PfadnavigationHomePolitikDeutschlandHitze in Kliniken„Patienten bringen Handtücher mit, um in den Therapiestühlen den Schweiß aufzusaugen“Stand: 16:01 UhrLesedauer: 6 MinutenQuelle: Getty Images/boonchai wedmakawandMaximaltemperaturen bis 38 Grad: In der heißesten Woche des Jahres litten viele Patienten in Krankenhäusern ohne Klimaanlage. WELT fragt Deutschlands Universitätskliniken nach ihren Erfahrungen. Und die Politik leistet einen Offenbarungseid.Die bisher heißeste Woche des Jahres ist vorbei. Und die Bilanz kann sich sehen lassen. WELT sprach mit zahlreichen Ärzten, Pflegern, Rettungsassistenten und Patienten. Alle wollen nur anonym auftreten. „Bei uns gibt es Klimaanlagen maximal in der Notaufnahme, im OP und auf der Intensivstation“, sagt ein Mann, der im Rettungsdienst in Nordrhein-Westfalen arbeitet. „Am Samstag ist die Klimaanlage in der Notaufnahme ausgefallen. Mehrere Leute sind kollabiert.“ Eine Person, die in einem Pflegeheim in Hamburg arbeitet, sagt: „Die Bewohner sind der Hitze schutzlos ausgeliefert. Die Notlösung sind oft nur Ventilatoren.“ Ein Arzt aus einem Medizinischen Versorgungszentrum nahe der belgischen Grenze sagt: „Wir haben etwa 90 Patientenkontakte am Tag. Es gibt keine Klimaanlage. Patienten bringen Handtücher mit, um in den Therapiestühlen den Schweiß aufzusaugen. Das sind schwer kranke Menschen. Zwei sind vergangenen Sonntag kollabiert. Es ist nicht die Hitze, nein, die fehlende Kühlung, die Patienten und Personal an den Rand ihrer Kapazitäten bringt.“Lesen Sie auchWELT hat dazu allen 37 Unikliniken in Deutschland die gleichen Fragen gestellt: Wie viele und welche Stationen in dem betreffenden Krankenhaus sind mit einer Klimaanlage ausgestattet? Wie viele und welche sind es nicht? Welche Maximaltemperaturen werden derzeit auf den Stationen gemessen? Und welche Maßnahmen werden aktuell ergriffen, um Patientinnen, Patienten und Personal vor Hitze zu schützen?Anders als von Privatunternehmen geführte Krankenhäuser müssen Unikliniken, die meist als Anstalt des öffentlichen Rechts oder Körperschaft des öffentlichen Rechts firmieren, der Presse Auskunft geben.Lesen Sie auchDie Antworten fallen dennoch qualitativ stark unterschiedlich aus. Gemessene Maximaltemperaturen geben nur sechs Kliniken an. Erlangen: 38,3 Grad – Münster: 35 – Aachen: 32,5 – Würzburg: 32 – Tübingen: über 30 – Greifswald: 28.Lesen Sie auchDie meisten Kliniken antworten vage bis nichtssagend. Aus Oldenburg heißt es: „Die Raumtemperaturen auf den Stationen werden nicht flächendeckend erfasst. Daher können wir keine belastbaren Angaben zu aktuell maximalen Temperaturen machen.“ Das Uniklinikum Dresden antwortet: „Aufgrund der unterschiedlichen Bauweisen, Altersklassen und Nutzungen der Gebäude auf unserem Campus lässt sich kein einheitlicher Maximalwert beziffern.“ Die Charité Berlin teilt mit, dass nur zehn Prozent der Patientenzimmer klimatisiert seien.Es geht nicht darum, Universitätskliniken als solche schlecht dastehen zu lassen. Es sind staatliches Versagen und Nichthandeln, die Pfleger, Ärzte, Verwaltung und Patienten täglich erleben müssen. Berechtigte Wut sollte sich nicht gegen die Kliniken richten. Das ist wie bei der Deutschen Bahn, wo der Vorstand sich wohl klimatisiert nach dem Rausschmiss über die Abfindungssumme freut, während Zugbegleiter und Bordbistro-Mitarbeiter beleidigt und angegriffen werden. Die Pressestelle der Charité bringt es auf den Punkt. „Die geringen Investitionsmittel des Landes Berlin haben es in den letzten Jahren nicht möglich gemacht, entsprechende Strukturen nachzurüsten.“Lesen Sie auchDennoch, wenn größtenteils auf konkrete Fragen nur Textbausteine mit wohlklingenden, aber konsequenzlosen Schlagwörtern wie „Hitzeschutzplan“, „Patientenwohl“, „Evaluierung“ und „Heatmaps“ geantwortet wird, hilft es keinem.Die Antworten, dass Temperaturen nicht erfasst würden, werfen auch arbeitsrechtliche Fragen auf. Sarah Fliesgen, Referentin für Nachhaltigkeit und Klimaschutz beim Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe, sagt WELT: „Nach den Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR A3.5) müssen spätestens ab einer Raumtemperatur von 30 Grad Celsius wirksame Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Ab 35 Grad Celsius gilt ein Arbeitsraum ohne geeignete Schutzmaßnahmen grundsätzlich als nicht mehr geeignet.