PfadnavigationHomeGeschichteZwei-Staaten-LösungWie es zum nicht enden wollenden Streit um das Heilige Land kamVeröffentlicht am 02.10.2025Lesedauer: 7 MinutenSven-Felix Kellerhoff analysiert die komplexe Geschichte der Zwei-Staaten-Lösung im Nahostkonflikt und benennt die Verantwortung aller Seiten. „Meine Hoffnung ist nicht sehr groß, dass es zu einer Lösung kommt“, so der Historiker und WELT-Autor.Schon mehr als hundert Jahre dauert der Konflikt um die Landschaft zwischen Mittelmeer und Jordan, bekannt unter dem historischen Namen Palästina. Ein Überblick der gescheiterten Lösungsvorschläge.Bringt der Trump-Blair-Plan die Lösung des gefühlt schon ewigen Nahost-Konflikts? Wenn man Gerüchten glaubt, die in der „Times of Israel“ veröffentlicht wurden, dann soll der langjährige britische Premier Tony Blair eine neue Grundlage für einen Frieden zwischen Israel und den Palästinensern vorgelegt haben. Es dürfte – je nachdem, wie man zählt – der bis zu 15. Vorschlag sein, den Streit um das drei Weltreligionen beherbergende Heilige Land zu lösen.Es begann in den 1890er-Jahren. Angesichts massiver antisemitischer Ausschreitungen im russischen Zarenreich, aber auch zunehmenden Judenhasses in Mittel- und Westeuropa, teilweise sogar in Großbritannien und den USA, schlug der Journalist Theodor Herzl 1896 in seinem Buch „Der Judenstaat“ die Gründung einer „Heimstatt“ für die in alle Welt verstreuten Angehörigen des jüdischen Volkes im historischen Gebiet Palästina, also zwischen Jordan-Graben und Mittelmeerküste, wie es seit dem griechischen Historiker Herodot genannt wurde. Lesen Sie auchAuf dem ersten Zionistenkongress in Basel 1897 fand diese Idee Zustimmung, ebenso das Prinzip einer geordneten Ansiedlung und des Kaufs von Siedlungsland von den fast immer arabischen Eigentümern. Doch die zunehmende Konfrontation zwischen dem wankenden Osmanischen Reich und dem von Revolutionären bedrohten Russland verhinderte die Umsetzung. Eine durch Staatsverträge geregelte Staatsgründung gab es nicht; trotzdem kauften zionistische Organisationen zunehmend Grund und Boden in Palästina, auf dem sich jüdische Emigranten ansiedelten. Im Ersten Weltkrieg suchte Großbritannien im Kampf gegen die Osmanen Unterstützung bei den Arabern – und gab Versprechen ab, die wohl nie ernst gemeint waren. So sagte Sir Henry McMahon, der damalige Hohe Kommissar in Kairo, in einer Korrespondenz dem Scherifen von Mekka Hussein ibn Ali 1915/16 zu, es solle ein unabhängiges arabisches Königreich nach dem Ende des Weltkriegs geben – einschließlich Palästina mit Jerusalem.Lesen Sie auchNur wenig später versprach das britische Foreign Office in einem von Außenminister Arthur Balfour unterzeichneten Brief faktisch das Gegenteil: die „Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“. Die Regierung in London werde „ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern“.Lesen Sie auchZu allem Überfluss gab es insgeheim parallel damit bereits eine Einigung mit Frankreich, die beide Initiativen unmöglich machen würde: Im vertraulichen Sykes-Picot-Abkommen von 1916 vereinbarten Großbritannien und Frankreich die Aufteilung des Nahen Ostens in Interessensgebiete (faktisch weitere Kolonien) nach Kriegsende.Die Bolschewiki veröffentlichten Depeschen über dieses geheime Abkommen nach ihrem Sieg in St. Petersburg Ende 1917. An dem dadurch vor allem bei den Arabern gewachsenen Misstrauen gegenüber Großbritannien scheiterte die erste Zwei-Staaten-Lösung: Am 3. Januar 1919 schlossen Emir Faisal, der Leiter der arabischen Gesandtschaft bei den Pariser Friedensverhandlungen, und Chaim Weizmann als Leiter der zionistischen Delegation ein Übereinkommen: In Palästina sollte ein zionistischer Staat entstehen, der jedoch den einheimischen Arabern weitgehendes Entgegenkommen garantieren würde. Da Faisal die Einigung abhängig machte von der Unabhängigkeit eines panarabischen Königreichs, das durch die Völkerbundmandate für Frankreich über Syrien und den Libanon sowie Großbritannien über Palästina und Transjordanien obsolet wurde, erledigte sich das Abkommen binnen kurzer Zeit. 1920 kam es zu großen Demonstrationen von arabischen Einwohnern gegen den Zuzug von Juden; gleichzeitig bildete sich eine zionistische Parallelgesellschaft in Palästina: Der kommende Konflikt zeichnete sich ab. Allerdings erwarben die Siedler in den 1920er- und 1930er-Jahren Grundstücke von den Einheimischen – die spätere israelische Ministerpräsidentin Golda Meir schrieb in ihren 1975 erschienenen Memoiren über diese Zeit: „Ich bin es wirklich leid zu hören, dass die Juden den Arabern in Palästina Land ,gestohlen‘ hätten. Die Wahrheit sieht anders aus. Eine Menge klingender Münzen wechselte damals den Besitzer, und viele Araber wurden steinreich.“ Zudem handelte es sich oft um „tödliche schwarze Sümpfe, in denen sich unvermeidlich Malaria und Schwarzwasserfieber“ ausbreiteten. Dieses „verpestete Land“ machten die Zuwanderer in harter Arbeit urbar.Lesen Sie auchGroßbritannien verfluchte bald den Wunsch, Palästina als Mandatsgebiet zu bekommen, denn immer wieder gab es Ausschreitungen. 