Hitze und Alter: Wann werden hohe Temperaturen gefährlich?Das deutsche Robert-Koch-Institut meldet neue Hitzetoten-Zahlen: 80 Prozent der Opfer sind älter als 75. Warum gerade Senioren betroffen sind und wie sie sich schützen können.11.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenHitze ist ein unfairer Gegner, sie sucht sich ihre Opfer vor allem unter den Alten und Schwächeren.Daniel Cole / APMichael Denkinger hat schwere Tage hinter sich. Wie die meisten deutschen Krankenhäuser hat auch die von ihm geleitete Agaplesion-Bethesda-Klinik Ulm nur wenige klimatisierte Patientenzimmer. Als geriatrisches Krankenhaus ist man auf die Behandlung von älteren Patienten spezialisiert, und diese bekamen die Hitzewelle Ende Juni besonders heftig zu spüren. Teilweise habe man die Patienten mit Wassersprays gekühlt, erzählt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Hitze ist ein unfairer Gegner, sie sucht sich ihre Opfer vor allem unter den Alten und Schwächeren. Das spiegelt auch eine jetzt veröffentlichte Statistik des deutschen Robert-Koch-Instituts wider. Laut dem Berechnungsmodell der deutschen Behörde hat die jüngste Hitzewelle zum Tod von 5100 Menschen geführt. Zum Vergleich: In der Schweiz schätzt man basierend auf einer gröberen Berechnungsmethode, dass in der Woche vom 22. bis zum 28. Juni 174 Menschen Opfer der Hitze wurden. Nur 6 Prozent der Verstorbenen in Deutschland waren jünger als 65, mehr als 80 Prozent älter als 75 Jahre. 60 Prozent der Opfer waren jenseits der 85.Wie sind diese extremen Unterschiede zu erklären? «Die meisten Menschen sterben nicht an der Hitze direkt, sondern an damit verbundenem Organversagen», sagt Denkinger. Gerade Herz, Kreislauf und Nieren sind den Belastungen oft nicht gewachsen. Todesfälle durch Hitzeschläge wurden laut dem Deutschen Wetterdienst nur aus sehr wenigen Kliniken gemeldet.Solche Kreislauf- und Nierenprobleme treten jedoch vor allem auf, wenn die Organe schon vorher durch Vorerkrankungen geschwächt waren. Jeder zweite über 85-Jährige hat eine – oft versteckte – chronische Niereninsuffizienz. Ähnlich häufig sind in diesem Alter Verkalkungen der Herzkranzgefässe. Risikoerhöhend sind aber auch Leiden wie Herzschwäche, Krebs oder die Lungenkrankheit COPD. Das gerade noch so funktionierende System wird durch den Hitzestress endgültig überfordert und kollabiert. Kreislaufzusammenbrüche, Schlaganfälle, Herzrhythmusstörungen und Herzinfarkte, um nur einige Beispiele zu nennen, werden unter anderem deshalb an Hitzetagen wahrscheinlicher.«Es ist aber nicht so, dass man sich in Sicherheit wiegen kann, wenn man keine solchen Diagnosen hat», sagt Nikolaus Buchmann, Chefarzt der Universitären Altersmedizin Felix Platter in Basel. «Es ist eben nur weniger wahrscheinlich, dass etwas passiert.» Denn auch das Alter selbst ist bereits ein Risikofaktor. Ein Grund: Mit den Jahren verliert der Körper zunehmend die Fähigkeit, sich selbst zu kühlen. Die Schweissdrüsen arbeiten schlechter, das bedeutet, die Hitze kann weniger über Verdunstung abgeführt werden.Gleichzeitig erweitern sich die Hautgefässe nicht mehr so gut wie früher, damit wird die Hautdurchblutung im Bedarfsfall schlechter. Die Folge: Der Kreislauf kann weniger innere Hitze – die durch die Arbeit von Organen und Muskeln selbst an warmen Tagen noch zusätzlich produziert wird – nach aussen transportieren und über die Haut an die Umwelt abgeben.Zudem ist auch das Herz nicht mehr so fit wie früher. Um das Blut an Hitzetagen