“ Fliesgen sagt weiter: „Die bestehenden Regelungen sind daher grundsätzlich ausreichend. Das eigentliche Problem liegt in ihrer praktischen Umsetzbarkeit. Viele Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen wurden zu einer Zeit gebaut, in der lang anhaltende Hitzeperioden in diesem Ausmaß nicht erwartet wurden.“Lesen Sie auchDas stimmt natürlich einerseits. Andererseits: Neu ist die Sache mit dem Klimawandel nicht. WELT schickt dazu auch dem Bundesgesundheitsministerium von Nina Warken (CDU) zwei Fragen. Zwar kommt recht schnell eine E-Mail von einer Pressereferentin. Aber anstatt auf die Fragen zu antworten, schickt diese einen 518 Wörter langen Besinnungsaufsatz. Und schon der erste Satz zeigt die geistige Flughöhe der Antwort. „Der Schutz der Gesundheit vor Hitze ist für die Bundesregierung ein wichtiges Anliegen“, heißt es da in bestem Ministeriumsdeutsch, das auch schon vor der Verwendung von KI teflonbeschichtet nichtssagend klang. Es wird auf die schöne Website „Hitzeservice.de“ verwiesen, ein „Projekt“, das von 2023 bis 2026 mit 711.000 Euro gefördert wurde. Immerhin. Es ist von Krisenmanagement-Übungen zum Thema „Hitzewellen und Dürre“ die Rede. Von einem Transformationsfonds von 29 Milliarden Euro, „um die Krankenhauslandschaft nachhaltig weiterzuentwickeln“. Im Sound ist es das, was man aus einem klimatisierten Ministeriumsbüro erwartet: kühl und unangreifbar.Eine Anfrage bei den gesundheits- beziehungsweise krankenhauspolitischen Sprechern der im Bundestag vertretenen Parteien ist da aufschlussreicher. Als Erster antwortet Martin Sichert, Abgeordneter der AfD. „Die Milliarden, die Deutschland für sogenanntes ‚Green Cooling‘, also Kälte- und Klimatechnik im Ausland, ausgibt, werden wir in den Einbau von Klimaanlagen in deutschen Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen investieren.“ Kühle Getränke in Krankenhäusern findet er nicht so gut. „Es ist eh gesünder, Getränke bei Zimmertemperatur zu konsumieren, das gilt insbesondere bei heißen Temperaturen“, sagt Sichert.Stella Merendino von der Linkspartei, die ausgebildete Krankenpflegerin ist und in Berlin als Rettungssanitäterin und Pflegerin in Krankenhäusern gearbeitet hat, antwortet: „Ich halte verbindliche Hitzeschutzstandards für Krankenhäuser für notwendig. Deutschland verfügt inzwischen zwar über einen Muster-Hitzeschutzplan des Bundesgesundheitsministeriums, dieser ist jedoch weitgehend unverbindlich.“ Sie findet: „Hitzeschutz ist keine Komfortfrage. Er ist Teil der Patient*innensicherheit, des Arbeitsschutzes und einer resilienten Gesundheitsversorgung. Uns erreichen Berichte von Herzstationen, auf denen Raumtemperaturen von 34 Grad gemessen werden. Für herzkranke Menschen bedeutet das eine zusätzliche körperliche Belastung, ausgerechnet in einer Umgebung, die ihrer Genesung dienen soll.“Armin Grau, Mediziner und Professor für Neurologie, seit 2021 Bundestagsabgeordneter der Grünen, antwortet mit dem Konzept der „Green Hospitals“. „Damit sollen Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Gesundheitszentren bei Maßnahmen wie Verschattung, Begrünung, moderner Lüftungstechnik, energieeffizienter Kühlung und energetischer Sanierung unterstützt werden.“Christos Pantazis, studierter Arzt und SPD-Bundestagsabgeordneter, antwortet eher allgemeingültig und spricht von „Hitzeschutzplänen“ und „vulnerablen Gruppen“. Aus dem Büro von Simone Borchardt (CDU), der gesundheitspolitischen Sprecherin der Union, heißt es: „Bedauerlicherweise ist es uns aufgrund der derzeit sehr hohen Auslastung im Zuge der laufenden Beratungen zum GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz nicht möglich, Ihre Fragen zu beantworten.“ Das ist wirklich bedauerlich. Aber keine Antwort ist auch eine Antwort.Und um es mit den Worten des Bundeskanzlers zur ausgeschiedenen Nationalmannschaft zu sagen: „Was für ein Spiel!“ und „Wir sind stolz auf euch“.Frédéric Schwilden ist Autor im Politik-Ressort. Er interviewt und besucht Dorf-Bürgermeister, Gewerkschafter, Transfrauen, Techno-DJs, Erotik-Models und Politiker. Er geht auf Parteitage, Start-up-Konferenzen und Oldtimer-Treffen. Seine Romane „Toxic Man“ und „Gute Menschen“ sind im Piper-Verlag erschienen.
„Patienten bringen Handtücher mit, um in den Therapiestühlen den Schweiß aufzusaugen“ - WELT
Maximaltemperaturen bis 38 Grad: In der heißesten Woche des Jahres litten viele Patienten in Krankenhäusern ohne Klimaanlage. WELT fragt Deutschlands Universitätskliniken nach ihren Erfahrungen. Und die Politik leistet einen Offenbarungseid.