1936/37 gab es den ersten groß angelegten Versuch durch eine Zweistaatenlösung für Zionisten und Araber, das Problem loszuwerden. Doch der Vorschlag der Peel-Kommission scheiterte an arabischem Widerstand.Nach dem Holocaust, dem Mord an sechs Millionen europäischer Juden durch das nationalsozialistische Deutschland, beschlossen die neu gegründeten Vereinten Nationen 1947 in ihrer Resolution 181 eine Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Die zionistische Seite um David Ben Gurion erkannte den Vorschlag an und machte ihn zur Grundlage der Gründung Israels am 14. Mai 1948. Doch die inzwischen unabhängig gewordenen arabischen Staaten lehnten ab und begannen einen Krieg, um die Juden „ins Meer zurückzutreiben“.Lesen Sie auchSchon nach Bekanntwerden des Teilungsplans hatte eine Flucht von Palästinensern aus den künftig jüdischen Gebieten eingesetzt, teilweise auch eine Vertreibung durch radikale Zionisten. Viele nun heimatlose Menschen strömten nach Syrien, Jordanien und in den Libanon. Das erhöhte den Druck auf die arabischen Machthaber, militärisch aktiv zu werden. Israel siegte, doch der Kriegszustand blieb formal bestehen. Auch nach dem 1956 auf US-Druck nach wenigen Wochen beendeten Krieg um den Suezkanal gegen Ägypten gab es zunächst keine Entspannung. Erste Ansätze in diese Richtung brachte Israels Premier Levi Eshkol 1965 mit einer Initiative, die zwar keine konkrete Zwei-Staaten-Lösung vorsah, aber die Anerkennung Israels, einen gegenseitigen Gewaltverzicht sowie im Gegenzug israelische Unterstützung für palästinensische Flüchtlinge. Ägyptens Präsident Gamal abdl Nasser lehnte ab. Lesen Sie auchUnmittelbar nach dem Sechs-Tage-Krieg machte Israels Regierung im Juni 1967 zudem ein Friedensangebot an die arabischen Staaten: Man werde die besetzten Gebiete auf der Sinai-Halbinsel und den Golanhöhen räumen, wenn die arabischen Staaten Israel anerkannten und Frieden sicherstellten. Ägypten und Syrien lehnten den Vorschlag kategorisch ab. Eshkols Stellvertreter Jigal Allon schlug bald darauf einen ähnlichen Plan in Richtung Jordanien vor. Durch einen Tausch von Land gegen Frieden sollte eine Lösung des Nahost-Konflikts beginnen. Das hätte faktisch zu einer Zwei-Staaten-Lösung führen können – doch Jordanien lehnte ab, weil die PLO bereits zu mächtig für König Hussein war: Der Monarch fürchtete, die nationalistisch-sozialistischen Palästinenser könnten seine Dynastie entmachten.Es dauerte bis nach dem Jom-Kippur-Krieg, bis Ägypten und Israel im Camp-David-Abkommen Frieden schlossen. Im Wesentlichen hält das bis heute, allerdings wurde Ägyptens Präsident Anwar al Sadat dadurch zum Todfeind nationalistischer und islamistischer Araber und wurde 1981 ermordet. Die bisher wohl größte Chance für nachhaltigen Frieden im Nahen Osten war das Oslo-Abkommen 1993: Ministerpräsident Jitzhak Rabin bot aus einer Position der Stärke aus Einsicht dem PLO-Chef Jassir Arafat eine faktische Zwei-Staaten-Lösung an. Doch die PLO tat zu wenig, das Abkommen umzusetzen – mit Rücksicht auf radikale Gruppen unter den Palästinensern. Eine Rolle spielte auch der Massenmord eines fanatischen israelischen Siedlers in der Moschee von Hebron 1994 und der Mord eines anderen jüdischen Extremisten an Rabin im November 1995. Der Friedensnobelpreis für das Abkommen von Oslo erwies sich als voreilig.Der nächste Premier Ehud Barak versuchte im Jahr 2000, den Weg von Oslo fortzusetzen und weiterzuentwickeln. Doch das Anliegen scheiterte einerseits an der reaktionären israelischen Opposition, andererseits an der zweiten Intifada, einem Aufstand in den Palästinenser-Gebieten mit zahlreichen Terroropfern auf israelischer Seite. Die wesentlichen Streitfragen, der Status von Jerusalem und den Heiligen Stätten sowie die Flüchtlingsproblematik, blieb ungelöst. 2004 war es dann ausgerechnet der vormalige Gegner des Barak-Plans Ariel Scharon, der in Israel die einseitige Räumung des Gazastreifens als Entgegenkommen durchsetzte. Indirekt führte das jedoch zur Machtübernahme der Hamas. Der nächste Ansatz war der Plan von Premier Ehud Olmert 2008: Ziel war eine modifizierte Zwei-Staaten-Lösung, doch die PLO lehnte ab. Dabei erkannte der palästinensische Chefunterhändler an, dass dieser Plan „100 Prozent“ der Forderungen erfüllte. Ein Regierungswechsel in Israel hintertrieb das Vorhaben ebenso wie die Radikalen unter den Palästinensern. Der vor dem Blair-Plan letzte Versuch, eine zwei-Staaten-Lösung herbeizuführen, war der Trump-Netanjahu-Plan von 2020. Doch die erhoffte Wiederbelebung der Zwei-Staaten-Lösung scheiterte an Terrorangriffen und final dem 7. Oktober 2023 – ob sie das Potenzial gehabt hätte, den Nahost-Konflikt zu entschärfen, wird angesichts der beiden Hauptprotagonisten von vielen bezweifelt.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.