Das Ende von Orbans «Lügenfabrik»: Ungarns staatlicher Sender entschuldigt sich und setzt Nachrichten ausDer neue Regierungschef Peter Magyar reformiert die öffentlichrechtlichen Medien. Sie waren eine Bastion der Orban-Propaganda. Aber auch dessen restliches Medienimperium ist ins Wanken geraten.09.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer Bildschirm des öffentlichrechtlichen Senders M1 blieb am Dienstag über mehrere Stunden schwarz. Inzwischen hat er das Programm wieder aufgenommen, sendet aber vorläufig keine Nachrichten.Tibor Illyes / EPAEs ist 16 Uhr am Dienstag, als der Bildschirm schwarz wird und Ungarns staatlicher Kanal M1 nur noch eine schriftliche Nachricht einblendet. «Öffentlichrechtliche Medien dürfen nicht lügen. Es tut uns leid, dass wir das so lange getan haben», heisst es. Der Nachrichtendienst sei vorübergehend eingestellt. Zur gleichen Zeit schaltet die Website des Senders denselben Text auf. Das der Information gewidmete Kossuth-Radio wechselt auf das Programm des Klassik-Kanals.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In den sozialen Netzwerken teilten viele Ungarn ungläubig Fotos ihres Fernsehers oder Computerschirms. Der neue Regierungschef Peter Magyar schrieb auf seiner Facebook-Seite, es sei ein historischer Tag. «Sie haben nachts gelogen, sie haben tagsüber gelogen, sie haben auf allen Kanälen gelogen.» Damit sei nun Schluss. Exakt um 19 Uhr 56 nahm M1 zwar das Programm wieder auf – in symbolträchtiger Erinnerung an den ungarischen Volksaufstand 1956. Vorläufig werden aber nur ungarische Filmklassiker gezeigt.Ein zentrales Wahlversprechen MagyarsDas Ende der staatlichen Propaganda war eines der zentralen Wahlversprechen Magyars. Die Mediengruppe MTVA war unter seinem Vorgänger Viktor Orban tatsächlich zu einem einseitigen Sprachrohr der Regierung verkommen. Ihre Nachrichten waren selbst für dessen Sympathisanten unglaubwürdig. Laut dem aktuellen «Reuters Digital News Report» vertrauten ihnen nur 23 Prozent der Bevölkerung, halb so viele wie beim wichtigsten privaten Sender, dem ungarischen RTL.Obwohl der massgeblich aus Steuergeldern finanzierte Sender gesetzlich zur Neutralität verpflichtet ist, ignorierte er die Opposition in den letzten Jahren komplett. Auch Magyar kam nie zu Wort, nachdem er sich vor zwei Jahren zu deren Anführer und Orbans gefährlichstem Herausforderer aufgeschwungen hatte.Bereits am Montag nach der Wahl schwenkten die Sender zwar auf einen sachlichen Kurs um. Sie luden Magyar auch erstmals zu Interviews, die allerdings zum hitzigen Schlagabtausch gerieten. Der designierte Ministerpräsident sprach von einer «Lügenfabrik», die den Kriegswahn der Regierung Orban verbreitet und so die Bevölkerung verängstigt habe. Schon damals kündigte er an, die Nachrichten nach Amtsantritt aussetzen zu lassen.Am Dienstag ist der Schritt nun erfolgt, nachdem nur Stunden zuvor der neue interimistische Geschäftsführer Andras Horvath bei MTVA übernommen hatte. Der Anwalt war erst letzte Woche vom Parlament gewählt und mit der Umstrukturierung der Mediengruppe betraut worden. Er enthob sogleich mehrere Personen ihrer Funktion, unter ihnen den in den vergangenen Jahren oft als Orbans «Pitbull» bezeichneten Direktor von M1, Zsolt Nemeth. Dieser war laut den Aussagen von Mitarbeitern eine Schlüsselfigur, was die journalistische Linie angeht, dekretierte Themen, untersagte das Zitieren unabhängiger Medien und zensurierte Texte.Vor zwei Wochen hatte das Parlament eine Reform des Senders verabschiedet. Sie soll die öffentlichrechtlichen Medien «der ungarischen Bevölkerung zurückgeben», wie Kulturminister Zoltan Tarr erklärte. Neben der Umstrukturierung sieht sie die Schaffung eines Medienrats vor, der die Sendergruppe überwachen soll. Das Gremium setzt sich aus je drei von der Regierungsmehrheit und der Opposition nominierten Mitgliedern sowie drei von Berufsverbänden entsandten Experten zusammen. Magyar nannte als Vorbild jeweils die BBC.Massenentlassungen und Kürzungen bei Fidesz-MedienDass Orbans Partei Fidesz die Kontrolle über die Staatsmedien verlieren wird, war nach ihrem Wahldebakel klar. Bemerkenswert ist jedoch, wie schnell auch ihr restliches Medienimperium ins Wanken geriet. So kündigte der Chef des zweitgrössten Privatsenders, TV2, sogleich nach der Wahl eine Konsolidierung und Entlassungen an, weil nun die staatlichen Werbegelder versiegen würden. Auch die Hauptnachrichtensendung «Tenyek» wurde eingestellt. Sie hatte sich im Wahlkampf ausführlich mit Magyars Privatleben beschäftigt. Laut dem neuen Regierungschef verzeichnete TV2 trotz ähnlicher Quote wie RTL in letzter Zeit zehnmal so hohe Werbeeinnahmen von staatlicher Seite.Auch der Fidesz-nahe Konzern Mediaworks musste in den vergangenen Wochen Massenentlassungen und dramatische Kürzungen bekanntgeben. Er stellte das Boulevardblatt «Bors», mehrere Onlineportale sowie den Druck diverser Regionalzeitungen ein. Bei der traditionsreichen «Magyar Nemzet» muss die Hälfte der Belegschaft gehen. Die Zeitung war seit ihrer Gründung 1938 die Stimme des ungarischen Bürgertums, bis Mediaworks sie 2018 übernahm und zum Propagandablatt machte. Ab August wird sie als Wochenmagazin erscheinen.Orbans Medienmacht war über Jahre ein Teil seines Erfolgs. Die vielen regierungsnahen Publikationen hatten im Internet aber unabhängige Alternativen entstehen lassen, die inzwischen Millionen erreichen. Magyar nutzte sie und verfügte zudem über eine höchst erfolgreiche Social-Media-Strategie. Sie machte Orbans Vorteile bei den klassischen Medien wett. Nun zeigt sich, dass deren Geschäftsmodell ohne die staatlichen Gelder nicht funktioniert. Offenbar gibt es für die propagandistischen Inhalte am Markt zu wenig Nachfrage.Passend zum Artikel
Ungarns staatlicher Sender entschuldigt sich für die Lügen unter Orban und setzt Nachrichten aus
Der neue Regierungschef Peter Magyar reformiert die öffentlichrechtlichen Medien. Sie waren eine Bastion der Orban-Propaganda. Aber auch dessen restliches Medienimperium ist ins Wanken geraten.