in die Haut umzuleiten, muss aber die Pumpleistung gesteigert werden. Diese Anforderung kann zum Kollaps oder zum Blutdruckabsturz führen.Angreifbarer werden mit dem Alter auch die anderen Organe. Die Nieren bauen bereits ab dem zehnten Lebensjahr ab – und das setzt sich bis ins hohe Alter fort. Die Leber beginnt ab Mitte dreissig langsam ihre Form zu verlieren, das Herz wenig später. Die gute Nachricht: Viele dieser Entwicklungen lassen sich umkehren. Hautdurchblutung, Schweissdrüsen und Herzkraft kann man durch Bewegung trainieren. Es lässt sich zum Beispiel nachweisen, dass sehr fitte Fünfzig- bis Sechzigjährige Hitze fast ebenso gut vertragen wie junge Sportler.Ein besonders schwergewichtiger Risikofaktor sind einige Medikamente, die von vielen alten Menschen genommen werden. Betablocker verhindern, dass das Herz bei Hitze adäquat reagiert, ACE-Hemmer und Diuretika machen Kreislauf und Niere anfälliger. Die Wirkstoffe aus Schmerzpflastern werden von einer schwitzigen Haut schlechter resorbiert, das kann zu Überdosierungen führen.«Suchen Sie Ihren Hausarzt auf oder begleiten Sie Ihre Angehörigen dorthin, bereits wenn eine Hitzewelle angekündigt wird», rät deshalb Denkinger. Die Universität Köln bietet im Internet eine Liste zum Download an. Sie führt Arzneimittel auf, die an Hitzetagen eine schädliche Wirkung entfalten können. Anhand der Liste kann der Arzt seine Verschreibungen dann noch einmal kritisch überprüfen und mit dem Patienten überlegen, welche Dosierungen sich im Bedarfsfall reduzieren liessen.Ein weiterer Rat an ältere Menschen und ihre Angehörigen: «Beschatten Sie Ihre Räume tagsüber und lüften Sie nachts, damit das Gebäude nicht zu heiss wird.» Erträgliche Temperaturen in der Nacht, sagt Stefan Muthers vom Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD), seien besonders wichtig. Denn wer gut schlafe, so zeigten Studien, verkrafte auch die hohen Temperaturen am Tag besser.Weil Nieren, Kreislauf und Schweissdrüsen nur mit ausreichend Flüssigkeit im Körper funktionieren, ist auch das regelmässige Trinken wichtig. Alte Menschen muss man daran oft erinnern, da sie mit den Jahren ihr Durstgefühl verlieren. Empfehlenswert sei zudem das Aufsuchen klimatisierter Räume, sagt der Altersmediziner – von einem Besuch in einem gekühlten Museum können an einem Hitzetag Geist und Körper profitieren.Und sollte es trotzdem unerträglich heiss werden, gibt es feuchte Tücher oder Kühlpads. Diese sollten jedoch nicht an Armen und Beinen, sondern am Körperstamm aufgelegt werden, rät Denkinger. So kann die Kälte besser ins Innere abtransportiert werden.Wichtig: Warnzeichen beachtenWichtig ist laut Nikolaus Buchmann selbstverständlich auch die Beachtung von Warnzeichen, die signalisieren, dass Organe an ihre Grenzen geraten: Ungewohnte Schwäche, Schwindel, Verwirrtheit, starke Müdigkeit oder Stürze zählen dazu. Ratsam kann es auch sein, täglich Körpergewicht und Blutdruck zu kontrollieren. Ungewöhnliche Abfälle können eine Austrocknung anzeigen.Es zeichnet sich ab: Die nächste Hitzewelle wird den Menschen weniger an seine Grenzen führen. Stefan Muthers vom DWD verrät, warum die letzten Junitage so gefährlich wurden: Sie seien nicht nur ausgesprochen heiss gewesen, sondern oft auch schwül. Vor allem sei die Hitze aber auch aussergewöhnlich früh im Jahr zu spüren gewesen. Während eines Sommers, erklärt der Meteorologe, lerne der Körper effizienter zu schwitzen und hohe Temperaturen besser zu akzeptieren.Passend zum Artikel