trotz dem brutalen Krieg im Gazastreifen. Der Hizbullah wurde durch die israelischen Angriffe im Herbst 2024 zwar geschwächt, doch er verfügt weiterhin über erhebliche militärische Fähigkeiten und ist nach wie vor die dominierende Kraft in Südlibanon.Netanyahu will einen unmöglichen SiegDie Stärke solcher Organisationen beruht nicht ausschliesslich auf ihrer militärischen Schlagkraft oder der Unterstützung aus Teheran. Ein Erfolgsfaktor ist vielmehr die Fähigkeit, politische und gesellschaftliche Räume ideologisch und praktisch zu besetzen. Hamas und Hizbullah sind nicht nur bewaffnete Gruppen. Sie sind zugleich soziale Netzwerke, politische Bewegungen und Identitätsangebote für Teile der Bevölkerung der benachbarten Länder. Wer eine solche Struktur allein militärisch bekämpft, beseitigt aber nicht die Bedingungen, aus denen sie ihre Legitimation und ihr Überleben beziehen.Die Erfahrungen der vergangenen Jahre hätten diese Erkenntnis eigentlich bestätigen müssen. Doch die Regierung Netanyahu setzte auf das Konzept des totalen Sieges. Der Begriff mobilisierte zunächst eine Gesellschaft, die sich seit dem 7. Oktober 2023 in einem Zustand tiefer Traumatisierung befindet. Politisch ist er jedoch problematisch. Denn er suggeriert ein Endziel, das sich nicht realisieren lässt.Was wäre ein totaler Sieg über die Hamas? Die Zerschlagung der Miliz? Die Zerstörung ihrer Institutionen? Die Verhinderung der Wiederbewaffnung? Nichts davon lässt sich auf Dauer garantieren. Im Libanon sieht es ähnlich aus. Die derzeitige Regierung kann den Hizbullah weder entwaffnen noch politisch ausschalten.Die militärischen Erfolge Israels beantworten grundlegend politische Fragen nicht. Stattdessen dominiert die illusionäre Hoffnung, dass die politischen Probleme sich irgendwann von selbst lösen werden.Hier liegt die Gefahr für Israel. Die Kosten dieser Politik wachsen stetig. Die israelische Wirtschaft trägt die Last einer nahezu permanenten Mobilisierung. Hunderttausende Reservisten werden immer wieder eingezogen. Die Lebenshaltungskosten schnellen in die Höhe. Zugleich vertiefen sich die gesellschaftlichen Spannungen, vor allem zwischen den Ultraorthodoxen, die weiterhin den Militärdienst verweigern, und jenen, die immer längeren Reservedienst leisten müssen.Die Konflikte verschärfen sichHinzu kommt eine zunehmende Polarisierung zwischen jüdischen und arabischen Israelis sowie zwischen Anhängern und Gegnern der Regierung. Der Krieg hat diese Konflikte zeitweise überdeckt und zugleich grundlegend verschärft. Ganz zu schweigen von der aussenpolitischen Lage. Selbst enge Verbündete äussern immer schärfere Kritik am Vorgehen Israels. Die internationale Isolation wächst. Sogar der amerikanische Präsident Donald Trump geht immer mehr auf Abstand zu Ministerpräsident Benjamin Netanyahu.So erzeugt ausgerechnet der Versuch, maximale Sicherheit zu schaffen, möglicherweise langfristig neue Unsicherheit. Der permanente Ausnahmezustand stärkt jene politischen Kräfte, die ihre Legitimation aus dem Versprechen maximaler Sicherheit beziehen. Solange die Gesellschaft von Bedrohungen geprägt ist, treten Fragen nach politischen Lösungen oder gesellschaftlichen Reformen in den Hintergrund. Die politische Debatte konzentriert sich auf Sicherheit. Ein Teufelskreis.Diese Dynamik wird nun durch einen allfälligen Vertrag zwischen den USA und Iran verschärft. Ein erster Schritt in Richtung Entspannung erfolgte bereits am 17. Juni mit der Unterzeichnung eines Rahmenvertrags durch Donald Trump.Aus Sicht vieler westlicher Beobachter wäre ein neues Abkommen zwischen Washington und Teheran ein Beitrag zur regionalen Stabilisierung. In Jerusalem wird dieselbe Entwicklung jedoch ganz anders wahrgenommen.Für Israel stellt Iran die zentrale strategische Bedrohung dar. Die Vorstellung, dass Washington und Teheran zu einer neuen Form der Kooperation gelangen könnten, löst in vielen sicherheitspolitischen Kreisen grosse Skepsis aus. Dort herrscht die Befürchtung, ein Abkommen könnte dem iranischen Regime wirtschaftliche Erleichterungen verschaffen, seine regionale Position und letztlich auch seine Proxys – darunter Hizbullah, Hamas und die Huthi in Jemen – stärken.Gleichzeitig fürchtet Israel, dass Teheran sein Arsenal ballistischer Raketen weiterentwickelt und sein Atomprogramm verdeckt fortsetzt. In den Augen vieler israelischer Sicherheitsexperten würde ein Abkommen daher die Bedrohung aus Teheran nicht beseitigen. Die Feindschaft gegenüber Israel gehört seit der Revolution von 1979 zu den ideologischen Grundpfeilern der Islamischen Republik.Eine Lehre für IsraelDie eigentliche Lehre der vergangenen Jahre lautet deshalb nicht, dass militärische Macht unwichtig wäre. Israel wird auch künftig auf eine starke Armee angewiesen sein. Die Lehre lautet vielmehr, dass militärische Macht allein, ohne politische Perspektive, ihre Wirksamkeit verliert.Gerade jetzt wäre dies wichtig, etwa in Libanon. Auch in den letzten Tagen greift der Hizbullah an, Israel schlägt ebenfalls zu. Gleichzeitig wäre es wichtig, den diplomatischen Weg mit aller Kraft voranzutreiben und einen belastbaren Mechanismus zu entwickeln, der es der libanesischen Armee ermöglichen würde, die Macht der Miliz zu reduzieren und so Ruhe an der libanesisch-israelischen Front zu ermöglichen.Wer nur Kriege führt, ohne eine Vorstellung von der Ordnung danach zu entwickeln, riskiert trotz immer neuen militärischen Siegen den Konflikt am Ende zu verlieren.Passend zum Artikel