Alexey Malgavko / ReutersIn Russland wird das Tanken zur Geduldsprobe. Wer stundenlanges Anstehen vermeiden will, verlässt sich neuerdings auf digitale Helfer. Doch der Feind liest mit.11.07.2026, 05.00 Uhr3 LeseminutenAutofahrer in der russischen Stadt Tschita brauchen dieser Tage zwei Dinge: Benzin und Geduld. 36 Stunden in einer Kolonne warten zu müssen für 30 Liter Benzin, ist hier keine Seltenheit. Mehr geht an vielen Tankstellen nicht – an den Zapfsäulen wird der Kraftstoff rationiert. Freiwillige verteilen Wasser an die Wartenden, Schlägereien brechen aus, wo sich Leute vorne in die Schlange drängeln wollen. Die Folgen des Kriegs sind für die russische Bevölkerung im Alltag angekommen – selbst in Tschita, das mehr als 5000 Kilometer von der Front entfernt liegt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ähnliche Szenen sieht man im ganzen Land. Die Benzinkrise, die im Mai auf der besetzten Krim begann, hat sich auf Russland ausgeweitet. In vielen Gebieten sind die Tankstellen komplett leer, oder sie haben die verfügbare Menge rationiert. Nachschub geht vor allem nach Moskau und St. Petersburg, denn der Kreml bevorzugt die Städte, um den Schein der Normalität zu wahren. Doch auch dort werden die Kolonnen so lang, dass sie sogar aus dem All sichtbar sind, wie auf dem anschliessenden Bild einer Autoschlange nahe dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo zu erkennen ist.Wie nahe Ursache und Wirkung beieinanderliegen können, zeigt ein Video aus der Stadt Michailowsk im Süden Russlands. Mitten in der Nacht stehen noch immer Dutzende Autos in der Schlange vor einer Tankstelle. Ein lautes Summen wie von einem Rasenmäher ist zu hören: das typische Geräusch einer Drohne. Sie fliegt über die wartenden Autofahrer hinweg, wird dem Motorengeräusch nach langsamer und schlägt dann in einem Öldepot wenige hundert Meter weiter weg ein.In der Nacht vom 8. auf den 9. Juli flog die Ukraine mehrere Drohnenangriffe auf russische Ölinfrastruktur, wie hier in Michailowsk.Telegram / exilenova_plusDie Benzinknappheit hat auch Auswirkungen auf Carsharing-Dienste. Sie haben begonnen, bei erfolgreichem Tanken Bonuspunkte zu vergeben – und die Kosten für das getankte Benzin zu erstatten. Für viele Nutzer rechnet sich das Angebot dennoch nicht, da die Mietkosten während der langen Wartezeit an der Tankstelle häufig höher sind als die versprochenen Bonuspunkte.Die Abhilfe wird zur SchwachstelleScreenshot einer Tankstellen- WebsiteNZZUm unnötige Fahrten zu geschlossenen Tankstellen zu vermeiden, sind spezielle Websites beliebt geworden: Autofahrer können hier ihr Wissen über die Füllstände an den verschiedenen Tankstellen weitergeben. Angaben wie «Wenig Benzin verfügbar, mehr als 5 Autos in der Warteschlange» helfen den Anwohnern bei der Suche nach Kraftstoff. Auf einem der populärsten Dienste erfährt man, dass Autofahrer in Tschita am Freitag nur noch wenige Möglichkeiten bei ihrer Tankstellenwahl haben: Viele Tankstellen-Symbole auf der Karte sind rot, die Füllstände also auf null. Bei den grauen Symbolen ist der neuste Stand unbekannt.In der Theorie sind die Websites eine gute Idee, die zu Beginn auch funktioniert hat. Allerdings nur, bis das restliche Internet darauf aufmerksam wurde.Proukrainische Internet-Trolle haben es sich zum Sport gemacht, falsche Daten in die Websites einzuspeisen. Geschlossene Tankstellen werden als geöffnet gekennzeichnet, solche mit hohen Füllständen als leer. Je weiter die Bewohner fahren müssen – und dabei noch reichlich kostbares Benzin verbrauchen –, umso besser, so die Idee der Trolle.Die meisten Nutzer werden sich dieser Beeinflussung nicht bewusst gewesen sein. Die falsche Kennzeichnung fiel den Betreibern der Websites aber schnell auf. Mit technischen Mitteln versuchen sie nun, dagegen vorzugehen: Um eine Bewertung abzugeben, muss der Standort des Telefons jetzt in der Nähe einer Tankstelle sein. Das lässt sich zwar technisch noch immer umgehen, doch viele der Trolle werden so abgewehrt.Die Websites geben den Anwohnern eine kleine Hilfe bei der Suche nach Kraftstoff. An den Drohnenangriffen, der Benzinknappheit und den langen Warteschlangen können sie aber nichts ändern.Mitarbeit: Vertical52.Passend zum Artikel