KommentarMedienreform in Ungarn: Glaubwürdigkeit ist wichtiger als kurzfristige SymbolikJahrelang haben Viktor Orban und seine Partei grossen Einfluss auf Ungarns Medien ausgeübt. Die neue Regierung von Peter Magyar will damit brechen. Der Beweis dafür steht noch aus.10.07.2026, 17.27 Uhr3 LeseminutenUm 16 Uhr war am vergangenen Dienstag im ungarischen Nachrichtenkanal M1 Sendepause: Der Sender entschuldigte sich für seine Berichterstattung der vergangenen Jahre.Marton Monus / ReutersEin schwarzer Bildschirm, eine demütige Botschaft und eine Sendepause: Ungarns staatlicher Nachrichtensender M1 überraschte diese Woche mit dem Versuch eines Neuanfangs. Öffentlichrechtliche Medien dürften nicht lügen, hiess es da. Der Fernsehkanal entschuldige sich dafür, dass er das so lange getan habe. Vorläufig verzichtet er auf seine Nachrichtensendungen und sendet Filme – ein Paradox bei einem Sender, der primär ein Informationskanal ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit dem kleinen Coup will die neue Führung des Fernsehsenders eines der zentralen Versprechen von Ungarns neuem Regierungschef Peter Magyar erfüllen. Seit sich dieser zum Gegenspieler Viktor Orbans und von dessen Partei Fidesz aufgeschwungen hatte, prangerte er besonders die staatlichen Fernsehsender als Propaganda-Vehikel des Fidesz an. Im Wahlkampf sprach er von einer «Lügenfabrik.» Damit traf er zweifellos einen wunden Punkt. Aber ganz so einfach ist es nicht, davon wieder wegzukommen.Sprachrohr der RegierungUngarns Mediensystem unter Orban entsprach nicht den Anforderungen eines demokratisch verfassten, pluralistischen Staatswesens. Die öffentlichrechtlichen Sender bekamen sehr viel Steuergeld und eine politisch passende Führung. Im Gegenzug liessen sie die journalistischen Tugenden vermissen.Fast nur Regierungsvertreter und deren Positionen kamen in der Berichterstattung zum Zug. Berichteten sie doch über die Opposition, wurden deren Vertreter und politische Anliegen in ein schlechtes Licht gerückt. Im Wahlkampf kam Magyar im staatlichen Fernsehen nie zu Wort. Stattdessen unterstützte dieses Orban und seine politischen Anliegen in der Dauerschlaufe. Ein öffentlichrechtlicher Sender darf sich eine derartige Einseitigkeit nicht leisten.Der Fidesz wandte viel Energie dafür auf, auch die restlichen Medien auf Regierungskurs zu bringen. Zeitschriften und Internetportale, die kritisch über Orban schrieben, gerieten unter Druck. Regierungsnahe Investoren übernahmen sie, brachten sie auf Linie und profitierten von staatlichen Werbegeldern. So verloren immer mehr Medien ihre Unabhängigkeit.Gleichzeitig wagten Journalisten, die damit nicht einverstanden waren, auch Neues. Onlineportale und Youtube-Kanäle entstanden, die angesichts der staatlich geförderten politischen Einfalt Mut zu abweichenden Recherchen zeigten – und dafür den Druck des Staates zu spüren bekamen.Staatsmedien im Markt nicht erfolgreichSo stossend Orbans Medienpolitik und deren Auswirkung auf das journalistische Angebot und die politische Beeinflussung waren: Das Publikum hatte am Schluss von sich aus genug davon. Den Nachrichtensender M1 wollte nur noch eine Minderheit schauen. Mehrere von Fidesz auf Kurs gebrachte Publikationen waren in den vergangenen Wochen zu drastischen Einsparungen gezwungen. Sie hatten nur dank den üppigen Staatsgeldern überlebt, nicht weil sie bei der Leserschaft so erfolgreich gewesen wären.Das lässt darauf hoffen, dass sich die Medienhäuser automatisch dem Bedürfnis des Publikums anpassen. Kritischer Journalismus scheint auch in Ungarn eine grössere Nachfrage zu haben als staatliche Propaganda. Die neue Regierung hat mit einer Gesetzesreform die öffentlichrechtlichen Sender einer paritätisch besetzten Kommission unterstellt, die für Unabhängigkeit und journalistische Standards sorgen soll.Der schwarze Bildschirm mit der Entschuldigung und die verordnete Sendepause für Nachrichten beim Kanal M1 waren von besonderer Symbolik. Magyar ist ein Meister darin, sich selbst und seine Politik dergestalt zu inszenieren. Das Vorgehen nimmt in Kauf, dass die Demut und die Entschuldigung aufgesetzt und womöglich gar nicht aufrichtig wirken. Die Journalisten von M1 wären nicht die ersten, die sich nur strategisch, nicht aus Überzeugung, an die neuen Umstände anpassten.Wichtiger als der kurzfristige Effekt ist deshalb die langfristige Umsetzung der neuen Mediengesetzgebung. Die staatlich kontrollierten Sender müssen ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen. Ein Zeichen dafür, dass der Kanal M1 tatsächlich etwas Neues macht, wären höhere Einschaltquoten. Bekämen die Zuschauer aber den Eindruck, anstelle von Orban werde jetzt Magyar zur Lichtgestalt und der politische Gegner werde verteufelt, hätte die Reform ihr Ziel verfehlt.Passend zum Artikel